Artikel in Aktenfund

Humor aus dem Glauben

8. Juli 2019 | | ,

Bei der Archivierung der Akten des Landesbischofs fiel ein Brief der Gattin eines ehemaligen Oberkirchenrats vom 05. Dezember 2012 an das Bischofsbüro auf. Es handelte sich um ein Gedicht des damaligen Prälaten Adolf Schaal aus der Kriegszeit des zweiten Weltkriegs. Er hatte das Gedicht „zum 75. Geburtstag des Herrn Landesbischofs am 7. Dezember 1943“ verfasst.  Das Bischofsbüro teilte mit Schreiben vom 18. Mai 2012 an die Einsenderin mit: „Diese Zeilen haben den Landesbischof sehr bewegt, sind sie doch ein Zeugnis, dass in einer Welt ‚in Schutt und Trümmer` Menschen auch mit Humor und ‚dennoch‘ versuchen, einen Weg in eine bessere Zeit zu finden. Das landeskirchliche Archiv wird sicher Interesse an dem Blatt haben.“ Gedicht von Prälat Schaal siebter Dezember 1944

Das zugetragene Gedicht ist ein zeitgeschichtliches Dokument für Humor in unserer Landeskirche. Der amerikanische Religionssoziologe Peter L. Berger definierte Humor als die Fähigkeit, Komik wahrzunehmen (vgl. schon „Erlösender Glaube“, 2006). In Komik liegt ein Signal des Transzendenten. Humor ist die Freude, welche die Welt überwunden hat. Humor hat viel mit Liebe und Güte zu tun. Heitere Menschen lachen deshalb nicht über andere, sondern mit anderen. Wer Humor hat, kann zumindest schmunzeln oder lächeln, wenn einem auch nicht nach Lachen zu Mute ist. Humor kann bisweilen in einer nur schwer zu ertragenden Wirklichkeit eine quasi erlösende Nebenwelt auf Erden schaffen. Glaube und Erlösung gehören zusammen. Wer das Licht Gottes in alle Abgründe seiner Seele eindringen lässt, kann Heiterkeit ausstrahlen. Und wer die Freudenbotschaft ernst nimmt, hat Grund zum Lachen. Das Osterlachen des Christentums ist ein historisches Zeugnis dafür. Aus der jüdischen Tradition des Christentums ist der Humor bekannt, der das Volk Israel in herausragender Weise auszeichnet. Solcher Humor trägt. Die Fähigkeit, Komik in der menschlichen Erfahrung zu entdecken, zeichnet auch christliches Alltagsleben aus. Das Gedicht von Prälat Schaal ist exemplarisch dafür. Humor wurde in der biblischen Forschung als Thema erst in jüngerer Zeit wieder entdeckt. Die Veröffentlichung dieses Gedichts möge dazu einen kleinen Beitrag leisten.

Die Geisterhistorie der Dorothea Schönhaar – Unfug, Betrügerei oder doch ein Fünkchen Wahrheit?

11. Juni 2019 | | ,

Die Plüderhausener Kirchenkonventsprotokolle aus dem Jahr 1804 berichten von angeblichen Geistererscheinungen in der Schlafkammer der 35 Jahre alten, ledigen und unehelich geborenen Dorothea Schönhaar (getauft am 7. April 1769 in Plüderhausen), deren Mutter Benigna Sauterin – dies ist ausdrücklich im Kirchenkonventsprotokoll erwähnt – zudem im Ehebruch erzeugt wurde.

Eine „Mannspersohn”, ein Ritter, der im Schwedenkrieg erstochen worden sein soll, und „2 Weibspersohnen” sollen sie des Nachts besuchen und von einem „Kübele” mit 19.000 Gulden und weiteren Schätzen erzählen. Diese sollen für die Armen und für die Kirche verwendet werden und die Geister dadurch erlösen. Da die Schönhaar dies nicht erfüllen konnte, hatte sie bereits auf verschiedenen Wegen versucht, die Geister loszuwerden. Am 24. September 1804 bat sie schließlich darum, einen katholischen Geistlichen nach Plüderhausen kommen zu lassen, damit dieser die Geister austreibt.

Dem Protokoll vom 24. September ist zu entnehmen, dass das Gemeinschaftliche Amt, wie der Kirchenkonvent in Plüderhausen 1804 genannt wurde, der Schönhaar anfänglich keinen Glauben schenken wollte, sondern die „Erscheinungen” auf ihren schlechten Lebenswandel („schlechtes Praedicat”), Aberglaubens und ihr schlechtes Gewissen schob. Dennoch wurde sie nach den Geistern und ihr Verhalten eingehend befragt. Außerdem wurden „2 beherzte Männer” für eine Nacht in das Haus der Schönhaar „abgeordnet und beauftragt […], genau acht zu geben, ob und was für Betrügerey hier vorgehen möchte.” Nachdem beide anschließend einen Betrug ausgeschlossen hatten, wurde die Schönhaar am 2. Oktober erneut befragt. Dieses Mal interessierten sich Pfarrer und Amtmann genauer für die Personen, bei denen die Schönhaar um Rat nachgesucht hatte, für die bisher angewandten Versuche der Geisterabwehr und speziell ob, wie viel bzw. was die Schönhaar für die Ratschläge bezahlen oder als Gegenleistung erbringen musste.

Ob die Geister schließlich vertrieben werden konnten und ob der ein oder andere Ratgeber, der sich als Betrüger entpuppte, bestraft wurde, darüber schweigen die Quellen.

Das weitere Schicksal der Schönhaar ist bekannt. Sie wurde durch die Eheschließung vom 4. Oktober 1807 in Plüderhausen die dritte Ehefrau des Christian Frey und starb schließlich am 15. Oktober 1836 am selben Ort.

Die Geisterhistorie der Dorothea Schönhaar ist ein Beispiel der Kuriosa, die in den württembergischen Kirchenkonventsprotokollen zu finden sind. Außerdem ist sie in Beispiel dafür, dass früher oft der Stand in der Gesellschaft und das Ansehen über die Glaubwürdigkeit der eigenen Aussagen entschieden. Diese Kirchenkonventsprotokolle, wie auch andere, geben zudem einen größeren Einblick in die Verhältnisse der damaligen Gesellschaft und zeigen damit, dass die Kirchenkonventsprotokolle für diesbezügliche und andere sozialgeschichtlichen Forschung lohnenswerte Quellen sind.

Link zur Transkription der Kirchenkonventsprotokolle: Geisterhistorie_1804_Transkription

 

Inspirierende Schülerarbeit

22. Mai 2019 | | ,

Bereits etwas vergilbt, aber liebevoll per Hand gebunden, liegt die Hausarbeit einer Schülerin der Mädchenoberschule Esslingen von November 1953 vor. In feinster Handschrift ausgeführt, handelt die Arbeit vom Ulmer Münster, seiner Architektur und Geschichte. Ergänzt wird der Text, der in einer Sprachfeinheit verfasst wurde, die heutzutage universitätswürdig wäre, durch eingeklebte Postkarten und Bilder. Die formale Struktur der Arbeit hätte am Computer nicht besser erstellt werden können: die Untergliederungspunkte wurden eingerückt, ebenso wie die Anfänge eines jeden Absatz. Es scheint auch so, als hätte die Verfasserin den Text bereits vorgeschrieben und ihn dann in die vorliegende Form übertragen, denn es sind wenige Korrektur, keine Streichungen oder Ähnliches zu erkennen. Dieses Fundstück aus dem Bestand der Ulmer Münsterbauhütte inspiriert und regt zum Nachdenken an: über das Zeitalter der Digitalisierung, in der die Handschrift immer mehr an Bedeutung verliert, ein jeder aber auch froh darüber ist, seine schriftlichen Arbeiten, ob in der Schule oder der Universität, nicht mehr mühsam per Hand schreiben und übertragen zu müssen; über die Wirkung und Aura von Objekten, die zeigen, wie viel Herzblut ihr Schöpfer in ihre Kreation gesteckt hat; und zuletzt über Bildung, die heute in Deutschland für Männer wie Frauen selbstverständlich ist, 1953 für Mädchen aber noch etwas Wunderbares und nicht Alltägliches war.

Vom Kauf eines Geldmännleins

1. April 2019 | | ,

In der Ortsakte von Flacht im Bestand des Dekanatsarchivs von Leonberg (DA Leonberg, Best.-Nr. 114) befindet sich ein Schreiben des Maulbronner Oberamtmanns Seubert an den Dekan von Roßwag Philipp Konrad Lang, in welchem der Absender dem Empfänger mitteilt, dass er bei seiner Entscheidung bleiben würde, dass die zwei Brüder Bergetz, die ein Geldmännlein kaufen wollten, mit einer Turmstrafe von drei Tagen genug bestraft seien, auch wenn der Vogt von Vaihingen eine härtere Bestrafung für richtig halte. Diese Bestrafung sei genügend, da die beiden Schelmen ja keinen tatsächlichen Handel mit dem Satan eingegangen seien und diesen auch nicht gesehen hätten.

Solch ein Geldmännlein zu besitzen war natürlich verlockend, da es über Nacht Münzen vermehren konnte, also den Geldbestand des Besitzers ohne Arbeitsaufwand erhöhte. Somit war der Kauf eines solchen Objekts eine attraktive Geldanlage. Wie bei Aktien oder Bitcoins war die Investition aber nicht risikofrei. Das Risiko war sogar besonders hoch, denn der Besitzer musste das Männlein rechtzeitig weiterverkaufen, und zwar zu einem niedrigeren Preis. Besaß er das Männlein noch, wenn er starb, oder vom Tod überrascht wurde, so verfiel seine Seele dem Teufel. Das geschah dann, wenn er den Zeitpunkt aus Gier verpasste, oder aber wenn er das magische Wesen aus Unwissenheit für nur einen Pfennig erwarb und es dann nicht mehr billiger verkaufen konnte.

“Ich werde dahero wegen derer beyden Bergetzen von Flacht, welche ein Geldmännlein kaufen wollen, von meiner ersteren gehabten Maynung nimmermehr abweichen, sondern halte davor, daß sie mit 3. tägiger Thurmstraff genügsam gebüst haben, kann auch nicht finden, daß ein Casu sich befinde, indeme die arme Schelmen ja den Teufel nicht gesehen haben. […]”

Ein Talar für Dr. Helmut Thielicke – Ein Zufallsfund in den Akten des Oberkirchenrats aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges

20. Februar 2019 | |

Helmut Thielicke (1908-1986) war einer der großen deutschen evangelischen Theologen seiner Zeit. Vom NS-Regime von seiner Professur für Systematische Theologie in Heidelberg abgesetzt, übernahm er ab 1940 als Beauftragter für kirchliche und theologische Fragen des Evangelischen Oberkirchenrats in Stuttgart bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges Vertretungsdienste in mehreren Pfarreien der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Zahlreiche, im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart im Manuskript überlieferte Vorträge und Predigten dokumentieren seine Tätigkeit in Württemberg. Mehr

Wolf und Mensch

8. Februar 2019 | |

Sterberegister von Oberesslingen, Eintrag vom 28.9.1648. Landeskirchliches Archiv Stuttgart

In aller Regel ist das Miteinander von Menschen und Wölfen nicht problematisch. Der Wolf ist wieder heimisch in Deutschland, er ist hier willkommen, einzelne Tiere wurden bereits in Baden-Württemberg, und sogar in der Nähe Stuttgarts gesichtet, und wir sind gespannt, ob sich hier auch ein ganzes Rudel ansiedeln wird. Es ist von Gebieten in denen Wölfe immer vorkamen, bekannt, dass nur selten Zwischenfälle vorkommen, etwa dass Wölfe sich an weidenden Nutztieren bedienen, oder gar Menschen attackieren. Er ist scheu und meidet die menschlichen Siedlungen. Während des Dreißigjährigen Krieges, in der Zeit von Zerstörung, Flucht, Unordnung, als Württemberg einen großen Teil seiner Einwohnerzahl einbüßte, breiteten sich Wölfe hierzulande in großer Zahl aus, so dass man sie von staatlicher Seite aus gezielt jagen musste, um die entstandene Überpopulation wieder einzudämmen. In den Totenregistern aus Oberesslingen, vom 28.9.1648 ist ein Zwischenfall mit tödlichen Folgen vermerkt, der bei aller Tragik an die Geschichte von Rotkäppchen erinnert, und gemahnt, dass bei allem guten Nebeneinander von Wölfen und Menschen Zwischenfälle niemals hundertprozentig ausgeschlossen werden können:

„Maria, Michel Zeinings dreijähriges Kind ist umb 2 Uhr nachmittag bey ihrer Muotter Margaretha (so groß schwanger war) an einem wüsten Weingarten nit weit vom Hauß ohnversehens von einem graußamen Wolff erwischt, und obwohl die Muotter geschriehen und auf den Wolff gefallen nichts desto weniger von dem Wolff zerfleischt und in dem Starkhberg von dem Kind das Händlein, Gemächtlein und beede Schenkelein an einem Stückh, im Blut ein Stückh vom Herzlein und etliche Stückhlein von Ripplein gefunden, und den 28ten Septembris das gefundene begraben worden.

Gott erweckhe das liebe Kind mit Freuden. Amen“