Ein württembergischer Pfarrer als Wanderer zwischen den Konfessionen

15. Juli 2019 | |

In den Akten des Oberkirchenrats hat sich in den Ortsakten von Großglattbach ein eigentümlicher Vorgang aus dem Jahr 1664 niedergeschlagen. Die mit einem simplen Umschlag zusammengefassten Schriftstücke, die mit „Wachter, Joh. Kaspar, Convertit”, betitelt sind, haben die eigentümliche Flucht des damaligen Ortspfarrers Wachters im Januar 1664 zum Inhalt. Der aus Bamberg stammende Johann Kaspar Wachter war ursprünglich ein Mönch des Zisterzienserklosters Langheim und versah in dieser Funktion die Messdienste in einigen katholischen Pfarreien. 1656 war er nach Württemberg geflohen und konvertierte zum protestantischen Glauben. Seine Revokationspredigt und seine Tübinger Dissertation „De Praedestinatione” haben sich in der Württembergischen Landesbibliothek erhalten. Von 1660 amtierte er als evangelischer Pfarrer in Großglattbach. Den Akten ist zu entnehmen, dass er im Sommer des Jahres 1663 von seiner Schwester, in Begleitung einer Nonne, besucht wurde. Im September des Jahres erhielt er einen Brief seines ehemaligen Abtes Mauritius Knauer, der in zeitgenössischer Abschrift auf den Akten erhalten ist. Der Abt, der über Wachters Schwester genaue Kenntnisse über die Verhältnisse erhalten hatte, forderte Wachter zur Rückkehr ins Kloster auf. Seine drei Kinder könne er mitnehmen, seine Ehefrau solle er zurücklassen. Sie sei als Konkubine anzusehen. Am 25. Januar 1664 verabschiedete er sich von seiner Familie unter dem Vorwand einer Reise nach Stuttgart. In Wirklichkeit war allerdings das Kloster Langheim seine Destination. Bereits auf halber Strecke begann er seine Flucht allerdings zu bereuen. In der württembergischen Exklave Kitzingen offenbarte er dem evangelischen Pfarrer sein eingetretenes Dilemma. Den Akten ist zu entnehmen, dass Wachter unterwegs seine Abkehr vom Protestantismus und von seiner Ehefrau bereute und nun verzweifelt alle Hebel in Gang setzte, wieder zurückkehren zu können. Erst nach monatelangem Ringen und umherwandern gelang es ihm, seine Frau und seine Schwiegermutter von der Aufrichtigkeit seines erneuten Sinneswandels zu überzeugen, und schließlich auch das württembergische Konsistorium unter wortreichen Beteuerungen zur Wiederaufnahme in den Dienst der Landeskirche zu bewegen. Er wurde daraufhin in anderen Gemeinden wieder als Pfarrer eingesetzt, zunächst in Neustadt, dann in Oberbrüden. Von Oberbrüden entlief er allerdings im Jahr 1668 erneut und ließ wiederum seine Frau mit den nunmehr fünf Kindern zurück, dieses Mal endgültig.

 

Humor aus dem Glauben

8. Juli 2019 | | ,

Bei der Archivierung der Akten des Landesbischofs fiel ein Brief der Gattin eines ehemaligen Oberkirchenrats vom 05. Dezember 2012 an das Bischofsbüro auf. Es handelte sich um ein Gedicht des damaligen Prälaten Adolf Schaal aus der Kriegszeit des zweiten Weltkriegs. Er hatte das Gedicht „zum 75. Geburtstag des Herrn Landesbischofs am 7. Dezember 1943“ verfasst.  Das Bischofsbüro teilte mit Schreiben vom 18. Mai 2012 an die Einsenderin mit: „Diese Zeilen haben den Landesbischof sehr bewegt, sind sie doch ein Zeugnis, dass in einer Welt ‚in Schutt und Trümmer` Menschen auch mit Humor und ‚dennoch‘ versuchen, einen Weg in eine bessere Zeit zu finden. Das landeskirchliche Archiv wird sicher Interesse an dem Blatt haben.“ Gedicht von Prälat Schaal siebter Dezember 1944

Das zugetragene Gedicht ist ein zeitgeschichtliches Dokument für Humor in unserer Landeskirche. Der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger definierte Humor als die Fähigkeit, Komik wahrzunehmen (vgl. schon „Erlösender Glaube“, 2006). In Komik liegt ein Signal des Transzendenten. Humor ist die Freude, welche die Welt überwunden hat. Humor hat viel mit Liebe und Güte zu tun. Heitere Menschen lachen deshalb nicht über andere, sondern mit anderen. Wer Humor hat, kann zumindest schmunzeln oder lächeln, wenn einem auch nicht nach Lachen zu Mute ist. Humor kann bisweilen in einer nur schwer zu ertragenden Wirklichkeit eine quasi erlösende Nebenwelt auf Erden schaffen. Glaube und Erlösung gehören zusammen. Wer das Licht Gottes in alle Abgründe seiner Seele eindringen lässt, kann Heiterkeit ausstrahlen. Und wer die Freudenbotschaft ernst nimmt, hat Grund zum Lachen. Das Osterlachen des Christentums ist ein historisches Zeugnis dafür. Aus der jüdischen Tradition des Christentums ist der Humor bekannt, der das Volk Israel in herausragender Weise auszeichnet. Solcher Humor trägt. Die Fähigkeit, Komik in der menschlichen Erfahrung zu entdecken, zeichnet auch christliches Alltagsleben aus. Das Gedicht von Prälat Schaal ist exemplarisch dafür. Humor wurde in der biblischen Forschung als Thema erst in jüngerer Zeit wieder entdeckt. Die Veröffentlichung dieses Gedichts möge dazu einen kleinen Beitrag leisten.

Vor 75 Jahren: Stuttgarter Bombennächte – Zerstörung der Leonhardskirche

3. Juli 2019 | | ,

Kinderspeisung vor der zerstörten Leonhardskirche, 1946. Fotograf: Willi Essig (Landeskirchliches Archiv, Nr. 9178)

In der Endphase des Zweiten Weltkriegs war die Stuttgarter Innenstadt am 25. Und 26. Juli 1944 Ziel massiver Bombenangriffe. Über 800 Menschen kamen dabei zu Tode, fast 2000 wurden verwundet. Viele Bauten der Innenstadt wurden damals zerstört oder schwer beschädigt. So auch die Leonhardskirche.

An diese Ereignisse möchte die Leonhardsgemeinde mit einem Gedenkgottesdienst am Sonntag, 21. Juli 2019 10:00 Uhr erinnern.

In der Kirche wird eine kleine Ausstellung mit historischen Fotografien zu sehen sein, die die Zerstörungen von 1944 ebenso dokumentieren wie den schnellen Wiederaufbau der Leonhardskirche.

https://www.leonhardskirche.de/gottesdienste-veranstaltungen/