Artikel in Palästina

Neu in der Musealen Sammlung

22. April 2022 | | ,

Als Schenkung der Tempelgesellschaft, Stuttgart, kam ein historisch interessantes Objekt in die Museale Sammlung im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart. Dabei handelt es sich um ein weißes Tuch mit Lochstickerei und den Maßen 82 x 84 cm. Das Tuch ist unterteilt in neun Quadrate und enthält Stickereien der Unterschriften von mehr als 100 Mitgliedern der Tempelgesellschaft (zuzüglich weiterer palästinadeutscher Personen). Die zentrale Inschrift gibt Hinweise auf den Entstehungskontext:

Helouan, Al Hayat, Internees Camp 15.7.1918-28.6.1920, Camp Chubra 28.6.-8.10.1920, Egypt

Palästina war ein Kriegsschauplatz des Ersten Weltkrieges, da dieses Gebiet damals zum Osmanischen Reich gehörte. Durch die Nähe zum für die Briten wichtigen Suezkanal stellte die Anwesenheit der türkischen und deutschen Truppen durchaus eine Bedrohung für die Alliierten dar. Ende 1916 konnten die Briten die dort bestehende Front durchbrechen. Die Einnahme Palästinas zog sich bis Herbst 1918 hin. Dort befanden sich mehrere Siedlungen der Tempelgesellschaft, deren Bewohner meist aus Württemberg eingewandert waren und Staatsangehörige des Deutschen Reichs waren. Es handelt sich dabei um eine christlich-chiliastische Religionsgemeinschaft mit Wurzeln im württembergischen protestantischen Pietismus. Die Briten internierten 1918 einen Teil der Siedler, da Befürchtungen bestanden, die Siedler könnten militärisch relevante Informationen an die türkischen und deutschen Streitkräfte weitergeben.

Im Juli und August 1918 wurden etwa 850 Palästinadeutsche, hauptsächlich Templer, mit der Bahn nach Ägypten verbracht. Das Ziel war die ehemalige Lungenheilstätte “Al Hayat”, ein großer Gebäudekomplex in Helouan. Zuletzt hatte Al Hayat als Garnison gedient. Nach dem Ende des Krieges beließen die Briten den Palästinadeutschen im Internierungslager, obgleich die Begründung nun nicht mehr gegeben war. Anfang 1920 wurde ihnen die Möglichkeit eröffnet, ins Gebiet des Deutschen Reiches auszuwandern, was aber von den meisten Siedlern abgelehnt wurde. Viele von ihnen waren ja bereits in Palästina geboren, hatten dort Haus und Hof und befürchteten eine Enteignung ihres Besitzes. Im April 1920 wurde Gr0ßbritannien das Völkerbundsmandat über Palästina übertragen. Im Laufe des Jahres 1920 änderte sich, nicht zuletzt aufgrund diplomatischer Bemühungen Deutschlands,  die Haltung der Briten gegenüber den Palästinadeutschen und der neu ernannte Oberkommissar für Palästina wurde angewiesen, den Internierten die Rückkehr zu ermöglichen. Das Lager in Chubra scheint eine Art Interimsunterbringung gewesen zu sein. Vielleicht erinnerten sich manche der Internierten beim Rücktransport an den im Alten Testament geschilderten Auszug aus Ägypten. Auch viele der nach Deutschland ausgewanderten Templer konnten nun nach Palästina zurückkehren.

Faszinierend für den Betrachter der Stickerei ist, dass nicht nur die Namen von Internierten gestickt wurden, sondern die Unterschriften dieser Personen. Außerdem fällt auf, dass die Beschriftungen durchweg in englischer Sprache gehalten sind. Entweder die palästinadeutsche Stickerin hat sich dieser Sprache bedient, oder aber das Tuch war das Geschenk einer der englischen Helferinnen (Krankenschwestern), die für die Betreuung der Internierten zuständig waren. Mindestens auf ein gutes Verhältnis der Schwestern zu den Internierten lässt schließen, dass ein Detail des Tuches eine englische Schwester in ihrer Berufstracht zeigt, sowie sich auch mehrere englische Namen (Violet Gordon Cumming, Kathleen Murphy) in dieser Ecke des Tuches finden.

Die Szenen auf dem Tuch wirken freundlich und vermitteln eine positive Stimmung, was erstaunlich mit der Kehrseite der oben beschriebenen Bedrückung im Internierungslager kontrastiert.

Beitrag auf Württembergische Kirchengeschichte Online zur Tempelgesellschaft hier.

Literatur:

Paul Sauer: Uns rief das Heilige Land, Stuttgart1985, S. 153-172.

 

Krippenfiguren aus dem Syrischen Waisenhaus

16. Dezember 2021 | | ,

Eine Krippe mit einer ganzen Kamelkarawane!

Diese Figuren waren das Abschiedsgeschenk vom Syrischen Waisenhaus für den Regierungsbaumeister Paul Ferdinand Groth (1859-1955), als er 1899 Jerusalem verließ. Groth, der hauptsächlich den Bau der Erlöserkirche in Jerusalem (1898) geleitet hatte, war auch an der Ausgestaltung der Kirche im Waisenhaus beteiligt gewesen.

Das Syrische Waisenhaus in Jerusalem war 1861 von dem Württemberger Johann Ludwig Schneller gegründet worden und hatte sich bald zur größten und wichtigsten Erziehungsanstalt des Vorderen Orients entwickelt. In den anstaltseigenen Werkstätten erhielten die „Zöglinge“ eine fundierte handwerkliche Ausbildung als Schuster, Schneider, Drechsler, Schlosser, Töpfer, Ziegler, Buchbinder, Buchdrucker oder Schreiner. In einer dieser Werkstätten entstanden die aus Olivenholz geschnitzten Krippenfiguren. Den jungen Schnitzern waren Kamele aus eigener Anschauung bestens bekannt. Vielleicht sind die Tiere deshalb so gut gelungen?

Der Bestand des Syrischen Waisenhauses befindet sich im Landeskirchlichen Archiv. Neben den Akten beinhaltet dieser auch eine umfangreiche Fotosammlung mit etwa 15.000 Bildern des Nahen Ostens.

Syrisches Waisenhaus : Württembergische Kirchengeschichte online – Blog (wkgo.de)

Zu Groth siehe auch hier einen Beitrag von Jakob Eisler im Blog.

 

Die historischen Friedhöfe der schwäbischen Templer in Palästina/Israel (1869-1948)

17. September 2021 | | , ,

Dr. Jakob Eisler, Mitarbeiter des Landeskirchlichen Archivs, und Ulrich Gräf, Kirchenoberbaudirektor der evangelischen Landeskirche in Württemberg i.R., arbeiten derzeit an einer aufwändigen Dokumentation der Friedhöfe mit ihren Grabsteinen in Haifa und Jerusalem, sowie der aufgelösten Friedhöfe in Bethlehem/Galiläa, Waldheim im Norden; Jaffa (Mount Hope), Sarona und Wilhelma im Süden.

Zum ersten Mal werden in einer großangelegten Dokumentation alle Grabsteine und, soweit erfassbar, auch alle beerdigten Personen der schwäbischen Templer in Israel vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen die Darstellung der Grabsteine und die Stellung und Bedeutung der beerdigten Personen in den Templergemeinden. In Kurzbiographien werden die familiären Hintergründe beschrieben und auch auf verwandtschaftliche Beziehungen zu anderen Personen, die auf den Friedhöfen beerdigt sind, verwiesen. Die Hinweise auf die wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten der Templer zeigen einmal mehr auf, welch große Bedeutung die Templer mit ihren Siedlungen auf die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in Palästina und Israel im 19. und 20. Jahrhundert gehabt haben.

In Registern zu den Koordinaten der Grabsteine, einem Namens-Register aller beerdigten Personen können leicht die einzelnen fast 2.000 dokumentierten Personen gefunden werden. Durch eine Herkunftsliste können die Orte, aus denen die schwäbischen Templer in das damalige Palästina ausgewandert sind, nachvollzogen werden. Die Vielzahl der Orte vor allem aus dem damaligen Königreich Württemberg und darüber hinaus aus dem deutschen Kaiserreich, nicht zu vergessen aus den USA und Osteuropa, ist erstaunlich.

Einen weiteren Schwerpunkt der Dokumentation der Grabsteine bilden die vielen Inschriften, Bibelzitate, Trauersprüche und Gedichte, die ein Licht auf die Bibeltreue der Templer werfen und ihren festen Glauben bezeugen. Die Liste der Bibelstellen ist wie ein Gang durch das Alte und Neue Testament, die Vielzahl der Bibelstellen beweist die Bibelkenntnis der Templerfamilien.

80 Jahre Grabsteinkunst, von 1870 bis zum 2. Weltkrieg, belegen, dass die Templer die Entwicklungen in der Grabsteingestaltung im Deutschen Reich kannten und an ihre Verhältnisse und Materialmöglichkeiten im damaligen Palästina anpassten. Daraus ergibt sich ein interessanter Querschnitt der Grabsteinformen und dem Grabsteindekor vom Historismus bis in die 1930er Jahre.

Abgerundet wird die Dokumentation aller Grabsteine der schwäbischen Templer in Israel mit einem geschichtlichen Überblick der Friedhöfe und einem Einblick in die Begräbnis- und Trauerriten der Templer. Die verwendete Literatur und Quellen ergeben im Literaturverzeichnis eine nahezu komplette Übersicht über die Literatur und die Quellen zu den Templern. In zwei Bänden umfasst die Dokumentation der Friedhöfe rd. 700 Seiten und wird im Frühjahr 2022 im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart erscheinen.

Beitragsbild: Friedhof in Jerusalem

Sommerferienlager des Syrischen Waisenhauses am Mittelmeer

29. August 2019 | | ,

Das Syrische Waisenhaus in Jerusalem war eine Bildungseinrichtung, die von 1861 bis zum zweiten Weltkrieg bestand. Sie war von dem Württemberger Johann Ludwig Schneller begründet wurden und entwickelte sich zur größten Einrichtung dieser Art im Osmanischen Reich. In der Zeit zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und dem ersten Weltkrieg wurden jeden Sommer Zeltlager für einen Teil der Zöglinge am Mittelmeer veranstaltet. Die Jugendlichen mit den Lehrkräften wanderten zunächst zur Außenstelle des Syrischen Waisenhauses Bir Salem (heute Netzer Sereni) und dann weiter an die Meeresgestade, wo man im Bereich der Mündung des Rubin das Lager aufschlug. Mit Hilfe von Kamelen wurden die Zelte an den Strand transportiert. Von Bir Salem aus wurde das Lager mit Lebensmitteln und allem was nötig war versorgt. Im Lager wurde gebadet, gekocht, gesungen. Dieses Areal befindet sich südlich der heutigen, aber damals noch nicht gegründeten Metropole Tel Aviv. Der Bestand des Syrischen Waisenhauses befindet sich im Landeskirchlichen Archiv. Neben den Akten beinhaltet dieser auch eine umfangreiche Fotosammlung mit etwa 15.000 Bildern des Nahen Ostens, der diese Bilder aus der Zeit um 1900 entnommen sind.

Von Wittenberg nach Jerusalem. Die Schlosskirche in Wittenberg und die Kapelle des Syrischen Waisenhauses tragen die gleiche Handschrift

7. März 2019 | | , , ,

Ein neuer Fund aus dem Landeskirchlichen Archiv: Einer der Baumeister der Wittenberger Schlosskirche ging kurz nach der Einweihung nach Jerusalem und baute dort nicht nur die deutsche Erlöserkirche, sondern auch die Kirche des Waisenhauses.

Paul Ferdinand Groth mit Kind in Wittenberg 1891

Die ersten Verbindungen zwischen Wittenberg und Jerusalem gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im Vorgängerbau der heutigen Schlosskirche legte „Friedrich der Weise“ 1515 eine umfangreiche Reliquiensammlung an, die aus dem Heiligen Land stammten und viele Wallfahrer von weither anzogen. Zwei Jahre später schlug Martin Luther aber nicht nur seine Thesen an die hölzerne Tür dieser Kirche, er geißelte auch die dortige Reliquienverehrung als Götzendienst. Weder von der Tür noch von den Reliquien ist heute noch etwas erhalten. Im Siebenjährigen Krieg brannte die Kirche 1760 vollständig aus. Anstelle der verbrannten hölzernen Thesentür stiftete der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 10. November 1858 anlässlich des 375. Geburtstag Luthers eine in Bronze gegossene Thesentür. Und Kaiser Wilhelm II. schließlich beauftragte ein Vierteljahrhundert später seinen Architekten Friedrich Adler mit einem neuerlichen Umbau der Kirche im neugotischen Stil. Sie sollte ein „Denkmal der Reformation“ zum 400. Luther-Geburtstag im Jahr 1883 sein.

Die Pläne Adlers für die Erlöserkirche

Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es eine neue Verbindung nach Jerusalem. Der Architekt Adler hatte 1871 die Planung der deutschen Erlöserkirche am Muristan-Gelände in Jerusalem übernommen. In Wittenberg wurde Adler beim Bau der Schlosskirche tatkräftig von seinem Assistenten Paul Groth unterstützt, der später selbst nach Jerusalem gehen sollte und gewissermaßen ein architektonisches Band zwischen der Wittenberger Schlosskirche, der Jerusalemer Erlöserkirche und der Kirche im Syrischen Waisenhaus flechten sollte.

Wer war Paul Groth? Paul Ferdinand Groth wurde am 29. Juni 1859 als Sohn des Schiffskapitäns Johann Ferdinand Groth in Neu-Wintershagen (heute Grabienko, Polen) geboren. Er besuchte vom 7. bis zum 14. Lebensjahr die dortige Elementarschule. 1874 wurde er in das Realgymnasium zu Stolp (heute Słupsk, Polen) aufgenommen und blieb dort bis Ostern 1878. Er wechselte auf das Gymnasium in Danzig, wo er 1880 sein Examen ablegte. Daraufhin studierte er Hochbau an der Technischen Hochschule zu Berlin und lernte dort Friedrich Adler als Professor und Mentor kennen. Groth wurde nach erfolgreichem Studium am 6. Juli 1885 zum Regierungs-Bauführer ernannt.

Durch seine persönlichen Verbindungen zu Adler, der für die Umbaumaßnahmen der Schlosskirche in Wittenberg zuständig war, wurde Groth der Königlichen Baukreisinspektion zu Wittenberg zugeteilt. Dort machte er nach einem Jahr die Baumeisterprüfung und widmete sich nun ganz dem Umbau der Schlosskirche, in der sich Martin Luthers Grab befindet. Die Schlosskirche wurde am Reformationstag, dem 31. Oktober 1892 wieder eingeweiht.

Daraufhin wurde Groth vom Kuratorium der Jerusalem-Stiftung zu Berlin gebeten, die Bauleitung der evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem zu übernehmen. Von September 1893 bis 1899 lebte er mit seiner Familie in Jerusalem.

Bei den Ausschachtungsarbeiten für die Fundamente der deutschen Erlöserkirche stieß er übrigens auf Gefäße und Münzen aus der Zeit des jüdischen Aufstandes im ersten und zweiten Jahrhundert, was eine historische Einordnung des Geländes überhaupt erst ermöglichte. Es handelte sich dabei um wichtige und bedeutende archäologische Funde. Groth berichtete darüber sehr detailliert an die Jerusalem-Stiftung in Berlin, die sich jedoch weniger für die Kupfermünzen und archäologischen Funde interessierte, als vielmehr für die Fertigstellung der Kirchenfundamente. Groth konnte deswegen diese Münzen im Privatbesitz behalten.

Innenansicht der Kirche des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem

Bei der Durchsicht der vertraulichen Protokolle des Syrischen Waisenhauses, dem sogenannten “Geheimbuch”, konnte Groth als Architekt eines weiteren Kirchenbaus in Jerusalem identifiziert werden. Parallel zu seiner Aufgabe am Muristan versuchte Johann Ludwig Schneller, der Leiter des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem, Paul Groth für den Bau der Kirche des Syrischen Waisenhauses zu gewinnen. Groth übernahm diese Aufgabe und war sogar für die Bemalungsarbeiten nach Fertigstellung der Kirche verantwortlich. Noch vor Einweihung der Erlöserkirche konnte der Bau der Kirche des Syrischen Waisenhauses abgeschlossen werden.

Die Erlöserkirche wurde am 31. Oktober 1898 von Kaiser Wilhelm II. und seiner Gattin Auguste Victoria eingeweiht. Zu dieser Zeit fungierte Groth auch als Vorsitzender des Zweigvereins des „Deutschen Vereins zur Erforschung Palästinas“ in Jerusalem.

Er kehrte im Jahre 1899 nach Deutschland zurück und wurde in Hannover Kreisbauinspektor. In seinem Engagement für das Heilige Land ließ er aber nicht nach. Auf Bitten des Jerusalemsvereins zu Berlin begann Groth mit der Planung einer Kirche für die evangelische Gemeinde von Jaffa. Er fertigte 312 detailreiche Zeichnungen an, für die er jedoch kein Honorar verlangte. Nach der Einweihung in Jaffa im Jahre 1904 sorgte er auch für die Entwürfe der Innenmalereien, die 1907 angebracht wurden. Von Hannover zog Groth nach Halberstadt und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung. Er blieb bis zu seinem Lebensende in Kontakt mit der deutschen Gemeinde in Jerusalem. Paul Groth starb im hohen Alter in der DDR im Jahre 1955.