Archivbestand der Hochschule für Kirchenmusik Esslingen und Nachlass von Hans Arnold Metzger erschlossen
Die Geschichte der Esslinger Ausbildungsstätte für Kantoren und Kantorinnen ist zwar bekannt. Die Erschließung des Archivbestands der Esslinger Hochschule im Evangelischen Archiv in Baden und Württemberg in Stuttgart-Möhringen hat sich dennoch als überaus lohnend erwiesen. Die Überlieferung ist sehr dicht, wodurch nicht nur die großen Linien der Entwicklung des Instituts, sondern auch die Veränderung des Alltags einer kirchenmusikalischen Ausbildungsstätte mit stetig wachsenden Anforderungen an Studierende und Lehrende bestens dokumentiert sind.
Unter einfachsten Verhältnissen nahm die Kirchenmusikschule Esslingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg am 5. November 1945 ihren Betrieb auf. In den ersten Jahren war sie in den Räumen des Evangelischen Gemeindehauses am Blarerplatz sowie in Sakristeien verschiedener Kirchen untergebracht. Die Schule wurde maßgeblich von ihrem Gründer und ersten Direktor Hans Arnold Metzger geprägt. Außer Metzger waren sämtliche Lehrkräfte nebenberuflich tätig, entweder zusätzlich zu ihrer Tätigkeit als Kirchenmusiker oder als Ergänzung zu einer anderweitigen Lehr- oder Unterrichtstätigkeit, beispielsweise an der Hochschule für Darstellende Kunst und Musik, an der Metzger selbst als Orgellehrer tätig war. 1958 zog die Schule in das Gebäude Mülberger Straße 17 (später umbenannt in 37) um. 1970 wurde der Komplex um die Neue Aula, das Wohnheim, die Direktoren- und die Mitarbeiterwohnung erweitert. Nach dem plötzlichen Tod von Hans Arnold Metzger im April 1977 folgte ihm Werner Schrade als Direktor nach. Die Zeit seines Wirkens ist durch eine weitere Professionalisierung des Lehrbetriebs geprägt, die 1988 die Erhebung der Kirchenmusikschule zur Hochschule für Kirchenmusik zur Folge hatte. Sein Nachfolger war Gero Soergel, unter dessen Leitung das Lehrangebot verbreitert und in den künstlerischen und wissenschaftlichen Fächern vertieft werden konnte. Mit dem Umzug nach Tübingen und dem damit verbundenen Ende der „Ära Soergel” endet gleichzeitig die archivische Überlieferung des Bestands.
Der Bestand wurde von Martin Frieß, Dipl Archivar (FH) und Dipl. Kirchenmusiker (B), der in Esslingen studiert hat, erschlossen. Bereits über die ersten Jahre des Aufbaus der Kirchenmusikschule sind wir gut unterrichtet. Über das erste Jahrzehnt der Kirchenmusikschule geben zudem zwei handschriftlich verfasste Tagebücher maßgeblich Auskunft. Darin werden die wichtigsten Ereignisse chronologisch aufgezählt. Von Anfang wurden die Studierenden für A- und B- Prüfungen, bis 1983 auch für C-Prüfungen vorbereitet.
Einen Schwerpunkt des Bestandes bilden die zahlreichen kirchenmusikalischen Veranstaltungen und Konzerte, die häufig im Zusammenhang mit Prüfungen von Studierenden stehen. Herausragend sind hierbei die Konzerte des Chors, insbesondere die ab 1951 jährlich stattfindenden Singfahrten. Die Konzertreisen führten immer wieder auch ins Ausland, beispielsweise nach Österreich, Dänemark, Schweden oder Belgien. In diesem Zusammenhang finden auch die zahlreichen Rundfunkaufnahmen des Chors und seine Auftritte bei besonderen Ereignissen, wie der Einsetzung von Bischöfen oder der Trauerfeier für Bundespräsident Theodor Heuß, ihren Niederschlag. Der Chor hat immer wieder kirchenmusikalische Werke uraufgeführt, beispielsweise von Günter Berger, Helmut Degen oder Gerhard Kaufmann. Die Kirchenmusikschule bzw. die Hochschule für Kirchenmusik stand stets mit Komponisten wie Peter Benary, Helmut Bornefeld, Johann Nepomuk David, Rolf Hempel, Rudolf Petzold, Gerhard Steiff, Gerd Witte und Georg Wötzer in Verbindung.
Stets waren profilierte Künstler mit ausgedehnten praktischen Berufserfahrungen als Lehrbeauftragte an der Ausbildungsstätte engagiert; häufig waren es Kirchenmusiker, die an den großen Stellen in Württemberg tätig waren. Darüber hinaus entreißt der Bestand weitere Interessante Aspekte dem Vergessen, wie zum Beispiel die Unterstützung der kirchenmusikalischen Arbeit in der DDR durch Notenspenden und Zeitschriftenversand, die Tatsachen, dass die Stadt Esslingen acht Jahre lang ein Stipendium für Studierende der Kirchenmusikschule eingerichtet hatte oder dass die Landeskirche bereits in den 1960er Jahren Studierende aus anderen Ländern mit Stipendien förderte.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die Überlieferung das Bestreben um ausreichend finanzielle Mittel, sei es für den Lehrbetrieb, sei es für bauliche Erweiterungen oder Verbesserungen oder für eine bessere Honorierung der Lehrbeauftragten, ebenso der Kampf für das Fortbestehen der Hochschule in den 1990er Jahren. Des Weiteren wird der Alltag sowohl der Studierenden als auch der Lehrenden deutlich. Dazu gehören auch die Gestaltung von Semesterfesten oder Weihnachtsfeiern mit zahlreichen humoristischen Einlagen.
Das Findmittel zu dem Bestand (C 19) kann hier online recherchiert werden.
Martin Frieß erschloss auch den Nachlass von KMD Professor Hans Arnold Metzger, dem Gründer und langjährigen Leiter der Kirchenmusikschule Esslingen. Er umfasst unter anderem Unterlagen zu Metzgers Lehrtätigkeit an der Kirchenmusikschule, zu seiner Tätigkeit als Herausgeber und Komponist sowie zu seiner Tätigkeit als Organisator von Veranstaltungen und enthält zudem persönliche Dokumente.
Hervorzuheben sind Metzgers ausgedehnte Vortragstätigkeit, seine kirchenmusikalisch-musikwissenschaftlichen Publikationen sowie seine Tätigkeit als Herausgeber von Chor- und Orgelwerken, insbesondere im Bereich der Alten Musik. Ebenso gut dokumentiert sind sein Wirken als Herausgeber des Choralbuchs zum Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG) in Württemberg, für das er zahlreiche Orgelbegleitsätze komponierte, sowie seine Tätigkeit als Organisator von Veranstaltungen. So oblag ihm beispielsweise die Leitung des Musikausschusses zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart im Jahr 1952 und er arbeitete intensiv im Ausschuss zur Vorbereitung des 13. Heinrich-Schütz-Festes im Jahr 1960 in Stuttgart mit. Der Bestand enthält zudem unveröffentlichte Kanons und Motetten von Hans Arnold Metzger. Insgesamt vermittelt der Bestand ein umfassendes Bild von dem vielseitigen Wirken dieser Musikerpersönlichkeit, die nicht nur für die Kirchenmusikschule Esslingen, sondern auch für die Kirchenmusik in Württemberg prägend war.
Der Nachlass enthält die Korrespondenz mit den folgenden Kirchenmusikern bzw. Komponisten: Helmut Bornefeld, Hans Grischkat, Diethard Hellmann, Herbert Liedecke, Helmuth Rilling, Fritz Werner und Gerhard Wilhelm. Darüber hinaus enthält er Korrespondenz mit dem Theologen und Bach-Forscher Friedrich Smend, dem Orgelsachverständigen Walter Supper und dem Musikverleger Karl Vötterle.
Das Findmittel zu dem Bestand (D 209) kann hier online recherchiert werden.
Beitragsbild: Gebäude der Kirchenmusikschule in der Mülberger Straße in Esslingen 1965. EABW_C19_Nr.205






