Artikel in Interkultur

Die historischen Friedhöfe der schwäbischen Templer in Palästina/Israel (1869-1948)

17. September 2021 | | , ,

Dr. Jakob Eisler, Mitarbeiter des Landeskirchlichen Archivs, und Ulrich Gräf, Kirchenoberbaudirektor der evangelischen Landeskirche in Württemberg i.R., arbeiten derzeit an einer aufwändigen Dokumentation der Friedhöfe mit ihren Grabsteinen in Haifa und Jerusalem, sowie der aufgelösten Friedhöfe in Bethlehem/Galiläa, Waldheim im Norden; Jaffa (Mount Hope), Sarona und Wilhelma im Süden.

Zum ersten Mal werden in einer großangelegten Dokumentation alle Grabsteine und, soweit erfassbar, auch alle beerdigten Personen der schwäbischen Templer in Israel vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen die Darstellung der Grabsteine und die Stellung und Bedeutung der beerdigten Personen in den Templergemeinden. In Kurzbiographien werden die familiären Hintergründe beschrieben und auch auf verwandtschaftliche Beziehungen zu anderen Personen, die auf den Friedhöfen beerdigt sind, verwiesen. Die Hinweise auf die wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten der Templer zeigen einmal mehr auf, welch große Bedeutung die Templer mit ihren Siedlungen auf die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in Palästina und Israel im 19. und 20. Jahrhundert gehabt haben.

In Registern zu den Koordinaten der Grabsteine, einem Namens-Register aller beerdigten Personen können leicht die einzelnen fast 2.000 dokumentierten Personen gefunden werden. Durch eine Herkunftsliste können die Orte, aus denen die schwäbischen Templer in das damalige Palästina ausgewandert sind, nachvollzogen werden. Die Vielzahl der Orte vor allem aus dem damaligen Königreich Württemberg und darüber hinaus aus dem deutschen Kaiserreich, nicht zu vergessen aus den USA und Osteuropa, ist erstaunlich.

Einen weiteren Schwerpunkt der Dokumentation der Grabsteine bilden die vielen Inschriften, Bibelzitate, Trauersprüche und Gedichte, die ein Licht auf die Bibeltreue der Templer werfen und ihren festen Glauben bezeugen. Die Liste der Bibelstellen ist wie ein Gang durch das Alte und Neue Testament, die Vielzahl der Bibelstellen beweist die Bibelkenntnis der Templerfamilien.

80 Jahre Grabsteinkunst, von 1870 bis zum 2. Weltkrieg, belegen, dass die Templer die Entwicklungen in der Grabsteingestaltung im Deutschen Reich kannten und an ihre Verhältnisse und Materialmöglichkeiten im damaligen Palästina anpassten. Daraus ergibt sich ein interessanter Querschnitt der Grabsteinformen und dem Grabsteindekor vom Historismus bis in die 1930er Jahre.

Abgerundet wird die Dokumentation aller Grabsteine der schwäbischen Templer in Israel mit einem geschichtlichen Überblick der Friedhöfe und einem Einblick in die Begräbnis- und Trauerriten der Templer. Die verwendete Literatur und Quellen ergeben im Literaturverzeichnis eine nahezu komplette Übersicht über die Literatur und die Quellen zu den Templern. In zwei Bänden umfasst die Dokumentation der Friedhöfe rd. 700 Seiten und wird im Frühjahr 2022 im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart erscheinen.

Beitragsbild: Friedhof in Jerusalem

Die Auswanderung nach Südrussland 1816/17 – ein pietistisches Unternehmen?

26. Mai 2021 | |

Die Auswanderung nach Südrussland in den Jahren 1816 und 1817 war die erste Massenemigration des 19. Jahrhunderts. Sie ist insofern aktuell geblieben, als um das Jahr 2000 sehr viele Russlanddeutsche aus Kasachstan in die Bundesrepublik Deutschland kamen. Dabei handelt es sich um Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs aus Südrussland nach Kasachstan umgesiedelt worden waren. Die älteren Leute hatten ihre deutsche Kultur bewahrt, aber die jüngeren Menschen kamen vorwiegend aus wirtschaftlichen Motiven nach Deutschland. Fast 200 Jahre nach der Auswanderung wurde also die Einwanderung wieder aktuell. In der Bundesrepublik sah man sich mit Immigranten konfrontiert, von denen nur noch ein Teil einen Bezug zur deutschen Kultur hatte. Da sich die deutschsprachige ältere Generation eine enge Bindung zur Kirche bewahrt hatte, sahen sich auch die evangelischen Kirchengemeinden vor die Aufgabe gestellt, diese Migranten aufzunehmen und so weit wie möglich zu integrieren.

Wie war es im frühen 19. Jahrhundert zu dieser Migrationswelle gekommen? Nach anderthalb Jahrzehnten der Kriege, der Missernten und des Mangels fiel 1816 die Ernte vollkommen aus. Im Vorjahr war der Vulkan Tambora in Indonesien ausgebrochen und hatte Unmengen von Asche in die Atmosphäre geschleudert. Im folgenden Jahr vernichteten Kältewellen und Starkregen die Früchte auf den Feldern. Ein in Württemberg geltendes Auswanderungsverbot musste aufgehoben werden. Nach der Aufhebung brachen Tausende von Menschen nach Südrussland auf. Zar Alexander I., ein Bruder der württembergischen Königin Katharina, lockte die württembergischen Siedler mit der Vergabe von fruchtbarem Land, dem Versprechen, die Söhne vom Militärdienst zu verschonen, und mit Steuervergünstigungen. Er gestand den Gemeinden eine weitgehende Selbstverwaltung zu, wie man sie in Württemberg kannte. Viele Menschen sahen darin auch einen göttlichen Fingerzeig. In Ulm schifften sich die Auswanderer auf der Donau ein und fuhren hinab bis nach Ismail, kurz vor der Mündung des Flusses in das Schwarze Meer. Auf der langen, gefährlichen Reise starb fast die Hälfte der Emigranten. Auf manchen Schiffen brachen Krankheiten aus. Die Überlebenden mussten bei Ismail längere Zeit auf einem ehemaligen Schlachtfeld in Quarantäne verweilen. Sie waren unzulänglich untergebracht, und es brachen wiederum Seuchen aus, welche viele Opfer forderten.

Dort zogen die Siedlergruppen auf dem Landweg weiter. Einige ließen sich in Bessarabien nieder, andere reisten in die Gegend von Odessa auf der Krim, und eine dritte Gruppe zog noch weiter in die Gegend von Tiflis in Georgien. Dort entstanden deutsche Siedlungen. Freilich bewahrheitete sich auch hier die alte Redensart über Auswanderer: „Den Eltern der Tod, den Kindern die Not, den Enkeln das Brot.“. Trotz allen Fleißes der Siedler waren die Aufbaujahre äußerst hart.

Lange nahm man in der Forschung an, es seien fast ausschließlich Pietisten gewesen, die an eine baldige Wiederkunft Christi geglaubt hätten. Deshalb seien sie näher an Palästina herangezogen, welches damals nicht zugänglich war. Inzwischen setzt sich aber die Erkenntnis durch, dass die Mehrzahl der Emigranten aus wirtschaftlichen Gründen das Königreich Württemberg verließen. Freilich spielte die protestantische Religion eine wichtige Rolle: einerseits als verbindendes Element der Gemeinschaft, andererseits als ideelle Stütze in der Not. Organisiert waren die Auswanderergruppen in zehn sogenannten „Harmonien“, geleitet wurden diese Verbände von Anführern, die aus einem pietistisch-separatistischen Umfeld stammten. Es waren Männer darunter, die sich aus religiöser Überzeugung von der Kirche getrennt hatten. Aber in Russland wurden in den meisten Gemeinden evangelische Kirchen gebaut, so dass sich im Lauf der Zeit eine kirchliche Organisation mit Pfarrern und Schulmeistern entwickelte.

Das Leben in den deutschen Gemeinden gestaltete sich nicht einfach. In Kaukasien kam es zu Überfällen einheimischer Stämme auf einzelne Siedlungen, bei denen Einwohner ermordet oder verschleppt wurden. Die einheimische Bevölkerung blickte zum Teil neidisch auf die wirtschaftlich erfolgreichen und vorbildlich organisierten deutschen Kolonisten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wirtschafteten die deutschen Dörfer sehr erfolgreich. Fabriken und landwirtschaftliche Kooperativen produzierten und vertrieben ihre Erzeugnisse. Beispielsweise gab es in Georgien einen florierenden Weinbau. Es entstanden auch höhere Schulen, Lehrerbildungsanstalten und Pfarrseminare sowie kulturelle Einrichtungen.

Nach einigen Jahrzehnten waren die russischen Zaren nicht mehr gewillt, die Privilegien der deutschen Gemeinden aufrechtzuerhalten. Einerseits begegneten sie damit den Neidgefühlen der Einheimischen, andererseits wollten sie eine einheitliche russische Kultur durchsetzen. Das „Angleichungsgesetz“ aus dem Jahre 1871 sorgte dafür, dass der Sonderstatus der Kolonisten allmählich aufgehoben werden sollte. So wurden die Selbstverwaltungseinrichtungen aufgelöst, Russisch wurde Amts- und Schulsprache, der Militärdienst für die Söhne der deutschen Siedler wurde 1874 verpflichtend.

Während des Ersten Weltkriegs gerieten die Russlanddeutschen als Vertreter einer feindlichen Kultur unter Druck. Zar Nikolaus II.  verbot den Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Dörfer aufgelöst und die Russlanddeutschen zwangsweise ins innere Russland umgesiedelt. Von dort aus kamen sie nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs in die Bundesrepublik Deutschland. Sie können also als repräsentativ für eine Minderheit angesehen werden, die ihr Land aus wirtschaftlichen Gründen verließ. Nach fast 200 Jahren kehrte ein Teil von ihnen wieder in das Land ihrer Ahnen zurück, nachdem die ältere Generation noch im Geist der deutschen Kultur lebte.

Beachten Sie bitte auch den Beitrag in Württembergische Kirchengeschichte Online zu diesem Thema.

Taufe des Mohren Ludwig Wilhelm Weiß

8. Januar 2021 | |

Mohr ist ein veralteter, präkolonialer Begriff für Menschen mit dunkler Hautfarbe, in erster Linie aus Afrika, der im Grunde, anders als spätere Termini nicht abwertend gemeint war, aber sicher mit Stereotypen assoziiert wird, wie etwa dem Firmensignet des Sarottimohren, also eines afrikanischen Jungen in orientalischer Kleidung, der als Diener eine Kaffeetasse serviert. Dass einer solchen Darstellung historische Vorbilder zugrunde lagen, beweisen auch Quellen des Landeskirchlichen Archivs.

Folgendes Zitat stammt aus einem Dekret zur Taufe eines “Mohren” aus dem Jahr 1713, welches sich unter den Akten der allgemeinen Akten des Evangelischen Konsistoriums findet.

„[…] denjenigen mohren, Welcher bißhero alß cammerjung dienste gethan, durch die heylige tauf dem christenthumb einverleibet und mit dem offentlichen gewöhnlichen taufs actu fürgegangen, auch ihme den namen Ludwig Wilhelm Weiß in gnaden beygelegt wissen wollen: Alß lassen allerhöchstermellt dieselbe solches dero consistorial directori und übrigen räthen zu ihrem verhallt und behörigen veranstalltung benachrichtlich in gnaden hiermit anfügen.“

Die “Kammer” meint hier unmittelbare Umgebung der Regentenfamilie am fürstlichen Hof in Ludwigsburg, beziehungsweise in Stuttgart. „Kleine Kammermohren“ wurden gegen Kostenerstattung in Familien der sonstigen Dienerschaft untergebracht. Ihnen wurde ein Unterricht gewährt und sie wurden getauft. Später erfolgte zumeist eine Ausbildung zum Pauker oder Trompeter. In fortgeschrittenem Alter oft wieder als „Kammermohr“ tätig. Sie gehörten aufgrund ihres in Württemberg ungewohnten Aussehens zu einer höfischen Inszenierung, offenbar genoss die höfische Welt ihre exotische Erscheinung. Ihre Anwesenheit erbrachte auch den scheinbaren Nachweis für eine Weltläufigkeit des jeweiligen Hofes.

Der hier beschriebene afrikanische Junge war zum Zeitpunkt seiner Taufe zwölf Jahre alt. Die Taufe erfolgte in der Stuttgarter Stiftskirche am 30. Juli 1713. Als Taufpaten stellten sich 33 Personen aus der allerbesten Hofgesellschaft zur Verfügung. Im Taufeintrag wird Näheres zu seiner geographischen und religiösen Herkunft deutlich gemacht: „ein Heydnischer Mohren=knab der Vermuthung nach Von 12 Jahren auß Madagascar“. Vermutlich war er ein „Geschenk“ Prinz Heinrich Friedrichs von Württemberg-Winnental, der damals in niederländischen Diensten stand und mit Herzog Eberhard Ludwig die Patenliste anführte. Er erhielt den Namen Ludwig Wilhelm Weiss. Die Vornamen waren damals typische Vornamen des württembergischen Adels. Der Name des damaligen Herzogs war Eberhard Ludwig, der seines Vorgängers war Wilhelm Ludwig. Der ihm zugedachte Nachname erscheint eigentümlich, fast wie zur heimlichen Verspottung seines Trägers einladend. Der Name „Weiss“ sollte aber die durch die Taufe gewonnene Reinheit symbolisieren. Der “Kammermohr” wurde beim Hilfspauker Jeremias Reisinger aufgezogen, dessen Beruf er später erlernte. 1724 heiratete er eine Seidenstickerin. Zwei Jahre später nahm er seinen Abschied vom Hof.

Neben Weiss gab es am Stuttgarter Hof noch weitere Schwarze. Zwischen 1650 und 1750 sogar mehrere gleichzeitig. Sie übernahmen gegenseitig Patenschaften für ihre Kinder.

Der pietistische Theologe Samuel Urlsperger hielt 1716 bei der Taufe eines anderen „Mohren“ aus Westafrika in der Stuttgarter Schlosskapelle eine Predigt, in der er den christlichen Verkündigungsauftrag an alle Völker hervorhob und „die beiden aus der Bibel bekannten afrikanischen Höflinge – den ‚Kämmerer‘ und Ebedmelech – der korrupten Hofgesellschaft als Vorbilder für Umkehr, Bekehrung und Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit“ gegenüberstellte.

„Mohren“ waren in höherem Maße von der Gunst des regierenden Fürsten abhängig waren als andere Mitglieder der ständischen Gesellschaft, die meist über dichtere soziale Beziehungsnetze verfügten. Entgegen einer oberflächlichen Einschätzung waren solche “Kammermohren” keine Sklaven. Das Heilige Römischen Reich deutscher Nation kannte keine Sklaverei.

Bild: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, A 26, Nr. 155, Qu. 101 (Dekret zur Taufe eines Kammermohren)

Literatur:

Hauptstaatsarchiv Stuttgart (Hrsg.): Exotisch – höfisch – bürgerlich. Afrikaner in Württemberg vom 15. bis 19. Jahrhundert. Katalog zur Ausstellung des Hauptstaatsarchivs Stuttgart. Stuttgart 2001.
Firla, Monika / Forkl, Hermann: Afrikaner und Africana am württembergischen Herzogshof im 17. Jahrhundert. In: Tribus 44, 1995, S. 149-193.
Firla, Monika: Afrikanischer Pauker und Trompeter am württembergischen Herzogshof im 17. und 18. Jahrhundert. In: Musik in Baden-Württemberg 3, 1996, S. 11-41.
Firla, Monika: Samuel Urlsperger und zwei »Mohren« (Anonymus und Wilhelm Samson) am württembergischen Herzogshof. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 97, 1997, S. 83-97.
Firla, Monika: Quellen des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart zur Erforschung der Afrikanischen Diaspora des 18. Jahrhunderts in Württemberg. In: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 99, 1999, S. 90-112.

Trauerlyrik in Deutsch, Latein und Hebräisch

21. November 2020 | | ,

 

Die Einträge in den Toten- bzw. Begräbnisregistern sind meist knapp gehalten. Sie enthalten den Namen der verstorbenen Person, bei Kindern den Namen ihres Vaters (und manchmal auch der Mutter), bei verheirateten Frauen den Namen des Ehemannes und das Datum und Ort der Beerdigung, später auch das Datum und Ort des Todes sowie ggf. Angaben zum Beruf und häufig auch zum Alter. Besondere Todesumstände, wie z.B. ein Unfall, werden meist ausführlicher beschrieben.

In einem Totenregister von Neuenstadt am Kocher findet man zwei eher ungewöhnliche Einträge, die neben den üblichen Angaben eine persönliche Trauerlyrik enthalten. Im ersten Fall musste der Neuenstädter Diakon Johann Ludwig Hochstetter seinen eigenen Sohn betrauern und zu Grabe tragen. Im zweiten Fall starb der Sohn des Special-Superintendenten (Dekan) von Neuenstadt Wilhelm Christoph Stein. In beiden Fällen hatte Hochstetter den Todeseintrag um eine Trauerlyrik in Deutsch und Latein ergänzt, im zweiten Fall hatte außerdem Stein ein Gedicht auf Hebräisch angefügt. Hochstetter scheint ein gebildeter und in der Dichtkunst bewanderter Mensch gewesen zu. Selbiges gilt auch für Stein, der auch das Hebräische gut beherrschte. Beide verfügten deshalb wohl über einen hohen Bildungsgrad.

Die hebräischen Zeilen sind in Reimen geschrieben und sind im Takt. Die Vokalisierung ist (außer in einem Fall) korrekt. Durch die Verwendung biblischer Vokabeln und Vokabeln aus der späteren talmudischen Zeit ist die Sprache relativ modern. Unser Kollege Dr. Jakob Eisler hat diese Zeilen übersetzt und eingesprochen, die entsprechende MP3-Datei (28 Sekunden) kann hier geöffnet bzw. heruntergeladen werden.

Aufgrund dieser doch emotionalen Einträge ist anzunehmen, dass zwischen den Familien Hochstetter und Stein eine engere Beziehung bestand.

Der Todeseintrag von Albrecht Martin Hochstetter (1684-1685)

Albrecht Martin wurde am 9. November 1684 in Neuenstadt am Kocher getauft. Die Eltern waren der Diakon Johann Ludwig Hochstetter und dessen Ehefrau Johanna Barbara Lusterer. Er verstarb bereits am 15. April 1685, sein Todeseintrag lautet wie folgt:

„Den 15. dises [= April 1685] stirbt mir, dem Diacono M[agister] Hochstetter eines gar schnellen und plötzlichen Todes, ein Söhnlein von 6 Monaten nahmens Albrecht Martin, und wurde den folgenden Tag in einer wortreichen Procession in den eußeren Kirchhoff, zum Helmbund [= Helmbundkirche], beisetzet und zur Ruhe gebracht.

So gesstu liebstes Kind die finstre Todesstraßen!

Und wilt uns Eltern hier in großem Leide laßen!

Die wir an deiner Gestalt und Rosen Lippen roth,

so offtmals uns ergözt; nun aber bisstu tod.

Doch lebt dein Seelelein in Gottes Vatter Händen,

da werden wir dereinst gewiß dich wider finden.

Ade du liebes Hertz, nun seliges Gotteskind,

wir denken jammers voll stehts an dein so schmerzlichs schnelles End.

 

Sic properas, Fili, pallentas ire sub umbras,

Cui quondam nobis gaudia mille dabas!

Gaudia quid dico, in luctum tam versa repente,

dum cadis ante diem, morte perempte fera.

Non tamen omne cadis, Pars nobilis incola facta

Iam Coeli, tristes suadet abesse voces.

Dextra Dei, nostros quae iam divulsit amores,

Haec olim celsa iunget in arce Poli.”

 

Übersetzung:

So gehst du, Sohn, eilends unter die bleichen Schattenbilder,

einstmals machtest du uns ungezählte Freude!

Was sage ich Freude? Mit einem Schlag ist die Freude in Trauer verwandelt,

indem du vor der Zeit ins Grab sinkst, durch einen grausamen Tod umgekommen.

Trotzdem sinkst du nicht ganz tot hin, dein edler Teil ist schon Bewohner des Himmels,

rät an, sich von betrübten Reden fernzuhalten.

Die rechte Hand Gottes, die unsere Liebe gewaltsam trennte,

wird sie dereinst in der stolzen Himmelsburg zusammenfügen.

 

 

Der Todeseintrag von Johann Martin Stein (1681-1687)

Johann Martin wurde am 21. September 1681 in Brettach (Langenbrettach) geboren und am 23.09.1681 in der dortigen Pfarrei getauft. Die Eltern waren Wilhelm Christoph Stein, damals Pfarrer in Brettach, und dessen Ehefrau Maria Catharina Friesenegger. Einer der Paten war Johann Ludwig Hochstetter, Diakon in Neuenstadt.

Johann Martin starb am 7. Mai 1687, sein umfangreicher Todeseintrag lautet:

„Den 7. dises Monats [Mai 1687], stirbt Herrn M[agister] Wilhelm Christophoro Steinen, Special Superintendenten und Stattpfarrer alhir, sein so jüngstes Söhnlein nahmens Hans Martin, seines Alters 5 Jahr und 6 Monat und wurde den 9. darauff christlich zur Erden bestattet, auch zu besten Angedenck ihme ein Sermon vor dem Altar gehalten.

 

Mensis erat Majus, quo Tellus flore superbit

Multiplici et Oculis gaudia mille parat.

Torva cum facie Mors invida viderat hortum,

Cum gaudio qualem hic nostra Juventus habet.“

 

Übersetzung:

Es war der Monat Mai, wenn die Landschaft voll von Blüten ist

und dies den Augen ungezählte Freude macht,

als der missgünstige Tod mit finsterem Antlitz den Garten sah,

den unsere Jugend hier mit Freude besitzt.

 

„Ilicet attingens falcem, prae millibus unus

Esto meus, dixit, cui Coler gratus erit;

Unde tuum petiit Patus, lethale venenum

Admiscens falci, te feriendo secat.

Te puto Martinum, quem Fonte lavare sacrato

Inq(ue) dei foedus ducere sors voluit.“

 

(Auf eine Übersetzung wurde an dieser Stelle wegen Unklarheiten bewusst verzichtet – Übersetzungsvorschläge sind willkommen.)

 

„Inde Tuam morte doleo sed gaudeo sortem

Coelicolam quando pensito iamq(ue) tuam;

Vivis enim superis admixtur, liber ab omni

Moestitia, et coeli gaudia mille capis.“

 

Übersetzung:

Daher bedauere ich deinen Tod, aber wenn ich es überdenke,

dann freue ich mich darüber, dass du im Himmel wohnst.

Denn du befindest dich bei Gott, frei von aller Traurigkeit,

und empfängst die unzähligen Freuden des Himmels.

 

„In dem der bunte Mai das Feld thut stattlich ziren,

Mit Blumen mancher Art, so wo wir nun hinführen

Die Augen alles lacht, tritt unversehens ein

Mit seiner Sensen scharff der blaße Schenken Bein;

Bald nam er sie zur Hand und thut damit abhauen

Aus unserm Garten hier ein schöne Blum zuschauen;

Dich mein‘ ich junger Stein du schöner Vasen roth,

Da du vorher gewest erblaßest du im Tod;

Nun soll dein schnelles End gantz billich mir Laid bringen,

Weil du von mir getaufft in guten Künsten Dingen

Schon gebest Hoffnung dar, allein weil Gottes hand

Dich zu sich abgeholt, ist glücklich jetzt dein Stand;

So leb nun wolvergnügt die liebe Seel im Himmel

Wir ächzen underdeß noch in dem Welt Getümmel,

des Herrn Tag wird uns zusamen bringen bald,

wann Himmel und die Erd in einen Hauffen falt.

memoria sua ponebat [= Aus seiner Erinnerung setzte dies mit hin]

  1. HL. H. Diac. [= Magister Hans Ludwig Hochstetter, Diakon]“

 

Übersetzung des Hebräischen:

Mein Sohn, Dein Todestag ist ein dunkler Tag

Du hast mir viel bedeutet.

Wir liebten dich wie die Anderen.

Meine Seele war mit Deiner verbunden.

Du bist ins Grab (Hölle) gekommen,

und ich und deine Mutter trauern,

wie auch deine Brüder und Schwestern.00

Dein Körper ist nicht mehr da.

Deine Knochen ruhen im ewigen Leben

bei Gott.

„solatii ergo Parens appon(ebat) [= Der Vater fügte dies als Trostspender hinzu]“

 

Vokalisierung der hebräischen Zeilen (bitte Anklicken):

 

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Quellen

KB Brettach, Mischbuch 1558-1686, Taufregister 1558-1686, ohne Seitenzählung (21.09.1681)

KB Neuenstadt am Kocher, Mischbuch 1680-1740, Taufregister 1680-1739, Bl. 24r (09.11.1684)

KB Neuenstadt am Kocher, Mischbuch 1680-1740, Totenregister 1680-1739, Bl. 279r – 279v (15.04.1685)

KB Neuenstadt am Kocher, Mischbuch 1680-1740, Totenregister 1680-1739, Bl. 285r – 286r (07.05.1687)

wikipedia, Helmbundkirche  

Taufe eines türkischen Mädchens im Jahr 1691 in Alpirsbach

28. Mai 2020 | | ,

Am 24. Februar 1691, am Gedenktag für den Apostel Matthias, war in Alpirsbach ein „Türken Mägdlen getauft worden, welches der durchleuchtigste Prinz von Veldenz bei der Eroberung Belgrad bekommen und hernachmahls zu beßerer Versorgung und christlicher Anfertigung dem wohledlenvösten und hochgeachten Herrn Johann Wolffgang Diezen, damaligen Vogten zu Dornhan, jetztund aber Amptmann und Closters Verwalter hier zu Allpirspach gnädigst recommendiert und anemfohlen [und da der] hochermeldter Prinz durch eine unglückliche Begebenheit anno 1689 in der Belägerung Mainz sein Leben laßen müßen, sich als ein Vater dieses Kindes angenommen.“
Während der Türkenkriege im 17. und 18. Jahrhundert deportierten höheren Offiziere der christlichen Armeen häufig so genannte „Beutetürken“ als Kriegsgefangene ins Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Hierbei ist zu erwähnen, dass diese „Beutetürken“ oftmals keine ethnischen Türken waren, sondern Angehörige anderer Ethnien, die in der Osmanischen („türkischen“) Armee oder Verwaltung dienten bzw. Angehörige solcher Bediensteter waren. Während die „Beutetürken“ anfänglich als Prestigeobjekt oder Geschenk für eine höhergestellte Personen dienten, so wurden sie in späterer Zeit getauft, in die Gesellschaft integriert und heirateten einheimische Partner. Einige erlangten sogar wichtige Funktionen in der Verwaltung und einen hohen gesellschaftlichen Stand, vereinzelt wurden sie auch in den erblichen Adelsstand erhoben.
Das getaufte Mädchen, dem der Name Christiana Maria Elisabetha gegeben wurde, war ungefähr zehn Jahre alt. Der kurbayerische Oberst Prinz August Leopold von Pfalz-Veldenz (1663-1689), der an der Belagerung und Eroberung von Belgrad durch kaiserliche, kurbayerische und andere deutsche Armeen vom 7. August bis 6. September 1688 während des Großen Türkenkrieges (1683-1699) teilnahm, brachte es mit ins Reich. Das Mädchen kam in die Obhut von Johann Wolfgang Diez und dessen „Eheliebste“ Anna Maria, die nach dem Tod des Prinzen am 9. September 1689 in Zusammenhang mit der Belagerung und Befreiung des von französischen Truppen besetzten Mainz durch kaiserliche, kurbayerische, hessische und andere deutsche Truppen vom 1. Juni bis 8. September 1689 während des Pfälzischen Erbfolgekrieges (1688-1697) das Mädchen an Kindes statt annahmen.
Johann Wolfgang Diez (~ 15.12.1657 in Stuttgart, + 08.01.1734 ebenda), war vom 22. September 1682 bis 24. September 1689 Vogt und Alpirsbacher Pfleger in Dornhan, vom 10. Oktober 1689 bis 25. Juli 1706 Amtmann und Klosterverwalter in Alpirsbach und schließlich vom 18. Juli 1706 bis Februar 1709 und von Februar 1711 bis zu seinem Tod Rentkammer-Expeditionsrat. Er schloss am 27. November 1683 in Stuttgart die Ehe mit Anna Maria Belling (~ 10.09.1657 in Cannstatt, + 24.04.1724 in Stuttgart).
Auffällig im Taufeintrag der Christiana Maria Elisabetha ist die große Zahl der Paten. Diese waren der Obrist-Lieutenant Carl vom Cronsfeldischen Regiment mit seiner Ehefrau, die durch den Leutnant Valentin Dikmann und seiner Ehefrau vertreten wurden, Johann Dieterich Widerholt, Obristwachtmeister und Oberamtmann zu Hornberg, mit seiner Gemahlin, Johann Krafft, der Abt von Alpirsbach und seine Ehefrau, die beiden Bürgermeister Friderich Heß und Martin Birk „als Deputierte von Dornhan“, Cunrad Birk, Vogt zu Dornstetten, Johann Christoph Hegel, Pfarrer in Alpirsbach, mit seiner Gemahlin, Wilhelm Heinrich Bardili, Amtschreiber in Alpirsbach, mit seiner Ehefrau, Johann Armbruster, Bürgermeister in Alpirsbach, mit seiner Ehefrau, Hanß Jerg Stählein, Bürgermeister in Alpirsbach, Hanß Bihler, Vogt zu Alpirsbach, Hanß Jacob Schneider, Stabsvogt zu Rötenbach, Jacob Scherer, Vogt zu Reutin, Hanß Adrion, Vogt zu Ehlenbogen und Marx Mik, Amtspfleger in Alpirsbach, „lauter von dem Ampt deputierte“. Insgesamt sind 21 Paten (und zwei Stellvertreter) genannt, deutlich mehr als bei der Taufe eines leiblichen Kindes von Johann Wolfgang Diez am 2. April 1691. Dort sind es nur vier Paten (und zwei Stellvertreter). Warum genau einige Paten vom Amt abgeordnet worden sind, bleibt offen.
Der Apostel Matthias wurde laut biblischer Überlieferung nach dem Tod des Judas Iskariot zu den verbliebenen ersten elf Jünger Jesu hinzugefügt. Möglicherweise wurde deshalb Christiana Maria Elisabetha an seinem Gedenktag getauft, da sie genauso wie Matthias nicht von Anfang an eine Anhängerin Jesu war.
Über den weiteren Lebensweg von Christiana Maria Elisabetha ist nichts bekannt.

Quellen
KB Alpirsbach, Taufregister 1663-1731, Bl. 46v (24.02.1691) = http://www.archion.de/p/0656912c2b/
KB Alpirsbach, Taufregister 1663-1731, Bl. 47v (02.04.1691) = http://www.archion.de/p/c89082aa7e/
KB Bad Cannstatt, Mischbuch 1626-1658, Ta 1626-1658, ohne Seitenzählung (10.09.1657) = http://www.archion.de/p/1564dc5c40/
KB Stuttgart Stiftskirche, Eheregister 1669-1698, S. 278 (27.11.1683) = http://www.archion.de/p/161ebe4eb3/
KB Stuttgart Stiftskirche, Taufregister 1650-1660, Bl. 245v (15.12.1657) = http://www.archion.de/p/27c3c460d9/
KB Stuttgart Stiftskirche, Totenregister 1697-1724, Bl. 243v (24.04.1724) = http://www.archion.de/p/f374f88ec3/
KB Stuttgart Stiftskirche, Totenregister 1725-1746, Bl. 130r (08.01.1734) = http://www.archion.de/p/fd2a31ba5d/
Pfeilsticker, § 1674, 2306 und 3281 (Biografie Diez)
Faber, XXVI, B, § 14 (Biografie Diez)
Wikipedia: Beutetürken
Wikipedia: Belagerung von Belgrad (1688)
Wikipedia: Belagerung von Mainz (1689)
Wikipedia: Gustav Philipp von Pfalz Veldenz (Artikel über den Bruder, in dem August Leopold von Pfalz-Veldenz erwähnt wird)

Archivpflege in New York

6. Mai 2019 | |

Unser Mitarbeiter Michael Bing ließ es sich bei einem privaten Besuch bei der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Zions-Gemeinde in Brooklyn nicht nehmen, das dortige Pfarrarchiv zu sichten.

Zusammen mit dem Pastor Klaus-Dieter Gress, ursprünglich Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, und dem Kirchenpräsidenten Frederick Hansen nahm Michael Bing die Kirchenbücher, die Protokolle des Gemeinderates, der Sonntagsschule und etliche unerschlossene Unterlagen des Pfarrarchivs in Augenschein.

Die Zions-Gemeinde wurde 1855 von einem Württemberger gegründet. Pastor Friedrich Wilhelm Tobias Steimle, 1827 in Alzenberg bei Calw geboren, ursprünglich auf dem Lehrerseminar in Wildberg für das Lehrfach und später im Baseler Missionshaus als Missionar ausgebildet, war 1851 nach New York ausgewandert und baute dort die Deutsche Evangelisch-Lutherische Gemeinde auf. Zunächst in einem kleinen angemieteten Saal in der Washington Street untergebracht, konnte die Gemeinde 1856 die ehemalige holländisch-reformierte Kirche in der Henry Street erwerben, in der auch heute noch Gottesdienst gefeiert wird, in deutscher und in englischer Sprache.

Besonderes Augenmerk lag bei diesem außergewöhnlichen Archivpflegebesuch natürlich auf den historischen Kirchenbüchern der Zions-Gemeinde zu New York. Die Tauf-, Ehe- und Sterberegister setzen 1856 ein und wurden vor etlichen Jahren sicherungsverfilmt. Der Besuch in New York konnte genutzt werden, um mit dem Pfarrer und dem Kirchenpräsidenten erfolgreiche Gespräche über die Digitalisierung und Bereitstellung der Kirchenbücher auf dem Kirchenbuchportal Archion zu führen.

Archion erhält somit demnächst einen Datenschatz aus Übersee.

 

Deutsche Waldenservereinigung lädt zum Fest der Begegnung am 1. Mai in Ötisheim-Schönenberg

30. April 2019 | | ,

Eine Besonderheit der württembergischen Kirchengeschichte ist die Integration der waldensischen und hugenottischen Flüchtlinge aus dem südwestlichen Alpenraum, die aufgrund einer Glaubensverfolgung 1699/1700 verschiedene Ansiedlungen in Württemberg gründen durften, wie Großvillars, Sengach, Pinache, Perouse, Schönenberg, Serres, Kleinvillars, Wurmberg-Lucerne. Von 1699 bis zum Jahr ihrer Eingliederung in die Landeskirche 1823 bestanden sie als französischsprachige reformierte Minderheit in Württemberg. Eine ganze Reihe von französischsprachigen Kirchenbüchern im Landeskirchlichen Archiv gibt davon Zeugnis (vgl. als Beispiel das Beitragsbild mit einer Seite aus dem Taufregister von Großvillars von 1700). Die deutsche Waldenservereinigung lädt zu einem Begegnungsfest in Schönenberg, wo das Museum an diesem Tag ganztägig geöffnet sein wird.