Die Sonntage vor Ostern und das Jägerlatein

30. März 2022 | | ,

In der Musealen Sammlung befindet sich ein auf den ersten Blick sehr rätselhaftes Bild mit vielen langschnäbeligen Vögeln. Die kolorierte Lithografie von 1840 ist überschrieben mit „Oculi, da kommen Sie!“ – ein Hinweis darauf, dass in den vier dargestellten Szenen die letzten Sonntage vor Ostern thematisiert werden: Okuli, Lätare, Judika, Palmorum (Palmsonntag).

Aber weshalb diese Vögel?

Das Bild zielt weniger darauf ab, das Kirchenjahr zu veranschaulichen, vielmehr stammt die Darstellung aus dem Bereich der Jagd, und bei den langschnäbeligen Vögeln handelt es sich um Waldschnepfen. In der Waidmannssprache bezeichnet man die Sonntage um Ostern als „Schnepfensonntage“, die nach einem volkstümlichen Reim die Ankunft der Schnepfen auf dem Frühjahrszug und den Verlauf des „Schnepfenstrichs“ bestimmen sollen. Der „Schnepfenstrich“ ist in der Jägersprache der Balzflug der Waldschnepfe im März/April, der für die Jagd günstig ist. Die Jäger hatten es dabei hauptsächlich auf die männlichen Tiere abgesehen, da diese für die Aufzucht der Jungen nicht nötig sind. Mit ihrem lauten Balzruf sind die Männchen leicht auszumachen, die Weibchen hingegen fliegen stumm. Da die kalendarische Lage der sogenannten Schnepfensonntage abhängig ist von Ostern, liefert der Reim keinen wirklichen Hinweis für den Schnepfenzug. Dieser ist vielmehr vom Witterungsverlauf abhängig.

Der Reim in Langform lautet:

Invocavit – nimm den Hund mit

Reminiscere – putzt die Gewehre

Okuli – da kommen sie

Lätare – das sind die Wahren

Judica – sind sie auch noch da

Palmarum – tralarum

Osterzeit – wenig Beut

Quasimodogeniti – Hahn in Ruh, nun brüten sie

 

Die Waldschnepfe wurde im Jahr 2002 auf die Vorwarnliste der Roten Liste aufgrund der negativen Bestandsentwicklung genommen, so dass viele Jäger auf den Abschuss dieser bedrohten Tierart mittlerweile verzichten.

Hier die lateinischen Bezeichnungen der Sonntage in der Passionszeit mit ihren biblischen Bezügen:

  1. Invocavit: „Er ruft mich an“ (Ps 91,15)
  2. Reminiscere: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!“ (Ps 25,6)
  3. Oculi: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“ (Ps 25,15)
  4. Laetare (Freudensonntag): „Freu’ dich, Jerusalem“ (Jes 66,10)
  5. Judika: „Gott, schaffe mir Recht.“ (Ps 43,1)
  6. Palmarum (Palmsonntag, Beginn der Karwoche): Der Name geht auf die grünen Palmzweige zurück, mit denen die Menschen Jesus beim Einzug in Jerusalem begrüßt haben. (Johannes 12,12 und 13)

Dazu siehe auch: https://www.evangelisches-gemeindeblatt.de/lebenshilfe/wissenswertes-rund-um-das-kirchenjahr/detailansicht/okuli-der-dritte-sonntag-in-der-passionszeit-364/

 

Friedenstransparente aus der Zeit des Kalten Krieges

25. März 2022 | |

In den Städten gehen aktuell viele Menschen auf die Straße, um gegen den Krieg in der Ukraine zu demonstrieren und ein Zeichen für den Frieden zu setzen.

In der Musealen Sammlung befinden sich einige Objekte, die einem 40 Jahre zurückliegenden Ost-West-Konflikt entstammen, aus der Zeit des Kalten Krieges. Auch wenn die Rahmenbedingung heute andere sind als damals, lohnt sich ein Blick in die Geschichte:

Die Angst vor einem Atomkrieg führte Anfang der 80er Jahre in vielen westlichen Staaten zur Entstehung einer breiten friedenspolitische Protestbewegung.

Als Antwort auf die Stationierung der neuen sowjetischen SS 20-Atomraketen, sah der NATO-Doppelbeschluss im Dezember 1979 die Stationierung von amerikanischen atomar bestückten Mittelstreckenraketen in Westeuropa vor. Viele sahen darin einen Rüstungswettlauf der Supermächte, der jedes vernünftige Maß überschritten habe.

Überall taten sich Menschen zusammen, um das Wettrüsten zu stoppen und für atomare Abrüstung einzutreten. Kirchliche Gruppen waren von Anfang an dabei: Eine der ersten großen Friedensdemonstrationen fand anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages im Juni 1981 in Hamburg statt. Auch bei den „Ostermärschen“ wurden in dieser Zeit hunderttausende Friedensbewegte in zahlreichen Städten und Regionen Westdeutschlands mobilisiert. Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1983 in Hannover waren es wieder Hunderttausende. Auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung demonstrierten am 22. Oktober 1983 in Bonn, Berlin, Hamburg insgesamt 1,3 Millionen Menschen, einschließlich der zwischen Stuttgart und Ulm aufgestellten durchgehenden Menschenkette.

Die Mittel des Protestes waren gewaltfreie Aktionen, wie „Fasten für den Frieden“ oder Sitzblockaden vor Atomstandorten und Raketenabwehrstellungen. Bis heute legendär sind die Proteste und Blockaden des Pershing-II-Depots auf der Mutlanger Heide. In der kleinen Ortschaft auf der Schwäbischen Alb gab es jahrelang Friedensaktionen – eine Gruppe von Aktivisten wollte Mutlangen erst wieder verlassen, wenn die Atomwaffen entfernt seien.

Ungeachtet dieser Massenbewegung, billigte im November 1983 der Bundestag die Aufstellung von 108 Pershing II und 96 Cruise-Missiles.

Beitragsbild:

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Friedenstransparent 1980er Jahre

Das Transparent wurde dem Ephorus des Evangelischen Stifts in Tübingen zu seinem Ruhestand von Theologiestudenten überreicht. In Erinnerung an die Proteste in den frühen 1980er Jahren, als “Stiftler gegen Atomwaffen” ein ähnliches Transparent über dem Eingang des Stifts aufgehängt und das Haus damit zur Atomwaffenfreien Zone erklärt hatten. Obwohl Ephorus Hertel damals nicht begeistert war, er andere Protestformen besser gefunden hätte, und vom Evangelischen Oberkirchenrat massiv Kritik kam, ließ er das Transparent hängen. Zum Abschied 1987 bedankten sich die Studenten mit einer dem Original ähnlichen Nachfertigung des Transparents. Das Original von 1983 war nicht mehr vorhanden. Ein Foto davon befindet sich im Stiftsarchiv unter der Signatur: AEvST C1, Nr. 20.

Literatur: Johannes Grützmacher, Das Archiv des Evangelischen Stifts in Tübingen. Das Erschließungsprojekt “Stiftsarchiv”. In: BWKG 112. Jahrgang, 2012, S. 347-378, S. 375ff.

 

Friedensdemonstrationen und -aktionen

Folgende Objekte stammen von Friedensgruppen verschiedener evangelischer Kirchengemeinden.

 

Youtube-Kanal des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart

24. März 2022 | | , ,

Das Landeskirchliche Archiv verfügt inzwischen über die Möglichkeit bewegte Bilder auf einem eigenen Youtube-Kanal zu veröffentlichen. Bislang sind noch nicht viele Inhalte hinterlegt, aber es soll mehr folgen. Wir haben bereits einige Ideen. Denkbar sind Einführungen in Bestände, virtuelle Führungen, Dokumentation von Vorträgen und anderen Veranstaltungen, Veröffentlichung von historischem Filmmaterial aus unseren archivischen Beständen.

 

Pferde im Sitzungsprotokoll des Konsistoriums

16. März 2022 | |

Wer kennt das nicht? Man sitzt in einer Vorlesung, in einem Vortrag oder einer Besprechung und die Zeit will einfach nicht vergehen. Der Vortrag, dem man mehr oder weniger folgt, ist zäh wie Kaugummi und man fängt an, auf dem Notizblock mehr oder weniger kreative Zeichnungen hinzukritzeln.

Ob es dem Protokollanten in der Sitzung des Konsistoriums am 9. Februar 1813 auch so erging? Wir wissen es nicht, aber die Vermutung liegt nahe. Aufgrund der unleserlichen Schrift ist es leider schwierig, herauszufinden, was in besagter Sitzung besprochen wurde. Auf jeden Fall hat der Protokollant zwei Zeichnungen hinterlassen. Während in der ersten klar ein rückwärts blickender Reiter mit Hut und Peitsche auf einem Pferd zu erkennen ist, hat die zweite Zeichnungen wohl unter der Dauer der Sitzung gelitten: ein Reiter auf einem Pferd ist gerade noch zu erkennen.

Das Konsistorium war im Königreich Württemberg eine für die Verwaltung der kirchlichen Angelegenheiten zuständige Abteilung innerhalb des Kultministeriums.

Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, A 3, Nr. 77, S. 195-199, Zeichnungen auf S. 197 und 199.

Zum 120. Geburtstag von Rudolf Yelin d. J.

7. März 2022 | | ,

Rund 130 Kirchen hat der Stuttgarter Glasmaler Rudolf Yelin d. J. (1902-1991) in den 65 Jahren seines künstlerischen Wirkens ausgestattet. Seine eindrucksvollen leuchtend bunten Glasfenster sind in unzähligen Kirchen heute noch präsent. Zu seinem 120. Geburtstag wollen wir mit einem noch kaum beachteten Bestand an Originalskizzen für Kirchenfenster, Wandbehänge und Wandmalereien an ihn erinnern.

Rein zufällig, als verstaubter, leicht angegriffener Restbestand einer Auktion, kamen Ende der 1990er Jahre rund 160 großformatige Entwürfe von Rudolf Yelin d. J. in die Museale Sammlung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Zeichnungen mit biblischen Szenen, Figuren und Symbolen sind Vorarbeiten für Kirchenfenster und Wandgestaltungen in Althütte, Beilstein, Birkenfeld, Ebhausen, Ebingen, Ernsbach, Gablenberg, Göppingen, Heilbronn, Mössingen, Honau, Ilsfeld, Oberndorf, Ohmenhausen, Rheinfelden, Schanbach, Sulzbach, Stuttgart, Trossingen, Ulm und Waiblingen im Zeitraum von 1927 und 1966. Da die Planzeichnungen fast ausschließlich im Maßstab 1:1 ausgeführt sind, gestaltete sich die Erfassung und Dokumentation recht schwierig. Die teilweise bis zu 7 m langen Papierbahnen werden im Landeskirchlichen Archiv nun aus Platzgründen in gerollten Zustand aufbewahrt.

Rudolf Yelin kam aus einer Pfarrer- und Künstlerfamilie. Er war der Sohn des Glasmalers Rudolf Yelin der Ältere (1864–1940) und der Bruder des Bildhauers Ernst Yelin (1900–1991). Nach seiner Ausbildung – zunächst an der Kunstgewerbeschule, dann bei der Glasmalerei Saile und schließlich an der Stuttgarter Kunstakademie – war er seit 1926 als selbständiger Kirchenmaler tätig. Nach dem Krieg lehrte er 24 Jahre lang, von 1946-1970, an der Stuttgarter Kunstakademie Glasmalerei. Zeit seines Lebens stand die sakrale Kunst im Mittelpunkt seines Schaffens.

Die ersten drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg markieren die wichtigste Epoche von Rudolf Yelins Werk. Der Wiederaufbau machte große umfassende Renovierungen und Kirchenneubauten notwendig. Bis Anfang der 1980er Jahre bestimmte Yelin, gemeinsam mit den künstlerischen Kollegen Adolf Valentin Saile und Wolf-Dieter Kohler maßgeblich die Fenstergestaltung für die evangelischen Kirchen in Württemberg und darüber hinaus.

Mit seinen theologisch ausgerichteten Bildprogrammen verstand sich Yelin in der Tradition der „christlichen Kunst“. Seine elementarisierten Figuren stehen in der Nachfolge des Expressionismus. Doch gerade dieser vornehmlich figurative künstlerische Ansatz lässt sein Werk heutzutage außerhalb des Mainstreams moderner Kunst erscheinen. Obwohl seine Glasfenster, Wandbilder und Altarwände heute noch die Räume von über hundert Kirchen zieren, ist Rudolf Yelin d. J. als Künstler im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit kaum mehr präsent.

Erfreulicherweise hat die Kunsthistorikerin Christa Birkenmaier im Jahr 2019 dem entgegengewirkt. In einer ansehnlichen, reich bebilderten Publikation hat sie das Leben und Werk dieses Künstlers nachgezeichnet, die großen künstlerischen und theologischen Entwicklungslinien herausgearbeitet und an ausgewählten Kirchen beschrieben. Ausführlich setzt sie sich mit seinen verschiedenen künstlerischen Lebensphasen auseinander, ordnet sein Schaffen innerhalb der christlichen Kunst ein, und spart auch nicht seine in der NS-Zeit entstandenen, vielfach sehr angepassten, Werke aus, von denen er sich in der Nachkriegszeit distanzierte. Weitere Autorinnen und Autoren komplettieren die Publikation mit begleitenden Texten und einem ergänzenden Bildteil, in dem alle verfügbaren baugebundenen sakralen Werke aufgeführt werden. Als großen Bonus enthält das Buch eine sehr hilfreiche „Yelin-Motiv-Quickfinder-Tabelle“, in der die einzelnen biblischen Motive, die mehrfach in Yelins Arbeiten auftauchen, einzelnen Kirchen und ihrem Entstehungsjahr zugeordnet werden – auch von Arbeiten, die, aufgrund von Zerstörung oder Renovierung inzwischen nicht mehr vorhanden sind. Durch diese Auflistung konnten mittlerweile auch manche der in der Musealen Sammlung aufbewahrten Planzeichnungen datiert oder auch nicht genau bezeichnete Motive einzelnen Kirchen zugeordnet werden.

LITERATUR:

Christa Birkenmaier (Hg.), Rudolf Yelin d. J. 1902-1991. Leben und Werk. Petersberg 2019

Landeskirchliche Zentralbibliothek: AQ 16 1050