Artikel in Kunstgeschichte

„Finissage“ zur Bibelausstellung in Kirchentellinsfurt

24. Juli 2024 | | ,


Bis Sonntag, 21. Juli 2024, war im Museum im Großen Schloss in Kirchentellinsfurt die Bibelsammlung des ortsansässigen Sammlers Walter Tiedemann zu sehen, die Bibeln aus verschiedenen Jahrhunderten mit zum Teil hochwertigen Illustrationen umfasst. Die imposante Sammlung füllte zwei Räume und der Kirchentellinsfurter Bürgermeister Bernd Haug ließ es sich nicht nehmen, die Ausstellung mit einem Vortrag zu würdigen. Dieser fand am 17. Juli statt und schloss mit einer kleinen Führung ab. Der Vortrag beschäftigte sich mit der Bibel als Buch der Bücher und beleuchtete zunächst die aufwändige Herstellung von Büchern, Farben und Tinten im Mittelalter. Auch wenn die Codices im Vergleich zu den Rotuli wesentlich besser zu lesen und aufzubewahren waren, so mussten die Pergamentblätter doch in mehreren Arbeitsschritten hergestellt, die Lagen gefaltet, die Bindung hergestellt, die Texte abgeschrieben, die Illustrationen angefertigt und schließlich die Schließen und Buckel für die Lagerung der Bücher angefertigt werden. Alle 18 vorlutherischen Bibeln wurden noch auf diese Weise hergestellt, und zwar in den verschiedenen Sprachen des deutschen Sprachraums. Es war daher ein mediales Ereignis, als Johannes Gutenberg 1455 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand und damit das Verfahren des Bibeldrucks erheblich beschleunigte. Darüber hinaus war es das Verdienst Martin Luthers, mit seiner Bibelübersetzung eine deutsche Sprache gefunden zu haben, die in allen Landesteilen gleichermaßen verstanden wurde, um die Bibel möglichst vielen Menschen in Nord und Süd, West und Ost zugänglich zu machen. Die erste Bibel für Württemberg schließlich wurde 1564 von Sigmund Feyerabend, Georg Rab und Weygand Hanen Erben in Frankfurt gedruckt, mit dem Brustbild des Herzogs und insgesamt 134 handkolorierten Holzschnitten, die im Original nur 11 x 15,5 cm groß waren. Besonders der Detailreichtum der Darstellungen, in denen oft mehrere Szenen einer biblischen Geschichte zum besseren Verständnis des Textes in einem Bild zusammengefasst sind, zeugt von der hohen Kunstfertigkeit der beteiligten Formschneider. Martin Luther versah seine Bibeln noch zu Lebzeiten mit Randglossen zu Vergleichsstellen oder zur Einfügung von Illustrationen, ein Verfahren, das sich nach und nach verselbständigte, so dass auch später gedruckte Bibeln noch Randglossen aufweisen, wie zwei Bibeln aus dem 18. Jahrhundert in der Ausstellung zeigten.

Ein Rundfenster zu Pfingsten von Regine Schönthaler

15. Mai 2024 | | , ,

Im ehemaligen Dienstgebäude des Oberkirchenrats der Evangelischen Landeskirche in Württemberg befanden sich mehrere Sitzungssäle, darunter der so genannte Brenzsaal, benannt nach dem Reformator Johannes Brenz (1499-1570) der Reichsstadt Schwäbisch Hall und des Herzogtums Württemberg. In der Stuttgarter Stiftskirche befinden sich Epitaph und Grabplatte des bedeutenden Theologen, der auch in zahlreichen Wandmalereien in Kirchen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gewürdigt wird. Im ehemaligen Brenzsaal befand sich ein Okulus (Rundfenster) mit einer Pfingstdarstellung, die 1988 von der Künstlerin Regine Schönthaler, einer Schülerin des Glasmalers Hans Gottfried von Stockhausen (1920-2010), geschaffen wurde. Das Glasfenster wird von einem lichtdurchfluteten Dreieck dominiert, dessen Spitze nach unten zeigt und im unteren Bilddrittel schließt. Seitlich davon sind rechteckig übereinander angeordnete graue und ockergraue Farbgläser zu sehen, die stufenförmig nach oben ansteigen und von schmalen, hoch aufragenden grünen und grünblauen Farbgläsern abgelöst werden. Das zentrale Dreieck kann als Symbol des Heiligen Geistes gedeutet werden, der die Erde mit seiner Schöpfung durchzieht und in ihr wirkt. Das eigentlich unbetitelte Glasfenster wurde so mit Pfingsten in Verbindung gebracht und das Wirken des Heiligen Geistes auf Pfingsten bezogen. Gerade in der heutigen Zeit, die von so viel Hass, Krieg, Leid und Tod geprägt ist, sind die Zeichen des einstigen Pfingstereignisses, gerade auch im Hinblick auf die Verständigung in der Welt, nicht nur tröstlich, sondern geben Hoffnung auf Aufbruch und Veränderung, auf eine neue Zeit, die von der Würde des Menschen geprägt ist.

Bericht aus dem FSJ: Außentermin in Meßstetten

11. April 2024 | | , ,

Am 13.03.2024 begleitete ich Frau Dr. Anette Pelizaeus bei der Inventarisierung der Lamprechtskirche in Meßstetten. An diesem Tag war das Wetter kalt und regnerisch. Aus diesem Grund haben wir die meiste Zeit im Inneren der Kirche verbracht und die Außenaufnahmen so kurz wie möglich gehalten. Diese besondere Kirche besitzt glücklicherweise einen Verbindungsgang aus dem 20. Jahrhundert zwischen dem (beheizten) Pfarrhaus und dem Kirchenschiff, was sich unter den gegebenen Umständen im Laufe des Tages noch mehrmals als vorteilhaft erwies. Im Kirchenschiff öffnete uns der Pfarrer zunächst die Vitrine mit den historischen Kirchengegenständen im Vorraum, um die Vasa sacra zu erfassen. Außerdem wurden uns in der Sakristei eine Festschrift und weitere Broschüren zur Kirchengeschichte ausgehändigt. Nachdem sich der Pfarrer wegen des anstehenden Konfirmandenunterrichts verabschiedet hatte, begannen wir im Vorraum mit der Erfassung des losen Kircheninventars und der relevanten Kunstgegenstände. Anschließend wurden das Kirchenschiff und das feste Inventar vermessen.

Das im 13. Jahrhundert erstmals erwähnte Gotteshaus ist ein Paradebeispiel für den stilistischen Wandel im Kirchenbau. Dass ein so kleiner Ort wie Meßsstetten eine so stattliche Kirche aufweist, hat damit zu tun, dass Martin Elsaesser Anfang des 20. Jahrhunderts den Auftrag zur Erweiterung des Baus erhielt.

Plan nach A. Ast, 100 Jahre Evangelische Lamprechtskirche Meßstetten, S. 8.

Die erste urkundliche Erwähnung der damals im gotischen Stil erbauten Kirche stammt aus dem Jahr 1275. Ihren Namen verdankt sie dem heiligen Bischof Lamprecht, dem sie geweiht ist. Zunächst nach Ebingen eingepfarrt, wurde sie im 14. Jahrhundert Dekanatssitz und beherbergte damals noch drei Altäre. Drei Kapläne, vier Messpriester und ein Pfarrer besorgten die geistlichen Aufgaben.
Nach 500 Jahren stürzte 1725 der Kirchturm ein und das Kirchenschiff wurde zerstört. Dies führte beim Wiederaufbau zu einigen baulichen Veränderungen, so wurde beispielsweise das Kirchenschiff in Richtung des Pfarrhauses verlängert. Außerdem wurden Ende des 19. Jahrhunderts eine Orgel und eine Turmuhr eingebaut. In den folgenden sieben Jahren erhielt die Kirche einen Blitzableiter, Ofenheizung und Gasbeleuchtung sowie eine dritte Glocke im Turm.
Das Pfarrhaus bestand zu diesem Zeitpunkt bereits seit 350 Jahren und musste mehrmals aufwendig renoviert werden. Als schließlich 1909 die Kirche zu klein wurde und erneut umgebaut werden musste, gab es Überlegungen für einen kompletten Neubau. Ein Vorschlag war, das Pfarrhaus zu verlegen, um Platz für die Erweiterung des Gotteshauses zu gewinnen. Da man sich in der Frage der Kirchenerweiterung nicht einig wurde, beauftragte man den Stuttgarter Architekten Martin Elsaesser mit der Erstellung eines Gutachtens. Dieser schlug vor, die Kirche um 90° versetzt neu zu bauen, um das historische Pfarrhaus nicht zu beeinträchtigen. Auch dieser Vorschlag wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen.

Die Uneinigkeit wurde jedoch bald durch höhere Gewalt beendet, als 1911 ein schweres Erdbeben große Teile von Meßstetten zerstörte. Neben dem Pfarrhaus, das irreparable Schäden erlitt, war auch die Kirche reparaturbedürftig. Dies veranlasste Elsaesser, in einem neuen Baugutachten den Abriss des Pfarrhauses in Erwägung zu ziehen. Durch die Unbenutzbarkeit der Kirche zum Handeln gezwungen, nahm der Kirchenvorstand den endgültigen Bauplan von Martin Elsaesser an. Der Turm wurde in den beiden unteren Geschossen belassen, nach oben durch ein achteckiges und ein rundes Element erweitert und mit einem Kegeldach abgeschlossen. Die Kirche selbst wurde auf etwas mehr als das Doppelte vergrößert. Schließlich wurde das Pfarrhaus im 90°-Winkel hinter der Kirche neu errichtet und durch einen Gang mit der Kirche verbunden.

Bildcollage: Noah-Joshua Veit unter Verwendung eines Fotos der Inventarisation (LKAS) und A. Ast, 100 Jahre Evangelische Lamprechtskirche, S. 12, Foto von 1913.

Der Innenraum wurde vom Architekten im Stil des expressiven Jugendstils umgestaltet. Die Realisierung erfolgte von 1912 bis 1913. Der Kunstmaler Walter Strich-Chapell bemalte 1913 die Südwand mit Landschaftsbildern aus dem Leben Jesu (Bergpredigt, Gethsemane und Gang durchs Ährenfeld), der Meßstettener Bürger Johannes Eppler fertigte zwei Gedenktafeln für die Gefallenen an. Neben einer Längsempore an der Nordseite befinden sich Hochemporen im Westen und Osten, wobei die Orgel in der Chornische auf der Westempore steht. In der Chornische befindet sich ein großes Fenster, das von je zwei lebensgroßen figürlichen Gemälden (rechts Simeon und Hanna, links Jesus mit seinen Eltern) gerahmt wird.
Nur 40 Jahre später wurde die ursprüngliche Jugendstilausstattung im Zuge der Modernisierung in den 1960er Jahren wieder entfernt. An der Umgestaltung im Innenraum war vor allem Rudolf Yelin d.J. beteiligt, der auch die Reliefwand im Chor gestaltete. Durch die Umgestaltung wurde der Jugendstilcharakter der Kirche maßgeblich verändert. 1960 wurden die Gemälde übermalt und die östlichen und westlichen Emporen abgerissen, um den Chorraum zu vergrößern und Platz für eine Orgel auf der Ostempore zu schaffen. Das westliche Chorfenster erhielt ein großes Relief mit Bildern aus dem Leben Jesu (Taufe, Abendmahl, Getsemani, Auferstehung) und der Chor ein neues Fenster an der Südwand. Außerdem wurden die Kronleuchter durch minimalistische Lampen ersetzt und ein frei hängendes Kreuz im Altarraum angebracht. Das Gestühl wurde mit Teakholz erneuert und alle Fenster mit Antikglas neu verglast. Der historische Turmsockel wurde mit Beton verstärkt. Bis auf die unveränderte Außenfassade blieb von der ursprünglichen Idee des Architekten Martin Elsaesser wenig übrig. Im Jahr 2016 wurden schließlich die Fenster künstlerisch in helleren Farben neu verglast und der Gemeindesaal unter der Ostempore mit einer Glastrennwand ausgestattet. Der teilweise erhaltene PVC-Bodenbelag aus den 1960er Jahren wurde durch Naturstein ersetzt.

Online-Informationen zur Lamprechtskirche: A. Ast, 100 Jahre Evangelische Lamprechtskirche Meßstetten

Literatur: 

100 Jahre evangelische Lamprechtskirche Meßstetten 1913-2013. Hrsg. v. Evangelische Kirchengemeinde Meßstetten. Unter Mitarbeit v. Adolf Ast, Gottlieb Gerstenecker, Wilfried Groh, Harald Sauter u. Reinhold Schuttkowski. Meßstetten 2013, S. 4-28; Helber, Ingrid: Baudenkmale und bemerkenswerte Gebäude, in: Eine Stadt im Wandel der Zeit. Die Geschichte von Meßstetten und seinen Ortsteilen Hartheim, Heinstetten, Hossingen, Oberdigisheim, Unterdigisheim und Tieringen. Hrsg. i.A. der Stadt Meßstetten v. Sigrid Hirbordian, Andreas Schmauder u. Manfred Waßner. Meßstetten 2019, S. 326-351.

Quellen im Landeskirchlichen Archiv:

LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr. 64: Neubau von Kirche und Pfarrhaus 1827-1916; LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr.67: Kirchenerneuerung 1937-1966; LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr. 255: Hauptbuch für Neubau von Kirche und Pfarrhaus 1912-1915; LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr.258: Tagebuch für Neubau von Kirche und Pfarrhaus 1912-1915; LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr. 256-257: Beilagen zu den Baurechnungen für Kirchenneubau 1912-1914; LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr. 436: Kirchenerneuerung 1958-1961; LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr. 294: Beilagen zu den Baurechnungen der Kirchenerneuerung 1958-1962; LKAS, A 29, Nr. 2818: Pfarrberichte und Pfarrbeschreibungen 1828, 1841-1921; LKAS, G 62 (Pfa Meßstetten), Nr. 66: Orgelerneuerung 1902-1963.

Inventarisierung der Jugendstilkirche Gaggstatt. Ein Bericht aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr

7. November 2023 | |

Am 27.09.2023 durfte ich zum ersten Mal bei einer Inventarisierung dabei sein. Anstatt wie bisher im Büro bestehende Akten zu sortieren oder zu digitalisieren, konnte ich hier hautnah bei der Aufnahme eines neuen Bestandes dabei sein. Bei der Inventarisierung im speziellen, wird nicht nur ein neuer Bestand aufgenommen, der Bestand muss erst geschaffen werden. Dies geschieht mithilfe von Fotoaufnahmen der entsprechenden Objekte und einer eingehenden Beschreibung derselben. Maße, Name, Datierung und Herkunft werden vor Ort bestimmt, während eine eingehende Werkbeschreibung u.a. anhand der Fotos im Archiv angefertigt wird. In diesem Fall handelte es sich bei dem „Bestand“ um die Jugendstilkirche Gaggstatt.

Die Inventarisierung beginnt morgens und nimmt einen ganzen Arbeitstag in Anspruch. In Gaggstatt angekommen, übergab uns die Mesnerin die Schlüssel und wir durften uns frei in der Kirche umsehen.

Die mit ihren Doppeltürmen für das sonst relativ kleine Dorf Gaggstatt doch schon sehr imposante Jugendstilkirche wurde 1904 nach dem Entwurf des bekannten Architekten Theodor Fischer gebaut. Die mangelnde Fantasie bei der Namensgebung machte er bei der Gestaltung der Gottesdienstraumes mehr als wett. Neben der auffallend farbenfrohen Ausstattung, wie den Kacheln entlang der Empore und den blauen Bänken, die immer gleichzeitig eine oder mehrere symbolische Bedeutungen haben, gibt es in der Kirche viele kleine versteckte Details zu entdecken. So zum Beispiel ein kleines Relief im Treppenaufgang, das mit den Tieren Katze, Ratte, Frosch und Fliege die Schöpfungsordnung Gottes darstellt.

Im Rahmen der Inventarisierung wurde zunächst das liturgische Gerät erfasst, das in diesem Fall, da es sich um eine evangelische Kirche handelt, nur die Abendmahlskelche, die „Vasa Sacra“, umfasste. Es gab 7 Stück davon, die meisten aus vergoldetem Kupfer, Silber oder Zinn. Eine Besonderheit war ein Kelch, der sowohl Stilmerkmale des 15. als auch des 19. Jahrhunderts aufwies und daher nicht eindeutig zuzuordnen war.

Nach der Verzeichnung des Liturgischen Geräts wendeten wir uns dem Kirchenschiff zu. Wichtig sind hier die Prinzipalstücke Taufstein, Altar und Kanzel sowie eventuell weitere architektonische Details. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen sind es hier nicht die Glasfenster, sondern die Brüstung der Empore, die mit sieben sich wiederholenden Motiven auf großen Kacheln verziert ist. Zwei der Kacheln sind abgeschnitten, als Symbol für die Unvollständigkeit der Schöpfung Gottes. Über dem Altarraum befand sich außerdem ein großes Relief, das die 3 wichtigsten Ereignisse des Christentums darstellte: Weihnachten (Geburt Christi), Ostern (Tod Christi) und Pfingsten (Empfang des Heiligen Geistes).

Eine Überraschung erwartete uns beim letzten Element:

Der Taufstein selbst war nicht mehr im Original vorhanden, sondern eine in eine Nische eingelassene Schale mit einem Holzdeckel im Jugendstil. Der ursprüngliche Taufstein befand sich, wie uns der Pfarrer später erklärte, in der Nachbargemeinde. So machten wir, bevor wir mit der Aufnahme des Kirchengebäudes fortfuhren, einen kurzen Abstecher in die Kirche des Nachbarortes.

Nachdem wir dort den, im Vergleich zum restlichen Kirchenmobiliar, relativ unspektakulären Taufstein verzeichnet hatten, kehrten wir wieder zurück zum ursprünglichen Einsatzort und fuhren anschließend mit der Empore fort. Dies umfasste die Orgel und zwei Prozessionskreuze.

Zuletzt schlossen wir die Kirche ab und machten noch einige Außenaufnahmen. Ich fand diese Abwechslung zum bisherigen FSJ-Alltag sehr spannend und würde mich freuen, bald wieder so etwas machen zu können.

Fotos: Inventarisation, Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Ein Wandbild in der Strümpfelbacher Kirche und die Aktualität Luthers in Zeiten von Hass, Gewalt und Krieg

31. Oktober 2023 | |

Stellen wir uns einmal vor, Martin Luther hätte 1517 in Wittenberg nicht seine 95 Thesen unter die Menschen gebracht, hätte sich nicht für die Bedeutung des Wortes in der Predigt, für die Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt, für die Kindertaufe und für die Musik im Gottesdienst eingesetzt? Was wäre geschehen, wenn er nicht davon gesprochen hätte, dass die aufwendige Glaubenspraxis der damaligen christlichen Kirche eben nicht dem wahren Glauben an Jesus Christus diente? Dann hätte es zumindest im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts keine kriegerischen Auseinandersetzungen um den rechten christlichen Glauben gegeben, dann wären keine Klosterkirchen aufgelöst und keine neuen Gottesdienstordnungen eingeführt worden. Kurz, es wäre zunächst alles beim Alten geblieben. Aus protestantischer Sicht wäre der Verlust gleichwohl hoch gewesen, profitieren wir doch auch noch heute von der Einrichtung neuer Schulen zur Unterweisung im neuen Glauben und zur Förderung der allgemeinen Bildung, von der Bibel in einer einheitlichen deutschen Sprache und von Gottesdiensträumen, in denen Altar, Kanzel, Taufbecken und Orgel gleichermaßen dem Wort Gottes dienen und damit gleichwertige Ausstattungsstücke sind. Es hätten sich keine Gottesdiensträume entwickelt, in denen z.B. der Altar in der Mitte der Kirche steht, es gäbe keine Kanzelaltäre, in denen Altar, Kanzel und Orgel übereinander angeordnet sind, es hätte aber auch keine so ausgeprägte Entwicklung des Kirchenliedes gegeben, denn wir kennen nicht nur „Ein feste Burg ist unser Gott“ oder „Vom Himmel hoch da komm ich her“, sondern viele andere Lieder mehr. Denn Martin Luther war nicht nur Augustinermönch, Theologe, Professor und Reformator, sondern auch Dichter und Musiker.

Wandbild in der Pfarrkirche St. Jodokus in Strümpfelbach. LKAS, Inventarisation, Bilder, DA Waiblingen, Strümpfelbach, Nr. 276

Lucas Cranach d.Ä. (Werkst.), Porträt des Martin Luther (Lutherhaus Wittenberg). Wikimedia Commons (Gemeinfrei)

Trotz seiner vielseitigen Persönlichkeit wurde Martin Luther immer wieder in Anlehnung an das von Lucas Cranach (1472-1553) gemalte Porträt von 1528 mit schwarzem Talar, Barett und strengem Gesichtsausdruck dargestellt, obwohl Luther selbst geäußert hatte, er wolle mit einem Schwan porträtiert werden, und zwar in Anlehnung an eine Prophezeiung, die der damals in Konstanz gefangene böhmische Reformator Jan Hus (um 1370-1415) Ende 1414 geäußert hatte. Man werde im Gefängnis eine Gans braten – denn Hus heißt auf Deutsch Gans -, aber nach hundert Jahren werde man einen Schwan singen hören. In einer Glosse von 1531 bezog Luther diese Aussage von Hus auf seine eigene Person. So entstand die Bildtradition von Luther und dem Schwan. Ein erstes Motiv dieser Art stammt aus dem Jahr 1603 von Jacob Jacobs und hängt in der Hamburger Hauptkirche St. Petri. Ein weiteres Beispiel aus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist das 1698 von Georg Friedrich List geschaffene Wandbild in der Pfarrkirche St. Jodokus in Strümpfelbach im Kirchenbezirk Waiblingen. Wie in Hamburg steht auch in Strümpfelbach Martin Luther im schwarzen Talar im Mittelpunkt des Bildes. In Strümpfelbach hält er die aufgeschlagene Bibel in den Händen, während über ihm ein Engel mit Buch und Ring schwebt. Der Engel symbolisiert den himmlischen Schutz der Bibel und der neuen Lehre, mit der Martin Luther durch den Ring eng verbunden ist. Links von Luther steht eine Säule auf einem Sockel mit dem Christusmonogramm als Symbol für den rechten Glauben an Jesus Christus und die Standhaftigkeit Martin Luthers. Rechts von Luther steht ein Schwan mit weit geöffnetem Schnabel, der sich der Person Luthers zuwendet, als Symbol für die Fortdauer der Reformation.

Gesteigert wird das auf Pfarrer Magister Georg Ludwig Schmidlin fußende Bildprogramm, dessen Anfangsbuchstaben auf dem Sockel unter der Säule zu finden sind, durch die Inschrift auf dem Postament der Säule, in der es folgendermaßen heißt: “Der Engel schwebt, Lutherus steht, was Er gelehret,// das bleibet ewiglich. Stoppeln und hew verzehret// das Feuer. Der Schwan singt. Ein Schaar, die mild, Fürbild// und Gegenbild heiligt, als Christi Ehrenschild”.

Das Wandbild Martin Luthers mit dem Schwan in der Pfarrkirche St. Jodokus in Strümpfelbach zeigt also in besonderer Weise die Aktualität Martin Luthers als Fürsprecher der Reformation, als jemanden, der für seinen Glauben einsteht und für diesen kämpft. Gerade in der heutigen Zeit, geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen in der ganzen Welt, ist ein deutliches Zeichen für das Eintreten für das Wort Gottes, für die Würde des Menschen und die Menschlichkeit wichtiger denn je.

Beitragsbild: Inschrift Lutherbild Strümpffelbach. LKAS, Inventarisation, Bilder, DA Waiblingen, Strümpfelbach, Nr. 281

Bericht von der Veranstaltung in der Stadtkirche Weikersheim (Vorstellung des neuen Kirchenführers)

10. Mai 2023 | | ,

Nach der Renovierung des Außenbaues der Stadtkirche St. Georg in Weikersheim erstrahlt nun dieser wieder in neuem Glanz – Grund für mehrere Veranstaltungen in der Kirche, zu denen auch die Vortragsveranstaltung am Mittwoch, den 26. April 2023 zählte. Anlass dafür war jedoch nicht nur die Fertigstellung der Renovierung, sondern auch die Vorstellung des neuen Kirchenführers, der schon seit 2020 vorliegt, aber die diesbezügliche Veranstaltung musste wegen den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus leider abgesagt werden. Diese Publikation wurde mit Unterstützung des Landeskirchlichen Archivs und des Vereins für württembergische Kirchengeschichte erarbeitet. Umso größer war also nun die Freude, dass es jetzt möglich war, sich abends in der Kirche zu versammeln.

Zunächst stellte Günter Breitenbacher die Baugeschichte der Kirche vor. In seinen Ausführungen erläuterte er den von den adligen Herren von Weikersheim ab Mitte des 12. Jahrhunderts erbauten Vorgängerbau der heutigen Kirche. Dieser kleine Kirchenbau entstand jenseits des Vorbachs nahe der Mündung in die Tauber und wurde dem Hl. Georg geweiht. Mit der Stadtgründung um 1330 verlegten die Adligen von Hohenlohe die Siedlung zu dieser und die Bevölkerung verließ nach und nach das unbefestigte Dorf und zog in die Nähe der Burganlage in der Stadt. Diese Situation macht verständlich, dass man sich eine Kirche innerhalb der Stadtmauern wünschte, die dann schließlich auch von Conrad von Weinsberg und seiner Gemahlin Anna von Hohenlohe gestiftet und von 1419 – 1425 erbaut wurde. Auch diese Kirche wurde dem Hl. Georg geweiht.

Dr. Anette Pelizaeus vom Landeskirchlichen Archiv widmete sich nun der Ausstattung der spätgotischen dreischiffigen Hallenkirche mit dem sich anschließenden, aber erst 1615-1618 in der heutigen Form erbautem Chor. Dieser stattliche Neubau, dessen westliches Hauptportal im Tympanon stolz das Stifterpaar mit dem Kirchenmodell präsentierte – heute im Inneren der Kirche zu sehen – bewahrt aber immerhin noch die Reste eines ehemaligen Rundbogenfrieses des Vorgängerbaues, die im gesamten Kirchenschiff verteilt sind. Neben diesen Zeugnissen der Vergangenheit darf als einzigartig bewertet werden, dass das mächtige Kranzgesims des gewölbten Chores den Lebenslauf des Grafen Georg Friedrich von Hohenlohe in goldener Schrift auf schwarzem Grund enthält, in dessen Regierungszeit der Chor errichtet wurde. Ein weiteres Highlight der Kirche ist das Kinderepitaph des Herzogs Heinz von Sachsen-Lauenburg, des Enkels des Stifterpaares, der 1437 im Alter von  nur sechs Jahren verstarb.

Auf dem Beitragsbild: Frau Dekanin Renate Meixner, die den Abend moderierte, dankte den Referierenden und überreichte ihnen jeweils ein Stück des Schieferdaches über dem Kirchenschiff aus der Zeit vor der Renovierung.

 

Anette Pelizaeus, Günter Breitenbacher: Die Stadtkirche St. Georg in Weikersheim, Stuttgart 2020 (Nr. 26), ISBN 978-3-944-051-17-8, Preis 4,00 Euro.

Die Publikation kann beim Verein für Württembergische Kirchengeschichte bestellt werden (E-Mail: Margarete.Gruenwald@elk-wue.de)

 

Beitragsbild: Inge Braune, Freie Journalistin, Weikersheim

 

Portrait eines unbekannten Mannes im ältesten Kirchenbuch von Heumaden

24. März 2023 | | , ,

Als Reaktion auf unseren Beitrag über künstlerische Illustrationen in Kirchenbüchern hat uns ein Genealoge auf das Portrait eines unbekannten Mannes im ältesten Kirchenbuch von Heumaden aufmerksam gemacht. Auf der Seite 45 ist ein Portrait eines schätzungsweise 50- bis 60-jährigen Mannes eingezeichnet.[1]

Da die Tinte der Zeichnung, des Eintrags „Anno Domini 1608“ auf derselben und des Eintrags auf der folgenden Seite dieselben zu sein scheint, kann angenommen werden, dass der Zeichner der Pfarrer Johann Mylius war, der sein Amt am 18. März 1608 antrat, aber bereits am 20. Juni 1609 an der Pest verstarb. Ein Selbstbildnis ist eher ausgeschlossen, da Mylius, der sich 1600 an der Universität Tübingen immatrikulierte,[2] 1608 eher um die 30 Jahre alt gewesen sein dürfte. Sein Alter ist in seinem Todeseintrag leider nicht angegeben.[3]

Uwe Geiger vermutet in seinem Aufsatz über die Pfarrersfrau Margaretha Maickler, bei dem dargestellten Mann könnte sich um den Heumadener Pfarrer Albert Kupferschmied handeln.[4] Kupferschmied starb am 21. Januar 1608 – nicht wie im Artikel angeben im Januar 1609 – jedoch im Alter von 32,5 Jahren,[5] so dass es eher auszuschließen ist, dass er die dargestellte Person ist.

Auf der Seite mit dem Portrait ist lediglich ein Taufeintrag zu finden, nämlich der von Catharina Weber vom 13. August 1607. Da der abgebildete Mann nicht in typischer Pfarrerkleidung dargestellt ist, könnte er auch Hans Weber, genannt Klein, der Vater der Catharina sein.[6] Auch sein Alter ist nicht bekannt, in seinem Todeseintrag vom 26. September 1614 ist jedoch angegeben, dass er Mitglied des Gerichts war.[7] Er könnte deshalb das nötige Ansehen gehabt haben, um sich in Kirchenbuch verewigen zu lassen.

Wer schlussendlich der unbekannte Mann war, bleibt im Dunkeln der Geschichte.

 

Quellen

[1] Kirchenbücher Heumaden, Mischbuch 1558-1806, Taufregister 1558-1780, S. 45

[2] KB Heumaden, M 1558-1806, Vorblatt , vlg. auch Eintrag im Pfarrerbuch auf wkgo.

[3] KB Heumaden, M 1558-1806, Totenregister 1593-1753, S. 604

[4] Geiger, Uwe: Margaretha Maickler geborene Kepler, verwitwete Binder. Rekonstruktion eines Frauenlebens. In: Schwäbische Heimat 2022|4, S. 51 – 56 (Online-Veröffentlichung), hier S. 52

[5] Eintrag im Pfarrerbuch auf wkgo  und KB Heumaden, M 1558-1806, To 1593-1753, S. 602

[6] Hermann, Richard: Familienbuch Heumaden. Stuttgart-Heumaden jetzt 70619 Stuttgart. Die Familien von Heumaden 1558 – 1877. Stuttgart 2010, S. 229, Nr. 1267

[7] KB Heumaden, M 1558-1806, To 1593-1753, S. 611

 

 

Künstlerische Illustrationen in den Nellinger Kirchenbüchern

21. März 2023 | | ,

Im ersten Kirchenbuch von Nellingen auf den Fildern sind im Taufregister auf mehreren Seiten verschiedene künstlerische Illustrationen zu finden, die auf ein gewisses Talent des Urhebers schließen lassen.

 

Die erste Seite [1] beginnt mit der Beschreibung der Einführung der Taufregister im Herzogtum Württemberg:

 

„Anno Domini 1558 im Monat

deß Mertzens, hatt der Durchleuchtige, Hochge-

porne Furst unnd Herr, Herr Christoph Hertzog

zu Wurtembeg, und zu Theckh, Grave zu

Mumpelgarth etc. unser gnädiger Furst und

Herr, auß vilerley Bewegen den notwendigen

Ursachen, einen gemeinen Bevelh allenthalben

im Furstenthumb außgehen laßen, nemlich

das hinfuro alle Kinder, so zu dem christenlichen

Tauff gebracht, sollen mit irem Vatter, Muter,

und Gefattern, auch der Tag, und in welchem Jar

sie getaufft, ordenlich auffgeschriben werden,

wie hernach in disem Buch volget. Der

Herr beware ihren Eingang, und Außgang,

von nun an, und in Ewigkeit.

Amen“

 

Im anschließenden Bild ist Mariä Verkündigung dargestellt (Lukas 1,26–38 ). Die Buchstabenreihe A.G.D.T. B.T.I.M. im Bild steht für „Ave Gratia plena, Dominus Tecum, Benedicta Tu In Mulieribus“, also für den Anfang des Angelusgebets, der auf Deutsch lautet: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir! Du bist gebenedeit unter den Frauen.“ oder angelehnt an Lukas 1,28: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Du bist gebenedeit unter den Frauen.“. Die Bedeutung des Stabes, den der Engel in der Hand hält, ist unklar.

 

Auf der zweiten Seite [2], dem Beginn der Taufeinträge des Jahres 1561, sind Szenen aus der Bibel dargestellt. In der obigen Tafel sind es:

  1. Die Erprobung Abrahams: die Opferung Isaaks (Genesis 22,10-12 = 1. Buch Mose 22,10-12).
  2. Simsons (Samsons) Heirat einer Philisterin und sein Rätsel: Simson zerreißt einen Löwen mit bloßen Händen (Iudicum 14,6 = Richter 14,6 ).
  3. Die Kreuzigung Jesu (Matthäus 27,35 ff ). Dargestellt ist auch Longinus, der römische Zenturio, der Jesus nach dessen Tod eine Lanze in die Seite gestochen haben soll. Dies ist nur im Johannesevangelium erwähnt (Johannes 19,34).
  4. Die Auferstehung Jesu (Markus 16). Jesus trägt die so genannte Siegesfahne, ein Symbol für seine Auferstehung.
  5. Die kupferne Schlange (Serpens) (Numeri 21,4-9 = 4. Buch Mose 21,4-9).
  6. Jonas und der Wal – Jonas‘ Geschichte beginnt in Jona 1, der Wal (großer Fisch) taucht aber erst in Jona 2,1 auf.

 

In der unteren Tafel sind dargestellt:

  1. Auch hier passt das Bild nicht zur angegebenen Bibelstelle. Der Ziegenbock (Hircus) wird erst in Levitikus 16,22 (= 3. Buch Mose 16,22) erwähnt: „und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen“. Was die beiden wahrscheinlich nachträglich von einer anderen Person eingefügten Symbole auf bzw. neben dem Ziegenbock darstellen, ist unklar. In Levitikus 15 (= 3. Buch Mose 15 ) geht es um Ausflüsse aus den Genitalien, weshalb ein Phallus-Symbol nicht ausgeschlossen ist.
  2. Agnus Dei mit Siegesfahne, hervorgegangen aus den Pessach-Lämmer, deren Blut als Schutzzeichen vor der zehnten Plage an den Türpfosten gestrichen wurde (Exodus 12 = 2. Buch Mose 12).

 

Auf der dritten Seite [3] folgt auf einen Taufeintrag vom 5. Dezember 1562 und einem „Trennbild“, durch einen roten Fingerzeig, der evtl. später eingefügt wurde, noch hervorgehoben:

 

„Anno hoc currensus 1562 die 18 Decemb.

M. Samuel Neuhewser futurus parochus in

hoc pago Nellingen prima contionem habuit et

Profectus eo proxima die ante vigilias natiuitatis

Jesu Christi“

 

Übersetzt heißt dies (in etwa): „In diesem laufenden Jahr 1562, am 18. Tag des Dezembers, hatte Magister Samuel Neuheuser, der zukünftige Pfarrer in diesem Dorf Nellingen, die erste Versammlung und fuhr am nächsten Tag vor dem Vorabend der Geburt Jesus Christus fort.“

Samuel Neuhäuser kam wohl am 18. Dezember 1562 zu einem ersten Kennenlernen nach Nellingen und trat sein Amt offiziell zum 22. Dezember 1562 an.

Das Bild darunter könnte die Segnung der Kinder (Matthäus 19,13-15) darstellen.

 

Auf der vierten Seite [4] ist nach einen Taufeintrag vom 31. Dezember 1564 und wiederum einem „Trennbild“ der gekreuzigte Jesus dargestellt. Neben ihm ist auf einer Tafel zu lesen: „ECCE AGNUS DEI QUI TOLLIT PECCA TA MUNDI“, übersetzt: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt.“ Die Person rechts daneben auf einer Kanzel könnte Johannes Brenz, den Reformator des Herzogtums Württemberg, darstellen.

 

Auf der fünften Seite [5] folgt auf einen Taufeintrag vom 24. November 1568 ein Ornament. Darin steht in der Mitte IHS CHRS = Jesus Christus.

In den Ecken links oben, rechts oben, rechts unten und links unten stehen nummeriert die Namen von 1. Paulus, 2. (Simon) Petrus, 3. Judas und 4. Jakobus. Während die ersten beiden bedeutende Persönlichkeiten für das Urchristentum waren, Paulus der bedeutendste Missionar des Urchristentums, Petrus der Sprecher der Apostel und Leiter der Jerusalemer Urgemeinde, ist unklar, warum Judas und Jakobus hervorgehoben sind. Sollte mit ersterem Judas Iskariot, der Jesu verriet, gemeint sein, so war auch dieser für das Christentum in gewisser Weise bedeutend, wenn auch im negativen Sinn. Ob mit Jakobus einer der beiden Apostel (s.u.) gemeint ist oder Jakobus, der Stammvater Israels, oder Jakobus, der Bruder Jesu, bleibt unklar.

In den Spitzen oben, rechts, unten und links stehen die Namen der Evangelisten Matthäus („Math.“), Markus, Lukas und Johannes. Ersterer und letzterer waren gleichzeitig Apostel.

In den Schleifen stehen, im Uhrzeigersinn oben beginnend, die Namen der Apostel Jakobus der Ältere, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, Jakobus der Jüngere („Jacobus mi[nor]“), Judas Thaddäus, Simon, Matthias (der „nachrückte“, nachdem Judas Iskariot Jesus verraten hatte), Petrus und Andreas.

Auf der sechsten Seite [6], der ersten Seite mit den Taufeinträgen von 1570, ist im gleichen Ornament wie auf der fünfen Seite die Anbetung des Jesuskindes durch die Sterndeuter aus dem Osten dargestellt (Matthäus 2,10-11). In der christlichen Kunst wird dieses Motiv mit „Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen Drei Könige“ oder kurz „Anbetung der Könige“ betitelt. In dem Bild sind nur zwei Sterndeuter dargestellt, wovon einer eine dunkle Hautfarbe hat. In der Bibel wird weder die Anzahl noch die Hautfarbe oder Namen der Sterndeuter genannt. Die Zahl drei, die Namen Caspar, Melchior und Balthasar, in machen Darstellungen auch die dunkle Hautfarbe des letzteren, hat sich erst über die Jahrhunderte entwickelt. Hier: Beispiele für die Darstellung

Wem wir diese Illustrationen zu verdanken haben, bleibt unbekannt. Im Zeitraum 1558 bis 1570 waren in Nellingen zwei Pfarrer tätig: Johannes Vetter von 1555 bis Ende 1562, anschließend Samuel Neuhäuser bis 1570. Ein Abgleich mit den Taufregistern anderer Tätigkeitsorte dieser Pfarrer, sofern überliefert, ergab, dass dort keine Illustrationen vorzufinden sind. Möglicherweise gestatteten die Pfarrer einer anderen, künstlerisch begabten Person, diese Illustrationen einzuzeichnen, oder beauftragten diese sogar. Da vor allem die Illustration auf der zweiten Seite „klösterlich“ wirkt und es in Nellingen zu dem Zeitpunkt noch eine aktive Propstei gab, zu der ein gutes Verhältnis bestand – der katholische Propst ist in einigen Taufeinträgen als Taufpate aufgeführt – wäre es auch denkbar, dass ein Mönch aus der Propstei der Maler war.

In welchem Umfang auch in Kirchenbüchern anderer Orte ähnliche Illustrationen vorzufinden sind, ist nicht bekannt. Es kann aber angenommen werden, dass es diese nicht nur in den Nellinger Kirchenbüchern gibt, wie folgender Zufallsfund aus Flözlingen bestätigt.

Dem 1650 beginnenden Totenregister ist das Bild einer schlafenden Person (eines Kindes?) vorangestellt. Die Person hält eine Sanduhr, ein Symbol für die Vergänglichkeit. Im oberen Bildrand steht „Bey Sonnenschein, mus dises Sein.“, im unteren „HODIE MIHI. CRAS TIBI“, also „heute mir, morgen dir“. Letzterer Spruch ist auf vielen Epitaphien u.ä. zu finden.

Diese beschriebenen einfachen Illustrationen dürften von Laien gemalt worden sein. Farbenprächtige und detailreiche Auftragsarbeiten von Berufsmalern sind in den Tübinger Totenregistern zu finden, worüber Andreas Butz im November 2022 berichtete: https://blog.wkgo.de/2022/11/18/

 

 

 

Quellen

[1] Kirchenbücher Nellingen, Mischbuch 1558-1729, Taufregister 1558-1729, Vorbl. 3v

[2] Ebenda, Bl. 7v

[3] Ebenda, Bl. 13r

[4] Ebenda, Bl. 17v

[5] Ebenda, Bl. 27v

[6] Ebenda, Bl. 29v

[7] KB Flözlingen, Mischbuch 1644-1717, Totenregister 1650-1717, S. 1

Die Gaben der Könige

19. Dezember 2022 | | ,

Weihnachten ist das Fest der Gaben. In den bildlichen Darstellungen der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem sind es die Figuren der drei Könige, die dem „neuen König“ huldigen und ihre Gaben darbringen: Weihrauch, Myrrhe und Gold. Im Neuen Testament werden sie nicht als „Könige“ bezeichnet, auch gibt es keine Angabe über ihre Anzahl. Diese Angaben entstammen einer umfangreichen Legendenbildung, die im 3. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Seit dem 9. Jh. tragen sie die Namen Kaspar, Melchior und Balthasar. In der christlichen Kunst des Mittelalters und der Renaissance entwickelten sich die drei Könige zu Repräsentanten der damals bekannten drei Erdteile Europa, Afrika und Asien. Damit wird betont: Die Geburt Jesus Christi ist ein Geschenk an alle Menschen, weltweit.

Beitragsbild: Anbetung der Könige (Matth. 2, 1-12), um 1880, Lithografie, schablonenkoloriert, Museale Sammlung, Inv. Nr. 06.037

 

Die Totenbücher der Stiftskirche in Tübingen

18. November 2022 | | ,

Beim Durchblättern der Tübinger Totenbücher fällt dem Betrachter eine Besonderheit auf: Es finden sich dort im Zeitraum zwischen 1692 und 1796 inmitten der anderen, schmucklosen Eintragungen insgesamt 75 handgemalte und oft reich verzierte Gedenkblätter für Verstorbene. 57 dieser besonderen Kirchenbucheintragungen sind ganzseitige Bilder, die in die betreffenden Bände eingeklebt wurden, die restlichen gemalten Sterberegistereinträge wurden direkt auf die Seiten des Kirchenbuchs zwischen den anderen Eintragungen aufgemalt. 36 Männer, zehn Frauen und 29 Kinder erhielten solche prächtig ausgestaltete Gedächtnisdarstellungen. In der Regel handelt es sich dabei um Theologen der Universität Tübingen oder Angehörige von solchen, oder aber um andere Universitätsangehörige. Die ersten Eintragungen wurden von den künstlerisch vorgebildeten Mesnern Andreas Herzog und seinem Sohn Johann Michael Herzog gestaltet. Die späteren Bilder stammen von Berufsmalern wie Jakob Daniel Schreiber, Joseph Franz Malcote, August Friedrich Oelenheinz  und Jakob Friedrich Doerr.

Die entsprechend der Maße der Bilder oft ausführlichen Sterbeeinträge mit Nennung der Stellung, Ämter und gesellschaftlichen Tätigkeit der Personen oder ihrer Väter oder Ehemänner sind teilweise in deutscher, teilweise in lateinischer Sprache gehalten. Man wundert sich, welcher Funktion diese prächtigen Eintragungen dienten. In einem Kirchenbuch waren sie schließlich nicht öffentlich sichtbar, und konnten somit kaum dem Trost der Hinterbliebenen dienen. Was die Einfügung dieser Gedächtnismale in die Kirchenbücher allerdings auszeichnete war die zu erwartende Langfristigkeit ihrer Überlieferung für die Nachwelt. Kirchenbücher verblieben auf dem Pfarramt und wurden stets gewissenhaft verwahrt. Da diese Praxis in Tübingen scheinbar einzigartig zu sein scheint, überlegt man auch, wodurch sie inspiriert worden sein könnte. Vielleicht waren es die in der Tübinger Stiftskirche reichlich vorhandenen Grabmonumente, die die Idee für die ins Bild gesetzten Einträge anregten. Bis jetzt wurden  diese Totenbücher noch keiner Untersuchung gewürdigt, die diese und andere Fragen klären könnte.

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts enthalten die Darstellungen fast nur allegorische Darstellungen und Ornamentik. Danach wurden Abbildungen der Personen üblich, die entweder als Ganzkörperdarstellungen in die Bildszenen eingefügt wurden oder als Porträts erscheinen.  Die Malereien beinhalten fast immer ornamentale Ausschmückungen und allegorische Darstellungen. Als Sinnbilder des Todes und der Vergänglichkeit findet man etwa Bilder menschlicher Gerippe oder Totenschädel, ablaufende Sanduhren, herunterbrennende Kerzen. Solche eher düsteren Anmutungen werden aber aufgehellt durch kindliche Engelsgestalten barocker Art sowie anmutige, manchmal sogar leicht bekleidete allegorische Frauengestalten, bunte Blüten, Landschaften und Ornamente. In die Abbildungen eingestreut, etwa auf Täfelchen in den Händen von Kindern oder Engeln, findet man auch Sinnsprüche und Hinweise auf biblische Textstellen.

Literatur: Hermann Jantzen, Stiftskirche in Tübingen, Tübingen 1993, S. 139.

Tübinger Kirchenbücher bei Archion: Totenbuch 1652-1714, Totenbuch 1715-1737, Totenbuch 1737-1766, Totenbuch 1767-1799

Als Galerie eine Auswahl von künstlerisch gestalteten Einträgen in den Tübinger Totenbüchern:

Der Hl. Martin im Chor der Plieninger Martinskirche

11. November 2022 | | , ,

Die evangelische Landeskirche in Württemberg birgt ein reiches kulturelles Erbe, bedenkt man schon allein die große Zahl an noch vorhandenen Pfarr- und Stadtkirchen, Stifts- und Klosterkirchen aus romanischer und gotischer Zeit. Meist stechen die weithin sichtbaren Kirchtürme, reich geschmückten Altäre, Kanzeln, Emporen oder prächtige Orgeln in Auge, während beispielsweise die Schlusssteine, das sind die Schmuckelemente der Kreuzungspunkte von Gewölbebogen der mittelalterlichen Kreuzrippengewölbe, meist kaum Beachtung finden. Ein Blick ins Gewölbe lohnt sich dennoch sehr, sind in den Schlusssteinen doch nicht selten Stifter, Stifterpaare, Patrone, Kirchenväter, Heiligenfiguren, Evangelisten, Propheten oder Engel dargestellt. Gerade jetzt zum Fest des Hl. Martin von Tours, das ja alljährlich zum Gedächtnis seiner am 11. November 397 n. Chr. In Tours erfolgten Beisetzung in vielen Orten mit Laternenumzügen und oder Martinsfeuern gefeiert werden, empfiehlt sich insbesondere ein Blick in das Chorgewölbe der Plieninger Martinskirche. Im Chorschluss befindet sich hier nämlich ein runder, am Rand vergoldeter Schlussstein, der mit dem Neubau des Chores im ausgehenden 15. Jahrhundert geschaffen wurde und die legendäre Mantelteilung des Hl. Martin zeigt. Dieser war ab 334 bei der Reiterei der Kaiserlichen Garde in Amiens stationiert, als er die legendäre Mantelteilung vollzog und verabschiedete sich darauffolgend von seinem Militärdienst, um von nun an für die Kirche zu streiten. Im Jahr 351 wurde er getauft, gründete schon 361 in Ligugé ein Kloster, die spätere Abtei St. Martin de Ligugé, die schließlich auch ihm geweiht wurde. Im Jahre 375 errichtete er in der Nähe von Tours das Kloster Marmoutier und im Jahr 370 oder 371 wurde er zum Bischof von Tours geweiht. Durch sein beispielhaftes, tugendsames Leben förderte er den christlichen Glauben und durch die Gründung von Kirchen und Klöstern trug erheblich zur Christianisierung im europäischen Raum bei. Der Schlussstein zeigt den Soldaten auf einem Schimmel sitzend und er ist gerade dabei, mit seinem kurzen Schwert, das er in seiner Rechten hält, seinen roten Offiziersmantel zu teilen, um die eine Hälfte einem armen, lediglich mit einem offenen, kurzärmeligen, zerrissenen Untergewand und einfachen Stiefeln bekleideten Bettler zu geben, der vollkommen erschöpft vor ihm zusammengebrochen zu sein scheint. Der Bettler versucht sich zwar aufzurichten, hat seine Rechte zu dem Soldaten erhoben und seinen linken Ellenbogen neben seiner Umhängetasche auf dem Boden abgestützt, doch er schafft es nicht, sich aufzurichten und aufzustehen. Die Ambivalenz zwischen dem aufrecht auf dem Pferd sitzenden Soldaten und dem erbärmlich anzusehenden Bettler könnte kaum größer sein und wird zudem auch dadurch gesteigert, dass der gesamte Kopf des Hl. Martin über den Schlussstein hinausreicht, der Kopf des Pferdes ein stückweit, während der Kopf des Bettlers nicht über den Korpus des Pferdes hinauskommt, sondern unter diesem verharrt. Gerade die Stärke der helfenden Geste im Leid ist es, die in dieser Darstellung in der Ambivalenz zwischen Helfendem und Bedürftigem so eindrucksvoll zur Darstellung gelangt und der eben gerade an der exponierten Stelle des Chorschlusses deutlicher Ausdruck verliehen wird als an dem bereits romanischen Relief mit Darstellung des Heiligen Martin an der oberen Nordfassade der Plieninger Martinskirche.

Bildquelle: Inventarisation, Pelizaeus, DA Degerloch, Plieningen, Martinskirche Nr. 154.

Das Pfingstwunder der Mauritiuskirche in Rommelshausen

2. Juni 2022 | |

Die biblische Geschichte des Pfingstwunders aus dem Neuen Testament (Apg 2, 1-24) wird im südlichen Chorfenster der vmtl. ab dem 14. Jahrhundert errichteten Pfarrkirche St. Mauritius in Rommelshausen visualisiert, und zwar in den Glasmalereien eines spitzbogig schließenden Maßwerkfensters, das aus zwei genasten Lanzetten mit bekrönendem Couronnement besteht. Die Farbgläser wurden 1986 von der 1941 in Stuttgart geborenen Künstlerin und Glasmalerin Anne Dore Kunz-Saile, Tochter des Glasmalermeisters Adolf Valentin Saile und Bruder von Glasmalermeister Valentin Saile, im V. Saile Atelier für Glasgestaltung geschaffen und im Chorfenster der Mauritiuskirche eingesetzt. Das Bildwerk ist entsprechend der Wundergeschichte in verschiedenen Ebenen zu lesen. Im bekrönenden Couronnement des Maßwerkfensters erscheint die Trinität, das heißt der dreieinige Gott in Gestalt eines einem Dreieck einbeschriebenen Auges als Symbol für Gottvater, dem hinterfangenden Kreuz als Symbol für seinen Sohn und schließlich den zungenförmigen Flammen als Symbol für den Heiligen Geist. Der dreieinige Gott sendet seinen Geist in Gestalt eben dieser rot und gelb aufleuchtenden Flammen über die Köpfe der Jünger, die in den beiden Lanzetten des Maßwerkfensters dargestellt sind. Vom Heiligen Geist erfasst vermögen sie, so erzählt es die Bibel, in verschiedenen Sprachen zu sprechen, so dass jeder die Botschaft der Bibel verstehen kann. Alle Jünger spüren in unterschiedlicher Weise die göttliche und gleichsam enorme Wirkungskraft des Heiligen Geistes, wissen aber nicht, wie ihnen geschieht, sind fassungslos, erschrocken, verwundert oder überrascht und wenden sich großenteils in ihrer jeweils individuellen Mimik, Gebärde, Gestik oder auch Blickrichtung Gottvater zu. Sie sind versammelt in einer schlichten grüngefassten Rahmenarchitektur mit abschließendem Giebel als Zeichen für das Haus, in welchem sie zusammenkamen. Im oberen Abschluss der rechten Lanzette ist der Turmbau zu Babel aus dem Alten Testament (Gen. 11, 1-9) als Antonym für das Pfingstwunder zu sehen, ein Wunder der Verständigung trotz der vielen unterschiedlichen Menschen, die sich einst anschickten, den Turm zu bauen. Im oberen Abschluss der gegenüberliegenden Lanzette ist ein Schiff wiederum als Symbol für die Kirche zu sehen, das in allen Zeiten des menschlichen Lebens immer wieder neu und in anderen Wegen in und zu Gott unterwegs ist. In der Pfingstdarstellung von Rommelshausen ist also die Kirche im alt- und neutestamentlichen Kontext und in unterschiedlichen theologischen Auslegungen bis in unsere moderne Gesellschaft hinein präsent und somit gewinnt der schon immer in ihr wohnende Heilige Geist auch für uns heute noch umso mehr an Bedeutung.

 

Literatur:

Hepperle, Jürgen: Die Evangelische Mauritius-Kirche zu Kernen-Rommelshausen. Kleiner Kirchenführer zum 150jährigen Jubiläum. Kernen i.R. 1994, S.16-17.

Schahl, Adolf: Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises. Bd.1. München 1983, S. 424-428.

Philipps, Albrecht: Creator Spiritus. Das Wirken des Heiligen Geistes als theologisches Grundthema. Göttingen 12019.

Sachs, Hannelore/Badstübner, Ernst/Neumann, Helga: Christliche Ikonographie in Stichworten. Leipzig 31988, S. 283-284.

 

Die stilistischen Dimensionen der Himmelfahrt Christi

25. Mai 2022 | |

Kirche St. Nikolaus, Aalen. Foto: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Die Himmelfahrt Christi bedeutet die im Beisein der Jünger erfolgte Aufnahme Christi in den Himmel am vierzigsten Tag nach Ostern und wird im Neuen Testament in Mk 16,19, in LK 24, 50-51 und in der Apg 1, 9 erzählt Die frühesten Darstellungen dieses Themas entstanden um 400 und schon von Anfang an existieren zwei Bildtypen, nämlich einerseits derjenige, in welchem Christus von Engeln in den Himmel getragen wird und andererseits derjenige, in welchem Christus in den Himmel schreitet und die ihm aus den himmlischen Wolken entgegengestreckte Hand Gottes ergreift. Während der erste Bildtypus eher in der byzantinischen Kunst seit 400 vorkommt, ist der zweite Bildtypus vornehmlich in der westeuropäischen Kunst zu finden und zeigt sich bereits auf einer um 400 in Rom oder Mailand entstandenen Elfenbeintafel, nämlich der sog. Reiderschen Tafel, welche im Nationalmuseum in München mit der Inventarnummer MA 157 aufbewahrt wird und von Martin Joseph von Reider aus Bamberg 1860 für das Museum erworben wurde. In der karolingischen Kunst ist dieser Typus nahezu Usus, doch zeigt sich um 1000 auch der Typus von Christus, der im Bild nicht mehr in ganzer Figur, sondern nur noch partiell erscheint, da er der irdischen Sphäre schon teilweise entfleucht ist. Dieser Typus ist in der Zeit der Gotik üblich, während im Zeitalter der Renaissance und insbesondere des Barock die Himmelfahrt Christi im Sinne des genannten zweiten Bildtypus glorifiziert wird. Als Beispiel dafür sei das einem Vierpass einbeschriebene 1766-1767 von Anton Wintergerst und Johann Michael Winneberger geschaffene Deckengemälde im Kirchenschiff der Stadtkirche St. Nikolaus in Aalen gezeigt. Hier schwebt Christus auf von Engeln getragenen Wolken und erhebt seine Rechte in Richtung eines dunklen Wolkensaumes mit Engelsköpfen und winkt Gottvater, der per se unsichtbar bleibt, in freudiger Erwartung zu. Demzufolge wendet er diesem auch seinen ganzen Körper und seine Blickrichtung zu, während die in der irdischen Sphäre gebliebenen Apostel, die dem Ereignis beiwohnen, ganz unterschiedlich reagieren und sich in verschiedenen Gebärden und Gesten zeigen. Sie sind ängstlich, erschrocken, überrascht oder neugierig, kauern sich, um möglichst nicht gesehen zu werden, mit verschlossenem Gesicht ein oder wenden sich andächtig oder anbetend Christus zu. Dabei zeigen manche auch auf ihn, wodurch die Bedeutung des Ereignisses noch umso stärker akzentuiert wird. Die der Figuren innewohnende Kreisbewegung impliziert die Verbindung zwischen irdischer und himmlischer Sphäre, zwischen Christus und den Menschen und ist nicht allein Charakteristikum der Künstler, sondern gleichsam auch der barocken Epoche, in welcher der himmlischen Sphäre eine besondere Rolle eingeräumt wird und an welcher der irdische Mensch als Teil des Universums auch teilhaben möchte.

Einen ganz anderen Typus wiederum zeigt die moderne Figur des auffahrenden Christus, die in den 1960er Jahren von der Bildhauerin Ruth Speidel für die Stuttgarter Christuskirche geschaffen wurde. Die über dem Altar schwebende, aus Zirbenholz geschnitzte Figur ist zwar mittels eines Stahlarms an der rückwärtigen Wand befestigt, doch ist dieser vom Gottesdienstraum aus nicht sichtbar. Die somit scheinbar schwebende Figur symbolisiert die Himmelfahrt Christi durch ihre Auffahrt in den Himmel, obwohl letzterer gar nicht wiedergegeben und somit nicht in realiter thematisiert ist. Allein die Gebärde und Gestik des Auffahrenden sind relevant. Sein Körper ist entspannt gestreckt, sein leichtes Hohlkreuz bewirkt, dass sein um ihn gelegter Mantel hinter seinem Rücken lose flattert. Er hat seine Arme in unterschiedlichen Winkeln über seinem Kopf erhoben und seine Beine mit leichtem Schritt und nach unten gestellten Füßen locker gestreckt und begibt sich in dieser losgelösten Haltung in eine für uns Menschen nicht erreichbare Sphäre. Durch die erhobenen Arme wird sein aufgerichteter Kopf nahezu umschlossen und dadurch die entrückte Sphäre noch umso deutlicher hervorgehoben. Die Figur ist nicht naturalistisch, sondern durch stilisierte Körperformen mit großem Kopf, großen Händen und überdimensionierten Beinen wiedergegeben, so dass es nicht auf die plastische Herausarbeitung von körperlichen Details ankommt, sondern eben auf die Betonung der Gebärde und Gestik, die eben gerade durch die langsam aufschwebende Bewegung evoziert sind.

 

Literatur:

Sachs, Hannelore/Badstübner, Ernst/Neumann, Helga: Christliche Ikonographie in Stichworten. Leipzig 31988, S. 177-178.

Speidel, Ruth: Ein Lebenswerk. Stuttgart 1991, S. 7-9.

https://de.wikipedia.org/wiki/Reidersche_Tafel

Zum 120. Geburtstag von Rudolf Yelin d. J.

7. März 2022 | | ,

Rund 130 Kirchen hat der Stuttgarter Glasmaler Rudolf Yelin d. J. (1902-1991) in den 65 Jahren seines künstlerischen Wirkens ausgestattet. Seine eindrucksvollen leuchtend bunten Glasfenster sind in unzähligen Kirchen heute noch präsent. Zu seinem 120. Geburtstag wollen wir mit einem noch kaum beachteten Bestand an Originalskizzen für Kirchenfenster, Wandbehänge und Wandmalereien an ihn erinnern.

Rein zufällig, als verstaubter, leicht angegriffener Restbestand einer Auktion, kamen Ende der 1990er Jahre rund 160 großformatige Entwürfe von Rudolf Yelin d. J. in die Museale Sammlung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Zeichnungen mit biblischen Szenen, Figuren und Symbolen sind Vorarbeiten für Kirchenfenster und Wandgestaltungen in Althütte, Beilstein, Birkenfeld, Ebhausen, Ebingen, Ernsbach, Gablenberg, Göppingen, Heilbronn, Mössingen, Honau, Ilsfeld, Oberndorf, Ohmenhausen, Rheinfelden, Schanbach, Sulzbach, Stuttgart, Trossingen, Ulm und Waiblingen im Zeitraum von 1927 und 1966. Da die Planzeichnungen fast ausschließlich im Maßstab 1:1 ausgeführt sind, gestaltete sich die Erfassung und Dokumentation recht schwierig. Die teilweise bis zu 7 m langen Papierbahnen werden im Landeskirchlichen Archiv nun aus Platzgründen in gerollten Zustand aufbewahrt.

Rudolf Yelin kam aus einer Pfarrer- und Künstlerfamilie. Er war der Sohn des Glasmalers Rudolf Yelin der Ältere (1864–1940) und der Bruder des Bildhauers Ernst Yelin (1900–1991). Nach seiner Ausbildung – zunächst an der Kunstgewerbeschule, dann bei der Glasmalerei Saile und schließlich an der Stuttgarter Kunstakademie – war er seit 1926 als selbständiger Kirchenmaler tätig. Nach dem Krieg lehrte er 24 Jahre lang, von 1946-1970, an der Stuttgarter Kunstakademie Glasmalerei. Zeit seines Lebens stand die sakrale Kunst im Mittelpunkt seines Schaffens.

Die ersten drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg markieren die wichtigste Epoche von Rudolf Yelins Werk. Der Wiederaufbau machte große umfassende Renovierungen und Kirchenneubauten notwendig. Bis Anfang der 1980er Jahre bestimmte Yelin, gemeinsam mit den künstlerischen Kollegen Adolf Valentin Saile und Wolf-Dieter Kohler maßgeblich die Fenstergestaltung für die evangelischen Kirchen in Württemberg und darüber hinaus.

Mit seinen theologisch ausgerichteten Bildprogrammen verstand sich Yelin in der Tradition der „christlichen Kunst“. Seine elementarisierten Figuren stehen in der Nachfolge des Expressionismus. Doch gerade dieser vornehmlich figurative künstlerische Ansatz lässt sein Werk heutzutage außerhalb des Mainstreams moderner Kunst erscheinen. Obwohl seine Glasfenster, Wandbilder und Altarwände heute noch die Räume von über hundert Kirchen zieren, ist Rudolf Yelin d. J. als Künstler im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit kaum mehr präsent.

Erfreulicherweise hat die Kunsthistorikerin Christa Birkenmaier im Jahr 2019 dem entgegengewirkt. In einer ansehnlichen, reich bebilderten Publikation hat sie das Leben und Werk dieses Künstlers nachgezeichnet, die großen künstlerischen und theologischen Entwicklungslinien herausgearbeitet und an ausgewählten Kirchen beschrieben. Ausführlich setzt sie sich mit seinen verschiedenen künstlerischen Lebensphasen auseinander, ordnet sein Schaffen innerhalb der christlichen Kunst ein, und spart auch nicht seine in der NS-Zeit entstandenen, vielfach sehr angepassten, Werke aus, von denen er sich in der Nachkriegszeit distanzierte. Weitere Autorinnen und Autoren komplettieren die Publikation mit begleitenden Texten und einem ergänzenden Bildteil, in dem alle verfügbaren baugebundenen sakralen Werke aufgeführt werden. Als großen Bonus enthält das Buch eine sehr hilfreiche „Yelin-Motiv-Quickfinder-Tabelle“, in der die einzelnen biblischen Motive, die mehrfach in Yelins Arbeiten auftauchen, einzelnen Kirchen und ihrem Entstehungsjahr zugeordnet werden – auch von Arbeiten, die, aufgrund von Zerstörung oder Renovierung inzwischen nicht mehr vorhanden sind. Durch diese Auflistung konnten mittlerweile auch manche der in der Musealen Sammlung aufbewahrten Planzeichnungen datiert oder auch nicht genau bezeichnete Motive einzelnen Kirchen zugeordnet werden.

LITERATUR:

Christa Birkenmaier (Hg.), Rudolf Yelin d. J. 1902-1991. Leben und Werk. Petersberg 2019

Landeskirchliche Zentralbibliothek: AQ 16 1050

 

 

 

 

 

Eine bemerkenswerte Darstellung der Heiligen Drei Könige in der Creglinger Herrgottskirche

23. Februar 2022 | | ,

Die Creglinger Herrgottskirche beherbergt nicht nur den berühmten Marien-Altar von Tilman Riemenschneider im Kirchenschiff, sondern auch zwei Seitenaltäre, die auf der Nord- und Südseite desselben situiert sind. Der Seitenaltar der Nordseite ist ein Flügelaltar, welcher Johannes dem Täufer und dem Hl. Leonhard geweiht ist. Kunsthistorische Forschungen haben ergeben, dass der Altar vmtl. 1496 aus bereits vorhandenen Teilen eines älteren, 1460 entstandenen Altares und einer neu angefertigten Predella sowie eines neuen Gesprenges zusammengesetzt wurde. Die Signatur des Künstlers „Jacob // müllholszer // 1496 …“ ist also wohl nicht auf eine gesamte Neuschaffung des Altares in diesem Jahr zu beziehen, obschon offenbleiben muss, welchen Anteil Müllholzer am Altarretabel überhaupt hatte.

Die Darstellung der Anbetungsszene befindet sich auf der rechten Seite des Schreins, der zudem links die Hochzeit von Josef und Maria und in der Mitte die Geburt Jesu zeigt. Möglicherweise sind diese Figuren der flämischen Kunst um 1460 zuzuschreiben, während die Tafelmalereien der Flügel wohl um 1500 entstanden sein dürften. Bemerkenswert ist die Darstellung der Anbetung der Heiligen Drei Könige vor allem deshalb, weil die Anbetungsszene nicht wie normalerweise üblich drei, sondern hier nur zwei Könige zeigt. Ein König steht hinter Maria und ist frontal dargestellt. Der bartlose Jüngling ist aufgrund seiner dunklen Hautfarbe dem afrikanischen Kulturkreis zuzuordnen und hält ein Gefäß in Gestalt eines Salbgefäßes mit Myrrhe in seinen Händen, welches er gerade öffnet, um den herrlichen Duft entweichen zu lassen. In der christlichen Ikonographie handelt es sich hierbei um Caspar.  Maria sitzt seitlich vor ihm, erscheint aber im Profil. Auf ihrem Schoß sitzt das Jesuskind, das sie in ihren beiden Armen hält. Das Kind streckt seine Arme nach einer mit Gold gefüllten Kiste aus, die ihm ein vor Maria und Jesus knieender König entgegenstreckt. Durch seine helle Erscheinung und seinen Brokatmantel, den er trägt, wirkt er europäisch. Bei dieser Figur handelt sich also um König Melchior. Sein langer Schopf und sein langer Bart zeigen an, dass er schon betagt ist, aber dennoch muskulös, wie anhand seines bloßen rechten gewinkelten Beines zu erkennen ist. Trotz seiner kräftigen Statur wirkt er durch seine knieende und somit unterwürfige Gebärde klein, zumal sein Kopf über dem des Jesuskindes, aber dennoch auf dessen Augenhöhe dargestellt ist. Die beiden Figuren sind durch ihren jeweils konzentrierten, aufeinander ausgerichteten Blick einander zugewandt und zudem beugen sich beide vor, um sich etwas näherkommen zu können. Die Zuwendung, ja innige Zuneigung zwischen den beiden Figuren wird zudem dadurch hervorgehoben, dass Maria lediglich ihren Kopf zur Seite des Königs neigt, weder aber ihn noch das Jesuskind anblickt. Durch ihre seitliche Kopfwendung rückt auch das Salbgefäß mit Myrrhe von Caspar über dem Kopf des Jesuskindes als Symbol für das Menschsein und das Martyrium Jesu Christi.in das Zentrum des Geschehens. Das Jesuskind ist also auf dreierlei Weise herausgehoben, nämlich erstens durch die Geste und Gebärde von König Melchior, zweitens die innige Verbindung zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten und drittens schließlich durch das Salbgefäß mit Myrrhe über seinem Kopf.

Weshalb nun aber König Balthasar nicht in die Darstellung einbezogen zu sein scheint, gibt Rätsel auf, obschon auch nicht vergessen werden darf, dass nicht zwingend immer drei Könige dargestellt werden mussten oder müssen.

Zwei Weihnachtsbilder von Robert Eberwein

21. Dezember 2021 | | ,

Museale Sammlung, Nr. 93.1714

Museale Sammlung, Nr. 93.2477

Das Christkind, von Engeln behütet und geborgen. Mit wenigen Tusche-Strichen hat der Stuttgarter Künstler Robert Eberwein (1909-1972) im Jahr 1945 das Weihnachtsgeschehen skizziert – verbunden mit der Hoffnung auf Rettung und Schutz für sich und viele andere. Denn wie am unteren Bildrand zu lesen ist, befand er sich zu diesem Zeitpunkt in Kriegsgefangenschaft.

Später hat Eberwein viele Jahrzehnte lang biblische Geschichten illustriert und immer wieder weihnachtlichen Darstellungen von Bethlehems Stall geschaffen, so wie dieses in Schabekarton gekratzte Bild von 1970. Es zeigt, das Erschrecken der Hirten angesichts der Engelserscheinung, aber ebenso die traute Freude um das Neugeborene in der Krippe: Furcht und Verzweiflung – Vertrauen und Zuversicht. Erfahrungen, die Eberwein in seinem Leben selbst gemacht hat.

Auch die Engel sind wieder dabei. Dieses Mal, um die Botschaft der Christgeburt zu überbringen. Im Lukasevangelium spricht der Engel zu den Hirten: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Und die Menge der himmlischen Heerscharen stimmen mit ein: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas 2, 10, 14)

In der Musealen Sammlung des Landeskirchlichen Archivs befinden sich rund 800 Original-Zeichnungen, Aquarelle, Schabeblätter und Siebdrucke aus dem Nachlass von Robert Eberwein, darunter auch ein Konvolut an Skizzen und Zeichnungen aus seiner Zeit im Kriegsgefangenenlager.

Reformationsmedaillen Eine Schenkung für die Museale Sammlung

29. Oktober 2021 | | , ,

Im Jahr 2015 vermachte der Pfarrer und frühere Kunstsachverständige der württembergischen Landeskirche Kurt Schaal (1928-2015) unserem Archiv rund 200 Münzen und Medaillen mit Motiven zur Reformation. Mittlerweile sind sie umfassend digitalisiert und über unsere Datenbank abrufbar.

Münzen waren ein ideales Medium für die Verbreitung von Botschaften und Propaganda, denn als Zahlungsmittel gingen sie durch Jedermanns Hände. Kein Wunder also, dass auch die evangelischen Fürsten das Geld nutzten, um ihre protestantische Gesinnung werbewirksam bekannt zu machen. Auf diese Weise geehrt, rückte der Reformator Martin Luther auf eine Ebene mit Berühmtheiten wie Kaiser, Fürsten oder Papst. Neben Porträts von Luther und seinen Mitstreitern wurden reformatorische Ereignisse abgebildet, aber auch Allegorien, die die reformatorische Glaubensauffassung ins Bild rückten. Wichtige identitätsstiftende Elemente wurden die sogenannten „Jubelmünzen“ anlässlich der Reformationsjubiläen. Zu den 200-Jahrfeiern der Reformation 1717 und der Übergabe der Augsburger Konfession 1730 prägte man erstmals in größerer Anzahl Gedenkmünzen und -medaillen. Eine Tradition, die sich bis heute fortsetzt.

Findbuch des Dekanatsarchivs Reutlingen jetzt online recherchierbar

26. Oktober 2021 | | , ,

Das Dekanatsarchiv Reutlingen ist eines der 49 Archive von württembergischen Kirchenbezirksverwaltungen, die im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart verwahrt werden. Jeder dieser Bestände wurde mindestens oberflächlich durch ein gedrucktes Inventar erschlossen, ein Teil davon auch durch Datenbanken, bei denen die einzelnen Verzeichnungseinheiten etwa durch Enthält- und Darin-Vermerke eine bessere Recherchierbarkeit ermöglichen. Neun Inventare von Dekanatsarchiven sind online recherchierbar. Neu dazu gekommen ist das nun vollständig verzeichnete Dekanatsarchiv Reutlingen, auf dessen Inventar nun bequem von Zuhause aus zugegriffen werden kann. Die Recherche erfolgt entweder systematisch durch die Bestandstektonik oder über eine Volltextrecherche.

Das Dekanatsarchiv Reutlingen umfasst insgesamt 65 laufende Regalmeter an Protokollbänden und Akten. Die Reichsstadt Reutlingen wurde  zwar durch Matthäus Alber bereits früh reformiert, und zwar noch vor Württemberg, wie in Württembergische Kirchengeschichte Online nachgelesen werden kann, aber die Stadt gelangte erst im Gefolge des Zusammenbruchs des Alten Reichs im Rahmen der Mediatisierung 1802 an Württemberg. Aus diesem Grund beginnt die Überlieferung des Dekanatsarchivs, – abgesehen von wenigen Ausnahmen -, erst Anfang des 19. Jahrhunderts. Der Bestand beinhaltet auch die Pfarrarchive der Stadt Reutlingen, so wie sich etwa bis zum Ende des zweiten Weltkrieges entwickelt hatten.

Welche Akten des Bestands der einzelne am interessantesten findet, wird jeweils vom eigenen Forschungsinteresse abhängig sein. Eine besondere Perle der Überlieferung scheinen uns jedoch die Unterlagen des Baubüros der umfassenden Bauarbeiten an der Marienkirche, – der Hauptkirche der Stadt -, zu sein, die den Zeitraum von 1893 bis 1902 abdecken. Es finden sich dort allerlei Rechnungs- und Planungsunterlagen, mit denen sich der damalige Umbau akribisch verfolgen lässt. Ein besonders leichter Zugang zu den damaligen Baufortschritten lässt sich an den Zeitungsausschnittssammlungen ablesen, die man chronologisch geordnet in den Bestellnummern 3395 bis 3398 finden. Dort wurden auch verschiedene Programme, Gedichte, Rückblicke abgelegt, die anlässlich der Wiedereinweihung der Marienkirche im Jahr 1901 entstanden. Wen es interessiert, wie die Feierlichkeiten unter Anwesenheit der königlichen Hoheiten abliefen, welche Gedichte vorgetragen wurden, was man zum Festmahl aß (im ersten Gang z.B. eine “falsche Schildkrötensuppe”), und von welchen musikalischen Klängen das üppige Mahl begleitet wurde, wird hier fündig. Außerdem finden sich im Bestand zahlreiche, oft großformatige, und künstlerisch wertvolle Pläne und Detailzeichnungen, die während der Bauphase angefertigt wurden. Eine wahre Fundgrube für Kunsthistoriker. Einen kleinen, – aber wirklich nur sehr kleinen -, Einblick in das, was der Bestand an interessanten Dokumenten enthält, wollen wir mit unserer Auswahl an Digitalisaten bieten.

Link: Online Findbuch des Dekanatsarchivs Reutlingen

 

Sein und Schein – Die Stadtkirche in Freudenstadt in neuem Glanz

10. September 2021 | | ,

„Sein und Schein“ – das Motto des diesjährigen Tages des offenen Denkmals“ trifft gerade für die Stadtkirche in Freudenstadt in vielerlei Hinsicht zu, und zwar nicht allein, weil sie mit einem schmuckvollen, im Dachstuhl aufgehängten Scheingewölbe und dem berühmten frühmittelalterlichen Lesepult ausgestattet ist, sondern auch deshalb, weil sie von Mai 2019 bis Juni 2021 im Innenraum aufwändig renoviert und am 13. Juni dieses Jahres feierlich wieder eingeweiht wurde. Nun erstrahlt die Kirche wieder in neuem Glanz!

Die Stadtkirche hat die für Württemberg einzigartige Gestalt einer Winkelhakenkirche. Sie wurde von Heinrich Schickhardt im Auftrag von Herzog Friedrich I. von Württemberg ab 1601 im Stil der Spätrenaissance erbaut. 1608 konnte bereits der erste Gottesdienst in der Kirche gefeiert werden und 1615 kam der gesamte Kirchenbau mit dem Ausbau der Türme zu seinem Abschluss. Der Grund für die winkelförmige und somit gänzlich ungewöhnliche Grundrissdisposition lag in der städtebaulichen Situation. Die Kirche nämlich sollte in das winkelförmig angeordnete Ensemble der Marktplatzbebauung mit Rathaus, Kaufhaus und Spital der 1599 eigens von Herzog Friedrich gegründeten Stadt einbezogen werden.

Der helle, ganz weiß gefasste Innenraum mit einer vierseitigen, jeweils an den Innen- und Abschlussseiten der beiden Kirchenschiffe entlanglaufenden Empore wird durch das Marienportal auf der Nordseite betreten. Im Winkel zwischen den beiden Kirchenschiffen befindet sich der Altarbereich, der bereits 2003 umgestaltet und leicht erhöht wurde. Dort befinden sich hintereinander angeordnet Altar und Kanzel und links neben dem Altar das frühmittelalterliche Lesepult mit Darstellung der vier Evangelisten am Schaft desselben, das insofern so eindrucksvoll ist, als sich im Pultkasten ein Loch vermutlich zum Einstellen eines Weihrauchfasses bei der Lesung der Heiligen Schrift befindet, welches bei der Verwendung im Mittelalter den Eindruck vermittelte, als ströme aus den Öffnungen der Evangelisten Rauch. Es schien also so, als ob die Evangelisten selbst das Wort Gottes verkündeten. In diesem Sinne stellt auch dieses besondere Ausstattungsstück ein außerordentliches Exempel für „Sein und Schein dar“! Rechts neben dem Altar an der Außenwand des nördlichen Kirchenschiffes befindet sich das spätgotische Kruzifix und links vor dem Altarbereich der frühmittelalterliche Taufstein, so dass die Prinzipalstücke und die liturgisch wichtigsten Elemente des Gottesdienstes im Zentrum des Kirchenraumes gelegen sind und von beiden Kirchenschiffen aus in gleicher Weise wahrgenommen werden können. Die Hauptorgel befindet sich auf der auf zwei Säulen ruhenden Westempore des nördlichen Kirchenschiffes und die kleine Schott-Orgel östlich des Altarbereiches. Beide Kirchenschiffe werden von einem nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellten Scheingewölbe mit skulpierten Schlusssteinen und dem Engelschor an den Gewölbeanfängern überspannt.

Wie aber muss man sich den ursprünglichen Innenraum der Freudenstädter Stadtkirche vorstellen? Im Innenraum der Anlage wurden schon ursprünglich Altar und Kanzel im Vierungsquadrat in der Südwestecke angeordnet, während sich der eigentliche, aber durch das Gestühl auf Altar und Kanzel ausgerichtete Kirchenraum im Nordflügel befand. Der Taufstein kam neben dem Altar auf der Grenze zum Ostflügel zu stehen, so dass auch dieser von allen Seiten gut in Augenschein genommen werden konnte. Die Orgel wurde aus akustischen Erwägungen im Chor aufgestellt, so dass auch sie gut sichtbar war. Seit dem 19. Jahrhundert – vorher existierte gar kein Gestühl in der Kirche – saßen die Frauen in vier Bankblöcken mit freiem Mittel- und Quergang, unter der Kanzel die Mädchen und Laienschüler, die Männer nach Berufsständen getrennt auf der Empore und die Jungen auf der kleinen Empore im Polygon des Ostflügels. Während also der Nordflügel mit Gestühl für die Frauen ausgestattet war, blieb der Ostflügel im Erdgeschoss nahezu leer. Hier saßen die Gläubigen auf der Empore, aber alle hatten, egal wo sie sich befanden, den klaren Achsenbezug auf Kanzel, Altar und Orgel.

Die Emporenbrüstungen waren mit Bildszenen des Alten und Neuen Testamentes aus bemaltem Stuck, gefertigt von Kalkschneider Gerhardt Schmidt, verziert. Der Zyklus begann mit der Schaffung von Himmel und Erde und allen Kreaturen, es folgte die Herstellung der Welt, die Erschaffung von Adam, die Sintflut, die Bootsfahrt Christi über das tobende Meer, die Beschneidung Jesu, die Taufe Jesu, Jesu Speise mit den Jüngern, das Abendmahl, Jakobs Kampf mit dem Engel, Christus am Ölberg, die eherne Schlange, die Kreuzigung, Jona und der Fisch, die Auferstehung, die Himmelfahrt des Propheten Elias, die Himmelfahrt Christi, das Pfingstwunder, der Heilige Geist in Gestalt einer Taube, die Verfolgung der Christen, die Verfolgung  der Kirche, König Salomo, das Jüngste Gericht und schließlich das himmlische Leben. Zwischen diesen Szenen befanden sich die Darstellungen von 16 Propheten.

Die weiß getünchten Wände kontrastierten mit den Laibungen und architektonischen Rahmenumfassungen der Fenster und Portale in den Farben Rotbraun, Blau, Weiß und Gold.

Der Innenraum wurde zusammen mit einem spätgotischen vierteiligen Chorstuhl von 1488 aus der Werkstatt des Ulmer Bildschnitzers Konrad Widmann, dem gotischen Steinaltar und der Kanzel mit Schalldeckel im Zweiten Weltkrieg vernichtet und bereits in den Jahren 1947-1950 wiederhergestellt. Weitere Renovierungen erfolgten 1981/1982 und 2003.

Die Winkelhakenkirche in Freudenstadt hatte zwar nicht die Nachfolge wie die Querkirche der Schlosskirche in Stuttgart, stellt aber gerade durch ihre besondere, der neuen lutherischen Lehre entsprechenden Raumkonfiguration im Rahmen einer städtebaulichen Gesamtkonzeption einen wesentlichen Erinnerungsort dar, in welchem „Sein und Schein“ sowohl in der Architektur als auch in der Ausstattung eine wichtige Rolle spielen.

Johanna Binder (1896-1990). 125. Geburtstag (20. Mai)

20. Mai 2021 | | , ,

Johanna Binder in den 20erJahren

„Tun Sie ihre Arbeit mit Liebe. Dann wird sie gut.“ Diesen Leitsatz hat Johanna Binder an viele junge Frauen weitergegeben und hat ihn in ihrem Leben am meisten doch selbst beherzigt.

Fast fünfzig Jahre lang hat Johanna Binder mit ihrer Arbeit die textilen Kirchenausstattungen der württembergischen Landeskirche geprägt. Als Leiterin der Paramentenwerkstatt beriet sie unzählige Kirchengemeinden bei der Anschaffung liturgischer Altar-, Taufstein- und Kanzelbedeckungen, die sie dann nach Entwürfen von Künstlern mit ihren Weberinnen und Stickerinnen in hoher handwerklicher Qualität herstellte.

Johanna Binder war schöpferisch begabt und als gelernte Damenschneiderin durchaus erfolgreich. 1919 wurde sie „Lehrmeisterin“ der neu eingerichteten Fachklasse für Mode an der Württembergischen Staatlichen Kunstgewerbeschule – der heutigen Kunstakademie. Doch die Aussicht auf eine Karriere in der Modebranche schlug sie aus. Als 1924 der Bund Evangelischer Frauen beabsichtigte, mitten in der Inflation eine Evangelische Frauenarbeitsschule in Stuttgart zu gründen, und Johanna Binder bat, die Leitung zu übernehmen, sagte sie kurzerhand zu.

Evangelische Frauenarbeitsschule

Junge Mädchen sollten dort nach dem Schulabschluss in Sticken, Kleider- und Weißnähen unterrichtet werden, um sich für ihre zukünftige Rolle als Hausfrau und Mutter zu qualifizieren.

 

Der evangelische Charakter der Schule wurde durch Morgenandachten und Vorträge über diakonische Themen gepflegt. In der Wirtschaftskrise waren mehrere städtische Nähschulen geschlossen worden, so dass der Zulauf zu der evangelischen Einrichtung mit Zentrale in der Furtbachstraße groß war. Schon im zweiten Schuljahr unterrichteten 19 Lehrerinnen in 9 Zweigstellen rund 400 Schülerinnen.

Bis in die 1930er Jahre war der Schule eine „Werkstätte für künstlerische Frauenkleidung“ angegliedert, wo individuelle und zeitgemäße Kleidung entworfen und gefertigt wurde. In Vorträgen, Zeitungsartikeln und Rundfunkbeiträgen klärte Johanna Binder unermüdlich Frauen über körperfreundliche Bekleidung, gut durchlüftete Leibwäsche oder die Schäden enger Strumpfbänder auf und referierte über Stilfragen: „Wer guten Geschmack hat, vermeidet Sinnlosigkeit, unechten Glanz und Flimmer“. Sie war überzeugt, „dass in gediegener Schlichtheit, in gutem Material und guter Arbeit Vorzüge liegen, die die Persönlichkeit eines Menschen weit besser unterstreichen.“ (Vortragstyposkript 1931)

Paramente zum Schmuck der Kirchen

Ein fertiges Parament

Noch im Gründungsjahr der Schule 1919 war auf Anregung des Vereins für christliche Kunst zusätzlich eine Paramentenwerkstatt angegliedert und ebenfalls unter die Leitung von Johanna Binder gestellt worden. Anfangs arbeitete man noch mit Tuch, Borten und Fransen. Als es in Deutschland eine Neubesinnung über Sinn und Zweck in der evangelischen Paramentik gab, machte Johanna Binder diesen Wechsel mit und erlernte, neben ihren vielfältigen Leitungsaufgaben, Spinnen von Flachs und Wolle, Färben mit Pflanzen, Weben und komplizierte Sticktechniken. Wertigkeit und „Echtheit des Materials“ waren für sie fortan Standard. 1938 legte sie mit Auszeichnung eine zweite Meisterprüfung ab und konnte nun in ihrer Werkstätte Fachkräfte ausbilden.

Nach ihrer Auffassung lag die Basis guter Paramentik in der engen Zusammenarbeit zwischen Künstlern und Ausführenden, und so produzierte sie gemeinsam mit namhaften Kunstschaffenden über viele Jahre hinweg anspruchsvolle Werke.

Entwurf eines Frauenbeffchens

Zur Produktpalette der Paramentenwerkstatt gehörte auch die Amtstracht für die Geistlichen. Bei der Einführung der Frauenordination 1968 war Johanna Binders Rat zur Form des Talars und des Baretts für die Pfarrerinnen sehr geschätzt. Zuvor hatte sie schon ein spezielles Frauenbeffchen entwickelt, das sich allerdings langfristig nicht durchsetzte.

Als Johanna Binder 1970, mit 74 Jahren, in den Ruhestand ging, konnte sie auf ein Berufsleben zurückblicken, das sie in der ganzen Vielfalt ausgefüllt hatte: Da war die Verantwortung für Angestellte, Auszubildende und Schülerinnen, ihre Zähigkeit und Improvisationskunst in wirtschaftlicher Not und Krieg, weite Beratungsreisen über Land und Fußmärsche mit schwerem Gepäck, ihr notwendiges Einfühlungsvermögen in die jeweiligen Kirchenräume, Verhandlungsgeschick, kreative Gestaltungsprozesse, Überzeugungskunst für würdige Ausstattungen….

Ihr begeistertes Engagement für die Paramentik hat Johanna Binder als diakonischen Auftrag verstanden. Den Weg dorthin eingeschlagen zu haben, hat sie nach eigenem Bekunden nie bereut.

Zerstörung und Neubeginn

Neubau in der Furtbachstraße 1956

Bei einem Bombenangriff im September 1944 wurden sämtliche Unterrichts- und Werkstatträume zerstört. Nach dem Krieg machte sich Johanna Binder mit ungebrochenem Mut an den Wiederaufbau. Nach etlichen Interimsstationen konnte sie schließlich 1949 in Stuttgart eine alte Arbeitsdienstbaracke auf dem Ruinengelände hinter des Hospitalkirche aufbauen. Das Schweizer Hilfswerk stiftete zusätzlich zwei neuen Baracken für den Unterricht der Frauenarbeitsschulen. Erst im Oktober 1956 konnten die Frauenarbeitsschulen mit der Paramentenwerkstätte nach einem Neubau an ihren ehemaligen Ort in die Furtbachstraße zurückkehren.

 

QUELLE:

Landeskirchliches Archiv Stuttgart, Bestand P 50, Paramentenwerkstatt der Evangelischen Frauenarbeitsschulen Stuttgart.

HINWEIS:

Abb.: Seit der Schließung der landeskirchlichen Paramentenwerkstatt im Jahr 1997 wird die Arbeit an hochwertigen Paramenten und textilen Behängen durch die Werkstatt Knotenpunkt in Backnang fortgesetzt.

Der Betsaal Wilhelmsdorf

28. April 2021 | | ,

Es gibt bis heute in Wilhelmsdorf keine evangelische Kirche. Mittelpunkt der Gemeinde ist ein heller Saal ohne jeden Schmuck, aber auch ohne Altar und Kanzel. Nur eine Orgel befindet sich im Saal. Schon diese architektonische Gestaltung weist auf den Charakter der Gemeinde als Brüdergemeinde hin. Der Gottesdienst wird nicht vom Pfarrer dominiert, sondern von der Gemeinde gestaltet. Der Saal ist auf den Brüdertisch ausgerichtet, an dem mehrere Personen sitzen und den biblischen Text auslegen. Früher konnten nur Männer in den Brüdergemeinderat gewählt werden, aber heute sind die Frauen gleichberechtigt, obwohl das Gremium seinen Namen behalten hat.
Der Betsaal wurde vier Jahre nach der Begründung der Siedlung gebaut. König Wilhelm I. von Württemberg, nach dem die Siedlung benannt wurde, stiftete nicht nur das Bauholz, sondern nach der Einweihung des Betsaals noch eine Orgel. Auch in der äußeren Architektur spiegeln sich die theologischen Überlegungen wider. Der Saal hat vier Eingänge, die nach den vier Himmelsrichtungen ausgelegt sind. Über den vier Türen sind Engel mit Posaunen als metallene Figuren zu sehen. Auf der Spitze steht das Lamm Gottes. All dieses nimmt Bilder aus der Johannesapokalypse oder der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel, auf.

Die württembergischen Pietisten wollten mit ihrer Siedlung auch schon äußerlich ihre religiösen Überzeugungen zum Ausdruck bringen. Deshalb legten sie die Siedlung planmäßig an, indem sie die Wohnhäuser kreisförmig um den Betsaal bauten. Kein Wohnhaus sollte höher sein als das andere, damit sich die eine Familie nicht über die andere erheben konnte. Lange Zeit gab es kein Gasthaus am Ort, weil man den übermäßigen Alkoholgenuss und das Kartenspiel um Geld verabscheute. Dagegen spielte der Handel bald eine wichtige Rolle, weil die Kaufleute am Ort als ehrliche Leute galten und in einem guten Ruf standen. Vom Betsaal führen vier Straßen in der Form eines Kreuzes weg. So hat sich die Grundstruktur der ursprünglichen Siedlung bis heute erhalten.

Zweifelsohne war Wilhelmsdorf von der pietistischen Siedlung Herrnhut, einer Siedlung im Süden des Freistaats Sachsen, beeinflusst.
Wichtig ist die Bedeutung der Offenbarung des Johannes, weil die Pietisten fest damit rechneten, dass Jesus im Jahr 1836 wiederkommen würde. Das hatte der bekannte pietistische Theologe Johann Albrecht Bengel durch komplizierte Berechnungen aus der Bibel errechnet. Was heute etwas seltsam erscheinen mag, beschäftigte die Menschen damals sehr, auch deshalb, weil sie viel Not durchmachen mussten. Diese Erwartungshaltung wurde zu einer wichtigen Triebfeder der Siedlung Wilhelmsdorf, denn wenn das Ende der irdischen Welt nahe bevorstand, brauchte man eigentlich keinen äußeren Luxus mehr.

 

Beachten Sie auch den umfangreicheren Beitrag zum Thema auf Württembergische Kirchengeschichte Online.

Adventssterne – ein vergessener evangelischer Brauch

30. November 2020 | | ,

Solche Adventssterne schmückten früher in der Vorweihnachtszeit manch frommes Haus. Dieser ausgesprochen evangelische Brauch ist heute nahezu in Vergessenheit geraten. Dabei gehörte er in vielen diakonischen Anstalten seit Mitte des 19. Jahrhunderts fest zum vorweihnachtlichen Geschehen. Auch in frommen Privathaushalten war er noch bis in die 1950 er Jahre hinein zu finden. Jeden Tag wurde eine biblische Verheißung der Christgeburt vorgelesen und als Kärtchen an einen dafür aufgestellten Baum gehängt.
Die religionspädagogischen Möglichkeiten adventlicher Einstimmung für die Jugend hatte man in den Einrichtungen der Inneren Mission früh erkannt. Ausgangspunkt waren die täglichen Adventsandachten mit den Kindern und Jugendlichen im Rauhen Haus bei Hamburg, die Johann Hinrich Wichern, der Begründer der Inneren Mission, einführte. Daraus entwickelte sich seit Ende des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Adventsbräuchen. Vertraut sind uns der Adventskranz und der Adventskalender, daneben gab es auch Adventsuhren und Adventsbäume, die die Zeit des Wartens auf die Ankunft des Erlösers begleiteten.

Bild: Adventssterne, um 1920 (Museale Sammlung)

Serie Nachkriegszeit Teil IV: Zeichnungen aus dem Kriegsgefangenenlager von Robert Eberwein

6. Oktober 2020 | | , , ,

Der Stuttgarter Künstler Robert Eberwein (1909-1972) hat während seiner Kriegsgefangenschaft etliche Zeichnungen vom Lageralltag geschaffen und viele seiner Mitgefangenen porträtiert.
Am 19. April 1945 kam Eberwein in das Durchgangslager Rheinberg, das erste von den Alliierten errichtete Rheinwiesenlager, das von April bis September 1945 bestand. Unter Heranziehung deutscher Kriegsgefangener wurde es von den Amerikanern auf einem westlich von Rheinberg gelegenen 350 ha großes Acker- und Wiesengelände aufgebaut. Umgeben von hohen Stacheldrahtzäunen befanden sich dort acht Einzelcamps ohne jegliche Behausung, sanitäre Anlagen oder Versorgungsstruktur für rund 130.000 Gefangene. Kälte, Hunger, mangelnde Hygiene und fehlende medizinische Versorgung, grassierende Krankheiten und Tod gehörten zum Alltag. Als Eberwein dort ankam, war ihm sofort klar, dass er dieser verzweifelten Lage etwas entgegensetzen musste: er zeichnete. Im Krieg hatte er bereits als Zeichner bei einer Heereseinheit gedient. Nun dokumentierte er die drangvollen Lebensumstände im Lager, das Kampieren unter freiem Himmel, das Anstehen um Essen. Er skizzierte zerfurchte Gesichter, Gefangene beim Wasser holen, beim Waschen oder Schachspielen. Für eine gute Zeichnung bekam er manchmal ein Stückchen Brot.
Vom Durchgangslager Rheinberg kam Eberwein im Juni 1945 in das Kriegsgefangenenlager Auvours bei Le Mans in Frankreich. Dort bekam er immerhin ein Dach über dem Kopf, schlief mit 35 Mann in einem Zelt. Im Lager Auvour machte er mit seinen Skizzen weiter. Da er sich der christlichen Lagergemeinschaft angeschlossen hatte und sein künstlerisches Talent nicht unbemerkt geblieben war, wurde er im Oktober beauftragt, für die Krankenbaracken des Lagers einen Raum als Kapelle auszugestalten. Ein Lichtblick! Er schmückte die Wände mit dem Vaterunser, dem Glaubensbekenntnis und biblischen Motiven. Bis Weihnachten war das Ganze fertig. Doch schon im Januar wurde er mit weiteren 1 000 Mann in ein anderes Lager verlegt. Dort half er noch beim Aufbau und der Einrichtung eines Kirchenzeltes, bis er schließlich im Mai 1946 nach Hause entlassen wurde.

Künstlerischer Werdegang

Eberwein hatte, als Sohn eines Handwerkers, zunächst eine Schreinerlehre absolviert. In den Jahren 1929 bis 1933 besuchte er Zeichenkurse an der Stuttgarter Volkshochschule. Seine Lehrer waren Max Ackermann und Albert Volk. In den 30er Jahren lernt der junge Robert Eberwein durch Max Ackermann das Werk Adolf Hölzels kennen, das ihn nachhaltig beeinflusste. Hölzel rang bereits seit 1906 mit Farbe und Form, um gegenstandslose, freie Kompositionen zu schaffen. Dieses Ringen um eine neue Sprache der Kunst durchzieht auch das Werk von Robert Eberwein.
Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1946 arbeitete er zwei Jahre als Zeichenlehrer in Korntal, bis er sich als Maler, Grafiker und Illustrator in Ditzingen niederließ.
In den 1950er und 60er Jahre prägte Eberwein zu einem wesentlichen Teil das Gesicht der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Er war unter anderem Illustrator für den Quell Verlag und das Evangelische Gemeindeblatt, gestaltete Jahreslosungen und entwarf Bildteppiche für die Paramentenwerkstatt.
Die Kraft des Wortes war für das Schaffen Eberweins von wesentlicher Bedeutung. Grafisch gestaltete Bibelworte setzte er nicht nur für die Jahreslosungen um. Auch in seinem künstlerischen Werk wurden für ihn Bild, Schrift und Wort zunehmend zu einer Einheit. In Linolschnitten, Aquarellen, Bleistift-, Kohle- und Kreidezeichnungen setzte er sich – figürlich oder abstrakt – mit biblischen Inhalten und Symbolen auseinander.
Ein großer Teil seines künstlerischen Nachlasses, vor allem die Auftragsarbeiten mit religiösen Inhalten, befindet sich in der Musealen Sammlung im Landeskirchlichen Archiv. Dabei sind auch zwei Mappen mit den Zeichnungen aus der Kriegsgefangenschaft (Inv. Nrn. 93.1676 – 93.1920). Diesen liegt ein handschriftlicher Bericht Eberweins über die Zeit seiner Kriegsgefangenschaft bei (Inv. Nr. 93.1678; 01-02).
Weitere Werke aus dem Schaffen des freien Künstlers befinden sich im Museum der Stadt Ditzingen.

Beachten Sie auch den Einstiegsbeitrag dieser Serie.

Das Klischee des groben Bauarbeiters

29. Juli 2020 | | ,

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Bauarbeiter hören? Möglicherweise denken Sie an die berühmte Fotographie „Mittagspause auf einem Wolkenkratzer“ aus dem Jahr 1932, die elf Männer zeigt, die auf einem Stahlträger sitzend, ihre Mittagspause abhalten, unter ihnen die Straßen von New York. Vielleicht kommen Ihnen aber auch Bilder von einerseits muskulösen, oberkörperfreien jungen Männern in den Kopf, die in der Sonne ihre Muskeln spielen lassen – oder im Gegenteil beleibte ältere Herren, die nichts anderes tun, als Kaffeepause zu machen, Frauen hinterher zu pfeifen und hin und wieder ihr „Bauarbeiter-Dekolleté“ sehen zu lassen. Dies alles sind Bilder, die uns unsere kulturelle Erziehung mitgegeben hat – und die nichts weiter sind als bloße Klischees unserer Gesellschaft. Wer beispielsweise als SteinmetzIn an der Restaurierung und Erhaltung eines Bauwerks wie des Ulmer Münsters beteiligt ist, braucht viel mehr als bloße Muskelkraft – er/sie braucht Fingerspitzengefühl, ein gutes Auge für Details und künstlerische Begabung. Dass nicht nur der/die BaumeisterIn, sondern auch sein/e/ihr/e WerkmeisterIn, sein/e/ihr/e VorarbeiterInnen und PolierInnen und damit alle Mitglieder einer Bauhütte, die durch diese Berufsgruppen repräsentiert werden, diese Eigenschaften besitzen, zeigen die vielen überlieferten Bautagebücher, Notizhefte und Skizzenbücher aus dem 19. und 20. Jahrhundert des Archivbestands der Ulmer Münsterbauhütte. Detaillierte Skizzen und Zeichnungen von Fialen, Spitzbögen und anderer architektonischer Objekte zeugen von Werktreue, Leidenschaft und hohem künstlerischen Anspruch. Diese Bücher vermitteln uns einen Eindruck von den Menschen, die ihr berufliches Leben der Erhaltung des Ulmer Münsters gewidmet haben und vermitteln ein ganz anderes Bild, als es die gängigen Klischees über im Bauwesen beschäftigte Arbeitnehmer heute tun.

Neu in den Kleinen Schriften des Vereins für Württembergische Kirchengeschichte erschienen: Die Stadtkirche St. Georg in Weikersheim

23. Juli 2020 | | ,

Der kleine überarbeitete Kirchenführer durch die Stadtkirche St. Georg zu Weikersheim liefert neue Erkenntnisse sowohl zu ihrer Vorgängerkirche und Baugeschichte als auch ihren Ausstattungsstücken. Im ersten Teil werden die Quellen, die für die Entscheidungen über einen Neubau relevant sind, ausgewertet und in die heutige Sprache umgesetzt. Im zweiten Teil wird die vielschichtige Entwicklung von der einst einfachen romanischen Kirche bis zur heutigen Stadtkirche mit ihrem wohl gelungenen Stilpluralismus dargestellt und kann lebendig nachvollzogen werden. Innenraum und Außenbau des Kirchengebäudes erschließen sich durch präzise Beschreibungen und anhand ausgewählter Betrachtungen, die alle historisch, kunsthistorisch oder kulturhistorisch interessierten Besucherinnen und Besucher in die jeweilige Stilepoche der jeweiligen Kunstobjekte eintauchen lassen. Zahlreiches Anschauungsmaterial dient als lebendige Begleitung des Fließtextes, der nicht zuletzt von der geistlichen Botschaft des Sakralgebäudes im christlichen Abendland zeugt.

Die Autoren sind Dr. Anette Pelizaeus M.A., Kunsthistorikerin und Inventarisatorin im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart und Günter Breitenbacher, Studiendirektor A.D. am Gymnasium Weikersheim.

Der Band kann zu einem Preis von 4,00 Euro über unser Sekretariat (Margarete.Gruenwald@elk-wue.de) oder über das Dekanat Weikersheim bezogen werden.

 

Die Inventarisierung der Kirchen der Württembergischen Landeskirche

15. Juni 2020 | | , ,

Das Landeskirchliche Archiv Stuttgart ist neben der Sammlung, Erhaltung, Verwahrung, Erschließung und Bereitstellung von Archivalien sowie den vielfältigen Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit auch für die Inventarisierung der einzelnen Kirchen der evangelischen Landeskirche in Württemberg zuständig.

Die Inventarisation der Kirchen in den Dekanaten der evangelischen Landeskirche in Württemberg beinhaltet die Dokumentation der einzelnen Bauwerke einschließlich der wissenschaftlichen Erfassung ihrer Baugeschichte, der Beschreibung des Innenraums und des Außenbaus, der einzelnen unbeweglichen und beweglichen Kunstgegenstände, der Vasa Sacra und schließlich der historischen Paramente. Zunächst werden die Kirchenbauten und die dazugehörigen Kunstobjekte vor Ort von allen Seiten fotografiert. Ebenfalls vor Ort wird für jedes einzelne Objekt eines Kirchenbaus mit der Hand ein Formblatt mit Titel, grober Beschreibung und Maßangaben erstellt. Anschließend wird im Landeskirchlichen Archiv in einer elektronischen Datenbank jede inventarisierte Kirche mit ihren einzelnen Kunstobjekten erfasst. In dieser Datenbank, in der jedes Objekt eine eigene Inventarnummer erhält, werden die Angaben zu Datierung, Baugeschichte, Material und Technik ergänzt, bei vorhandenen Inschriften die Transkriptionen erstellt, eine ausführliche Beschreibung des Objektes vorgenommen, Literaturnachweise hinzugefügt und die entsprechenden Fotos eingefügt.
Ziel der Inventarisation ist erstens die Kontrolle über Verluste und Neuzugänge von kirchlichen Kunstschätzen in den einzelnen Kirchen. Verlorenes Kunstgut kann dabei vielfach durch den Rückgriff auf die detaillierte Dokumentation identifiziert und auf diese Weise bisweilen auch wiedergefunden werden.
Zweitens, und das ist der weitaus wichtigere Part, versteht sich die Inventarisation als Dienstleistung für die einzelnen Kirchengemeinden und Dekanate der evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die wissenschaftliche Dokumentation der einzelnen Kirchen bietet die Möglichkeit der wissenschaftlichen Recherche für geplante Publikationen oder Ausstellungen, die dann auch vom Landeskirchlichen Archiv wissenschaftlich mitbetreut, gegebenenfalls auch mitorganisiert oder gar durchgeführt werden können. Auch Kirchenführungen durch die Inventarisatoren einzelner Kirchen sind immer wieder möglich und wurden, ebenso wie individuelle Ausstellungen, vielfach nachgefragt.
Die Ausstellung zur Dreihundertjahrfeier im Dekanat Besigheim oder der nun bald erscheinende Kirchenführer zur Stadtkirche St. Georg in Weikersheim sind herausragende Beispiele des offenen Dialogs zwischen Dekanaten, Kirchengemeinden und der Abteilung Inventarisation des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart.

Die Ansprechpartner für die Inventarisation sind Frau Dr. Anette Pelizaeus und Herr Claus Huber .

Beitragsbild: Unsere Inventarisatorin erklärt die Vasa Sacra der Herrenberger Stiftskirche. Foto: Landeskirchliches Archiv

Die Inventarisation auf der Homepage des Landeskirchlichen Archivs.

Das „Prinzle“-Epitaph in der Stadtkirche St. Georg in Weikersheim und Vorankündigung der Neuerscheinung des Kirchenführers

2. Juni 2020 | | , , ,

Von herausragender Bedeutung des Kirchengebäudes ist das berühmte Kinderepitaph des Herzogs Heinz von Sachsen-Lauenburg auf der Nordseite des Mittelschiffes, der 1437 im Alter von nur sechs Jahren verstarb. Es ist ein hochrechteckiges Epitaph, das auf einem Sockel aus Sandstein ruht und eine Sandsteineinfassung aufweist. Das Epitaph wird auch als das Weikersheimer “Prinzle” bezeichnet und ist als eines der ältesten aus dem Mittelalter noch erhaltenen Kinderepitaphe anzusehen. Es ist aus verschiedenen gebrannten Tonplatten zusammengesetzt und weist einen umlaufenden gekehlten Rahmen mit aufgelegtem Blattwerk auf. Im Binnenfeld ist lebensgroß und im Ganzkörperportrait die aus Blei gegossene Figur des kleinen Herzogs dargestellt. Er steht unter einem vorgewölbten Baldachin auf einem hohlen Baumstumpf. Der Knabe trägt ein knielanges Hemdchen mit langen Ärmeln in Blaugrau mit vergoldeter Ornamentik, neigt seinen Kopf leicht zur Seite und legt seine Hände zum Gebet zusammen. Vor dem Baumstumpf liegt das an den beiden Querseiten eingerollte Schriftblatt mit der aufgemalten Sterbeinschrift. Beidseitig des Kindes jeweils oben und unten und nach innen geneigt befinden sich die vier Wappenschilde von Sachsen, Leiningen, Weinsberg und Braunschweig. Alle Wappenschilde ziert ein Maßwerkwimperg mit abschließendem Kielbogen, der von Krabben besetzt ist und eine krönende Kreuzblume aufweist. Die Wimperge werden von Fialen begleitet, die jedoch bei den unteren Wimpergen nicht alle erhalten geblieben sind.

Heinz war der Sohn Herzogs Erich V von Sachsen-Lauenburg aus dem Geschlecht der Askanier und seiner Frau Elisabeth von Weinsberg. Sein Vater verstarb Ende 1435, so dass er als Kind Herzog wurde, allerdings nur für ein Jahr, da er mit sechs Jahren seinem Vater in den Tod folgte. Sein Onkel wurde dann zum neuen Herzog. Sein Großvater mütterlicherseits war der Stifter der Weikersheimer Kirche.

Bald wird ein neuer Kirchenführer zur Stadtkirche St. Georg in Weikersheim erscheinen, verfasst von Anette Pelizaeus, Inventarisatorin im Landeskirchlichen Archiv, und Günter Breitenbacher. Die Neubearbeitung des schon bestehenden Kirchenführers ergab sich aus der Inventarisation des Kirchenbezirks Weikersheim im vergangenen Jahr. Der Kirchenführer liefert neue Erkenntnisse sowohl zu ihrer Baugeschichte als auch ihrer Ausstattungsstücke. Alle zur Baugeschichte des Sakralbaues heranzuziehenden Quellen wurden gesichtet, in die heutige Schriftsprache umgesetzt und ausgewertet, wodurch die vielschichtige Entwicklung von der einst einfachen romanischen Kirche bis zur heutigen Stadtkirche mit ihrem wohl gelungenen Stilpluralismus lebendig nachvollziehbar wird. Innenraum und Außenbau des Kirchengebäudes erschließen sich durch präzise Beschreibungen und anhand ausgewählter Betrachtungen, die alle historisch, kunsthistorisch oder kulturhistorisch interessierten Besucherinnen und Besucher in die jeweilige Stilepoche der jeweiligen Kunstobjekte eintauchen lassen. Zahlreiches Anschauungsmaterial dient als lebendige Begleitung des Fließtextes, der nicht zuletzt von der geistlichen Botschaft des Sakralgebäudes im christlichen Abendland zeugt.

Foto: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Künstlerischer Zeitvertreib

8. April 2020 | | , ,

Jeder hat es schon einmal erlebt, ob in der Schule, bei Meetings oder während des Telefonierens – es stellt sich das Gefühl von Langeweile ein oder die Konzentration schwindet und man beginnt, vor sich hin zu kritzeln auf allem, was man gerade vor sich liegen hat. Solch eine wahrscheinlich langwierige und die Konzentration schwinden lassende Sitzung muss die Sitzung des Gesamtkirchengemeinderats Ulms am 30. März 1926 gewesen sein. Ein Fundstück aus der Akte Ulm Münsterbauhütte Nr. 629 zeigt kleine Skizzen und Zeichnungen auf dem Tagesordnungsprotokoll dieser Sitzung. Auch die Rückseite des Schriftstücks blieb nicht verschont. Ob es Münsterbaumeister Friederich war, der diese Zeichnungen anfertigte, bleibt Spekulation. Einen hohen zeichnerischen Wert besitzen sie dennoch und verschönern das Schriftgut ungemein.

Die Ausstattung der Georgskirche in Sontheim an der Brenz

23. Oktober 2019 | | , ,

Am 9. Oktober hielt die Mitarbeiterin für die Kircheninventarisierung des Landeskirchlichen Archivs, Frau Dr. Anette Pelizaeus, einen gut besuchten Vortrag in der Georgskirche in Sontheim an der Brenz. Die Kirche wurde erst vor kurzem neu restauriert, so dass die Emporen- und Deckenmalereien nun wieder erheblich besser sichtbar sind und man Details erkennt, die vorher kaum mehr zu sehen waren.

Der Ort Sontheim an der Brenz war ursprünglich kirchliches Filial von Brenz, besaß also anfänglich keine eigene Kirche. Erst im Zuge der Reformation, und zwar, um genau zu sein, 1564 entstand eine eigene Pfarrei und im 17. Jahrhundert wurde eine erste Kirche mit quadratischem Turm errichtet. Dieser Turm wurde in den barocken Kirchenneubau von 1716 bis 1722 integriert. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden die Emporen vergrößert und der Aufgang zu diesen nach außen verlegt.

Der Vortrag der Kunsthistorikerin hatte weniger die Baugeschichte der Pfarrkirche zum Inhalt als vielmehr die Ausstattungsstücke des 18. Jahrhunderts, zu denen der Altar, das Altarkreuz, die Kanzel, die Orgel zu zählen sind, aber insbesondere die Bemalungen der Emporenbrüstungen und die Deckenmalereien, geschaffen von Gottfried Ensslin aus Heidenheim, hervortreten, da sie von hoher künstlerischer Qualität sind. Alle Malereien haben biblische Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zum Thema, die drei Medaillons der Emporenbrüstungen zeigen auf der Westseite die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor, das Pfingstwunder und den auferstandenen Christus und auf der gegenüberliegenden Seite die Taufe Christi, das Hl. Abendmahl und die Doppelszene mit Mose auf dem Berge Sinai und Christus am Kreuz auf Golgota. Die drei Deckengemälde haben die Trinität, die Auferstehung und Himmelfahrt Christi zum Thema. Zum besseren Verständnis der Darstellungen wurden Im Vortrag jeweils die biblischen Szenen aus der Bibel vorgetragen und dann die Beschreibungen angeschlossen, so dass die Bildwerke theologisch und kunsthistorisch betrachtet und erschlossen werden konnten.