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Nachlässe Wenzelburger – ein besonderer genealogischer Bestand

21. Februar 2024 | |

„Mein Grossvater Pfarrer Johann Georg Wenzelburger aus Neckarthailfingen bemühte sich seinerzeit, einen Stammbaum der Familie Wenzelburger zusammenzustellen. Ich habe als einziger Enkel meines Grossvaters sämtliche diesbezügliche Dokumente und Notizen bekommen und betrachte es als meine Pflicht, meinem Grossvater und meinen Kindern gegenüber, die begonnene Arbeit fortzusetzen und wenn möglich zu vollenden.“

Dies schrieb Adolf Karl Wenzelburger in einem Brief vom 22. November 1912 an das Pfarramt Neckartailfingen, in dem er um Abschriften von Kirchenbucheinträgen bat und außerdem ankündigte, im folgenden Jahr nach Neckartailfingen kommen zu wollen, um selbst in den Kirchenbüchern zu recherchieren.

Adolf Karl Wenzelburger (1879-1959), Bauingenieur und k. u. k. Oberbaurat in Mödling bei Wien, hat seine Pflicht sehr ernst genommen und über Jahre hinweg – wahrscheinlich von den 1910er bis Mitte der 1950er Jahre – eine umfangreiche Familienforschung betrieben und einen demensprechend umfangreichen genealogischen Nachlass hinterlassen, der in seiner Quantität und Qualität nahezu einmalig ist. Der Nachlass zeichnet sich nicht nur durch in großem Umfang vorhandene Ahnenkarteien, Ahnen- und Stammlisten sowie Stammbäumen aus, sondern auch durch umfangreiche und systematisch geordnete Quellenabschriften sowie gut dokumentierte Notizen („Vormerkungen“) zur Familiengeschichte Wenzelburger. Proband für die Ahnenforschung war sein Sohn Kurt Albert Hermann Wenzelburger (1908-1979).

Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft dieser Unterlagen ist auch die Tatsache, dass sie in einer sehr gut lesbaren, an die Normschrift für technische Zeichnungen angelehnte Schrift geschrieben sind.

Die Abbildungen 1 bis 8 zeigen verschiedene Beispiele aus den genannten Quellen.

Wenzelburger stand über Jahre hinweg auch in Kontakt mit anderen Wenzelburgern, darunter auch diejenigen, die in die USA ausgewandert waren. Von diesen Kontakten zeugen auch die in großem Umfang vorhandenen Fotos von Familienangehörigen, aber auch von Bekannten. Die Anzahl der Fotos ist für einen genealogischen Bestand eher ungewöhnlich und deshalb besonders hervorzuheben. Insgesamt sind 109 Fotos aus der Zeit von ca. 1860 bis 1971 vorhanden. Von diesen sind 65 im Visitformat (Carte de Visite) aus dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts sowie zwei Ferrotypien aus der Zeit zwischen 1880 und 1891. 73 dieser Fotos konnte das Archiv aufgrund der abgelaufenen Urheberrechte online stellen.

Abbildung 9 zeigt den oben erwähnten Pfarrer Johann Georg Wenzelburger (1806-1878).

Auf Abbildung 10 ist der in den Niederlanden tätige Historiker Karl Theodor Wenzelburger (1839-1918) zu sehen. Er ist einer der prominenteren Vertreter der Familie Wenzelburger. Zu ihm war bisher kein Foto im Internet zu finden.

Abbildung 11 zeigt schließlich Adolf Karl Wenzelburger.

Dieser genealogische Nachlass ist nicht nur eine hervorragende Quelle für Forschenden mit dem Nachname Wenzelburger sondern auch für andere Genealogen, die Vorfahren in der Region um Neckartailfingen oder anderweitig gemeinsame Ahnen mit den Wenzelburger haben. Auch sind unter den Ahnen der Wenzelburger verschiedene Pfarrer zu finden, z.B. Christoph David Bayer (1682-1744), Daniel Schelling (1595-1685), Ludwig Friedrich Meister (1787-1872) oder Johann Christoph Friedrich Meister (1734-1806). Die vorzufindenden Familiennamen sind in den Bestandsinformationen anhand der Indizes zu den Ahnenlisten (Abschnitt 1.1.3, Nr. 34 und Abschnitt 1.1.4, Nr. 38) bzw. anhand der Abschnitte 1.1.7 und 1.1.8 ersichtlich.

Auch Fritz Wenzelburger (1896-1953), Lehrer in Reutlingen, erforschte seine Familie und sammelte Dokumente zu Familienangehörigen. Unter diesen Dokumenten befinden sich u.a. Predigten des genannten Pfarrers Johann Georg Wenzelburger aus der Zeit von 1836 bis 1876. Predigten aus diesem Zeitraum sind eher selten überliefert, was diese umso wertvoller macht. Die Personalakte von Pfarrer Wenzelburger ist im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart im Bestand A 27 unter der Signatur Nr. 3529 überliefert.

Abb. 12 aus: LKAS, D 164, Nr. 192. Abbildung 12 zeigt ein Foto von Horst Wenzelburger aus dem Jahr 2023.

Fritz Wenzelburgers Unterlagen gingen später in den Besitz seines Sohnes Horst Wenzelburger (* 1930) über. Dieser war 41 Jahren lang als Diplomchemiker in Darmstadt tätig und wohnt seit 2001 in Pfullingen. In seinem Ruhestand beschäftige er sich mit der Familiengeschichte und unterhielt das „Wenzelburger-Archiv“. Außerdem organisierte er in den Jahren 2010 bis 2021 Familientreffen in Neckartailfingen und verfasste eine „Familiengeschichte Wenzelburger“ sowie eine Rückschau über sein Leben (beides ist in der Evangelischen Hochschul- und Zentralbibliothek, Standort Stuttgart-Möhringen unter der Signatur NGB/268 bzw. AQ 20/153 zu finden).

Adolf Karl Wenzelburger und Fritz Wenzelburger standen in Kontakt miteinander, auch nach dem Tod der Familienforscher blieb der Kontakt zwischen den Familien bestehen. Über Adolf Karl Wenzelburgers Enkelin Ilse Fröhlich-Wenzelburger gingen 2014 seine umfangreichen Unterlagen schließlich auf Horst Wenzelburger über. Adolf Karl Wenzelburger und Horst Wenzelburger sind im achten Grad miteinander verwandt, der erste ist der Großonkel dritten Grades des zweiten. Ihr gemeinsamer Vorfahr war Johann Georg Wenzelburger (1777-1856), Metzger und Gemeinderat in Neckartailfingen.

Im Mai 2023 hat Horst Wenzelburger den größten Teil der gesammelten Unterlagen zur Familie Wenzelburger (mit Ausnahme der im Abschnitt 3.7 aufgeführten Archivalien) dem Landeskirchlichen Archiv Stuttgart zur dauerhaften Aufbewahrung übergeben.

Das Inventar des Nachlasses steht hier online für die Recherche zur Verfügung.

Abbildung 12 zeigt ein Foto von Horst Wenzelburger aus dem Jahr 2023.

 

Quellen:

– Brief vom 22.11.1912 aus: LKAS, D 164, Nr. 198

– Abb. 1 bis 3 aus: LKAS, D 164, Nr. 1

– Abb. 4 aus: LKAS, D 164, Nr. 2

– Abb. 5 bis 8 aus: LKAS, D 164, Nr. 20

– Abb. 9 aus: LKAS, D 164, Nr. 187

– Abb. 10 aus: LKAS, D 164, Nr. 156

– Abb. 11 aus: LKAS, D 164, Nr. 108

– Abb. 12 aus: LKAS, D 164, Nr. 192

 

Von heiligen Kühen und eisernen Kühen in Leuzendorf

15. Februar 2024 | | ,

“…zwei ewige Kühe …” Aus: LKAS, Pfarrarchiv Leuzendorf (G794), Best.-Nr. 51

“… sogenannte heilige Kuh” …” Aus: LKAS, Pfarrarchiv Leuzendorf (G794), Best.-Nr. 51

Als unsere Kollegin Birgitta Häberer das Pfarrarchiv von Leuzendorf verzeichnete, stieß sie auf eine Akte mit dem Titel “Eiserne Kuh”. In dieser Akte geht es um die Besoldung des Pfarrers, dem im 19. Jahrhundert eine Kuh als Teil seines Gehalts zustand. Als die Akte angelegt wurde, war die Kuh “alt und unbrauchbar”. Aus der in der Akte enthaltenen Korrespondenz geht hervor, dass sich der Pfarrer mit den vorgesetzten Behörden darauf einigte, diesen Gehaltsbestandteil in eine Zahlung von zehn Gulden auf sein Gehalt umzuwandeln. Der Begriff der eisernen oder ewigen Kuh war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich und bezeichnete ein Gewohnheitsrecht. Da die Besoldung aus der Heiligenstiftung der Pfarrei stammte, wird sie in diesem Schriftverkehr oft auch als “heilige Kuh” bezeichnet.

Das Pfarrarchiv Leuzendorf umfasst knapp zwei laufende Regalmeter und gehört vom Umfang her zu den kleineren Pfarrarchiven, die bei uns verwahrt werden. Es ist nun online recherchierbar.

 

Ortsakten ca. 1967-1989 für die Forschung zugänglich

14. Februar 2024 | | ,

Im Landeskirchlichen Archiv ist inzwischen eine weitere Schicht der Ortsakten archiviert und grob erschlossen worden. Die Akten dieses Bestandes wurden 2019 als Aktenschicht 1967-1989 aus der Registratur ausgesondert und dem Archiv übergeben. Etliche Akten aus diesem Zeitraum wurden jedoch nicht ausgesondert, sondern befinden sich noch in der in der laufenden Registratur. Unter http://suche.archiv.elk-wue.de/actaproweb/document/Best_d7692dab-28ef-45b7-828d-1cfe97b076cf sind die Informationen zum Bestand zu finden.

Bei der Aussonderung wurden die Akten nur grob über das Aktenzeichen erschlossen. Dies bedeutet, dass die Laufzeiten der einzelnen Akten zwischen (inklusive) 1967 und 1989 liegen. D.h. jedoch nicht, dass jede Akte Dokumente aus diesen Jahren enthält, teils sind nur wenige oder nur einzelne Dokumente enthalten. Eine genaue Laufzeit pro Akte wurde nicht erfasst, ebenso wenig der Umfang oder der genaue Inhalt der Akten.

Zu den Akten sind gescannte Einlaufkarteikarten vorhanden. Aus diesen ist zumindest der Inhalt der jeweiligen Akte ab ca. 1970 ersichtlich. Teils enthalten die Einlaufkarteikarten auch Daten zu Eingängen nach 1989. Diese sind nicht in den jeweiligen Akten vorhanden, sondern befinden sich noch in der laufenden Registratur.

Aufgrund des Aufwands wurden nur bei den interessanter erscheinenden bzw. umfangreicheren Akten die Einlaufkarteikarten als PDF-Dateien angebunden. Bei einigen Akten konnte die Einlaufkarteikarte jedoch nicht zugeordnet werden.

Vor allem die Akten mit den Visitationsberichten dürfte für einen breiten Forschendenkreis interessant sein, da diese Berichte nicht nur Informationen zu den ortkirchlichen Verhältnissen liefern, sondern auch zu den sozialen oder schulischen Verhältnissen. Außerdem enthalten sie Informationen über die Pfarrer und Pfarrerinnen, so dass nicht nur genealogisch-biografische Forschungen möglich sind, sondern auch sozialhistorische Untersuchungen dieser Berufsgruppe.

Beitragsbild: LKAS_A-229_Nr-1205 (Backnang Stiftskirche Mitte: Pfarrstelle Besetzung)_Einlaufkarteikarte (nur Ausschnitt)

 

 

 

Nachlass von Joachim Boeckh (1899-1968)

31. Januar 2024 | |

Im Mai vergangenen Jahres wurden wir von der Evangelischen Archivstelle Boppard im Rheinland kontaktiert. Dort war im Rahmen der Archivpflege in einem Pfarramt in ihrem Zuständigkeitsbereich eine Überlieferung von Schriftverkehr an Joachim Boeckh festgestellt worden. Offenbar waren diese Schriftstücke über einen früheren Pfarrer dieser Kirchengemeinde in das Pfarrhaus gelangt. Pfarrer Hans-Christian Brandenburg schrieb während seiner Tätigkeit dort in den 1960er Jahren an einer Darstellung über den Bund der Köngener, einer evangelischen Jugendbewegung, die ihr Zentrum in Württemberg hatte. Zu den maßgeblichen Personen der Anfangszeit dieses Bundes gehörte Joachim Boeckh, zunächst als Student der Evangelischen Theologie an der Universität Tübingen, dann als Vikar im unständigen Dienst der württembergischen Landeskirche. Da der Schriftverkehr seine Zeit in Württemberg widerspiegelt, hat das Landeskirchliche Archiv Stuttgart diesen Bestand übernommen.

Joachim Boeckh war von Jugend auf sehr rege und engagiert. Die im Nachlass überlieferten Briefe an ihn spiegeln deutlich seine wichtige Rolle in der protestantisch geprägten Jugendbewegung in Württemberg im zweiten und dritten Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts wider. Bei ihm liefen viele Netze zusammen. Er war Ansprechpartner für viele ähnlich Bewegte, weit über Württemberg hinaus. Im Schriftverkehr lassen sich der Umgangsmodus unter den Mitgliedern der Jugendbewegung und Richtungsdiskussionen ablesen. Boeckh war ein engagierter, streitbarer und vielleicht auch umstrittener Zeitgenosse. Bereits in seiner Wandervogelzeit war er schriftstellerisch tätig und inspirierte sein Umfeld. Von dem her ist es kein Wunder, dass er sich bereits 1923 von der Leitung des Köngener Bundes entfremdete, sich mit seinen Anhängern abspaltete und einen eigenen Bund gründete, die “Jungmannschaft Königsbühl”. Auch aus dem Dienst der württembergischen Landeskirche schied er am 1. November 1924 aus, um zunächst beim Franckh-Verlag (Kosmos-Verlag) in Stuttgart im Bereich Jugendliteratur zu arbeiten. Danach wurde er Lehrer in einer Reformschule, brach dann aber zu einer Reise in die Mongolei auf, die er nicht erreichte. Stattdessen wurde er Dozent für Deutsche Sprache in der damaligen Wolgadeutschen Republik (UdSSR). Nach seiner Rückkehr aus der UdSSR führten sein bereits bekanntes unstetes Wesen und verschiedene Publikationen, in denen er die Auswirkungen der stalinistischen Umwälzungen verharmloste, dazu, dass sein Gesuch um Wiedereinstellung in den württembergischen Kirchendienst nicht positiv entschieden wurde. Eine begonnene Tübinger Dissertation bei Professor Jakob Wilhelm Hauer, einem früheren Bundesgenossen, schloss er nicht ab, sondern widmete sich wieder der Lehrtätigkeit in einer Reformschule. Nach dem Krieg wurde er zunächst Leiter des Collegium Academicum in Heidelberg. Schließlich siedelte er nach Potsdam um und übernahm dort die Professur für Neuere Deutsche Literatur, dann eine Professur an der Humboldt-Universität Berlin. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR. Am 17. Juni 1968 verstarb er in Potsdam-Babelsberg. Außer seinen frühen Schriften zur Jugendbewegung ist er Autor von Werken zur deutschen Literaturgeschichte und Übersetzer von Werken aus dem Russischen.

Der Bestand beinhaltet Briefe und Postkarten an Boeckh, die sich über den Zeitraum von 1917 bis 1933 erstrecken. Der Schwerpunkt der Überlieferung erstreckt sich allerdings auf die Jahre von 1921 bis 1923. Die Erschließung gestaltete sich wegen der vorgefundenen, sehr mangelhaften Ordnungsstruktur nicht einfach. Wer über die Evangelische Jugendbewegung in Württemberg in der ersten Hälfte der 1920er Jahre forschen möchte findet hier ein reiches Quellenmaterial. Hier geht es direkt zum Inventar des Bestandes in unserer Online-Suche.

Verweise in andere Archive mit beständen zu Joachim G. Boeckh:

 

Anbei einige Beispiele von Schriftstücken:

Pfarrarchiv Leonhardskirche Stuttgart

24. Januar 2024 | |

Anfang letzten Jahres wurde die Pfarrstelle der Leonhardsgemeinde in der Stuttgarter Innenstadt aufgelöst. Die Leonhardskirche ist zwar nicht die älteste oder größte Kirche Württembergs oder gar Stuttgarts, aber die Kirche in der ehemaligen Stuttgarter Vorstadt, im sogenannten Bohnenviertel, ist vielen Stuttgartern und Nicht-Stuttgartern als große mittelalterliche Innenstadtkirche bekannt. Die Kirchengemeinde besteht weiter und wird vom geschäftsführenden Pfarramt betreut. Mit der Auflösung des Pfarramtes wurde das Landeskirchliche Archiv gebeten, die noch vorhandenen Unterlagen und Bibliotheksbestände zu sichten. Aus der Pfarrbibliothek konnte der Bestand der EHZ-Bibliothek mit Büchern ergänzt werden, die dort noch nicht vorhanden waren. Der größere und ältere Teil des Pfarrarchivs der ehemaligen Pfarrstelle war bereits Ende der 1990er Jahre ins Landeskirchliche Archiv gelangt, als in einer großen Aktion das gesamte Dekanatsarchiv dorthin überführt wurde. Die Pfarrstelle an der Leonhardskirche war früher mit dem Amt des Dekans verbunden, so dass die Unterlagen des Dekanatsamtes früher dort angefallen waren, und da sich die Aufgaben der Pfarrstelle und des Dekanatsamtes nicht immer ganz trennen lassen, bilden sie als Archivbestand in der Regel eine Einheit. Vor diesem Hintergrund erwarteten wir im Pfarrhaus keine reiche Archivüberlieferung mehr. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Archive der Pfarrstellen 2 und 3 vor Ort waren, ebenso Unterlagen zur Leonhardskrippe, zum Leonhardsgemeindeverein und auch die Altregistratur des Stadtpfarramtes mit zum Teil sehr schönen Akten und Materialien zum reichen Kulturangebot dieser Innenstadtkirche, also zu Ausstellungen, Konzerten und Veranstaltungsreihen. Der Bestand enthält auch einige liebevoll zusammengetragene Materialsammlungen zur Geschichte der Pfarrei und der dort tätigen Geistlichen. Übernommen wurden auch mehrere Leitzordner mit Fotos, die künftig einzeln verzeichnet und im Bildarchiv aufbewahrt werden. Die vier laufenden Regalmeter an pfarramtlichen Unterlagen wurden mittlerweile im Rahmen des Bestands Dekanatsarchiv Stuttgart (Bestand F44) erschlossen, werden in unserem Haus verwahrt und können hier eingesehen werden.

Beitragsbild: Leonhardskirche von der Hauptstätter Straße aus gesehen. Fotograf: Joachim Köhler, Lizenz

Digitale Pressemitteilungen der Landeskirche 1995-2023 online

12. Januar 2024 | | ,

Bild: LKAS_A-243_Nr-60_990615_BischofsRikscha

Die digitalen Pressemitteilungen der Landeskirche von 1995 bis 2023 stehen nun auf der Beständeübersicht des Archivs http://suche.archiv.elk-wue.de/…/Best_9c8bd6ba-4b51… online zur Verfügung. Die Pressemitteilungen enthalten einerseits Bekanntmachungen der Landeskirche zu innerkirchlichen Veränderungen, wie z.B. die Einsetzung eines neuen Landesbischofs oder einer neuen Dekanin, oder Nachrufe anlässlich des Todes bedeutender Mitarbeitenden der Landeskirche. Andererseits spiegeln sie die Reaktion der Landeskirche auf innerdeutsche, aber auch weltweite Ereignisse wider. Die Pressemitteilungen sind chronologisch geordnet. Die Dateinamen weisen auf die Ereignisse oder Themen hin. Bei den Pressemitteilungen aus den 1990er Jahren sind diese Benennungen noch nicht sehr aussagekräftig. Ab 2020 sind im Enthält-Vermerk nur noch die Titel der Pressemitteilungen aufgelistet.

Nachlass Otto Mörike erschlossen

10. Januar 2024 | |

Im Rahmen meines Masterstudiums der Historischen Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft an der Universität Wien habe ich ein vierwöchiges Praktikum im Landeskirchlichen Archiv absolviert. In dieser Zeit habe ich unter anderem den Nachlass von Otto Mörike verzeichnet.

Otto Mörike (7. April 1897 – 9. Juli 1978) war ein evangelischer Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, der vor allem durch sein Engagement gegen den Nationalsozialismus und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung bekannt wurde. Er war Mitglied der Pfarrhauskette. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er drei Jahre an der Front kämpfte und unter anderem die Schlacht von Verdun (1915) und die Schlacht an der Somme (1916) miterlebte, studierte er evangelische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und absolvierte sein anschließendes Vikariat in Oberboihingen. Dort lernte er auch seine Frau Gertrud Mörike (geb. Lörcher) kennen, die er 1926 in Oppelsbohm, seiner damaligen Wirkungsstätte, heiratete. 1935 übernahm er eine Pfarrstelle in Kirchheim/Teck. Zunächst von den Versprechungen der Nationalsozialisten überzeugt, schloss er sich bald der Bekennenden Kirche an. Immer wieder geriet er in Konflikt mit dem nationalsozialistischen Regime. Bereits 1936 wurde ihm die Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht entzogen, 1938 warfen Mörike und seine Frau bei der Abstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich – auch das ist in diesem Nachlass überliefert – anstelle eines Stimmzettels eine ausführliche Erklärung ein, warum sie dem Anschluss nicht zustimmen konnten. Noch am selben Tag wurde er von einer von der Gestapo aufgehetzten Menschenmenge schwer verletzt, auch das Pfarrhaus wurde beschädigt. Wegen “Vergehens gegen das Heimtückegesetz”, “Kanzelmissbrauchs” und “Beleidigung” wurde er zu 10 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt und erhielt Rede- und Aufenthaltsverbot in Kirchheim/Teck.

Lange wurde in Parteikreisen diskutiert, inwieweit er seinen Beruf noch ausüben dürfe. Gemeindemitglieder und Nachbargemeinden setzten sich jedoch für ihn ein, so dass er, wenn auch unfreiwillig, nach Weissach und Flacht versetzt wurde. Dort lebte die Familie Mörike, Mörike und seine Frau hatten sechs Kinder und einen Pflegesohn. Sie nahmen Juden in ihrem Pfarrhaus auf und organisierten Verstecke. Außerdem sammelte er Spenden für andere Pfarrer, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes wurde Mörike 1947 nach Stuttgart Weilimdorf versetzt und 1953 zum Dekan des Kirchenbezirks Weinsberg ernannt. 1959 trat er in den Ruhestand. Er engagierte sich weiterhin in der Friedensbewegung und war unter anderem Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen in Württemberg. 1971 verlieh der Staat Israel Mörike und seiner Frau die Yad-Vashem-Medaille für die Rettung von Juden und ihr Engagement gegen das nationalsozialistische Regime. In Bissingen/Teck wurde ein Freizeitheim nach ihm benannt, in Weilimdorf ein Weg durch den Pfarrgarten.

Die Wahl vom 10. April 1938 und ihre Folgen sind im Bestand ausführlich dokumentiert. Zum Prozess gegen Otto Mörike vor dem Sondergericht in Kirchheim/Teck sind einige Unterlagen vorhanden, ebenso Unterlagen der NSDAP und der Gestapo zu seiner antinationalsozialistischen Haltung. Hinzu kommen zahlreiche Predigten, etwa aus seiner Dornhaner Zeit, Schriften wie “Etliche Besonderheiten aus unserem Leben und Dienst” sowie Briefe von und an Otto und Gertrud Mörike. Auch spätere Ereignisse wie eine Reise nach Israel (1969) und seine Arbeit für die Aktion Sühnezeichen sind durch Korrespondenzen u.a. mit Franz von Hammerstein oder Landesbischof Helmut Claß überliefert.

Der Nachlass ist unter der Signatur D169 erschlossen und jetzt hier online einsehbar.

Nachlass von Oberkirchenrat Hans Ostmann

19. Dezember 2023 | |

Oberkirchenrat Hans Ostmann. Foto: Ton- und Bilddienst der Evang. Landeskirche Württemberg, LKAS.

Der im September übergebene Nachlass des ehem. Oberkirchenrats Hans Ostmann steht seit heute im Archiv unter der Signatur D-181 zur Verfügung. Hans Ostmann arbeitete von 1937 bis 1971 als Jurist im Oberkirchenrat und war zusätzlich ab 1940 als Schatzmeister für das Gustav-Adolf-Werk tätig, wofür er 1969 mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet wurde.

In seinem Nachlass befinden sich neben Fotos und Aufsätzen vor allem briefliche Korrespondenzen mit den Landesbischöfen und Gemeinden. Außerdem ist Material zu seinem Schwiegervater Otto Dibelius, ehem. Landesbischof von Berlin/Brandenburg, ebenfalls im Bestand enthalten.

Das Inventar des Nachlassbestands kann hier eingesehen werden.

 

Beitragsbild: Sitzung mit OKR Hans Ostmann (am Tisch vierter von links), am Tischende Landesbischof Eichele. Foto: Ton- und Bilddienst der Evang. Landeskirche Württemberg, LKAS.

Evangelisches Leben zwischen 1880 und 1970 – Der Familiennachlass Gauger

13. Dezember 2023 | |

LKAS, D 180, Wappen der Familie Gauger

Vor einigen Wochen gelangten durch einen Nachkommen der Familie weitere Unterlagen aus dem Nachlass der Familie Gauger in das Archiv. Nachlässe enthalten in der Regel nur Materialien zu einer Person (z.B. eines Missionars oder Bischofs), die von kirchengeschichtlicher Bedeutung sind. Das können Predigten und theologische Traktate sein, aber auch Briefwechsel mit Kollegen oder biographische Dokumente wie Stammbäume und Lebensläufe. In diesem Fall gab es jedoch in der Familie Gauger mehrere Personen von kirchengeschichtlicher Bedeutung, weshalb eine Sammlung von Familiennachlässen sinnvoll erschien. Die Familie Gauger bildet zwar den Hauptteil des Nachlasses, doch war dieser in erster Linie genealogisch angelegt, so dass der Vollständigkeit halber auch vorhandenes Material zu Familienmitgliedern ohne kirchliche Relevanz übernommen wurde. Dies macht den Familiennachlass besonders interessant.

Die Familie Gauger umfasst neben der Stammfamilie auch die eingeheirateten Familien Ziegler, Peter, Gruss und Haas.
Hervorzuheben ist die Familie Ziegler (eingeheiratet von Jakob Ziegler), die im kirchlichen Bereich nicht ganz unbekannt ist. Ein Verwandter Jakobs, Johann Ziegler, gründete einst „Die Zieglerischen“ (Mädchen- und Knabeninstitut Wilhelmsdorf), deren Leitung Jakob nach Johanns Tod übernahm. In den “Zieglerischen” wurden von nun an die Kinder der Gauger untergebracht, wenn sie z.B. auf Urlaub waren oder wenn ihre Eltern früh verstarben (was z.B. bei Missionstätigkeiten nicht selten vorkam). Aufgrund der kirchlichen Relevanz als diakonische Einrichtung findet sich zur Familie Ziegler mehr Material außerhalb dieses Bestandes. Die anderen Familien haben dagegen nur wenige oder gar keine kirchlich engagierten Mitglieder. Die Familie Gauger kann auf ein breites Spektrum kirchlich orientierten Lebens zurückblicken – sei es als Missionar, Krankenpfleger, Lehrer, Pfarrer, Kirchenhistoriker oder Kirchenjurist. Drei dieser Persönlichkeiten sollen hier vorgestellt werden:

LKAS, D 180, Hochzeitsschmuck Ehe Gottlob Gauger

Gottlob Gauger, geboren 1855, begann seine berufliche Laufbahn als Kaufmann in Esslingen. Durch Bekannte in der Paulinenpflege lernte er 1877 die Basler Mission kennen und begann seinen Dienst als Missionskaufmann. Er arbeitete ein Jahr an der Goldküste (heutiges Ghana), wo er seine erste Frau Maria Fisch kennenlernte, die leider schon nach 5 Wochen verstarb. In zweiter Ehe heiratete er Johanna Luise Peter. Die Familie Peter war traditionell mit dem Goldschmiedehandwerk verbunden und in Zürich ansässig. Johanna lernte Gottlob durch ihren Bruder Gustav kennen, der, ungewöhnlich für die Familie, den Beruf des Missionars (in Indien) ergriff. Anlässlich der Hochzeit von Johanna und Gottlob fertigte der Goldschmied Friedrich Peter den im Nachlass befindlichen Hochzeitsschmuck an, der – von den Peters angefertigt und mit einem Käfer aus Gottlobs Missionszeit versehen – die Verbindung der beiden Familien symbolisieren sollte. Johanna und Gottlob hatten zwei Kinder, die nach Gottlobs Tod 1889 in Kamerun von seiner Schwester Maria Gauger und ihrem Mann Jakob Ziegler in den Zieglerischen Anstalten aufgezogen wurden.

LKAS, D 180. Traugott und seine Schwester Maria als Jugendliche und Kinder. Gottlob und seine Verlobte Johanna als Erwachsene.

Traugott Gauger wurde 1885 geboren und absolvierte zunächst eine Lehre als Musterzeichner, zwei seiner anschließend in Paris entworfenen Stoffe befinden sich in der musealen Sammlung des Archivs. Nach einer kurzen Phase der Arbeitslosigkeit von 1912 bis 1913 schulte er auf Anraten seines Onkels Joseph um und ergriff wie seine Schwester Maria Luise den Beruf des Krankenpflegers. Im Ersten Weltkrieg dienten beide als Kriegspfleger. Während Maria Luise ihren Lebensabend als Diakonisse in Stuttgart verbrachte, arbeitete Traugott von 1919 bis zu seiner Pensionierung 1950 als Oberpfleger im Städtischen Krankenhaus Heilbronn. Durch seine Schwester lernte er in dieser Zeit die Rotkreuzschwester Dorothea Gruss kennen. Dorotheas Familie stammte aus der Textilindustrie, vor allem Weber und Schneider, und auch Dorothea hatte zunächst eine Ausbildung als Schneiderin und Brand- und Spritzmalerin begonnen, bevor sie sich dem Roten Kreuz zuwandte. Die beiden hatten eine gemeinsame Tochter, Dora Gauger, die wiederum durch ihre Heirat mit Reinhold Haas den letzten Zweig der Familie Haas in die Familie Gauger eingliederte.

Martin Gauger promovierte 1933 zum Dr. iur. und begann danach als Rechtsassessor am Landgericht Wuppertal. Ausschlaggebend ist aber sein Widerstand gegen das Nazi-Regime. Dieser begann 1934, mit der Weigerung, einen Treueeid auf Hitler zu leisten. Martin war der Meinung, dass Treue und Gehorsamkeit gegenüber Menschen, die ihrerseits an kein Gesetz gebunden sind, nicht rechtmäßig seien. Er schloss sich der Bekennenden Kirche an und verfasste mehrere Dissertationen gegen die Irrlehren verbreitende offizielle Kirchenleitung. 1939 widersetzte er sich der Militär-Musterung und flüchtete 1940 über den Rhein in die Niederlande, wo er jedoch nach deren Kapitulation verhaftet und wenig später in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt wurde. Dort wurde Martin Gauger 1941 im Rahmen der Aktion T4 ermordet. In seinem Angedenken wird bis heute in NRW der Martin-Gauger-Preis in einem Schülerwettbewerb zum Thema Menschenrechte vergeben.

Obwohl viele Mitglieder der Familie Gauger im theologischen Bereich tätig waren, enthält der Nachlass nicht wie übliche Pfarrnachlässe Predigtsammlungen und theologische Traktate, sondern ist durch die vielen enthaltenen Biographien vielfältig und reich an Bildmaterial. Neben Stammbäumen finden sich auch persönliche Besitztümer der Betroffenen, wie z.B. der Hochzeitsschmuck der Peters oder Zeichenmappen von Traugott Gauger. Der Nachlass beschäftigt sich nicht nur mit dem Werdegang der einzelnen Personen, sondern auch mit ihrer Lebensgeschichte, wodurch ein lebendigeres und “authentischeres” Bild ihrer Zeit entsteht. Damit ist der Nachlass zwar kein klassischer Fall für ein Kirchenarchiv, aber dennoch hochinteressant und unterhaltsam – und aufgrund der Verstrickungen der Gaugers in viele Bereiche (von der Kolonialisierung Afrikas über die NS-Zeit bis hin zur diakonischen Organisationsgeschichte) auch kirchengeschichtlich relevant.
Der Familiennachlass Gauger trägt die Signatur LKAS, D 180, hat eine Gesamtlaufzeit von 1816 bis 1983 (2011) und umfasst 0,1 lfd. m. Die Erschließungsdaten werden demnächst über unser Online-Findbuch recherchierbar  sein.

Zwist um eine Friedenskirche

5. Juli 2023 | | , , ,

Historische Aufnahme der Friedenskirche (Garnisonskirche) in Ludwigsburg. LKAS, Bildersammlung, U 662

Derzeit wird der bislang noch unverzeichnete Teil des Dekanatsarchivs Ludwigsburg erschlossen. Naturgemäß stößt man beim Verzeichnen auf den ein oder anderen interessanten Vorgang. Dass ausgerechnet ein Aktenbund, der den Titel “Friedenskirche” (jetzt LKAS, DA Ludwigsburg, Nr. 709) trug, umfangreiches Material über einen konfessionellen Zwist enthielt, fanden wir bemerkenswert. Aus heutiger Sicht und aus der zeitlichen Distanz kann man freilich leicht mit einer gewissen Gelassenheit auf Probleme blicken, die damals die Gemüter erhitzten.

Friedenskirche Ludwigsburg. Von Ecelan – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3614898

Auf der B 27 von Stuttgart kommend erblickt man kurz vor der Abbiegung zur Ludwigsburger Innenstadt auf linker Seite eine imposante Kirche. Dieser Kirchenbau ist nicht nur schön, sondern hat auch eine besondere Geschichte. Die heutige Friedenskirche war ursprünglich die evangelische Garnisonskirche für den ehedem wichtigen württembergischen Militärstandort. Entworfen von dem Architekten Friedrich von Thiersch, wurde sie 1903 im Beisein des Königspaars eingeweiht. 1920 wurde die Garnisonsgemeinde aufgelöst. Das Gebäude wurde dennoch bis 1945 für Militärgottesdienste genutzt. Die Württembergische Kirchenleitung hatte sich 1924 beim Militärpfarramt V ein Mitbenutzungsrecht an der Garnisonskirche gesichert. Infolge des Zusammenbruchs der deutschen Wehrmacht haben die evangelischen Militärgemeinden aufgehört zu bestehen. 1945 wurde beschlossen, aus dem ehemaligen Südstadtbezirk der Stadtkirche eine neue Kirchengemeinde zu bilden. Im Mai 1947 wurde aus der Südstadtgemeinde eine eigene Teilkirchengemeinde mit neuen, erweiterten Grenzen gebildet. 1948 erfolgte die Umbenennung zur Friedenskirche. Aufgrund des großen Zustroms von katholischen Heimatvertriebenen wurde der katholischen Kirchengemeinde eingeräumt, die Kirche mitzubenützen, was ein Jahrzehnt lang auch ein funktionierendes Arrangement war. Man wechselte sich bei der Benutzung der Räumlichkeiten ab. Der Eigentümer war aber der Bund, und als dieser ab 1958 über den Verkauf der Kirche an die evangelische Kirchengemeinde verhandelte, kam eine gewisse Unruhe auf, da die katholische Kirchengemeinde sich nun hintangesetzt  fühlte. Von dem her standen sich nun bis 1966 zwei Interessen entgegen: Auf der einen Seite, das Interesse an einem Weiterbestehen des Status Quo, auf der anderen Seite das Interesse am Zustandekommen des Kaufvertrages zwischen der evangelischen Friedenskirchengemeinde und dem Bund. Die Entwicklung führte zu einem umfangreichen Schriftverkehr, zu etlichen Stellungsnahmen, zu Kontaktaufnahmen bis in höchste politische Kreise (etwa zu Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, Minister Hans Wilhelmi, Minister Franz-Josef Strauß, verschiedene Bundestagsabgeordnete). Erst als der Kauf vollzogen wurde, ebbten die Wellen wieder ab. Das Problem war letztlich nicht so groß wie man dachte, da die katholische Kirchengemeinde noch bis in die 70er Jahre die Kirche mitbenutzten konnte. Auch wenn sich die Benennung der Friedenskirche auf einen Neuanfang nach ihrer militärischen Vergangenheit bezog, so erwies es sich auch hier, dass man, wenn ein Streit vorbei ist, wieder Frieden schließen und im Frieden gut zusammenleben kann.

Rückblick auf den Gemeindenachmittag in Roigheim und den Gemeindeabend in Züttlingen

21. Juni 2023 | | ,

Die Abgabe von Pfarrarchiven zur Verwahrung und Verwaltung an das Landeskirchliche Archiv in Stuttgart löst in vielen Kirchengemeinden ein Unbehagen aus. Befürchtungen werden laut, ihre Archivalien wären damit den Gemeinden entzogen und künftige kirchengeschichtliche Forschungen durch die Aufbewahrung an einem entfernten Ort erheblich erschwert worden. Daher ist es wichtig, die Kirchengemeinden über den Verbleib ihrer Pfarrarchive und die Nutzungsmöglichkeiten ihrer historischen Überlieferung im Landeskirchlichen Archiv zu informieren und ihnen den Mehrwert einer dauerhaften sicheren Verwahrung verständlich zu machen.

Beitragende zum Züttlinger Gemeindeabend, v.l: Birgitta Häberer, Bertram Fink, Ute Schüßler, Stefan Martin, Gudrun Haas, Julia Schäfer.

2013 und 2021 hatten die Kirchengemeinderäte von Züttlingen und Roigheim (Dekanat Neuenstadt) aus konservatorischen Gründen beschlossen, die Pfarrarchive zur Verwahrung und Verwaltung an das Landeskirchliche Archiv Stuttgart abzugeben. Die Kirchengemeinden konnten für die ehrenamtliche Erschließung der Archivalien im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart die Leiterin des heimatkundlichen Arbeitskreises Möckmühl, Frau Ute Schüßler gewinnen. Um die Durchführung von heimatkundlichen und kirchengeschichtlichen Forschungsvorhaben bereits vom heimischen PC aus vorbereiten zu können, sind die beiden von ihr erstellten ausführlichen Archivinventare auf der Website des Landeskirchlichen Archivs öffentlich zugänglich (Pfarrarchiv Roigheim hier und Pfarrarchiv Züttlingen hier ).

Am 13.06.2013 fanden im Roigheimer Gemeindesaal  und im Züttlinger Gemeindehaus Veranstaltungen statt, die sich mit den pfarramtlichen historischen Quellen und ihrer Bedeutung für die Erinnerungskultur beider Kirchengemeinden beschäftigten. Nachdem Dr. Bertram Fink, der zuständige Sprengelarchivar im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart, den Weg der Archivalien vom Pfarramt bis zu ihrer Bereitstellung unter fachkundiger Beratung im Lesesaal des Landeskirchlichen Archivs nachgezeichnet hatte, stellte Ute Schüssler das jeweilige Archivinventar und einzelne Archivalien vor, die das weite Spektrum der pfarramtlichen Überlieferung abdecken. Auf diese Weise vermittelte Frau Schüßler einen lebendigen Einblick in das kirchlich-kommunale Leben beider Gemeinden. Der abschließende dritte Vortrag von der Sprengelarchivarin Birgitta Häberer hatte diejenigen Archivalien zum Thema, mit denen sich erfahrungsgemäß die Gemeindemitglieder am stärksten identifizieren, nämlich die Kirchenbücher beider Pfarrämter. Birgitta Häberer stellte die verschieden Gattungen und ihren Informationswert sowie deren Bereitstellung im gemeinsamen Kirchenbuchportal der landeskirchlichen Archive „Archion“  vor. So konnten einer sehr interessierten Zuhörerschaft an diesem Beispiel die Vorteile einer digitalen Bereitstellung von Archivalien vor Augen geführt werden.

Es bleibt zu hoffen, dass  Gemeindemitglieder in Zukunft den Weg in das Landeskirchliche Archiv Stuttgart finden und/oder die digitalen Angebote des Landeskirchlichen Archivs und seiner Kooperationspartner nutzen, um sich mit ihrer Kirchengeschichte zu beschäftigen. Wir haben guten Grund, optimistisch zu sein.

Fundstück im Pfarrarchiv Knittlingen: Urmanuskript der Anekdoten vom württembergischen Hof entdeckt (Teilmanuskript)

7. Dezember 2022 | | , ,

Beim Verzeichnen des vor kurzem in das Landeskirchliche Archiv zur Verwahrung und Verwaltung überführten Pfarrarchivs von Knittlingen fiel unserer Kollegin Birgitta Häberer ein Aktenbüschel auf, das mit “Memorabilien über die Grävenitzsche und Süßsche Angelegenheit” betitelt war. Dass es sich dabei um kein übliches Aktenfaszikel pfarramtlicher Provenienz handelte, war leicht ersichtlich. Doch was hatte die herzoglich-württembergische Mätresse und Landhofmeisterin Wilhelmine von Grävenitz, beziehungsweise Gräfin von Würben mit Knittlingen, beziehungsweise dem Pfarramt Knittlingen zu tun? Als unser Kollege Andreas Butz durch die Schriftstücke blätterte, erinnerte er sich an die im Jahr 2015 als Veröffentlichung der Kommission für geschichtliche Landeskunde herausgegebene Edition der “Anekdoten vom württembergischen Hof. Memoiren des Privatsekretärs der herzoglichen Mätresse Christina Wilhelmina von Grävenitz (1714-1738)“.

Miniatur Wilhelmine von Graevenitz ( 1686 – 1744). Württembergisches Landesmuseum. Fotograf: Wuselig. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Landesmuseum_W%C3%BCrttemberg_-_Wilhelmine_von_Graevenitz864.jpg

Der Verfasser dieser Anekdoten, Heinrich August Krippendorf (1683-1742), war von 1714 bis 1731 der Privatsekretär von Wilhelmine von Grävenitz, außerdem auch Sekretär des Geheimen Rats und Regierungsrat und hatte somit unmittelbare Einblicke in die Verhältnisse des württembergischen Hofes und in die dortige Günstlings- und Mätressenwirtschaft. Er hat die Anekdoten unter dem Pseudonym Procopius Vessadiensis verfasst, also als Prokop von Dessau, womit er sich als Verfasser in die Tradition von Prokopios von Caesarea stellte, einem spätantiken Autor mit Insiderwissen des oströmischen Kaiserhofes in Konstantinopel. Krippendorfs Anekdoten waren eigentlich nicht für den Druck bestimmt, sondern nur für die Zirkulation im engeren Freundeskreis. Die in seinem Bericht genannten Personen wurden in seinem Text nicht namentlich benannt, sondern erhielten Pseudonyme. Grävenitz erscheint in den Anekdoten etwa als “Fredegunde”, was auf die mächtige Mätresse des Merowingerkönigs Chilperich (6. Jahrhundert) anspielt. Herzog Eberhard Ludwig ist Artamenis. Auch alle Orte wurden verschlüsselt.

Bislang kannte man zwei Handschriften der Anekdoten, die in der württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart und in der Bayerischen Staatsbibliothek in München verwahrt werden. Der Vergleich der Handschrift aus dem Pfarrarchiv Knittlingen mit dem Digitalisat der Handschrift in der Württembergischen Landesbibliothek, die frei im Internet einsehbar ist, machte es sehr wahrscheinlich, dass beide Texte von derselben Feder geschrieben wurden. Während die beiden bisher bekannten Exemplare Reinschriften darstellen, handelt es sich bei der Knittlinger Handschrift offenbar um die Entwurfsvorlage, was darin deutlich wird, dass sie allerlei Randbemerkungen, nachträgliche Einschübe , wieder verworfene und durchgestrichene Sätze und Absätze enthält. Der Entstehungsprozess kann hier nachvollzogen werden. Allerdings ist das Knittlinger Manuskript unvollständig. Die 80 Seiten umfassen nur den Appendix der Anekdoten, also den Zeitraum seit dem Ableben Herzog Eberhard Ludwigs, mit der Verhaftung der herzoglichen Mätresse, ihrer Verteidigung und ihrer Flucht nach Berlin, und mit der ausführlichen Schilderung der Verhaftung und Hinrichtung von Joseph Süß Oppenheimer. Wie bei den bereits bekannten Handschriften, liegt auch dieser Handschrift eine Aufschlüsselung der Pseudonyme bei. Zusätzlich enthält die Akte noch einen Vorschlag eines Vergleichs mit der Gräfin Würben, vermutlich von 1736, einige weitere kleinere Dokumente aus der Feder Krippendorfs, sowie 32 Seiten Notamina, in denen Krippendorf über sein Dienstverhältnis als Privatsekretär der Mätresse Grävenitz-Würben ausführlich Rechenschaft ablegt, ein Bericht der sich inhaltlich auch in den Grävenitzschen Prozessakten im Hauptstaatsarchiv Stuttgart (A 48/5) findet.

Wie aber gelangten diese Schriftstücke in das Pfarrarchiv Knittlingen? Man würde Unterlagen dieser Art am ehesten in einem Familienarchiv erwarten, sofern sie die Jahrhunderte überhaupt überleben. Aber auch das ließ sich schnell klären, denn bei der Durchsicht der Liste der Knittlinger Pfarrer stach der Name Wilhelm Aurelius von Krippendorf ins Auge, der 1782 zum Dekan in Knittlingen ernannt wurde und dieses Amt bis zu seinem Tod 1809 ausführte. Sein Vater war Heinrich August von Krippendorf, der Verfasser der Handschriften. Das lässt den Schluss zu, dass die Unterlagen des Grävenitzschen Privatsekretärs über seinen Sohn, der in Knittlingen Dekan war, in das Knittlinger Pfarrarchivs gelangt waren.

Das Inventar des Pfarrarchivs Knittlingen kann nun online durchsucht werden. Die Akte mit den Handschriften Krippendorfs haben wir digitalisiert und kann hier eingesehen werden.

Zum 100. Geburtstag von Jörg Zink: Über 6.000 Fotografien frei zugänglich

22. November 2022 | | , , ,

Fischer am See Genezareth (LKAS AS 6, Nr. 10476)

Jörg Zink (1922-2016) wäre am 22. November hundert Jahre alt geworden. Er war zu seiner Zeit einer der bekanntesten und sichtbarsten Theologen der württembergischen Landeskirche. Für viele war er das Gesicht eines Protestantismus, der die Verkündigung des Evangeliums konsequent mit den Fragen und Anforderungen der Zeit verknüpfen will.

Als Fernseh- und Rundfunkpfarrer, Autor zahlloser Bücher populärwissenschaftlicher und erbaulicher Art, als gefeierter Kirchentagsredner, Bibelübersetzer, Liederdichter und Prediger wurde er einem großen Publikum bekannt. Mit dem Bildnachlass von Jörg Zink lässt sich nun eine weitere Facette im Wirken dieses umtriebigen und produktiven Theologen kennenlernen: Jörg Zink war auch ein passionierter – und, wie man in seinem Bildnachlass sehen kann, ein begabter – Fotograf. Diese Seite seines Schaffens ist freilich nicht ganz unbekannt: Viele Illustrationen aus Zinks zahlreichen Büchern stammen von ihm selbst.

Jörg Zink unternahm vor allem in den 1970er-Jahren viele Reisen ins Heilige Land und in die ganze Mittelmeerregion. Von Griechenland bis in den Iran, von Ägypten bis Italien bereiste er die Altertümer des Mittelmeerraums. Dabei galt sein Interesse nicht nur den Zeugnissen der antiken Hochkulturen, den Tempeln, Ruinen, Burgen. Er suchte gerade dort auch nach dem zeitgenössischen Leben. Im Leben der Menschen schien für ihn das Leben in biblischer Zeit auf. In Palmyra waren ihm die Schafhirten ebenso wichtig wie die antiken Bauten; in den Fischern am See Genezareth, die er fotografierte, sah Jörg Zink die Jünger Jesu.

Szene am Nilufer in Ägypten

Im Jahr 2005 ließ Jörg Zink seine Dias digitalisieren und übergab die Digitalisate dem Evangelischen Medienhaus, damit die Fotos der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten. Einige Jahre waren die Bilder als kostenpflichtiges Angebot zugänglich. Inzwischen wurden sie vom Landeskirchlichen Archiv übernommen. Das Archiv stellt die Bilder inzwischen auf seiner Rechercheseite zur Verfügung.

Der Bestand „AS 6: Fotonachlass Jörg Zink“ enthält 6.363 Digitalisate im Umfang von 118 Gigabyte. Die leider nur rudimentäre Verzeichnung der ursprünglichen Online-Datenbank wurde übernommen. Die Bilder sind nach Ländern und geografischem Bezug gegliedert, die ursprüngliche Schreibweise wurde dabei beibehalten.
Der direkte Link zum Bestand ist: http://suche.archiv.elk-wue.de/actaproweb/document/Best_d5997a4b-1eb3-4906-807b-bbd0302b4c52

Es war (noch) nicht möglich, die Bilder in einer CC-Lizenz freizugeben, aber die Bilder sind kostenfrei nutzbar und in relativ hoher Auflösung verfügbar. Das angehängte Wasserzeichen ist nicht invasiv und dient lediglich der Kennzeichnung der Bilder.

Mit den über 6.000 Fotografien von Jörg Zink wird pünktlich zu Zinks 100. Geburtstag ein Schatz für die Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Die vielfach künstlerisch wertvollen Fotografien aus dem Mittelmeerraum sind bedeutende Zeitzeugnisse aus den 1970er-Jahren, die Jörg Zinks spezifischen, biblisch geprägten fotografischen Blick erlebbar machen.

Dekanatsarchiv Tübingen nun erschlossen und recherchierbar

19. August 2022 | |

Das Dekanatsarchiv Tübingen zählt mit einem Umfang von 42 laufenden Regalmetern und knapp 2500 Verzeichnungseinheiten zu den größeren dekanatamtlichen Beständen, die im landeskirchlichen Archiv verwahrt werden. Es umfasst neben den Unterlagen (allgemeine Unterlagen und Ortsakten) des Dekanatamts auch die Pfarrarchive Tübinger Kirchen, nämlich der Stiftskirche, der Jakobuskirche und der Eberhardskirche.

Bereits im Frühjahr 1959 begannen einige Studenten vom Institut für Landesgeschichte der Universität Tübingen mit der Ordnung und Verzeichnung des Bestandes. Im Jahr 2002 wurde der Bestand an das Landeskirchliche Archiv abgegeben, wo das ältere Findbuch retrokonvertiert, verbessert und um die Überlieferung bis 1966 ergänzt wurde. Im Inventar kann nun online recherchiert werden.

Der Bestand ist wie oben bereits erwähnt umfangreich, aber einige Beispiele sollen hier genannt und gezeigt werden:

Das älteste Schriftstück des Bestands ist das Testament des Doktor Leonhart Fuchs (1501-1566) von 1563. Der Mediziner und Botaniker gilt als einer der Väter der Pflanzenkunde. Die Fuchsien wurden nach diesem Gelehrten benannt.

Reichhaltig ist die Überlieferung zur Schulgeschichte, was vermutlich der Bedeutung Tübingens als Bildungsstandort geschuldet sein dürfte. Als Beispiele dienen hier die Stundenpläne der Realschule und der anatolischen Lateinschule. Der Name der Lateinschule ist vielleicht erklärungsbedürftig. Sie wurde nicht etwa nach Anatolien benannt, sondern aufgrund ihrer räumlichen Lage im Osten Tübingens (altgr. ἀνατολή / anatolē: Osten). Neben verschiedenen Akten zu diesen beiden Schulen finden sich auch Akten zur Knaben- und zur Mädchenschule, sowie zur Handwerkerschule und weitere, allgemeine Schulakten. Interessant zum Beispiel, dass man damals als Realschüler nicht Englisch und Französisch lernte, sondern Italienisch und Französisch.

Bestandteil des Tübinger Dekanatsarchivs sind auch einige Fotos. Besonders interessant scheint hier ein Fotoalbum von 1909, das etwa 75 zeitgenössische Fotos und Zeichnungen von Kirchen und Pfarrhäusern aus dem Kirchenbezirk beinhaltet. Das Album war ein Abschiedsgeschenk des Kirchenbezirks für den Dekan Karl Elsässer, der 1909 seinen Geburtstag feierte, und damit auch in seinen Ruhestand eintrat.

 

 

Verzeichnung zur Familiengeschichte Knapp / Liesching im Rahmen eines Praktikums

8. August 2022 | |

Im Juli 2022 absolvierte Helen Wiedmaier, Referendarin beim Landesarchiv Baden-Württemberg, ein Praktikum im Landeskirchlichen Archiv. Sie erhielt nicht nur Einblicke in zahlreiche Bereiche und Aufgabenschwerpunkte, sondern ordnete und verzeichnete auch den Nachlass von Michael Klein. Dieser war mit den beiden bedeutenden Familien Knapp und Liesching verwandt und sammelte zahlreiche Dokumente zur Familiengeschichte. Dazu gehörten auch Schriftstücke, die Martin Knapp, ein Verwandter Michael Kleins, gesammelt hatte. Hier lassen sich Brücken zu zwei weiteren Nachlässen im Landeskirchlichen Archiv schlagen: Zum einen zum Nachlass Liesching und zum anderen zum Nachlass Knapp, den 1960 das Landeskirchliche Archiv von Martin Knapp erwarb. Während sich letzterer vor allem auf Archivalien zu dem Pfarrer Albert Knapp (1798–1864) fokussiert, zeigte sich schnell, dass der Nachlass Michael Klein wesentlich diverser ist.

Ihn zu erfassen war besonders spannend, da es sich um fünf unsortierte Umzugskartons sowie zwei separate Pakete handelte, die neben schriftlichen Unterlagen auch Objekte, Fotografien und Publikationen aus drei Jahrhunderten enthielten. In einem ersten Schritt wurde der Bestand unter Berücksichtigung bereits bestehender Ordnungen (beispielsweise Gegenstände oder Briefe, die sich gemeinsam in Schachteln befanden) zunächst nach Objekten, Publikationen, Fotografien und schriftlichen Zeugnissen geordnet. Die Publikationen wurden der Bibliothek übergeben, während alles andere verzeichnet und verpackt wurde. Die Objekte wurden digitalisiert und anschließend der Musealen Sammlung zugeordnet, wobei sich faszinierende Einblicke in die Lebenswelten von Frauen im 19. sowie frühen 20. Jahrhundert ergaben.

Neben zahlreichen Briefen von Nana Stahl, geb. Trendelenburg und Clara Roth, geb. Trendelenburg, lagen dem Bestand beispielsweise ein Skizzenbuch mit Zeichnungen sowie ein kleines Buch mit Schnittmustern und Notizen zu Handarbeiten bei. Diese lassen ebenso wie etwa die kolorierte Zeichnung eines Wohnzimmers Rückschlüsse auf das Alltagsleben von Frauen zu, die durch vereinzelt vorhandene Autobiografien ergänzt wurden, und bieten einen hervorragenden Ausgangspunkt für zukünftige Forschungen. Das Landeskirchliche Archiv konnte mit diesem Nachlass somit einen wichtigen Bestand übernehmen, der nicht nur Personen mit Interesse an den Familien Trendelenburg, Knapp und Liesching zu begeistern wissen wird.

Abschluss Bestand L 9 Evangelische Jugendheime Heidenheim

13. Juli 2022 | |

Der Bestand L 9 Evangelische Jugendheime Heidenheim bereichert nun das Landeskirchliche Archiv mit insgesamt 48 Regalmetern, die sich in 9 m Sachakten und 39 m Klientenakten gliedern. Der Bestand eignet sich für Forschungen zur Fürsorgeerziehung von den 1960er Jahre bis in die 1990er Jahre. Hinter jeder Einzelfallakte steht das Schicksal eines jungen Menschen, dem in den Jugendheimen die Möglichkeit geboten wurde, einen Schul- oder Berufsabschluss zu machen, um sich damit eine solide Lebensperspektive aufzubauen und nicht erneut straffällig zu werden. Die Evangelischen Jugendheime wurden 1908 als „Fürsorgeheim Heidenheim e.V.“ gegründet. Nach dem Bau des Heims erfolgte 1910 die Aufnahme der ersten drei Jugendlichen. Ein Jahr später kamen über die Vermittlung der Landarmebehörde  weitere 42 Jugendliche hinzu. Das Besondere am  Fürsorgeheim Heidenheim war die Möglichkeit einer Ausbildung zum Schuhmacher, Schneider, Schlosser oder Schreiner. Dies war ein absolutes Novum in den damaligen evangelischen Jugendhilfe Einrichtungen, denn alle anderen Institutionen bildeten ihre Auszubildenden für die Mitarbeit in der Landwirtschaft aus. Die Ausbildung zum Schlosser und Mechaniker in den 1920er Jahren galt als zukunftsorientiert und verbesserte die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Werkstätten erweitert und die jungen Männer konnten sich auch zum Sattler, Polsterer oder Maler ausbilden lassen. In den 1970er Jahren erfolgte die Einrichtung der Ausbildungszweige zum Elektriker und Koch.

Die Überlieferung der im Landeskirchlichen Archiv vorhandenen Akten beginnt erst nach dem Zweiten Weltkrieg und endet Mitte der 1990er Jahre. Aus der Anfangszeit des Heimes sind leider keine Unterlagen überliefert, lediglich das Protokollbuch von 1908-1938 ist erhalten geblieben. Die Akten geben einen guten Überblick über die Fürsorgeerziehung der 1960er bis 1990er Jahre. Allerdings sind die Klientenakten mit einer Schutzfrist von 120 Jahren belegt, nur die Betroffenen selbst können Einsicht in ihre Akte erhalten. Manche Sachakten, sofern sie biographischer Datender Heimbewohner oder Mitarbeitenden enthalten, sind ebenfalls mit einer Schutzfrist belegt. Ansonsten können diese eingesehen werden.

Bestand L9 in der Beständeübersicht des Landeskirchlichen Archivs

Beitragsbild: Plakat bzw. Titelbild für die Festschrift,1960, L 9 Nr. 2521

 

Die Ausbildung zur „vollkommenen Hausfrau“ – Das Königin Paulinenstift in Friedrichshafen

29. Juni 2022 | |

Bei strahlendem Sonnenschein im Garten direkt am Bodensee ausspannen, mit der Segeljacht über den See schippern oder in den nahegelegenen Alpen Ski fahren. Das Königin Paulinenstift in Friedrichshafen machte seinem honorigen Namen alle Ehre und bot seinen Schülerinnen neben einer gründlichen hauswirtschaftlichen Ausbildung ein ansprechendes Angebot an Freizeitaktivitäten.

1856 als höhere Töchterschule gegründet, im Laufe der Zeit den Anforderungen angepasst und daher eine Haushaltungsschule nebst Abschluss der Mittlerer Reife anbietend, legte das Paulinenstift Wert auf die Ausbildung junger Damen zu guten Hausfrauen. Geleitet von einer (ledigen) Vorsteherin verbrachten die jungen Frauen ein Jahr am schönen Bodensee, lernten hier alles zum Thema Haushaltsführung, Kochen und Säuglingspflege und genossen dazu ein kulturelles und sportliches Freizeitprogramm. Der Bestand L 14 im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart gibt einen guten Überblick über die Geschichte des Paulinenstifts und ist eine wahre Fundgrube für sozialgeschichtliche Forschungen.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg erfolgte mit dem Besuch der Frauenfachklasse die Vorbereitung auf die damals üblichen „Frauenberufe“ in der Krankenpflege oder Kinderbetreuung. An Schülerinnen mangelte es nicht. Vor allem in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erfreute sich die Schule größter Beliebtheit – was sehr wahrscheinlich an der guten Versorgung im agrarisch geprägten Oberschwaben lag. Während der nationalsozialistischen Herrschaft musste die Schule 1937 aufgrund ihrer christlichen Prägung schließen und konnte ihre Tore erst wieder 1950 öffnen.

Mit einer Haushaltungs- und einer Frauenfachschulklasse war die Schule nun sehr erfolgreich. Die Schülerinnen kamen aus ganz Deutschland. Meist waren es Töchter aus besser gestellten Familien, die das Schulgeld von über 3000 DM in den 1950er Jahren aufbringen konnten. Eine große Zahl der Schülerinnen stammte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die nun mittellos dastanden und genauso wie viele vaterlose Mädchen der Nachkriegsgesellschaft um eine vergünstigte Aufnahme im Paulinenstift baten. Ihre Eltern konnten sich eine gute Ausbildung zumeist nicht mehr leisten, wünschten sich für ihre Töchter jedoch eine solche.

Sogar aus dem fernen Mittel- und Südamerika kamen Schülerinnen an den Bodensee. Deren Väter waren oft als Kaufmänner oder Ingenieure noch vor dem Krieg mit ihrer Familie nach Südamerika ausgewandert und wollten nun ihren Kindern eine Ausbildung in deutscher Sprache ermöglichen. Durch persönliche Empfehlung ehemaliger Gastschülerinnen oder deren Familien, kamen über viele Jahre hinweg Mädchen von Chile und Mexiko City ins Stift nach Friedrichshafen.

Ab Mitte der 1960er Jahre ging das Interesse an einer Ausbildung in Haushaltsführung merklich zurück. Trotz mehrerer Versuche des Schulvorstands, neue Formen der Ausbildung zu schaffen, sanken die Schülerinnenzahlen rapide. 1974 schloss das Königin Paulinenstift nach über 100 Jahren seine Pforten. Nur das seit 1950 betriebene kleine Altersheim wurde von der evangelischen Heimstiftung übernommen und wird bis heute auf dem Grundstück betrieben.

Der Bestand wurde dieses Jahr verzeichnet und steht interessierten Nutzern nun für Forschungen zur Verfügung. Das Archivinventar finden Sie hier in unserer Online-Recherche.

Beitragsbild: LKAS, L 1, Nr. 5391. Ansicht Paulinenstift

Dokumente zu Johann Georg Rapp (1757-1847) und den Separatisten in Iptingen

16. Februar 2022 | | ,

Während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lassen sich in der württembergischen Lan­deskirche zwei wesentliche Entwicklungen er­kennen. Obwohl der Pietismus in Württemberg noch am Ende des 17. Jahrhunderts Eingang gefunden hatte, entstanden in vielen Dörfern erst um 1750 die Privatversammlungen, welche bis heute als ty­pisch für den württembergischen Pietismus gelten. Gegen das Jahr­hundertende kam dann eine starke separatistische Richtung auf, mit der sich Staat und Kirche konfrontiert sahen. Viele Menschen wand­ten sich dieser Richtung zu, um ihren Glauben außerhalb der Kirche zu leben.

Einer der bedeutendsten Separatistenführer war der Leinenweber Jo­hann Georg Rapp aus Ip­tingen. Er entwickelte eine so starke Anziehungskraft, dass die Zahl seiner Anhänger im Her­zogtum Württemberg selbst von Außenstehenden auf 10.000 bis 12.000 Personen geschätzt wurde. Seit etwa 1785 bildete sich eine zunehmend größere Separatistengruppe um den Lei­nenweber, der dann 1803 nach den Vereinigten Staaten auswanderte, um dort seine religiösen Vorstel­lungen zu verwirklichen. Seine drei Siedlungen Harmony in Pennsylvania, New Harmony in Indiana und Economy, wiederum im Staat Pennsylvania, entwickelten sich zu vielbesuchten Musterwirtschaften.

Mit diesen Sätzen wird ein Beitrag von Dr. Eberhard Fritz eingeleitet, den Sie auf Württembergische Kirchengeschichte Online lesen können. Die Quellen zu der außergewöhnlichen Geschichte dieser religiösen Sonderbewegung finden sich in verschiedenen Archiven, unter anderem aber auch im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart. Eine kleine Auswahl wollen wirr hier vorstellen. Den Taufeintrag des Separatistenanführers Johann Georg Rapp findet man im zweiten Band der Kirchenbücher von Iptingen unter dem Datum 1. November 1757 (auf dem Kirchenbuchportal Archion hier). Naturgemäß hatte die Kirchenleitung ein großes Interesse an Informationen über die separatistischen Bewegungen, die die Amtskirche in Frage stellten, und ließ Berichte, Befragungen und Protokolle anfertigen. Bereits 1787 wurde der damals 29-jährige Johann Georg Rapp nach seinen Ansichten, religiösen Ideen und Verhältnissen befragt, was in einem umfangreichen, 62-seitigen Protokoll festgehalten wurde. Ebenfalls wurden über Jahre hinweg in allen relevanten Ortschaften Listen mit den Namen und Informationen zu Einwohnern gesammelt, die der separatistschen Bewegung angehörten. Letztendlich wurde in diversen Listen nach 1803 festgehalten, welche Separatisten nach Amerika ausgewandert waren und welche noch in der Heimat verblieben waren. Die Beschäftigung mit solchen Bewegungen durch staatliche und kirchliche Behörden bietet heutigen Historikern und Historikerinnen eine gute Quellengrundlage für Forschungen.

Amtskalender im Laufe der Zeiten

11. Januar 2022 | |

In den Pfarrarchiven findet sich oft eine serielle Quelle, die den Zeitraum ab dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Laufzeit der pfarramtlichen Überlieferung abdeckt: die Amtskalender. Dort trugen die Pfarrer der Kirchengemeinden stichpunktartig und mehr oder weniger durchgehend bestimmte Termine ein, die sich aus ihrem Aufgabenbereich ergaben. Eine große inhaltliche Ausführlichkeit bietet die Quelle nicht. Sie bietet die Möglichkeit entweder punktuell auf bestimmte Tage oder Wochen zuzugreifen oder längere Zeiträume zu vergleichen.

Die Amtskalender haben sich im Laufe der letzten anderthalb Jahrhunderte rein äußerlich verändert. Den Anfang machte man mit staatlichen württembergischen Kalendern in handlichem Oktav-Format, die in ihrem vorgedrucktem Inhalt im Wesentlichen mit Hinweisen zum agrarischen Jahreszyklus durch die jeweiligen Jahre führten. Dazu gab es noch Anekdoten und nützliche Information, wie etwa Termine der Märkte, die im jeweiligen Monat im Königreich Württemberg stattfanden. Ab 1871 druckte die Landeskirche selber Amtskalender. Damit war die Möglichkeit gegeben, die Pfarrer gezielt durch das Jahr zu führen. Dies geschah durch Hinweise auf den kirchlichen Jahreslauf mit Feiertagen und Gedenktagen. Auch war nun mehr Platz für die Eintragungen geboten, da das Format des Kalenders vergrößert wurde. Im großen und ganzen blieb man bei dieser Gestaltung bis heute, auch wenn der Einband heute nicht mehr schwarz sondern blau ist.

Die abgebildeten Kalender wurden dem Pfarrarchiv Schützingen entnommen, das derzeit verzeichnet wird.

Findbuch des Dekanatsarchivs Reutlingen jetzt online recherchierbar

26. Oktober 2021 | | , ,

Das Dekanatsarchiv Reutlingen ist eines der 49 Archive von württembergischen Kirchenbezirksverwaltungen, die im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart verwahrt werden. Jeder dieser Bestände wurde mindestens oberflächlich durch ein gedrucktes Inventar erschlossen, ein Teil davon auch durch Datenbanken, bei denen die einzelnen Verzeichnungseinheiten etwa durch Enthält- und Darin-Vermerke eine bessere Recherchierbarkeit ermöglichen. Neun Inventare von Dekanatsarchiven sind online recherchierbar. Neu dazu gekommen ist das nun vollständig verzeichnete Dekanatsarchiv Reutlingen, auf dessen Inventar nun bequem von Zuhause aus zugegriffen werden kann. Die Recherche erfolgt entweder systematisch durch die Bestandstektonik oder über eine Volltextrecherche.

Das Dekanatsarchiv Reutlingen umfasst insgesamt 65 laufende Regalmeter an Protokollbänden und Akten. Die Reichsstadt Reutlingen wurde  zwar durch Matthäus Alber bereits früh reformiert, und zwar noch vor Württemberg, wie in Württembergische Kirchengeschichte Online nachgelesen werden kann, aber die Stadt gelangte erst im Gefolge des Zusammenbruchs des Alten Reichs im Rahmen der Mediatisierung 1802 an Württemberg. Aus diesem Grund beginnt die Überlieferung des Dekanatsarchivs, – abgesehen von wenigen Ausnahmen -, erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Bestand beinhaltet auch die Pfarrarchive der Stadt Reutlingen, so wie sich etwa bis zum Ende des zweiten Weltkrieges entwickelt hatten.

Welche Akten des Bestands der einzelne am interessantesten findet, wird jeweils vom eigenen Forschungsinteresse abhängig sein. Eine besondere Perle der Überlieferung scheinen uns jedoch die Unterlagen des Baubüros der umfassenden Bauarbeiten an der Marienkirche, – der Hauptkirche der Stadt -, zu sein, die den Zeitraum von 1893 bis 1902 abdecken. Es finden sich dort allerlei Rechnungs- und Planungsunterlagen, mit denen sich der damalige Umbau akribisch verfolgen lässt. Ein besonders leichter Zugang zu den damaligen Baufortschritten lässt sich an den Zeitungsausschnittssammlungen ablesen, die man chronologisch geordnet in den Bestellnummern 3395 bis 3398 finden. Dort wurden auch verschiedene Programme, Gedichte, Rückblicke abgelegt, die anlässlich der Wiedereinweihung der Marienkirche im Jahr 1901 entstanden. Wen es interessiert, wie die Feierlichkeiten unter Anwesenheit der königlichen Hoheiten abliefen, welche Gedichte vorgetragen wurden, was man zum Festmahl aß (im ersten Gang z.B. eine “falsche Schildkrötensuppe”), und von welchen musikalischen Klängen das üppige Mahl begleitet wurde, wird hier fündig. Außerdem finden sich im Bestand zahlreiche, oft großformatige, und künstlerisch wertvolle Pläne und Detailzeichnungen, die während der Bauphase angefertigt wurden. Eine wahre Fundgrube für Kunsthistoriker. Einen kleinen, – aber wirklich nur sehr kleinen -, Einblick in das, was der Bestand an interessanten Dokumenten enthält, wollen wir mit unserer Auswahl an Digitalisaten bieten.

Link: Online Findbuch des Dekanatsarchivs Reutlingen

 

Das Landeskirchliche Archiv bekommt die letzten Papierakten des Difäm zur Aufbewahrung

21. September 2021 | |

Jakob Eisler bei der Einholung der letzten Papierakten des Difäm in Tübingen

In den Sommermonaten 2021 konnten die letzten Papierakten des Deutschen Instituts für ärztliche Mission (Difäm) aus den Jahren 1995 bis 2020 in Tübingen abgeholt werden, um diese zu bearbeiten und um das Papierarchiv vollständig in Stuttgart aufzubewahren. Somit wird sich das gesamte Difämarchiv für Benutzer in unserem Archiv befinden.

Das Landeskirchliche Archiv hatte schon im Jahre 2011 den Altbestand des Difäm übernommen und ließ es durch Dr. Jakob Eisler und Dr. Siglind Ehinger für die Jahre 1836 bis 1995 verzeichnen. Diese Akten beinhalteten auch die Altakten des medizinischen Missionsinstitutes Tübingen von 1841-1849, den Verein für Ärztliche Mission Stuttgart 1898-1972, und des Difäm bis 1995. Das Archiv ist erschlossen und das Inventar ist hier recherchierbar.

Im Jahr 1906 gründete der Unternehmer Paul Lechler das „Deutsche Institut für ärztliche Mission (DIFÄM) mit dem Ziel. Ausreisende Ärzte und Pflegekräfte sowie Theologen der verschiedenen Missionsgesellschaften in Deutschland auf ihren Auslandsaufenthalt vorzubereiten und in Tropenmedizin auszubilden bzw. ihnen medizinisches Basiswissen zu vermitteln. 1916 wurde in Tübingen die Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus errichtet.

Zum hundertjährigen Jubiläum der Tropenklinik erarbeitete das Landeskirchliche Archiv gemeinsam mit dem Difäm eine Ausstellung, die die bewegende Geschichte des Institutes und seiner Zweige darstellte.

In der aktuellen Corona-Pandemie setzt sich das Difäm für die gerechte Verteilung von Covid-19-Impfstoffen ein und fordert, diese zu einem globalen zugänglichen Gut zu machen.

Maßstab und Motivation für das Engagement des Difäm ist bis heute die christliche Ethik mit ihrer Herausforderung, für die Benachteiligten da zu sein.

Archiv der Ulmer Münsterbauhütte erschlossen

14. Juni 2021 | |

Kisten, Bücher, Akten – als das Archiv der Ulmer Münsterbauhütte 2016 in das Landeskirchliche Archiv Stuttgart überführt wurde, war klar, dass damit viel Arbeit auf die Archivmitarbeiterinnen des Landeskirchlichen Archivs zukommen würde. Zu diesem Zeitpunkt konnte man allerdings noch nicht ahnen, welche enormen Herausforderungen die Erschließung mit sich bringen würde.

Doch die Arbeit hat sich gelohnt. Beispiele wie die Wiederherstellung des Chorgewölbes nach dem Bombeneinschlag vom 1. März 1945 oder der Restaurierung des Schmerzensmannes vom Hauptportal des Ulmer Münsters 1974 nehmen jede/n Nutzer*in in Wort und Bild anschaulich mit in das Münster und seine Bauhütte. Näheres dazu können Sie auf unserem Onlineportal „Württembergische Kirchengeschichte Online“ nachlesen.

Nun ist das Projekt abgeschlossen und das Archiv kann von allen Forscher*innen und Interessierten genutzt werden. Zusammen mit den im Stadtarchiv Ulm verwahrten Überlieferungen und der Plansammlung, die sich noch in der Münsterbauhütte befindet, lässt sich nicht allein die Baugeschichte des Gotteshauses mit dem höchsten Kirchturm der Welt in großen Teilen rekonstruieren, sondern man bekommt darüber hinaus auch einen beeindruckenden Einblick in den Baubetrieb der Münsterbauhütte mit ihren vielfältigen Aufgaben und ihren gesellschaftlichen und sozialen Strukturen. Insgesamt bietet das Archiv mit seiner herausragenden Überlieferungsdichte insbesondere in Bezug auf die Fertigstellung des Ulmer Münsters ein hohes Potenzial für zukünftige Forschung und stellt auf diese Weise eine Besonderheit dar, die in dieser Gesamtheit nur selten zu finden ist.

Münsterbauhütte Ulm – Bestandsfindbuch

Münsterbauhütte Ulm – Bestandsfindbuch mit Bildern_optimiert

Autorinnen: Anette Pelizaeus und Sabine Tomas

Aus den Anfängen der Tropenmedizin. Chinin gegen Malaria

23. April 2021 | |

In der Musealen Sammlung des Landeskirchlichen Archivs befinden sich mehrere historische Schaugläser mit Chinarinde aus verschiedenen Regionen der Welt. Die Rinde ist der Rohstoff für „Chinin“, das seit dem 17. Jahrhundert zur Therapie der Malaria verwendet wird. Malaria tritt vorwiegend in tropischen und subtropischen Klimazonen auf, wo sie durch den Stich einer weiblichen Stechmücke der Gattung Anopheles übertragen wird.
Um Tropenkrankheiten wie diese zu erforschen und zu bekämpfen, wurde im Jahr 1906 das Deutsche Institut für Ärztliche Mission (DIFÄM) gegründet. In Zusammenarbeit mit der Universität Tübingen bereitete man Ärzte, Schwestern und Missionare auf ihren Auslandsaufenthalt vor und vermittelte neben medizinischem Basiswissen speziell auch Kenntnisse in Tropenmedizin. Für den Anschauungsunterricht baute das DIFÄM eine Lehrsammlung auf, aus der die Schaugläser stammen. In den Räumen der 1916 erbauten Tropenklinik (damals „Tropengenesungsheim“) informierte zusätzlich eine Ausstellung über die Erkenntnisse und Maßnahmen der Tropenmedizin in verschiedenen Regionen der Welt.
Das DIFÄM ist heute Träger der „Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus“ in Tübingen und der „Akademie für Gesundheit in der Einen Welt“. Inhaltliche Schwerpunkte sind die Prävention und Behandlung von HIV und Aids, Malaria, Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten. Das DIFÄM leistet Beratung und finanzielle Unterstützung für Projekte von Partnerorganisationen und ist engagiert im Verband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen sowie in kirchlichen Netzwerken.
Noch immer sterben knapp eine halbe Million Menschen weltweit jährlich an Malaria. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist sie mit etwa 200 Millionen Erkrankten pro Jahr die häufigste Infektionskrankheit der Welt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich die Therapiemöglichkeiten vervielfacht. Dennoch sind chininhaltige Präparate bis heute von Bedeutung.
Ein Impfstoff gegen Malaria schien lange Zeit nicht in Sicht. Mittlerweile scheint ein Durchbruch gelungen und ein Produkt befindet sich im Zulassungsverfahren.

Das Inventar des Bestands im Landeskirchlichen Archiv finden Sie hier.

Aus den Anfängen der Tropenmedizin Die Schausammlung des Deutschen Instituts für ärztliche Mission (Difäm)

19. April 2021 | | ,

Welch große Folgen ein kleines Virus haben kann, ist uns allen in den letzten Monaten deutlich geworden. Auch die hier in Schaugläsern gesammelten winzigen Tsetsefliegen haben es in sich: Sie übertragen die gefürchtete Schlafkrankheit, die in Afrika ganze Landstriche außer Gefecht setzt.

Um Tropenkrankheiten wie diese zu erforschen und zu bekämpfen, wurde im Jahr 1906 das Deutsche Institut für Ärztliche Mission (Difäm) gegründet. Die Initiative ging auf den christlich geprägten, sozial engagierten Stuttgarter Unternehmer Paul Lechler (1849 – 1925) zurück, der durch einen Missionsarzt der Basler Mission auf das Elend in Indien und anderen tropischen und subtropischen Ländern aufmerksam geworden war. Bereits 1909 konnte in Tübingen das Institutsgebäude des Difäm eingeweiht werden. In Kooperation mit der Universität wurden dort Ärzte und Pflegekräfte sowie Theologen der verschiedenen Missionsgesellschaften auf ihren Auslandsaufenthalt vorbereitet und in Tropenmedizin und medizinischem Basiswissen unterrichtet. 1916 wurde ein großes Genesungsheim für Tropenheimkehrer errichtet – das heutige Paul-Lechler-Krankenhaus, das als Spezialklinik für Tropenkrankheiten noch heute einen weit über Missionskreise hinausgehenden internationalen Ruf genießt.

Für den tropenmedizinischen Unterricht baute das Difäm früh schon eine Schausammlung auf. Neben dem Wissen über Krankheitserreger und Überträger beschäftigte man sich auch mit tropischen Heilpflanzen und medizinischen Rohstoffen sowie mit und Bräuchen und Heilpraktiken der jeweiligen Kulturen. Ein Teil dieser Anschauungsmittel aus der Epoche zwischen 1910 und 1930 kamen mit dem Archivbestand des Difäm im Jahr 2013 in die Museale Sammlung des Landeskirchliche Archiv Stuttgart.

Beachten Sie auch den ausführlichen Beitrag von Jakob Eisler zum Difäm auf WKGO.

Teil III der Serie zur Nachkriegszeit: Vermisst? Der Suchdienst nach dem Zweiten Weltkrieg

29. September 2020 | | , ,

Mütter verloren ihre Kinder, Kinder ihre Mütter, Geschwister, Tanten, Großeltern. Auf dem Treck nach Westen wurden viele Familien auseinandergerissen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren Millionen von Menschen in Deutschland zwangsweise auf den Landstraßen und in Städten unterwegs. Es waren vor allem Menschen aus ehemaligen deutschen Ostgebieten, die Haus und Hof verlassen hatten, um sich vor der herannahenden Roten Armee im Westen in Sicherheit zu bringen. Aber auch Soldaten, die sich nach der Kapitulation der Front auf dem Rückweg zu ihren Familien befanden und in den zerbombten Städten weder ihr Haus noch ihre Angehörigen wiederfanden. Sie alle wanderten auf der Suche nach ihren Angehörigen mehr oder weniger ziellos durch das zertrümmerte Deutschland.

Um in dieser verzweifelten Lage Hilfe zu leisten, wurde ein Suchdienst aufgebaut. Eine Arbeitsgemeinschaft, bestehend aus dem Rotem Kreuz, dem Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Caritas, war bis Juni 1948 gemeinsam tätig, danach lag der Suchdienst ausschließlich in den Händen des Roten Kreuzes. Der Suchdienst hatte drei Schwerpunkte:

 

1) Die Suche nach Kriegsgefangenen, Wehrmachtsvermissten und Verschleppten

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, L1, Nr. 3627.

Heimkehrende aus der Kriegsgefangenschaft wurden nach Namen und Adressen ihrer Kameraden in den Gefangenenlagern befragt. Auf Karteikarten wurden dann Feldpostnummern sowie Nummern der Gefangenlager gesammelt, um Anhaltspunkte über den letzten Aufenthalt des Vermissten geben zu können. Mit der Einrichtung einer „Sammelstelle für Heimkehrer Nachrichten“ konnte eine Auswertung der erhaltenen Nachrichten erfolgen. Bei der Suche nach Kriegsgefangenen und Wehrmachtsvermissten spielten Pfarrämter eine große Rolle. Sie waren für die Einholung und Überbringung von Heimkehrer-Nachrichten von Bedeutung, da sie als Anlaufstelle für Suchanträge fungierten.

 

2) Flüchtlingssuchdienst

Dem Flüchtlingssuchdienst standen Adressen zur Verfügung, die bei der Erfassung der Neubürger durch die Flüchtlingskommissare aufgenommen wurden. In der englisch und amerikanisch besetzten Zone – Deutschland war von den Alliierten in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden, einer englischen, amerikanischen, französischen und sowjetischen Zone –  gab es eine Zonenzentrale, die mit dem Suchdienst zusammenarbeitete.

Die Hilfskomitees ehemaliger deutschen Volksgruppen in Nordost- und Südosteuropa, wie z.B. der Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, der Slowakeideutschen, der Bessarabiendeutschen, Dobruschdadeutschen, und Baltendeutschen erstellten jeweils eine eigene „Heimatkartei“, die sich für viele als hilfreich erweisen sollte.

 

3) Kindersuchdienst

In Württemberg-Baden umfasste die Kartei des Suchdienstes 2 400 Kinder, die von ihren Angehörigen gesucht wurden und elternlose Kinder, die ihre Familien suchten. Der Großteil der Kinder stammte aus Ost- und Westpreußen und Schlesien. Über Rundfunk, Suchzeitungen und Bildplakaten versuchte der Suchdienst die Kinder ihren Familien zu zuführen. In Württemberg konnten von Mai 1947 bis Februar 1948 jedoch nur 30 Kinder wieder mit ihren Angehörigen vereint werden.

In unserem Archiv befinden sich verschiedene Archivalien über den Suchdienst. Aus dem Bestand des Diakonischen Werks L 1, das seine Wurzel im Evangelischen Hilfswerk hat, stammen das Plakat „Nachrichten über Vermisste“ von 1948, der Fragebogen der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Kirche der Umsiedler und das Formular der Zonenzentrale München. Das ehemalige Internierten-Lagerpfarramt Ludwigsburg mit der Signatur GS 6, dessen Dokumente von 1945 bis 1949 in unserem Archiv verwahrt werden, enthält die abgebildeten Formulare des Roten Kreuzes.

Beachten Sie auch den Einstiegsbeitrag dieser Serie.

Diakonieplakate

19. August 2020 | | ,

In unserem Archiv werden nicht nur Akten, sondern auch Plakate aufbewahrt. Im umfangreichen Bestand des Diakonischen Werks Württemberg, das dieses Jahr sein 50-jähriges Jubiläum feiert, befinden sich 182 Plakate, deren Verzeichnung nun abgeschlossen ist. Die Plakate erzählen in bildhafter Gestaltung von den Arbeits- und Aufgabengebieten der Inneren Mission und des Evangelischen Hilfswerks, die sich 1970 zum Diakonischen Werk Württemberg zusammengeschlossen haben. Die frühesten Plakate der beiden Institutionen, die sich bei uns befinden, stammen von 1947, das neueste von 2013. Ein wahrer Bilderschatz, der gesellschaftliche Entwicklungen und Notstände deutlich macht.

Zur Vertiefung: Beitrag über das Diakonische Werk Württemberg auf Württembergische Kirchengeschichte Online.

Teil III der quellenkundlichen Serie über den Kirchenkonvent: Sexualität

14. August 2020 | | ,

Die Ehe war ein zentraler Ordnungsfaktor der Gesellschaft und von oben geregelt. Dabei war festgelegt, ab welchem Alter geheiratet werden durfte, welche Zustimmungen nötig waren und welche Vermögensverhältnisse vorliegen mussten. Ehen sollten nach Ansicht der Gemeinden nur dann geschlossen werden, wenn die Begründung eines einigermaßen soliden Hausstandes gewährleistet schien, also die Eltern die zu erwartenden Kinder selbst versorgen konnten. Durch die Eheschließung und die Gründung eines eigenen Hausstandes (status oeconomicus) wurde der Mensch der Frühen Neuzeit erst zum vollen Mitglied der Gesellschaft. Knechte und Mägde waren außen vor.

Seit der Reformation wurde die Ehe in den protestantischen Gebieten eine weltliche Sache – mit kirchlichem Segen. Vor allem auf dem Land betrachtete die Bevölkerung im 17. und zum Teil noch im 18. Jahrhundert die Verlobung als konstituierendes Element für eine eheliche Hausgemeinschaft. Innerhalb bestimmter Verhaltensregeln erlaubten die Gemeinschaften den Beischlaf der Verlobten, was im Gegensatz zur obrigkeitlichen Auffassung stand. Eine Eheschließung war immer eine das gesamte Dorf betreffende Angelegenheit, da eine Verbindung sowohl ökonomisch als auch hinsichtlich des Standes „passen“ musste. Männer mussten mindestens 25 sein und insgesamt musste ein bestimmtes Vermögen vorliegen. Waren diese Voraussetzungen gegeben und fanden die Treffen der Versprochenen in der Öffentlichkeit statt, wie zum Beispiel in den sogenannten Lichtstuben (Treffen zum Handarbeiten im Winter in  einer beleuchteten Stube im Dorf), erlaubten die dörflichen Normen auch Sexualität, wie anhand des Albdorfs Laichingen festgestellt werden konnte. Wurden diese Regeln nicht eingehalten oder entzog sich im Fall der Schwangerschaft der Mann seinen Verpflichtungen, schritt das kirchliche Sittengericht ein. Aber man konnte manche Tatsachen auch für sich nutzen – eine nicht-eheliche Schwangerschaft schuf für einige Paare die Möglichkeit, ohne Vermögen eine Heiratserlaubnis zu erzwingen.

“Elisabeth, Melchior Riecken Filia at: 24: annorum bekennt, daß sie sich schwanger befinde seit 13 Wochen, und zwar von Jakob Uffrechten. […] at: 26 ann. Jakob Uffrecht gestand dies und gab weiter an, dass er ihr die Ehe versprochen habe und sie auch behalten wollte.”

Die Eltern der zum Zeitpunkt der Schwangerschaft 24-jährigen Elisabeth verfügten über keinerlei Vermögen. Hingegen waren die Vermögensverhältnisse der Eltern des werdenden Vaters günstiger, doch wollten diese vor ihrem Tod nichts davon abgeben. Das Paar heiratete am 7.8.1742 und bekam in den folgenden Jahren insgesamt zehn Kinder, von denen aber nur fünf die Kindheit überlebten. Vermutlich bedingt durch die ökonomischen Verhältnisse der Familie war die Eheschließung von dreien der Töchter ebenfalls erschwert, so dass sie ledig Mütter wurden. Ihre Kinder verstarben jedoch. (Kirchenkonventsprotokolle Laichingen 1738-1754, 4.5.1742)

Die entsprechenden Fälle in den Protokollen des Laichinger Kirchenkonvents erwecken den Eindruck, dass uneheliche Schwangerschaften ohne großes Aufheben abgehandelt wurden. Auch auf Seiten der Richter war man sich darüber im Klaren, dass solche Schwangerschaften nicht zu unterbinden waren. Vor allem Frauen nutzten den Kirchenkonvent, um ihre Interessen zu wahren. Leider wurde dieser Spielraum ab dem Ende des 18. Jahrhunderts immer enger bzw. durch den Pietismus sehr moralisiert und entmenschlicht.

Siehe hier die Einführung in die Serie über die Kirchenkonventsprotokolle.

Beitragsbild: Spinnstube. Autor unbekannt – Otto von Reinsberg-Düringsfeld: Das festliche Jahr in Sitten, Gebräuchen und Festen der germanischen Völker. Mit gegen 130 in den Text gedruckten Illustrationen, vielen Tonbildern u. s. w. Spamer, Leipzig 1863. Bayerische Staatsbibliothek München, Signatur: Germ.g. 390 w

Teil II der quellenkundlichen Serie über die Kirchenkonventsprotokolle: Üble Nachrede und verdächtiger Umgang

10. August 2020 | |

Wenn die gesetzte Ordnung prinzipiell in Frage gestellt wurde bzw. das Thema der Ehre ins Spiel kam, war mit den Richtern nicht zu spaßen. Fluchen/Schwören waren damals Gottes- und Obrigkeitslästerung. Klagen wegen angeblicher Hexerei, Diebstahl, Schimpfwörtern und falschen Gerüchten betrafen die Ehre. Da wurde der Kirchenkonvent als Instanz zur Wiederherstellung der Ehre genutzt.
In der Frühen Neuzeit wurde die Ehre einer Person und seine Stellung innerhalb der Gesellschaft durch Herkunft, Vermögen und Leumund festgelegt. So entstand eine Form des sozialen Kapitals, das gerade für Frauen eine spezifische Bedeutung im Bereich der Sexualität bekam. Durch die familiäre Einbindung jeder Frau waren auch die übrigen Familienmitglieder, also auch die Ehemänner, betroffen. Wie aus der Sichtung der Protokolle erkennbar ist, kam es nicht selten vor, dass Frauen von Angehörigen ihres eigenen Geschlechts der Hexerei, des schlechten Umgangs, der Liederlichkeit bezichtigt und mit Schimpfwörtern wie Hure belegt. Dahinter steckte wohl oft Neid: ein Mechanismus, der bis in die Gegenwart anhält.
Die Kirchenkonvente gingen solchen Anschuldigungen nach und befragten Zeugen, um ein genaues Bild der jeweiligen Angelegenheit zu gewinnen. Sie versuchten vor allem im Fall des Vorwurfs der Hexerei, den Vorwurf zu entkräften und als böses Geschwätz zu enttarnen. Es ging darum, deutlich zu machen, dass es keine Hexerei gibt und damit auch keine Hexen. Ziel der Bestrafung war immer die Versöhnung der Parteien, um den Frieden wiederherzustellen. Bestraft wurde mit öffentlichen Widerrufen und Entschuldigungen, Geld- und Gefängnisstrafen und im Fall von übler Nachrede mit „auf das eigene Maul schlagen“.
Am 14. März 1731 wurde Anna Maria Hiller wegen der Untersuchung einer Verleumdungsangelegenheit vor den Konvent gerufen. Sie hatte angegeben, dass Appolonia Clauß überall behauptete, dass die Katze des Ehepaars Hiller ihnen von Laichingen bis über Ulm hinaus gefolgt sei. Daher wurde Anna Maria Hiller vor den Kirchenkonvent in Laichingen zitiert. Anna Maria Hillers Zeuge, Walter Franck, belastete jedoch Appolonia Clauß und ihre Schwester Margaretha Koch schwer. Am Ende gestand Margaretha Koch, die Geschichte erfunden zu haben. Margaretha Koch bekam folgende Strafe: sie soll 3-mal um den „Trill“ (Drehkreuz am Dorfeingang) geführt werden, eine viertel Stunde dabei stehen bleiben, und als dann bis auf den Abend in das Zuchthäußle (Dorfarrest) gelegt werden. Sie musste Anna Maria Hiller die Hand geben, sich selbst auf den Mund schlagen, und Anna Maria Hiller vor dem ganzen Kirchenkonvent für ehrlich bezeugen (Kirchenkonventsprotokolle Laichingen 1726-1730, 14.3.1731).

Beitragsbild: Verhandlung über Anna Maria Hiller vor dem Kirchenkonvent in Laichingen am 14.3.1731.

Siehe hier die Einführung in die Serie über die Kirchenkonventsprotokolle.

Demografische Entwicklung eines Ortes im 17. Jahrhundert anhand der Synodusprotokolle

15. Juli 2020 | | ,

Lienzingen ist ein württembergischer Ort im Enzkreis und ist heute ein Teilort von Mühlacker. Eine gewisse überregionale Bekanntheit hat die dortige Liebfrauenkirche, eine spätmittelalterliche Friedhofskapelle. Das Dorf gehörte früher verwaltungstechnisch zum Klosteramt Maulbronn. Die nachfolgend genannten demografischen Zahlen ergeben ein Bild, das auch typisch für die anderen Orte dieses ehemaligen Bezirks sind, was den Dreißigjährigen Krieg betrifft, zu einem gewissen Grad sogar für sehr viele Dörfer des damaligen Herzogtums Württemberg.

Im Landeskirchlichen Archiv bilden die Synodusprotokolle den Bestand A 1, der aus 161 dickleibigen, schweren, in geprägtes Leder gebundenen Folianten besteht. Die Laufzeit dieser Bände beginnt 1581. Es gibt einige Lücken, aber im Wesentlichen wurden diese Bände jährlich angelegt, so dass es sich um eine sogenannte serielle Quelle handelt, der also nicht nur punktuell Informationen entnommen werden können, sondern anhand derer auch Entwicklungen abgelesen werden können. Diese Protokollbände enthalten Auszüge aus den Kirchenvisitationsberichten. Alljährlich wurden alle Pfarrorte Württembergs von sogenannten Generalsuperintendenten besucht, die nach einem gleichförmigen Schema kürzere Berichte verfassten und auch die Anzahl der Gemeindeglieder festhielten. Das heißt, dass mittels dieser Daten die Bevölkerungszahlen jedes württembergischen Dorfes ab 1581 ablesbar sind.

Die Zahlen für Lienzingen im Band von 1621 nennen 490 Kommunikanten und 340 Katecheten. Insgesamt handelt es sich um 830 Personen. Kommunikanten sind Abendmahlsteilnehmer, also Personen, die konfirmiert sind, grob gesagt die Erwachsenen. Katecheten sind Kinder, die bereits den Katechismus lernen, also die Schulkinder. Das heißt, dass die Kleinkinder bei diesen Zahlen fehlen. Man müsste sie soweit möglich schätzen und zu der Zahl hinzufügen. Es versteht sich, dass der Ort inklusive kleineren Kindern über 900 Einwohner hatte. Das Zahlenverhältnis zwischen Schulkindern und Erwachsenen zeigt auch, dass das Dorf damals am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine stark positive Bevölkerungsentwicklung hatte, also dass die einzelnen Familien normalerweise viele Kinder hatten.

Der Band von 1653 nennt 108 Erwachsene, 63 Schulkinder und 38 kleinere Kinder (Infantes), die inzwischen auch ausgewiesen werden, alles in allem 209 Personen. Wie man unschwer erkennen kann, hat der Ort während des Dreißigjährigen Krieges mehr als drei Viertel seiner Einwohnerzahl eingebüßt. Dabei war der Krieg 1653 sogar schon seit fünf Jahren vorüber. Erschreckenderweise ist das keine lokale Besonderheit, sondern entspricht in ungefähr dem demografischen Einbruch Württembergs insgesamt. Verantwortlich dafür waren nur zum kleineren Teil die direkten Kriegsfolgen. Die Schwächung der Bevölkerung durch Mangelernährung, das Herumstreifen von Soldaten und Flüchtenden boten ideale Ausbreitungsvoraussetzung für die Pest, die um 1635 viele Menschen hinwegraffte.  Innerhalb weniger Monate verloren die Dörfer einen Großteil ihrer Bewohner. In den Sterberegistern der einzelnen Orte kann dies abgelesen werden.

Der Protokollband von 1680 nennt 219 Erwachsene, 80 Schulkinder, 113 kleinere Kinder für Lienzingen, insgesamt 412 Personen (die im Protokoll genannten Daten des Filialorts Schmie muss man bei der Gesamtzahl herausrechnen). Innerhalb von nur drei Jahrzehnten hat sich die Einwohnerzahl wieder verdoppelt, was ein erstaunlicher Befund ist. Die genannten Kinderzahlen geben den Hinweis, wie dies möglich war.

Der letzte Scan zeigt die Zahlen von 1695. Damals wohnten im Ort 131 Erwachsene, 56 Schulkinder und 20 kleinere Kinder, insgesamt 207 Personen. Wir sehen, dass die Bevölkerungszahl des Ortes wieder auf den niedrigen Stand von 1653 herabgesunken war, sich also innerhalb weniger Jahre halbiert hat. Die Erklärung liegt im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697). Das Klosteramt Maulbronn war Durchzugsgebiet französischer Armeen und musste außerdem die dort zum Schutz abgeordneten Reichstruppen ernähren. Diese Abgaben und erheblichen Erschwernisse bei der Feldbestellung führte wieder zu Nahrungsmittelengpässen und überdurchschnittlichen Sterberaten. Ein Teil der Einwohner der Dörfer flüchtete sich in diesen Jahren auch in sicherere Gegenden. Das 18. Jahrhundert war weniger von Kriegen gekennzeichnet und führte dementsprechend wieder zu einem Bevölkerungsanstieg.

Wie man sieht, lassen sich die Folgen von historischen Ereignissen anhand von seriellen Quellen auf lokaler Ebene konkret ablesen. Wir planen, den Bestand A1, wie ähnliche andere Bestände in Zukunft digital zu präsentieren.

Die Digitalisierung der Glasplatten und Dias der Ulmer Münsterbauhütte ist abgeschlossen!

8. Juni 2020 | | , ,

In vielen Bereichen des persönlichen und beruflichen Lebens gibt es sogenannte „Aha-Momente“, so auch im Archiv! Ein Wunder ist geschehen, sämtliche Glasplatten und Dias einer Münsterbauhütte sind digitalisiert. Nun ist es möglich, sich in verschiedener Weise den Abbildungen, die man nun in groß und im Detail ansehen kann, zu nähern und dabei den Bildbestand überhaupt erst zu ermessen und zu erschließen. Das Bildarchiv nämlich enthält etliche Risse der mittelalterlichen Baumeister, angefangen von Heinrich II. Parler 1377 bis hin zu Burkhard Engelberg 1512, zahlreiche Ansichten vor und nach der Anfügung des Strebesystems am Langschiff von 1856-1870, vor und nach der Vollendung vom Hauptturm im Westen 1892 sowie vom Bau der Seitentürme am Chor 1871-1880. Unzählige Abbildungen des Kirchenbaues, der einzelnen Ausstattungsstücke im Innenraum sowie vom Bauschmuck am Außenbau des Ulmer Münsters zeugen von der baukünstlerischen Qualität der Münsterbaumeister, der Steinmetzen, der Bau- und Werkleute und Kunstschaffenden, die unermüdlich Pläne schmiedeten, Stein auf Stein setzten, Steine bearbeiteten und formten. Allein dieses Bildmaterial, einschließlich der zahlreichen Darstellungen der Meisterzeichen der Münsterbaumeister gibt reichlich Aufschluss nicht nur über die Baugeschichte des Ulmer Münsters sondern auch über kulturhistorische, kunsthistorische, technische und werkspezifische Fragen. Dazu gehört auch die einzigartige Dokumentation der Totentafeln, aus der wertvolle Erkenntnisse zur Stadtgeschichte und zu den Stifterpersönlichkeiten des Ulmer Münsters zu ziehen sind. Doch damit nicht genug, denn nicht nur der Bau und seine Kunstobjekte sind Bildmotive, sondern auch die Bauhütte selbst. Diese, von der man seit dem spätmittelalterlichen Baustopp am Turm von 1492 und der endgültigen Einstellung aller Bauarbeiten spätestens 1550 nichts mehr hörte, wurde 1844 von dem späteren Münsterbaumeister Ferdinand Thrän (1857- 1870) wiedergegründet und das Bildarchiv zeigt Bilder von Steinmetzen mit ihrem Handwerkszeug. Gruppenbilder diverser Mannschaften aus verschiedenen Zeiten geben Aufschluss über diejenigen, die seit dem 19. Jahrhundert am Münster gewirkt haben und welchen Wandel auch die Bauhütte seit ihrer Gründung erlebt hat. Gleichwohl gilt dabei zu konstatieren, dass die Bauhütte von Beginn an von Männern dominiert war und heute auch noch ist, ein ganz und gar typisches Phänomen dieses Berufsfeldes, ein Gesellschaftsphänomen, dessen Wandel noch bevorsteht.