Artikel in Genealogie

Ein mutiger und fortschrittlicher Pfarrer ergreift 1801 die Initiative und impft die Dorfbewohner gegen die Pocken

6. April 2020 | | , ,

Gelegentlich finden sich in Kirchenbüchern sogenannte Memorabilien, also Notizen erinnerungswürdiger Ereignisse. Die hier vorgestellte wurde von Pfarrer Christian Friedrich Wolff (1761-1829), der die Pfarrstelle Belsenberg im Dekanat Künzelsau von 1800 bis 1823 innehatte, verfasst. Um eine drohende Pockenepidemie in seiner Pfarrgemeinde einzudämmen, testete er das damals noch ganz neue Impfverfahren mit Kuhpocken zunächst in seiner eigenen Familie. Als dies gut gelang impfte er weitere Bewohner Belsenbergs und seiner Filialen, sowie auch in Hermutshausen gegen die lebensgefährliche, ansteckende Krankheit. Vermutlich hat er damit nicht wenige Menschenleben gerettet. Ein mutiger und fortschrittlicher Mann.

Bei seinen Zwillingen handelt es sich um sein 5. und 6. Kind aus seiner Ehe mit der Pfarrerstochter Rosina Magdalena Sophia geb. Fürer. Die beiden Kinder Eleonora Dorothea Magdalena und Christian Karl waren am 21. Februar 1800 noch in Bächlingen, seiner vorherigen Pfarrstelle, geborenen und getauft worden.

An „Blattern“ (Pocken), dieser Jahrtausende alten Krankheit, starben bis zum Ende des 18. Jhdts. noch bis zu 10 % aller Kleinkinder. Ab dem 18. Jhdt. häuften sich die Pockenfälle und lösten die Pest als schlimmste Krankheit ab. Nach Schätzungen starben jedes Jahr bis zu 400.000 Menschen. Die letzte bekannte Pockenerkrankung in Deutschland ist für das Jahr 1972 belegt. Durch gezielte und konsequente Impfpolitik konnte die Welt im Jahr 1980 jedoch für pockenfrei erklärt werden.

Transkription des Eintrags:

Merkwürdigkeiten
Welche sich in der Pfarrei zugetragen.
Im Sommer 1801 fiengen die gewöhnlichen Blattern in der Pfarrei an,
um sich reisen zu wollen. Aber ihren Verheerungen wurde dadurch
bald Einhalt gethan, daß sich viele Eltern, nachdem ich ihnen bei
meinen Zwillingskindern mit meinem Beispiel vorangegangen
war, entschlosen, ihren Kindern die Kuhpocken einimpfen zu lassen.
Die Zahl der Vaccinirten [= Geimpften] war in Belsenberg, Siegel- und Rodachshof
zusammen 45 und in Hermuthausen 8. Auch bewährte sich die Heilsam-
keit dieser neuen Erfindung dadurch genug, daß kein einziges der
Vaccinirten von denen angesteckt wurde, welche die gewöhnlichen Blat-
tern hatten, ob sie gleich viel mit diesen umgiengen und sogar eines
darunter bei einem der Letzteren schlief.

Aus: Mischbuch 1788-1808 von Belsenberg (Dekanat Künzelsau). Direktlink zur Kirchenbuchseite bei Archion: hier klicken.

5 Jahre Archion

30. März 2020 | | ,

Die Entwicklung von Archion seit dem Start im März 2015 kann sich durchaus sehen lassen. Inzwischen sind 22 Landeskirchen mit dabei und etwa 100.000 Kirchenbücher online. Durch die Digitalisierung der Kirchenbücher und ihre Präsentation im Internet hat sich die Nutzung dieser relevanten und stark genutzten Quelle erheblich erleichtert. Die württembergische Landeskirche war ja auch von Anfang an am Start und hat an das Projekt geglaubt.  Archion nimmt den Jubel zur halben Dekade seiner Existenz auch zum Anlass für eine Rabattaktion, für alle, die die Möglichkeiten der Kirchenbuchdatenbank kennenlernen wollen. Näheres zur Rabattaktion erfahren Sie hier.

Das Kirchenbuchportal Archion auf dem Genealogentag in Gotha

20. September 2019 | |

Auf dem Genealogentag in Gotha wurde über die Zukunft der Genealogie diskutiert. Von dieser Entwicklung sind auch die Landeskirchlichen Archive betroffen, da diese mit den Kirchenbüchern über die wichtigste genealogische Quelle verfügen. Die evangelischen Landeskirchen haben sich, um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, zu dem Kirchenbuchportal Archion zusammengeschlossen, wo die Kirchenbücher digital im Internet einsehbar sind. Archion war mit seinem Geschäftsführer Harald Müller-Baur und seinen Mitarbeiterinnen Lena Kremp und Judith Sutter auf dem Genealogentag vertreten. Eine weitere, besonders in den USA beliebte neue Technik der Genealogie sind die DNA-Analysen, die auch auf dem Kongress vorgestellt wurden. Folgendes Zitat einer Teilnehmerin hat uns besonders gefallen: “Ahnenforschung ist wie Kartoffelchips essen. Man kann einfach irgendwann nicht mehr aufhören. Und je besser die Technik ist und je mehr unterschiedliche Werkzeuge wir haben, desto mehr Spaß macht es.”

Screenshot aus MDR Fernsehbeitrag

Ein bemerkenswertes Militärkirchenbuch aus Crailsheim

28. Mai 2019 | | ,

Taufeintrag vom 7. September 1800 mit umfangreichen Angaben zu den Eltern – der Vater ist aus der Garnison Erlangen (so schön geschrieben sind leider nur wenige der Einträge).

Unter den Archivalien des Dekanatamtes Crailsheim, die sich im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart befinden, befindet sich ein Militärkirchenbuch (Nr. 79), das einige Besonderheiten aufweist.

Das Kirchenbuch enthält einleitend eine Notiz zum Aufenthalt des 3. Bataillons eines königlich-preußischen Infanterieregiments in Crailsheim 1798-1805, gefolgt vom einem Taufregister für die Jahre 1797 bis 1806, einem Eheregister für 1797 bis 1804, einem Totenregister für 1797 bis 1806 und einem Kommunikantenregister für 1798 bis 1806.

Die Einträge sind umfangreich und enthalten mehr genealogisch interessante Informationen als üblich. So sind in den Taufeinträgen die Mütter mit vollem Namen und teilweise der Herkunftsort der Eltern genannt. Die Eheeinträge enthalten Angabe zur Herkunft und Alter sowie zu den Eltern der Brautleute. In den Todeseinträgen von Kindern sind die Mütter ebenfalls mit vollem Namen genannt.

Neben den erwartungsgemäß evangelischen Soldaten bzw. deren Angehörige sind auch viele Einträge zu katholischen Soldaten zu finden, darunter auch Eheeinträge zu rein katholischen Brautleuten. Die bemerkenswerteste Besonderheit aber ist, dass die Einträge nicht nur königlich-preußische Soldaten der Garnison Crailsheim betreffen, sondern auch Soldaten aus den einige Tagesmärsche entfernten Garnisonen Erlangen und Ansbach, die sich zeitweise, wahrscheinlich aus dienstlichen Gründen, in Crailsheim aufhielten.