Nachlässe Wenzelburger – ein besonderer genealogischer Bestand

21. Februar 2024 | |

„Mein Grossvater Pfarrer Johann Georg Wenzelburger aus Neckarthailfingen bemühte sich seinerzeit, einen Stammbaum der Familie Wenzelburger zusammenzustellen. Ich habe als einziger Enkel meines Grossvaters sämtliche diesbezügliche Dokumente und Notizen bekommen und betrachte es als meine Pflicht, meinem Grossvater und meinen Kindern gegenüber, die begonnene Arbeit fortzusetzen und wenn möglich zu vollenden.“

Dies schrieb Adolf Karl Wenzelburger in einem Brief vom 22. November 1912 an das Pfarramt Neckartailfingen, in dem er um Abschriften von Kirchenbucheinträgen bat und außerdem ankündigte, im folgenden Jahr nach Neckartailfingen kommen zu wollen, um selbst in den Kirchenbüchern zu recherchieren.

Adolf Karl Wenzelburger (1879-1959), Bauingenieur und k. u. k. Oberbaurat in Mödling bei Wien, hat seine Pflicht sehr ernst genommen und über Jahre hinweg – wahrscheinlich von den 1910er bis Mitte der 1950er Jahre – eine umfangreiche Familienforschung betrieben und einen demensprechend umfangreichen genealogischen Nachlass hinterlassen, der in seiner Quantität und Qualität nahezu einmalig ist. Der Nachlass zeichnet sich nicht nur durch in großem Umfang vorhandene Ahnenkarteien, Ahnen- und Stammlisten sowie Stammbäumen aus, sondern auch durch umfangreiche und systematisch geordnete Quellenabschriften sowie gut dokumentierte Notizen („Vormerkungen“) zur Familiengeschichte Wenzelburger. Proband für die Ahnenforschung war sein Sohn Kurt Albert Hermann Wenzelburger (1908-1979).

Eine weitere bemerkenswerte Eigenschaft dieser Unterlagen ist auch die Tatsache, dass sie in einer sehr gut lesbaren, an die Normschrift für technische Zeichnungen angelehnte Schrift geschrieben sind.

Die Abbildungen 1 bis 8 zeigen verschiedene Beispiele aus den genannten Quellen.

Wenzelburger stand über Jahre hinweg auch in Kontakt mit anderen Wenzelburgern, darunter auch diejenigen, die in die USA ausgewandert waren. Von diesen Kontakten zeugen auch die in großem Umfang vorhandenen Fotos von Familienangehörigen, aber auch von Bekannten. Die Anzahl der Fotos ist für einen genealogischen Bestand eher ungewöhnlich und deshalb besonders hervorzuheben. Insgesamt sind 109 Fotos aus der Zeit von ca. 1860 bis 1971 vorhanden. Von diesen sind 65 im Visitformat (Carte de Visite) aus dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts sowie zwei Ferrotypien aus der Zeit zwischen 1880 und 1891. 73 dieser Fotos konnte das Archiv aufgrund der abgelaufenen Urheberrechte online stellen.

Abbildung 9 zeigt den oben erwähnten Pfarrer Johann Georg Wenzelburger (1806-1878).

Auf Abbildung 10 ist der in den Niederlanden tätige Historiker Karl Theodor Wenzelburger (1839-1918) zu sehen. Er ist einer der prominenteren Vertreter der Familie Wenzelburger. Zu ihm war bisher kein Foto im Internet zu finden.

Abbildung 11 zeigt schließlich Adolf Karl Wenzelburger.

Dieser genealogische Nachlass ist nicht nur eine hervorragende Quelle für Forschenden mit dem Nachname Wenzelburger sondern auch für andere Genealogen, die Vorfahren in der Region um Neckartailfingen oder anderweitig gemeinsame Ahnen mit den Wenzelburger haben. Auch sind unter den Ahnen der Wenzelburger verschiedene Pfarrer zu finden, z.B. Christoph David Bayer (1682-1744), Daniel Schelling (1595-1685), Ludwig Friedrich Meister (1787-1872) oder Johann Christoph Friedrich Meister (1734-1806). Die vorzufindenden Familiennamen sind in den Bestandsinformationen anhand der Indizes zu den Ahnenlisten (Abschnitt 1.1.3, Nr. 34 und Abschnitt 1.1.4, Nr. 38) bzw. anhand der Abschnitte 1.1.7 und 1.1.8 ersichtlich.

Auch Fritz Wenzelburger (1896-1953), Lehrer in Reutlingen, erforschte seine Familie und sammelte Dokumente zu Familienangehörigen. Unter diesen Dokumenten befinden sich u.a. Predigten des genannten Pfarrers Johann Georg Wenzelburger aus der Zeit von 1836 bis 1876. Predigten aus diesem Zeitraum sind eher selten überliefert, was diese umso wertvoller macht. Die Personalakte von Pfarrer Wenzelburger ist im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart im Bestand A 27 unter der Signatur Nr. 3529 überliefert.

Abb. 12 aus: LKAS, D 164, Nr. 192. Abbildung 12 zeigt ein Foto von Horst Wenzelburger aus dem Jahr 2023.

Fritz Wenzelburgers Unterlagen gingen später in den Besitz seines Sohnes Horst Wenzelburger (* 1930) über. Dieser war 41 Jahren lang als Diplomchemiker in Darmstadt tätig und wohnt seit 2001 in Pfullingen. In seinem Ruhestand beschäftige er sich mit der Familiengeschichte und unterhielt das „Wenzelburger-Archiv“. Außerdem organisierte er in den Jahren 2010 bis 2021 Familientreffen in Neckartailfingen und verfasste eine „Familiengeschichte Wenzelburger“ sowie eine Rückschau über sein Leben (beides ist in der Evangelischen Hochschul- und Zentralbibliothek, Standort Stuttgart-Möhringen unter der Signatur NGB/268 bzw. AQ 20/153 zu finden).

Adolf Karl Wenzelburger und Fritz Wenzelburger standen in Kontakt miteinander, auch nach dem Tod der Familienforscher blieb der Kontakt zwischen den Familien bestehen. Über Adolf Karl Wenzelburgers Enkelin Ilse Fröhlich-Wenzelburger gingen 2014 seine umfangreichen Unterlagen schließlich auf Horst Wenzelburger über. Adolf Karl Wenzelburger und Horst Wenzelburger sind im achten Grad miteinander verwandt, der erste ist der Großonkel dritten Grades des zweiten. Ihr gemeinsamer Vorfahr war Johann Georg Wenzelburger (1777-1856), Metzger und Gemeinderat in Neckartailfingen.

Im Mai 2023 hat Horst Wenzelburger den größten Teil der gesammelten Unterlagen zur Familie Wenzelburger (mit Ausnahme der im Abschnitt 3.7 aufgeführten Archivalien) dem Landeskirchlichen Archiv Stuttgart zur dauerhaften Aufbewahrung übergeben.

Das Inventar des Nachlasses steht hier online für die Recherche zur Verfügung.

Abbildung 12 zeigt ein Foto von Horst Wenzelburger aus dem Jahr 2023.

 

Quellen:

– Brief vom 22.11.1912 aus: LKAS, D 164, Nr. 198

– Abb. 1 bis 3 aus: LKAS, D 164, Nr. 1

– Abb. 4 aus: LKAS, D 164, Nr. 2

– Abb. 5 bis 8 aus: LKAS, D 164, Nr. 20

– Abb. 9 aus: LKAS, D 164, Nr. 187

– Abb. 10 aus: LKAS, D 164, Nr. 156

– Abb. 11 aus: LKAS, D 164, Nr. 108

– Abb. 12 aus: LKAS, D 164, Nr. 192

 

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Von heiligen Kühen und eisernen Kühen in Leuzendorf

15. Februar 2024 | | ,

“…zwei ewige Kühe …” Aus: LKAS, Pfarrarchiv Leuzendorf (G794), Best.-Nr. 51

“… sogenannte heilige Kuh” …” Aus: LKAS, Pfarrarchiv Leuzendorf (G794), Best.-Nr. 51

Als unsere Kollegin Birgitta Häberer das Pfarrarchiv von Leuzendorf verzeichnete, stieß sie auf eine Akte mit dem Titel “Eiserne Kuh”. In dieser Akte geht es um die Besoldung des Pfarrers, dem im 19. Jahrhundert eine Kuh als Teil seines Gehalts zustand. Als die Akte angelegt wurde, war die Kuh “alt und unbrauchbar”. Aus der in der Akte enthaltenen Korrespondenz geht hervor, dass sich der Pfarrer mit den vorgesetzten Behörden darauf einigte, diesen Gehaltsbestandteil in eine Zahlung von zehn Gulden auf sein Gehalt umzuwandeln. Der Begriff der eisernen oder ewigen Kuh war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gebräuchlich und bezeichnete ein Gewohnheitsrecht. Da die Besoldung aus der Heiligenstiftung der Pfarrei stammte, wird sie in diesem Schriftverkehr oft auch als “heilige Kuh” bezeichnet.

Das Pfarrarchiv Leuzendorf umfasst knapp zwei laufende Regalmeter und gehört vom Umfang her zu den kleineren Pfarrarchiven, die bei uns verwahrt werden. Es ist nun online recherchierbar.

 

Ortsakten ca. 1967-1989 für die Forschung zugänglich

14. Februar 2024 | | ,

Im Landeskirchlichen Archiv ist inzwischen eine weitere Schicht der Ortsakten archiviert und grob erschlossen worden. Die Akten dieses Bestandes wurden 2019 als Aktenschicht 1967-1989 aus der Registratur ausgesondert und dem Archiv übergeben. Etliche Akten aus diesem Zeitraum wurden jedoch nicht ausgesondert, sondern befinden sich noch in der in der laufenden Registratur. Unter http://suche.archiv.elk-wue.de/actaproweb/document/Best_d7692dab-28ef-45b7-828d-1cfe97b076cf sind die Informationen zum Bestand zu finden.

Bei der Aussonderung wurden die Akten nur grob über das Aktenzeichen erschlossen. Dies bedeutet, dass die Laufzeiten der einzelnen Akten zwischen (inklusive) 1967 und 1989 liegen. D.h. jedoch nicht, dass jede Akte Dokumente aus diesen Jahren enthält, teils sind nur wenige oder nur einzelne Dokumente enthalten. Eine genaue Laufzeit pro Akte wurde nicht erfasst, ebenso wenig der Umfang oder der genaue Inhalt der Akten.

Zu den Akten sind gescannte Einlaufkarteikarten vorhanden. Aus diesen ist zumindest der Inhalt der jeweiligen Akte ab ca. 1970 ersichtlich. Teils enthalten die Einlaufkarteikarten auch Daten zu Eingängen nach 1989. Diese sind nicht in den jeweiligen Akten vorhanden, sondern befinden sich noch in der laufenden Registratur.

Aufgrund des Aufwands wurden nur bei den interessanter erscheinenden bzw. umfangreicheren Akten die Einlaufkarteikarten als PDF-Dateien angebunden. Bei einigen Akten konnte die Einlaufkarteikarte jedoch nicht zugeordnet werden.

Vor allem die Akten mit den Visitationsberichten dürfte für einen breiten Forschendenkreis interessant sein, da diese Berichte nicht nur Informationen zu den ortkirchlichen Verhältnissen liefern, sondern auch zu den sozialen oder schulischen Verhältnissen. Außerdem enthalten sie Informationen über die Pfarrer und Pfarrerinnen, so dass nicht nur genealogisch-biografische Forschungen möglich sind, sondern auch sozialhistorische Untersuchungen dieser Berufsgruppe.

Beitragsbild: LKAS_A-229_Nr-1205 (Backnang Stiftskirche Mitte: Pfarrstelle Besetzung)_Einlaufkarteikarte (nur Ausschnitt)

 

 

 

Besuch aus dem Landesarchiv Baden-Württemberg

8. Februar 2024 | |

Für angehende Archivarinnen und Archivare ist es wichtig, einen Einblick in die verschiedenen Archivsparten zu erhalten. Unsere Gruppe von acht Oberinspektoranwärterinnen und -anwärtern des Landesarchivs Baden-Württemberg besucht daher im Rahmen ihrer Ausbildung zahlreiche Archive unterschiedlicher Träger. Am 18. Januar hatten wir die Gelegenheit, das Landeskirchliche Archiv in Stuttgart kennen zu lernen. Für die meisten von uns war es der erste Besuch in einem kirchlichen Archiv. Nur eine Kollegin hatte im Rahmen ihrer familiengeschichtlichen Forschungen schon einmal in einer solchen Einrichtung recherchiert. Für uns Auszubildende war es spannend zu sehen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen einem staatlichen und einem kirchlichen Archiv gibt.

Herr Löber gab uns einen Überblick über wichtige Ereignisse der württembergischen Kirchengeschichte, die für die Zusammensetzung der Archivbestände grundlegend sind. Anschließend begaben wir uns auf einen Rundgang durch das Archivgebäude. Wir besichtigten die Dienst- und Arbeitsräume der Archivmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, das große Magazin sowie die Freihandbibliothek, die zur Landeskirchlichen Zentralbibliothek gehört. Während des Rundgangs stellte Herr Löber die wichtigsten Aufgabenbereiche des Landeskirchlichen Archivs vor, erläuterte aber auch anschaulich die damit verbundenen aktuellen Herausforderungen. In den Magazinräumen erhielten wir Informationen über die Bestände des Archivs und deren Auswertungsmöglichkeiten. Von besonderem Interesse waren für uns auch die zahlreichen Objekte der archivalischen und musealen Sammlungen, die zusammen mit dem Schriftgut in den Magazinräumen aufbewahrt werden und das kirchliche Leben sehr anschaulich und ergänzend dokumentieren. Abschließend erläuterte Herr Löber die Funktionalitäten des derzeit im Bau befindlichen Archivneubaus.

Nach der zweistündigen, sehr informativen Führung traten wir mit vielen neuen Eindrücken den Rückweg ins Hauptstaatsarchiv an.

Bild: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Landeskirchliches Archiv Stuttgart und EHZ-Bibliothek laden zum gemeinsamen Tag der offenen Tür ein

7. Februar 2024 | |

Am Samstag, 2. März 2024 öffnen von 13 Uhr bis 17 Uhr das Landeskirchliche Archiv Stuttgart und die Evangelische Hochschul- und Zentralbibliothek Württemberg (EHZ-Bibliothek) ihre Türen, um interessierten Besucherinnen und Besuchern einen spannenden Blick „hinter die Kulissen” am Standort Stuttgart-Möhringen (Balinger Str. 33/1, 70567 Stuttgart) zu bieten.

Unter dem Motto „,Unser täglich Brot gib uns heute’. Essen und Trinken im kulturellen Wandel” wird an diesem Tag Kurioses und Wissenswertes aus der Kirchengeschichte Württembergs präsentiert. In einer Ausstellung können die Gäste ausgewählte Originalobjekte kennenlernen und anhand von Fotos, (Koch-) Büchern und weiteren Quellen aus mehreren Jahrhunderten auf Entdeckungsreise gehen.

Eigene handschriftliche Dokumente wie Koch- und Backrezepte aus der Vergangenheit können gerne mitgebracht werden, um sie von Experten entziffern zu lassen. In Kurzvorträgen und Präsentationen erleben die Besucherinnen und Besucher außerdem überraschende Geschichte(n) rund um Essen und Trinken.

Bei Führungen können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer exklusive Einblicke in Bereiche erhalten, die im Rahmen eines normalen Besuchs nicht zugänglich sind. Für besonders Wissenshungrige und -durstige besteht die Möglichkeit, an einem Informationsstand des Kirchenbuchportals Archion die digitalen Möglichkeiten der modernen Familienforschung kennenzulernen. In einer Schreibwerkstatt kann die Schrift unserer Vorfahren erlernt werden. Für die kleinen Gäste gibt es ein Kinderprogramm.

Für das leibliche Wohl der Besucherinnen und Besucher werden schwäbische Maultaschen angeboten.

Der Tag der offenen Tür von Landeskirchlichem Archiv Stuttgart und EHZ-Bibliothek findet anlässlich des 12. Tags der Archive statt, der in diesem Jahr unter dem Motto „Essen und Trinken” steht. Der Tag der Archive ist eine Initiative des Verbands deutscher Archivarinnen und Archivare e. V. (VdA), um die vielfältigen gesellschaftlichen Funktionen der Archive hervorzuheben. Der bundesweite Aktionstag findet alle zwei Jahre statt.

Nachlass von Joachim Boeckh (1899-1968)

31. Januar 2024 | |

Im Mai vergangenen Jahres wurden wir von der Evangelischen Archivstelle Boppard im Rheinland kontaktiert. Dort war im Rahmen der Archivpflege in einem Pfarramt in ihrem Zuständigkeitsbereich eine Überlieferung von Schriftverkehr an Joachim Boeckh festgestellt worden. Offenbar waren diese Schriftstücke über einen früheren Pfarrer dieser Kirchengemeinde in das Pfarrhaus gelangt. Pfarrer Hans-Christian Brandenburg schrieb während seiner Tätigkeit dort in den 1960er Jahren an einer Darstellung über den Bund der Köngener, einer evangelischen Jugendbewegung, die ihr Zentrum in Württemberg hatte. Zu den maßgeblichen Personen der Anfangszeit dieses Bundes gehörte Joachim Boeckh, zunächst als Student der Evangelischen Theologie an der Universität Tübingen, dann als Vikar im unständigen Dienst der württembergischen Landeskirche. Da der Schriftverkehr seine Zeit in Württemberg widerspiegelt, hat das Landeskirchliche Archiv Stuttgart diesen Bestand übernommen.

Joachim Boeckh war von Jugend auf sehr rege und engagiert. Die im Nachlass überlieferten Briefe an ihn spiegeln deutlich seine wichtige Rolle in der protestantisch geprägten Jugendbewegung in Württemberg im zweiten und dritten Jahrzehnt des Zwanzigsten Jahrhunderts wider. Bei ihm liefen viele Netze zusammen. Er war Ansprechpartner für viele ähnlich Bewegte, weit über Württemberg hinaus. Im Schriftverkehr lassen sich der Umgangsmodus unter den Mitgliedern der Jugendbewegung und Richtungsdiskussionen ablesen. Boeckh war ein engagierter, streitbarer und vielleicht auch umstrittener Zeitgenosse. Bereits in seiner Wandervogelzeit war er schriftstellerisch tätig und inspirierte sein Umfeld. Von dem her ist es kein Wunder, dass er sich bereits 1923 von der Leitung des Köngener Bundes entfremdete, sich mit seinen Anhängern abspaltete und einen eigenen Bund gründete, die “Jungmannschaft Königsbühl”. Auch aus dem Dienst der württembergischen Landeskirche schied er am 1. November 1924 aus, um zunächst beim Franckh-Verlag (Kosmos-Verlag) in Stuttgart im Bereich Jugendliteratur zu arbeiten. Danach wurde er Lehrer in einer Reformschule, brach dann aber zu einer Reise in die Mongolei auf, die er nicht erreichte. Stattdessen wurde er Dozent für Deutsche Sprache in der damaligen Wolgadeutschen Republik (UdSSR). Nach seiner Rückkehr aus der UdSSR führten sein bereits bekanntes unstetes Wesen und verschiedene Publikationen, in denen er die Auswirkungen der stalinistischen Umwälzungen verharmloste, dazu, dass sein Gesuch um Wiedereinstellung in den württembergischen Kirchendienst nicht positiv entschieden wurde. Eine begonnene Tübinger Dissertation bei Professor Jakob Wilhelm Hauer, einem früheren Bundesgenossen, schloss er nicht ab, sondern widmete sich wieder der Lehrtätigkeit in einer Reformschule. Nach dem Krieg wurde er zunächst Leiter des Collegium Academicum in Heidelberg. Schließlich siedelte er nach Potsdam um und übernahm dort die Professur für Neuere Deutsche Literatur, dann eine Professur an der Humboldt-Universität Berlin. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften der DDR. Am 17. Juni 1968 verstarb er in Potsdam-Babelsberg. Außer seinen frühen Schriften zur Jugendbewegung ist er Autor von Werken zur deutschen Literaturgeschichte und Übersetzer von Werken aus dem Russischen.

Der Bestand beinhaltet Briefe und Postkarten an Boeckh, die sich über den Zeitraum von 1917 bis 1933 erstrecken. Der Schwerpunkt der Überlieferung erstreckt sich allerdings auf die Jahre von 1921 bis 1923. Die Erschließung gestaltete sich wegen der vorgefundenen, sehr mangelhaften Ordnungsstruktur nicht einfach. Wer über die Evangelische Jugendbewegung in Württemberg in der ersten Hälfte der 1920er Jahre forschen möchte findet hier ein reiches Quellenmaterial. Hier geht es direkt zum Inventar des Bestandes in unserer Online-Suche.

Verweise in andere Archive mit beständen zu Joachim G. Boeckh:

 

Anbei einige Beispiele von Schriftstücken:

Pfarrarchiv Leonhardskirche Stuttgart

24. Januar 2024 | |

Anfang letzten Jahres wurde die Pfarrstelle der Leonhardsgemeinde in der Stuttgarter Innenstadt aufgelöst. Die Leonhardskirche ist zwar nicht die älteste oder größte Kirche Württembergs oder gar Stuttgarts, aber die Kirche in der ehemaligen Stuttgarter Vorstadt, im sogenannten Bohnenviertel, ist vielen Stuttgartern und Nicht-Stuttgartern als große mittelalterliche Innenstadtkirche bekannt. Die Kirchengemeinde besteht weiter und wird vom geschäftsführenden Pfarramt betreut. Mit der Auflösung des Pfarramtes wurde das Landeskirchliche Archiv gebeten, die noch vorhandenen Unterlagen und Bibliotheksbestände zu sichten. Aus der Pfarrbibliothek konnte der Bestand der EHZ-Bibliothek mit Büchern ergänzt werden, die dort noch nicht vorhanden waren. Der größere und ältere Teil des Pfarrarchivs der ehemaligen Pfarrstelle war bereits Ende der 1990er Jahre ins Landeskirchliche Archiv gelangt, als in einer großen Aktion das gesamte Dekanatsarchiv dorthin überführt wurde. Die Pfarrstelle an der Leonhardskirche war früher mit dem Amt des Dekans verbunden, so dass die Unterlagen des Dekanatsamtes früher dort angefallen waren, und da sich die Aufgaben der Pfarrstelle und des Dekanatsamtes nicht immer ganz trennen lassen, bilden sie als Archivbestand in der Regel eine Einheit. Vor diesem Hintergrund erwarteten wir im Pfarrhaus keine reiche Archivüberlieferung mehr. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Archive der Pfarrstellen 2 und 3 vor Ort waren, ebenso Unterlagen zur Leonhardskrippe, zum Leonhardsgemeindeverein und auch die Altregistratur des Stadtpfarramtes mit zum Teil sehr schönen Akten und Materialien zum reichen Kulturangebot dieser Innenstadtkirche, also zu Ausstellungen, Konzerten und Veranstaltungsreihen. Der Bestand enthält auch einige liebevoll zusammengetragene Materialsammlungen zur Geschichte der Pfarrei und der dort tätigen Geistlichen. Übernommen wurden auch mehrere Leitzordner mit Fotos, die künftig einzeln verzeichnet und im Bildarchiv aufbewahrt werden. Die vier laufenden Regalmeter an pfarramtlichen Unterlagen wurden mittlerweile im Rahmen des Bestands Dekanatsarchiv Stuttgart (Bestand F44) erschlossen, werden in unserem Haus verwahrt und können hier eingesehen werden.

Beitragsbild: Leonhardskirche von der Hauptstätter Straße aus gesehen. Fotograf: Joachim Köhler, Lizenz

Warum wird nicht alles digitalisiert? Exkursionsbericht einer Tübinger Studentengruppe

17. Januar 2024 | |

Primärquellen sind für kirchengeschichtliches Arbeiten unverzichtbar und daher sollte uns der Umgang mit ihnen nähergebracht werden. Denn es ist gar nicht so schwer, an Archivalien heranzukommen, um in diesen zu schmökern. Tagebucheinträge von verschiedenen Menschen (vielleicht findet man ja auch den seines Ururgroßvaters…), hunderte Jahre alte Kirchenbücher, alte Predigten, Berichte und vieles mehr verstecken sich nicht nur hinter gesicherten Vitrinen in Museen. Im Rahmen eines kirchenhistorischen Proseminars der Evangelisch-Theologischen Fakultät mit dem Thema „Weltanschauungskämpfe in der Weimarer Republik und NS-Zeit“, unter der Leitung von Herrn Gerber, sind wir am 11.12.2023 nach Stuttgart-Möhringen in das Archiv der Württembergischen Landeskirche gefahren. Was dieses Archiv in seinen Kellerräumen aufbewahrt, sollten wir in den nächsten Stunden erfahren.

Heinrich Löber gab uns zunächst eine Einführung, was ein Archiv überhaupt ist, da er feststellen musste, dass neben unserem Dozenten bisher nur eine der zwölf Teilnehmer:innen ein Archiv von innen gesehen hatte. Deshalb wurden wir aufgeklärt, welche Aufgaben in einem Archiv anstehen, was es beherbergt und wie es aufgebaut ist. Der Lesesaal, welcher unsere erste Station der Führung war, ist zugleich der Lesesaal der Evangelischen Zentral- und Hochschulbibliothek. Hier durften wir zunächst die Regale mit Büchern schnuppern. Jetzt mag sich doch manch einer fragen, warum man in unserer heutigen Zeit nicht alles digitalisiert, so dass es schneller und für jede:n einsehbar ist. Hierfür gibt es verschiedene Gründe: eine Digitalisierung der 15 laufenden Regalkilometer, die nur dieses Archiv in Stuttgart umfasst, wäre mit einem unverhältnismäßigen Geld- und Zeitaufwand verbunden. Um es theologisch auszudrücken: „die Wiederkunft Christi ist ein naheliegenderes Ereignis“ so Herr Löber. Zudem bräuchte die Aufbewahrung trotzdem Unmengen an Platz, da man die Originale nicht wegwerfen dürfe. Zugleich muss man sagen, dass etliche Akten bereits digitalisiert und über das Internet abrufbar sind.

Nun wollten wir aber auch herausfinden, wo die 15 laufenden Regalkilometer verborgen sind, und so begaben wir uns in die kühlen Kellerräume, in denen wir uns wahrscheinlich verlaufen hätten, wäre da nicht Herr Löber gewesen. Uns wurde viel über die allgemeine Aufbewahrung der Primärquellen erzählt, so dass wir mit diesem Wissen schon fast unser eigenes Archiv aufmachen könnten. Dadurch sind wir nun bestens über säurefreie, stehende oder liegende Aufbewahrung, Signaturen, Findbücher, Systematisierungen und Vieles mehr informiert.

Angekommen bei den teilweise doch fast 500 Jahre alten Kirchenbüchern schauten wir, ob wir den Urgroßvater eines Kommilitonen ausfindig machen konnten, jedoch ohne Erfolg. Trotzdem zeigte dies uns aber, wie interessant es ist, in diesen Büchern herumzustöbern, evtl. dem Stammbaum der eigenen Familie auf den Grund zu gehen und so mehr über die damalige Zeit herauszubekommen.

Nachdem wir uns durch die ganzen Kellerräume hindurch manövriert hatten, endete unsere Führung in der musealen Sammlung. Hier gab es verschiedenste Gegenstände, welche uns auf andere Weise begeisterten: von einem Schwert, über eine Trommel, Krippen, Kruzifixi, Vasa sacra, Möbeln bis hin zu Weihnachtsdekoration.

Der Besuch zeigte eindrücklich, dass es gar nicht so schwer ist, an Primärquellen heranzukommen, um diese in kirchengeschichtlich wissenschaftliches Arbeiten mit einfließen zu lassen. Bei Fragen würden – da bin ich mir sicher – die kompetenten und freundlichen Mitarbeiter: innen uns stets zur Seite stehen.

Vielen Dank an dieser Stelle an Heinrich Löber für die unterhaltsame Führung, und dass er uns in dem Labyrinth an Kellerräumen wieder heil hinausgeführt hat. Genau sowie Herrn Frieder Gerber für die Möglichkeit, diese Exkursion im Rahmen des Proseminars durchzuführen.

 

Beitragsbild: Heinrich Löber vom Landeskirchlichen Archiv und Frieder Gerber (v.l.) mit Teilnehmenden seines Proseminars im Lesesaal des Archivs und der Bibliothek. Foto: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Digitale Pressemitteilungen der Landeskirche 1995-2023 online

12. Januar 2024 | | ,

Bild: LKAS_A-243_Nr-60_990615_BischofsRikscha

Die digitalen Pressemitteilungen der Landeskirche von 1995 bis 2023 stehen nun auf der Beständeübersicht des Archivs http://suche.archiv.elk-wue.de/…/Best_9c8bd6ba-4b51… online zur Verfügung. Die Pressemitteilungen enthalten einerseits Bekanntmachungen der Landeskirche zu innerkirchlichen Veränderungen, wie z.B. die Einsetzung eines neuen Landesbischofs oder einer neuen Dekanin, oder Nachrufe anlässlich des Todes bedeutender Mitarbeitenden der Landeskirche. Andererseits spiegeln sie die Reaktion der Landeskirche auf innerdeutsche, aber auch weltweite Ereignisse wider. Die Pressemitteilungen sind chronologisch geordnet. Die Dateinamen weisen auf die Ereignisse oder Themen hin. Bei den Pressemitteilungen aus den 1990er Jahren sind diese Benennungen noch nicht sehr aussagekräftig. Ab 2020 sind im Enthält-Vermerk nur noch die Titel der Pressemitteilungen aufgelistet.

Nachlass Otto Mörike erschlossen

10. Januar 2024 | |

Im Rahmen meines Masterstudiums der Historischen Hilfswissenschaften und Archivwissenschaft an der Universität Wien habe ich ein vierwöchiges Praktikum im Landeskirchlichen Archiv absolviert. In dieser Zeit habe ich unter anderem den Nachlass von Otto Mörike verzeichnet.

Otto Mörike (7. April 1897 – 9. Juli 1978) war ein evangelischer Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, der vor allem durch sein Engagement gegen den Nationalsozialismus und die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung bekannt wurde. Er war Mitglied der Pfarrhauskette. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er drei Jahre an der Front kämpfte und unter anderem die Schlacht von Verdun (1915) und die Schlacht an der Somme (1916) miterlebte, studierte er evangelische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und absolvierte sein anschließendes Vikariat in Oberboihingen. Dort lernte er auch seine Frau Gertrud Mörike (geb. Lörcher) kennen, die er 1926 in Oppelsbohm, seiner damaligen Wirkungsstätte, heiratete. 1935 übernahm er eine Pfarrstelle in Kirchheim/Teck. Zunächst von den Versprechungen der Nationalsozialisten überzeugt, schloss er sich bald der Bekennenden Kirche an. Immer wieder geriet er in Konflikt mit dem nationalsozialistischen Regime. Bereits 1936 wurde ihm die Lehrerlaubnis für den Religionsunterricht entzogen, 1938 warfen Mörike und seine Frau bei der Abstimmung über den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich – auch das ist in diesem Nachlass überliefert – anstelle eines Stimmzettels eine ausführliche Erklärung ein, warum sie dem Anschluss nicht zustimmen konnten. Noch am selben Tag wurde er von einer von der Gestapo aufgehetzten Menschenmenge schwer verletzt, auch das Pfarrhaus wurde beschädigt. Wegen “Vergehens gegen das Heimtückegesetz”, “Kanzelmissbrauchs” und “Beleidigung” wurde er zu 10 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt und erhielt Rede- und Aufenthaltsverbot in Kirchheim/Teck.

Lange wurde in Parteikreisen diskutiert, inwieweit er seinen Beruf noch ausüben dürfe. Gemeindemitglieder und Nachbargemeinden setzten sich jedoch für ihn ein, so dass er, wenn auch unfreiwillig, nach Weissach und Flacht versetzt wurde. Dort lebte die Familie Mörike, Mörike und seine Frau hatten sechs Kinder und einen Pflegesohn. Sie nahmen Juden in ihrem Pfarrhaus auf und organisierten Verstecke. Außerdem sammelte er Spenden für andere Pfarrer, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes wurde Mörike 1947 nach Stuttgart Weilimdorf versetzt und 1953 zum Dekan des Kirchenbezirks Weinsberg ernannt. 1959 trat er in den Ruhestand. Er engagierte sich weiterhin in der Friedensbewegung und war unter anderem Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen in Württemberg. 1971 verlieh der Staat Israel Mörike und seiner Frau die Yad-Vashem-Medaille für die Rettung von Juden und ihr Engagement gegen das nationalsozialistische Regime. In Bissingen/Teck wurde ein Freizeitheim nach ihm benannt, in Weilimdorf ein Weg durch den Pfarrgarten.

Die Wahl vom 10. April 1938 und ihre Folgen sind im Bestand ausführlich dokumentiert. Zum Prozess gegen Otto Mörike vor dem Sondergericht in Kirchheim/Teck sind einige Unterlagen vorhanden, ebenso Unterlagen der NSDAP und der Gestapo zu seiner antinationalsozialistischen Haltung. Hinzu kommen zahlreiche Predigten, etwa aus seiner Dornhaner Zeit, Schriften wie “Etliche Besonderheiten aus unserem Leben und Dienst” sowie Briefe von und an Otto und Gertrud Mörike. Auch spätere Ereignisse wie eine Reise nach Israel (1969) und seine Arbeit für die Aktion Sühnezeichen sind durch Korrespondenzen u.a. mit Franz von Hammerstein oder Landesbischof Helmut Claß überliefert.

Der Nachlass ist unter der Signatur D169 erschlossen und jetzt hier online einsehbar.

Verbessertes Online-Angebot

20. Dezember 2023 | | ,

Die digitale Nutzung auf unserer Recherche-Seite suche.archiv.elk-wue.de wurde verbessert.

Zum einen sind Verzeichniseinheiten, die Digitalisate enthalten, welche mit dem DFG-Viewer geöffnet werden, bereits in der Tektonik anhand des Augen-Symbols erkennbar. Die Digitalisate können durch Klick auf das Auge direkt aus der Tektonik geöffnet werden.

Natürlich können sie auch weiterhin wie bisher durch Klick auf „Im METS-Viewer öffnen“ in der Vollansicht der jeweiligen Verzeichnungseinheit geöffnet werden.

Zum anderen können aus dem DFG-Viewer die Digitalisate in hoher Auflösung einzeln heruntergeladen werden. Dies geschieht über einen Linksklick auf das Download-Symbol (siehe Bild) und anschließendem Rechtsklick auf „Einzelseite herunterladen“. Abhängig vom verwendeten Browser kann das jeweilige Digitalisate über „Ziel speichern unter …“ o.ä. auf die eigene Festplatte gespeichert werden.

Zum dritten wurde der Zugriff auf die Digitalisate der Pfarrbeschreibungen und Pfarrberichte aus dem Bestand A 29 deutlich verbessert. Im DFG-Viewer wurde ein Inhaltsverzeichnis eingefügt, über das die gewünschten Pfarrbeschreibungen bzw. Pfarrberichte direkt ausgewählt werden können. Die Nummerierung im Inhaltsverzeichnis entspricht den Unter-Nummern, die beim Zitieren aus den Pfarrbeschreibungen bzw. Pfarrberichten in der Quellenangabe verwendet werden. Z.B. würde die Quellenangabe für den Pfarrbericht 1878 von Adelmannsfelden „Landeskirchliches Archiv Stuttgart (LKAS), A 29, Nr. 27, Unter-Nr. 13“ lauten.

Bei Bedarf wird auch bei Verzeichnungseinheiten mit umfangreichen Digitalisaten in anderen Beständen ein Inhaltsverzeichnis eingefügt.

Nachlass von Oberkirchenrat Hans Ostmann

19. Dezember 2023 | |

Oberkirchenrat Hans Ostmann. Foto: Ton- und Bilddienst der Evang. Landeskirche Württemberg, LKAS.

Der im September übergebene Nachlass des ehem. Oberkirchenrats Hans Ostmann steht seit heute im Archiv unter der Signatur D-181 zur Verfügung. Hans Ostmann arbeitete von 1937 bis 1971 als Jurist im Oberkirchenrat und war zusätzlich ab 1940 als Schatzmeister für das Gustav-Adolf-Werk tätig, wofür er 1969 mit dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet wurde.

In seinem Nachlass befinden sich neben Fotos und Aufsätzen vor allem briefliche Korrespondenzen mit den Landesbischöfen und Gemeinden. Außerdem ist Material zu seinem Schwiegervater Otto Dibelius, ehem. Landesbischof von Berlin/Brandenburg, ebenfalls im Bestand enthalten.

Das Inventar des Nachlassbestands kann hier eingesehen werden.

 

Beitragsbild: Sitzung mit OKR Hans Ostmann (am Tisch vierter von links), am Tischende Landesbischof Eichele. Foto: Ton- und Bilddienst der Evang. Landeskirche Württemberg, LKAS.

Evangelisches Leben zwischen 1880 und 1970 – Der Familiennachlass Gauger

13. Dezember 2023 | |

LKAS, D 180, Wappen der Familie Gauger

Vor einigen Wochen gelangten durch einen Nachkommen der Familie weitere Unterlagen aus dem Nachlass der Familie Gauger in das Archiv. Nachlässe enthalten in der Regel nur Materialien zu einer Person (z.B. eines Missionars oder Bischofs), die von kirchengeschichtlicher Bedeutung sind. Das können Predigten und theologische Traktate sein, aber auch Briefwechsel mit Kollegen oder biographische Dokumente wie Stammbäume und Lebensläufe. In diesem Fall gab es jedoch in der Familie Gauger mehrere Personen von kirchengeschichtlicher Bedeutung, weshalb eine Sammlung von Familiennachlässen sinnvoll erschien. Die Familie Gauger bildet zwar den Hauptteil des Nachlasses, doch war dieser in erster Linie genealogisch angelegt, so dass der Vollständigkeit halber auch vorhandenes Material zu Familienmitgliedern ohne kirchliche Relevanz übernommen wurde. Dies macht den Familiennachlass besonders interessant.

Die Familie Gauger umfasst neben der Stammfamilie auch die eingeheirateten Familien Ziegler, Peter, Gruss und Haas.
Hervorzuheben ist die Familie Ziegler (eingeheiratet von Jakob Ziegler), die im kirchlichen Bereich nicht ganz unbekannt ist. Ein Verwandter Jakobs, Johann Ziegler, gründete einst „Die Zieglerischen“ (Mädchen- und Knabeninstitut Wilhelmsdorf), deren Leitung Jakob nach Johanns Tod übernahm. In den “Zieglerischen” wurden von nun an die Kinder der Gauger untergebracht, wenn sie z.B. auf Urlaub waren oder wenn ihre Eltern früh verstarben (was z.B. bei Missionstätigkeiten nicht selten vorkam). Aufgrund der kirchlichen Relevanz als diakonische Einrichtung findet sich zur Familie Ziegler mehr Material außerhalb dieses Bestandes. Die anderen Familien haben dagegen nur wenige oder gar keine kirchlich engagierten Mitglieder. Die Familie Gauger kann auf ein breites Spektrum kirchlich orientierten Lebens zurückblicken – sei es als Missionar, Krankenpfleger, Lehrer, Pfarrer, Kirchenhistoriker oder Kirchenjurist. Drei dieser Persönlichkeiten sollen hier vorgestellt werden:

LKAS, D 180, Hochzeitsschmuck Ehe Gottlob Gauger

Gottlob Gauger, geboren 1855, begann seine berufliche Laufbahn als Kaufmann in Esslingen. Durch Bekannte in der Paulinenpflege lernte er 1877 die Basler Mission kennen und begann seinen Dienst als Missionskaufmann. Er arbeitete ein Jahr an der Goldküste (heutiges Ghana), wo er seine erste Frau Maria Fisch kennenlernte, die leider schon nach 5 Wochen verstarb. In zweiter Ehe heiratete er Johanna Luise Peter. Die Familie Peter war traditionell mit dem Goldschmiedehandwerk verbunden und in Zürich ansässig. Johanna lernte Gottlob durch ihren Bruder Gustav kennen, der, ungewöhnlich für die Familie, den Beruf des Missionars (in Indien) ergriff. Anlässlich der Hochzeit von Johanna und Gottlob fertigte der Goldschmied Friedrich Peter den im Nachlass befindlichen Hochzeitsschmuck an, der – von den Peters angefertigt und mit einem Käfer aus Gottlobs Missionszeit versehen – die Verbindung der beiden Familien symbolisieren sollte. Johanna und Gottlob hatten zwei Kinder, die nach Gottlobs Tod 1889 in Kamerun von seiner Schwester Maria Gauger und ihrem Mann Jakob Ziegler in den Zieglerischen Anstalten aufgezogen wurden.

LKAS, D 180. Traugott und seine Schwester Maria als Jugendliche und Kinder. Gottlob und seine Verlobte Johanna als Erwachsene.

Traugott Gauger wurde 1885 geboren und absolvierte zunächst eine Lehre als Musterzeichner, zwei seiner anschließend in Paris entworfenen Stoffe befinden sich in der musealen Sammlung des Archivs. Nach einer kurzen Phase der Arbeitslosigkeit von 1912 bis 1913 schulte er auf Anraten seines Onkels Joseph um und ergriff wie seine Schwester Maria Luise den Beruf des Krankenpflegers. Im Ersten Weltkrieg dienten beide als Kriegspfleger. Während Maria Luise ihren Lebensabend als Diakonisse in Stuttgart verbrachte, arbeitete Traugott von 1919 bis zu seiner Pensionierung 1950 als Oberpfleger im Städtischen Krankenhaus Heilbronn. Durch seine Schwester lernte er in dieser Zeit die Rotkreuzschwester Dorothea Gruss kennen. Dorotheas Familie stammte aus der Textilindustrie, vor allem Weber und Schneider, und auch Dorothea hatte zunächst eine Ausbildung als Schneiderin und Brand- und Spritzmalerin begonnen, bevor sie sich dem Roten Kreuz zuwandte. Die beiden hatten eine gemeinsame Tochter, Dora Gauger, die wiederum durch ihre Heirat mit Reinhold Haas den letzten Zweig der Familie Haas in die Familie Gauger eingliederte.

Martin Gauger promovierte 1933 zum Dr. iur. und begann danach als Rechtsassessor am Landgericht Wuppertal. Ausschlaggebend ist aber sein Widerstand gegen das Nazi-Regime. Dieser begann 1934, mit der Weigerung, einen Treueeid auf Hitler zu leisten. Martin war der Meinung, dass Treue und Gehorsamkeit gegenüber Menschen, die ihrerseits an kein Gesetz gebunden sind, nicht rechtmäßig seien. Er schloss sich der Bekennenden Kirche an und verfasste mehrere Dissertationen gegen die Irrlehren verbreitende offizielle Kirchenleitung. 1939 widersetzte er sich der Militär-Musterung und flüchtete 1940 über den Rhein in die Niederlande, wo er jedoch nach deren Kapitulation verhaftet und wenig später in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt wurde. Dort wurde Martin Gauger 1941 im Rahmen der Aktion T4 ermordet. In seinem Angedenken wird bis heute in NRW der Martin-Gauger-Preis in einem Schülerwettbewerb zum Thema Menschenrechte vergeben.

Obwohl viele Mitglieder der Familie Gauger im theologischen Bereich tätig waren, enthält der Nachlass nicht wie übliche Pfarrnachlässe Predigtsammlungen und theologische Traktate, sondern ist durch die vielen enthaltenen Biographien vielfältig und reich an Bildmaterial. Neben Stammbäumen finden sich auch persönliche Besitztümer der Betroffenen, wie z.B. der Hochzeitsschmuck der Peters oder Zeichenmappen von Traugott Gauger. Der Nachlass beschäftigt sich nicht nur mit dem Werdegang der einzelnen Personen, sondern auch mit ihrer Lebensgeschichte, wodurch ein lebendigeres und “authentischeres” Bild ihrer Zeit entsteht. Damit ist der Nachlass zwar kein klassischer Fall für ein Kirchenarchiv, aber dennoch hochinteressant und unterhaltsam – und aufgrund der Verstrickungen der Gaugers in viele Bereiche (von der Kolonialisierung Afrikas über die NS-Zeit bis hin zur diakonischen Organisationsgeschichte) auch kirchengeschichtlich relevant.
Der Familiennachlass Gauger trägt die Signatur LKAS, D 180, hat eine Gesamtlaufzeit von 1816 bis 1983 (2011) und umfasst 0,1 lfd. m. Die Erschließungsdaten werden demnächst über unser Online-Findbuch recherchierbar  sein.

Inventarisierung der Walterichskapelle in Murrhardt

5. Dezember 2023 | |

In diesem Jahr wurde im Zuge der Inventarisierung der evangelischen Stadtkirche in Murrhardt auch die nördlich angeschlossene Walterichskapelle in Augenschein genommen.

Dieser Inventarisierungsauftrag war etwas anders als sonst: Das zu untersuchende Objekt war wesentlich kleiner als sonst, da es sich nur um den Abschluss einer vor einigen Monaten begonnenen Inventarisierung handelte, bei der die Walterichskapelle nicht zugänglich war.

Ich traf Frau Dr. Pelizaeus morgens am Stuttgarter Hauptbahnhof und wir fuhren gemeinsam mit der Regionalbahn nach Murrhardt. Von dort ging es zunächst zum Pfarramt, wo wir die Schlüssel für die Gittertür zur Kapelle erhielten.

Die um 1230 erbaute Kapelle ist direkt an den Nordturm der ehemaligen Klosterkirche und heutigen Stadtkirche angebaut, hat aber neben dem Zugang zur Kirche einen separaten Eingang. Sie hat keine eigene Beleuchtung und durch die Fenster dringt nur wenig Licht in den Innenraum, was die Aufnahmen erschwert. Die Innenausstattung beschränkt sich auf wenige Gegenstände wie einen Opferstock, Leuchter und einen Altar. Die Innenwände sind mit romanischen Säulen und romanischen Rundbogenfriesen geschmückt. Zwischen den Säulen sind Sitzbänke in die Wände eingelassen, der Innenraum der Kapelle bleibt leer. Die Friese waren ursprünglich sehr detailliert mit verschiedenen Ornamenten und Darstellungen verziert. Auf einem der Kapitelle an der Südseite ist zum Beispiel ein Männerkopf zu sehen, der möglicherweise an den Klostergründer Walterich erinnern soll. Im Zuge von Renovierungsarbeiten wurde jedoch ein Teil der ursprünglichen Bausubstanz ersetzt. Das östliche Eingangsportal ist ein vierstufiges Rundbogenportal, das im Tympanon die Majestas Domini zeigt, dahinter befindet sich ein Eisentor, das in grün und gold bemalt ist. Für die Inventarisierung der Kapelle haben wir alle Ausstattungselemente (wie z.B. Leuchter oder Säulen) vermessen und Fotos von der Kapelle und Details im Innenraum gemacht. Die Dunkelheit in der Kapelle erschwerte die Arbeit, vor allem beim Fotografieren in der Nähe der Fenster. Aus diesem Grund war es nicht einfach, die Wandreliefs erkennbar zu fotografieren, aber einige Probleme konnten durch Nachbearbeitung gelöst werden.

Nach Abschluss der Inventarisierung gaben wir den Schlüssel zurück, besuchten aber vorher noch die Stadtkirche. Diese war zwar schon früher inventarisiert worden, aber aufgrund ihrer einzigartigen Bauweise trotzdem einen Besuch wert. Nach dem anschließenden Mittagessen ging es wieder zurück zum Bahnhof. Insgesamt war es ein sehr interessanter und schöner Tag. Im Vergleich zur Inventarisation der Gaggstatter Kirche, die aus einem Guss gebaut ist und ein ganz bestimmtes Bildprogramm mit eindeutigen Metaphern enthält, war mein Eindruck, dass die Murrhardter Walterichskapelle und die Stadtkirche kirchengeschichtlich viel interessantere Bauwerke sind.

Dies liegt vor allem an der Bausubstanz der Stadtkirche, die romanische, barocke und gotische Elemente enthält. Katastrophen wie der Bauernkrieg und der Stadtbrand von 1765 machten immer wieder Erneuerungen notwendig, allerdings nur in Teilbereichen. Dies und die im Laufe der Epochen wechselnde Nutzung der Kirche sind für den ausgeprägten Stilmix und den eigenwilligen Grundriss der Kirche verantwortlich. Auch archäologisch ist die Murrhardter Stadtkirche ein Schatz, da sie in den meisten Fällen nicht abgerissen, sondern überbaut wurde. So lassen sich Grundmauern oder auch Wandmalereien aus früheren Zeiten leichter rekonstruieren. So ist der Doppelchor der Kirche im Westen graublau übertüncht und im Osten im ursprünglichen gotischen Stil belassen. Dies erklärt sich durch die Übermalung der gotischen Malereien im Zuge der Barockisierung im Jahre 1682. Bei späteren Renovierungsarbeiten entschied man sich, beide Formen in bestimmten Bereichen der Kirche wiederherzustellen.

Im Gegensatz zum gotischen Hauptschiff sind die Kapelle und die Türme romanisch. 1430 wurde das ursprünglich romanische Langhaus durch ein gotisches ersetzt, die Türme blieben erhalten. Allerdings erhielten die Türme 1782 gotische Fenster, während die gotischen Fenster des Ostchors 1930 durch ein monumentales Glasfenster mit der Darstellung des auferstandenen Jesus ersetzt wurden. Die Kirche diente zunächst als Kloster und gewann im Laufe der Zeit als Grablege an Bedeutung, zunächst für ihren Gründer und Abt Walterich, dann auch für Graf Albrecht von Löwenstein und den Theologen Friedrich Oetinger. Erst 1806 wurde die Kirche offiziell zur Stadtkirche.

Fotos: Anette Pelizaeus, Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Vorsicht Glatteis!

4. Dezember 2023 | | ,

LKAS, Pfarrarchiv Steinenberg, noch keine Signatur.

Gerade wird das Pfarrarchiv von Steinenberg bei Rudersberg verzeichnet. Passend zum derzeitigen Wetter fand sich dort ein Schriftstück, welches die Folgen eines Unfalls vom 2. Dezember des Jahres 1817 zum Thema hat. Vermutlich wegen der Zuständigkeit der Pfarrei für Schulangelegenheiten findet sich dort zur Kenntnisnahme die Rechnung für die Verarztung des Filial-Schulmeisters Möll in Zumhof, der sich beim Ausrutschen auf dem Glatteis eine sehr beträchtliche Verletzung zugezogen hatte, womöglich auf dem Weg zur  oder von der Schulstube. Wer Rudersberg kennt, weiß, dass es im Einzugsbereich des Schwäbischen Waldes liegt, auch heutzutage eine Gegend, wo es im Winter kalt werden kann, und wo es meist schon sehr winterlich und weiß ist, wenn es in Stuttgart noch kaum schneit. Aber der Winter hat nicht nur seinen Zauber und seine Faszination für jung und alt, sondern ist manchmal eben auch gefährlich. Deshalb kann diese historische Arztrechnung als ein Warnhinweis dienen, sich in diesen Tagen nicht leichtfertig aufs Glatteis zu begeben.

Hier die Transkription des Dokuments:

Conto

für die – dem Filial-Schulmeister Möll in Zum-

Hof, Rudersberger Staabs- u[und] Steinenberger Pfarr-

Amts, wegen einer durch einen unglüklichen Fall

auf dem Glatteis erhaltenen sehr bedeutenden

Wunde am Kopfe, welche mit Zeichen von Hirn-

Erschütterung u. Extrarahat[1] innerhalb der Hirnschale,

u. Lähmung des rechten Armes u. Fußes verbunden

war – geleistete wundärztliche Hülfe, als,

den 2ten Dec[em]br[is] 1817 wo ich in der Nacht ui dem

Vulneranten[2] nach Zum Hof, ½ Stunde von hier,

geholt wurde, für den Gang, Untersuchung u.

Verband etc. …1 f 6 x

Für 18 nachherige Gänge u. Verbände

Bei Tag, jeden Gang u. Verband, samt

Den dazu gebrauchten Heilmitteln, als

Pflaster, Balsam etc. à 36 x…10 f  48 x[3]

für Species zu den angewandten

Schmuker’schen kalten Fomentationen[4]…54 x

für eine Venae Sectio[5] … 12 x

für Senfmehl zu den Frictionen[6] am Arm u. Fuß …16 x

S[umma summarum] 13 f 16 x

Dreizehn Gulden, sechzehn Kreuzer

Cons[istorium] Rudersberg OberAmt Lorch,

den 6. Merz 1818

Operateur & Geb[urts]helfer

Adlung

[1] Austretung, Hirnblutung?

[2] Verwundeten

[3] 1 Gulden und 13 Kreuzer

[4] Kompressen

[5] Legung eines Venenzugangs

[6] Einreibungen

Johann Conrad Weiser und der fehlende Taufeintrag

29. November 2023 | |

Die aktuelle große Sonderausstellung “American Dreams. Ein neues Leben in den USA” des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg widmet sich den Auswanderern aus Südwestdeutschland in die USA. Die sehenswerte Ausstellung erzählt exemplarisch die Geschichte von 34 Menschen und zeigt Exponate aus ihrem Leben. Dazu gehört zum Beispiel der Radikalpietist Johann Georg Rapp (1757-1847) aus Iptingen, aber auch Johann Conrad Weiser (1696-1760), ein Pietist, Indianerfreund und Dolmetscher. Nach ihm sind heute zum Beispiel eine Schule, ein Schulbezirk und ein Wald in Pennsylvania benannt. Seine Biografie ist interessant. Als Jugendlicher wanderte er mit seinem Vater im Jahr 1709 unter abenteuerlichen und ärmlichen Umständen in die USA aus. Im Alter von 16 Jahren lebte er acht Monate bei den Indianern und erwarb sich so umfassende Kenntnisse ihrer Sprache und Kultur, die ihn später zu einem wichtigen Unterhändler und Bevollmächtigten in Fragen der Indianerpolitik machten. Das im Haus der Geschichte ausgestellte Originalgemälde zeigt ihn als Dolmetscher für Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, der auf seiner Missionsreise 1742 Verhandlungen mit den Indianern führte.

Weiser wurde nach eigenen Angaben am 2. November 1696 als Sohn von Johann Conrad Weiser und Anna Magdalena, geb. Übelen, in Affstätt bei Herrenberg geboren. Sein Vater sei zu dieser Zeit dort als Korporal im blauen Dragonerregiment stationiert gewesen. Ursprünglich stammte die Familie aus Großaspach.  Weiter schreibt Weiser in seinem Tagebuch über sich selbst, er sei “in Kuppingen nahe dabei getauft worden”, wie ihm sein “Vater berichtet” hat. Spätestens 1699 lebte Familie Weiser wieder in Großaspach, wie sich anhand eines Taufeintrags eines Geschwisterkindes Johann Conrads im dortigen Taufregister feststellen lässt.

Taufregister Kuppingen 1696/1697. Ein Eintrag für die Taufe Weisers fehlt.

Spätestens 1699 lebte Familie Weiser wieder in Großaspach, wie sich an dem Taufeintrag für einen weiteren Sohn der Familie ablesen lässt.

Im Taufregister von Kuppingen ist jedoch keine Taufe für Johann Conrad Weiser verzeichnet. Ebenso wenig im Register von Affstätt, und auch nicht in Herrenberg oder in Großaspach. Der Fall ist nicht leicht zu klären. Entweder hat der Vater etwas verwechselt oder der Pfarrer von Kuppingen hat die vollzogene Taufe nicht im Kirchenbuch vermerkt. Bei der Ermittlung von Personendaten aus den Kirchenbüchern erweisen sich die Kinder stationierter Soldaten nicht selten als sehr problematisch. In Württemberg gibt es keine Regimentskirchenbücher. Soldaten waren zumindest zeitweise eine sehr mobile Gruppe, deren Daten in den Kirchenbüchern teilweise nicht mit vertretbarem Aufwand zu ermitteln sind.

Unser Kollege Uwe Heizmann hat (privat) begonnen, die in den Kirchenbüchern verschiedener Kirchengemeinden dokumentierten Soldaten in einer Datenbank zu erfassen: https://www.uwe-heizmann.de/militaer.html

 

 

Beitragsbild:

Unter Verwendung von Bildpostkarten aus der Ausstellung “American Dreams” des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg von der Station Johann Conrad Weiser. Die “Selfies” historischer Auswandererpersonen wurden mit Hilfe von “Künstlicher Intelligenz” erzeugt.

 

Quellen:

Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band XIII, S. 636, Eintrag für Johann Conrad Weiser (Daniel Heinz)

Gerhard Böckle: Johann Conrad Weiser, in: Von Affinstätten zu Affstätt. 700 Jahre Geschichte eines Dorfes im Gäu. Herrenberg 1987, S. 415-427.

Taufregister Kuppingen 1696 in Archion

Taufregister Großaspach 1699 in Archion

Begleitprogramm zur Ausstellung in Ludwigsburg

22. November 2023 | | ,

Vortrag im Staatsarchiv Ludwigsburg. Foto: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Gestern, am 21. November 2023, nahmen im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „Die neue Heimat im Heiligen Land“ ca. 50 Personen an der Führung unseres Mitarbeiters Dr. Jakob Eisler teil und über 80 Personen am anschließenden Vortrag „Die Hilfe der württembergischen Templer bei der jüdischen Besiedlung Palästinas 1870-1914“. Im Anschluss an den Vortrag im Staatsarchiv Ludwigsburg bestand die Möglichkeit, Fragen zum Thema zu stellen. Der Vortrag wurde aufgezeichnet und kann hier angehört werden.

Seit Beginn der württembergischen Besiedlung Palästinas im Jahre 1868 waren die Templer in allen Bereichen der christlichen Tätigkeit tätig: im Schulwesen, in der Medizin, in der Landwirtschaft, in der Forschung, in der Wirtschaft, in Handel und Gewerbe, in der Diplomatie, in der Kirche, in der Technik und im Tourismus. In den Templersiedlungen gab es die besten Hotels, Pferdekutschenverbindungen nach Jerusalem und ganz Palästina, in Jaffa ein archäologisches Museum, einen botanischen Garten, einen Zoo und vieles mehr. Einen besonderen Aufschwung nahm die Entwicklung in Palästina, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem in Haifa und Jaffa deutsche Fabriken gebaut wurden. Die beteiligten Unternehmen spielten eine wichtige Rolle bei der wirtschaftlichen Modernisierung des Landes. Ihr Vorbild und ihr „Know-how“ trugen nicht unwesentlich dazu bei, die Hemmschwelle für die jüdische Besiedlung des noch weitgehend desolaten Landes im großen Stil abzubauen. So trugen die Templer mit ihren fortschrittlichen Ideen und Leistungen wesentlich zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung Palästinas von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs bei. Durch ihr Wirken auch in den jüdischen Dörfern und Stadtvierteln haben sie die Modernisierung ganz Palästinas nicht unwesentlich beschleunigt.

Die Ausstellung ist im Staatsarchiv Ludwigsburg zu sehen. Im Begleitprogramm werden fast wöchentlich Führungen angeboten.

Wir wollen darauf hinweisen, dass die Ausstellung noch bis zum 19. Dezember 2023 zu sehen ist.

Die Öffnungszeiten sind:

Mo-Do: 9:00-16:30 Uhr

Fr.: 9:00-15:30 Uhr

Sonderöffnung auch am Sonntag, den 10. Dezember 2023 von 14:00-17:00 Uhr.

Der Eintritt ist frei.

Im Begleitprogramm ist am 19.12.2023 auch eine Finissage um 19:00 Uhr geplant mit dem Vortragstitel:

„Templerfamilien aus dem Kreis Ludwigsburg im Heiligen Land“.

Buchvorstellung Jerusalemer Stadtpanoramen einst und heute

9. November 2023 | | , ,

Am Donnerstag, den 8. November wurde im Lesesaal des Landeskirchlichen Archivs und der Evangelischen Hochschul- und Zentralbibliothek das neu erschienene Buch von Jakob Eisler und Christoph Knoch “Über den Kuppeln von Jerusalem. Rundblick von den kaiserlichen Türmen der Erlöserkirche und der Dormitio-Abtei 1898 – 1910- 2012 – 2022” vorgestellt. Die Veranstaltung war gut besucht. Ursprünglich war auch eine Präsentation dieses Buches in Jerusalem geplant. Die Feierlichkeiten zum 125-jährigen Jubiläum der Erlöserkirche wurden jedoch aufgrund aktueller Entwicklungen verschoben und können hoffentlich im Frühjahr des kommenden Jahres stattfinden.

Grußworte sprachen für das Haus die Leiterin der Evangelischen Hochschul- und Zentralbibliothek Bettina Schmidt und für die Landeskirche Frau Prälatin Gabriele Wulz. Dr. Jakob Eisler, wissenschaftlicher Mitarbeiter unseres Archivs, führte in die historischen Hintergründe ein und sein Co-Autor, der Schweizer Pfarrer Christoph Knoch erläuterte die Bilderpanoramen. Die Autoren gingen auch auf die Entstehungsgeschichte des Buches ein. Glückliche Umstände hatten hier die richtigen Personen zusammengeführt.

Der Fotograf Bruno Hentschel hatte 1898 vom Gerüst der im Bau befindlichen evangelischen Erlöserkirche aus ein Panorama der damaligen Stadt Jerusalem aufgenommen. Und 1910 schuf ein anderer Fotograf ein solches Panorama vom Gerüst der katholischen Dormitio-Abtei. Und zwar handelt es sich beide Male um 360° Panoramen, also Vollpanoramen. Beide Kirchen sind Wahrzeichen evangelisch-lutherischer und römisch-katholischer Präsenz im Heiligen Land. Christoph Knoch ergänzt im Buch die historischen Aufnahmen durch aktuelle Fotografien. Die Gegenüberstellung der Fotografien ermöglicht faszinierende Einblicke in die Entwicklung des Stadtbildes von Jerusalem. Die Publikation der Panoramen der beiden Kirchtürme ist auch ein Zeichen ökumenischer Verbundenheit. Ergänzt wird das Ganze durch fundierte Texte der beiden Jerusalem-Kenner und weitere Fotos.

Unter www.jerusalempanorama.ch hat Christoph Knoch zwei Youtube-Filme eingestellt, die einen Vorgeschmack auf die Panoramen in ihren Gegenüberstellungen bieten.

 

Jakob Eisler/Christoph Knoch, Über den Kuppeln von Jerusalem. Rundblick von den kaiserlichen Türmen der Erlöserkirche und der Dormitio-Abtei 1898 – 1910 – 2012 – 2022 (Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchengeschichte 29), Stuttgart 2023. 80 S. 25,00 EUR (geb.), 15,00 EUR (brosch.). ISBN 978-3-944051-66-6 (geb.), ISBN 978-3-944051-67-3 (brosch.).

Bestellungen beim Verein für Württembergische Kirchengeschichte (email: margarete.gruenwald@elk-wue.de).

Fotos von der Veranstaltung: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Rundschau vom Turm der Dormitio, 1907, Ausschnitt Süd – Südwest

Inventarisierung der Jugendstilkirche Gaggstatt. Ein Bericht aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr

7. November 2023 | |

Am 27.09.2023 durfte ich zum ersten Mal bei einer Inventarisierung dabei sein. Anstatt wie bisher im Büro bestehende Akten zu sortieren oder zu digitalisieren, konnte ich hier hautnah bei der Aufnahme eines neuen Bestandes dabei sein. Bei der Inventarisierung im speziellen, wird nicht nur ein neuer Bestand aufgenommen, der Bestand muss erst geschaffen werden. Dies geschieht mithilfe von Fotoaufnahmen der entsprechenden Objekte und einer eingehenden Beschreibung derselben. Maße, Name, Datierung und Herkunft werden vor Ort bestimmt, während eine eingehende Werkbeschreibung u.a. anhand der Fotos im Archiv angefertigt wird. In diesem Fall handelte es sich bei dem „Bestand“ um die Jugendstilkirche Gaggstatt.

Die Inventarisierung beginnt morgens und nimmt einen ganzen Arbeitstag in Anspruch. In Gaggstatt angekommen, übergab uns die Mesnerin die Schlüssel und wir durften uns frei in der Kirche umsehen.

Die mit ihren Doppeltürmen für das sonst relativ kleine Dorf Gaggstatt doch schon sehr imposante Jugendstilkirche wurde 1904 nach dem Entwurf des bekannten Architekten Theodor Fischer gebaut. Die mangelnde Fantasie bei der Namensgebung machte er bei der Gestaltung der Gottesdienstraumes mehr als wett. Neben der auffallend farbenfrohen Ausstattung, wie den Kacheln entlang der Empore und den blauen Bänken, die immer gleichzeitig eine oder mehrere symbolische Bedeutungen haben, gibt es in der Kirche viele kleine versteckte Details zu entdecken. So zum Beispiel ein kleines Relief im Treppenaufgang, das mit den Tieren Katze, Ratte, Frosch und Fliege die Schöpfungsordnung Gottes darstellt.

Im Rahmen der Inventarisierung wurde zunächst das liturgische Gerät erfasst, das in diesem Fall, da es sich um eine evangelische Kirche handelt, nur die Abendmahlskelche, die „Vasa Sacra“, umfasste. Es gab 7 Stück davon, die meisten aus vergoldetem Kupfer, Silber oder Zinn. Eine Besonderheit war ein Kelch, der sowohl Stilmerkmale des 15. als auch des 19. Jahrhunderts aufwies und daher nicht eindeutig zuzuordnen war.

Nach der Verzeichnung des Liturgischen Geräts wendeten wir uns dem Kirchenschiff zu. Wichtig sind hier die Prinzipalstücke Taufstein, Altar und Kanzel sowie eventuell weitere architektonische Details. Im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen sind es hier nicht die Glasfenster, sondern die Brüstung der Empore, die mit sieben sich wiederholenden Motiven auf großen Kacheln verziert ist. Zwei der Kacheln sind abgeschnitten, als Symbol für die Unvollständigkeit der Schöpfung Gottes. Über dem Altarraum befand sich außerdem ein großes Relief, das die 3 wichtigsten Ereignisse des Christentums darstellte: Weihnachten (Geburt Christi), Ostern (Tod Christi) und Pfingsten (Empfang des Heiligen Geistes).

Eine Überraschung erwartete uns beim letzten Element:

Der Taufstein selbst war nicht mehr im Original vorhanden, sondern eine in eine Nische eingelassene Schale mit einem Holzdeckel im Jugendstil. Der ursprüngliche Taufstein befand sich, wie uns der Pfarrer später erklärte, in der Nachbargemeinde. So machten wir, bevor wir mit der Aufnahme des Kirchengebäudes fortfuhren, einen kurzen Abstecher in die Kirche des Nachbarortes.

Nachdem wir dort den, im Vergleich zum restlichen Kirchenmobiliar, relativ unspektakulären Taufstein verzeichnet hatten, kehrten wir wieder zurück zum ursprünglichen Einsatzort und fuhren anschließend mit der Empore fort. Dies umfasste die Orgel und zwei Prozessionskreuze.

Zuletzt schlossen wir die Kirche ab und machten noch einige Außenaufnahmen. Ich fand diese Abwechslung zum bisherigen FSJ-Alltag sehr spannend und würde mich freuen, bald wieder so etwas machen zu können.

Fotos: Inventarisation, Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Ein Wandbild in der Strümpfelbacher Kirche und die Aktualität Luthers in Zeiten von Hass, Gewalt und Krieg

31. Oktober 2023 | |

Stellen wir uns einmal vor, Martin Luther hätte 1517 in Wittenberg nicht seine 95 Thesen unter die Menschen gebracht, hätte sich nicht für die Bedeutung des Wortes in der Predigt, für die Feier des Abendmahls in beiderlei Gestalt, für die Kindertaufe und für die Musik im Gottesdienst eingesetzt? Was wäre geschehen, wenn er nicht davon gesprochen hätte, dass die aufwendige Glaubenspraxis der damaligen christlichen Kirche eben nicht dem wahren Glauben an Jesus Christus diente? Dann hätte es zumindest im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts keine kriegerischen Auseinandersetzungen um den rechten christlichen Glauben gegeben, dann wären keine Klosterkirchen aufgelöst und keine neuen Gottesdienstordnungen eingeführt worden. Kurz, es wäre zunächst alles beim Alten geblieben. Aus protestantischer Sicht wäre der Verlust gleichwohl hoch gewesen, profitieren wir doch auch noch heute von der Einrichtung neuer Schulen zur Unterweisung im neuen Glauben und zur Förderung der allgemeinen Bildung, von der Bibel in einer einheitlichen deutschen Sprache und von Gottesdiensträumen, in denen Altar, Kanzel, Taufbecken und Orgel gleichermaßen dem Wort Gottes dienen und damit gleichwertige Ausstattungsstücke sind. Es hätten sich keine Gottesdiensträume entwickelt, in denen z.B. der Altar in der Mitte der Kirche steht, es gäbe keine Kanzelaltäre, in denen Altar, Kanzel und Orgel übereinander angeordnet sind, es hätte aber auch keine so ausgeprägte Entwicklung des Kirchenliedes gegeben, denn wir kennen nicht nur „Ein feste Burg ist unser Gott“ oder „Vom Himmel hoch da komm ich her“, sondern viele andere Lieder mehr. Denn Martin Luther war nicht nur Augustinermönch, Theologe, Professor und Reformator, sondern auch Dichter und Musiker.

Wandbild in der Pfarrkirche St. Jodokus in Strümpfelbach. LKAS, Inventarisation, Bilder, DA Waiblingen, Strümpfelbach, Nr. 276

Lucas Cranach d.Ä. (Werkst.), Porträt des Martin Luther (Lutherhaus Wittenberg). Wikimedia Commons (Gemeinfrei)

Trotz seiner vielseitigen Persönlichkeit wurde Martin Luther immer wieder in Anlehnung an das von Lucas Cranach (1472-1553) gemalte Porträt von 1528 mit schwarzem Talar, Barett und strengem Gesichtsausdruck dargestellt, obwohl Luther selbst geäußert hatte, er wolle mit einem Schwan porträtiert werden, und zwar in Anlehnung an eine Prophezeiung, die der damals in Konstanz gefangene böhmische Reformator Jan Hus (um 1370-1415) Ende 1414 geäußert hatte. Man werde im Gefängnis eine Gans braten – denn Hus heißt auf Deutsch Gans -, aber nach hundert Jahren werde man einen Schwan singen hören. In einer Glosse von 1531 bezog Luther diese Aussage von Hus auf seine eigene Person. So entstand die Bildtradition von Luther und dem Schwan. Ein erstes Motiv dieser Art stammt aus dem Jahr 1603 von Jacob Jacobs und hängt in der Hamburger Hauptkirche St. Petri. Ein weiteres Beispiel aus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist das 1698 von Georg Friedrich List geschaffene Wandbild in der Pfarrkirche St. Jodokus in Strümpfelbach im Kirchenbezirk Waiblingen. Wie in Hamburg steht auch in Strümpfelbach Martin Luther im schwarzen Talar im Mittelpunkt des Bildes. In Strümpfelbach hält er die aufgeschlagene Bibel in den Händen, während über ihm ein Engel mit Buch und Ring schwebt. Der Engel symbolisiert den himmlischen Schutz der Bibel und der neuen Lehre, mit der Martin Luther durch den Ring eng verbunden ist. Links von Luther steht eine Säule auf einem Sockel mit dem Christusmonogramm als Symbol für den rechten Glauben an Jesus Christus und die Standhaftigkeit Martin Luthers. Rechts von Luther steht ein Schwan mit weit geöffnetem Schnabel, der sich der Person Luthers zuwendet, als Symbol für die Fortdauer der Reformation.

Gesteigert wird das auf Pfarrer Magister Georg Ludwig Schmidlin fußende Bildprogramm, dessen Anfangsbuchstaben auf dem Sockel unter der Säule zu finden sind, durch die Inschrift auf dem Postament der Säule, in der es folgendermaßen heißt: “Der Engel schwebt, Lutherus steht, was Er gelehret,// das bleibet ewiglich. Stoppeln und hew verzehret// das Feuer. Der Schwan singt. Ein Schaar, die mild, Fürbild// und Gegenbild heiligt, als Christi Ehrenschild”.

Das Wandbild Martin Luthers mit dem Schwan in der Pfarrkirche St. Jodokus in Strümpfelbach zeigt also in besonderer Weise die Aktualität Martin Luthers als Fürsprecher der Reformation, als jemanden, der für seinen Glauben einsteht und für diesen kämpft. Gerade in der heutigen Zeit, geprägt von kriegerischen Auseinandersetzungen in der ganzen Welt, ist ein deutliches Zeichen für das Eintreten für das Wort Gottes, für die Würde des Menschen und die Menschlichkeit wichtiger denn je.

Beitragsbild: Inschrift Lutherbild Strümpffelbach. LKAS, Inventarisation, Bilder, DA Waiblingen, Strümpfelbach, Nr. 281

Begegnung im Archiv: Wer sind unsere Nutzerinnen und Nutzer? Teil 11

25. Oktober 2023 | |

Wir treffen Dr. Peter Poguntke. Der Historiker, Politologe und Journalist erarbeitet derzeit eine Broschüre zur Geschichte des Hospitalhofs in Stuttgart, die zum Jubiläum des neuen Hospitalhofs erscheinen soll. Das evangelische Bildungszentrum in der Stuttgarter Innenstadt wurde im Jahr 2014 eröffnet und wird kommendes Jahr zehn Jahre alt. Die Broschüre wird die bewegte Geschichte des Gebäudes nachzeichnen. Als Dominikanerkloster erbaut wurde es nach der Reformation zu einem Krankenhaus umgewidmet, dem namengebenden Hospital. Ende des 19. Jahrhunderts war es zunächst Standort des Polizeiamts, dann der Kriminalpolizei. Zudem wurde dort ein Polizeigefängnis eingerichtet.

Herr Dr. Poguntke recherchiert unter anderem im Stadtarchiv Stuttgart, im Staatsarchiv Ludwigsburg und im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Die Überlieferungslage für die Nutzung des Hospitalhofs als Sitz der Kriminalpolizei ist ungünstig, da das Gebäude 1944 bei einem Luftangriff einen Volltreffer erhalten hat, so dass die Akten verlustig gegangen sind.  Im Landeskirchlichen Archiv nimmt er vor allem Einsicht in die Personalakte von Pfarrer Helmut Goes, der als politischer Gefangener in diesem Polizeigefängnis inhaftiert war.

“Und zwar war Helmut Goes als politischer Gefangener nicht von der Kripo, sondern von der Gestapo festgenommen worden. Er wurde aufgrund eines Spottgedichts auf Hitler und die Nazis, das er 1931 verfasst hatte, verhört. Auf eine Anklage wurde damals jedoch verzichtet. Der Reichsminister entschied hingegen, dass Helmut Goes und die Beteiligten streng verwarnt werden sollten. Für eine Anklage war es eventuell zu früh. Als Goes inhaftiert wurde waren die Nationalsozialisten noch nicht lange an der Macht. Die Justiz war nicht ganz gleichgeschaltet. Außerdem hätte im Falle einer Anklage festgestellt werden müssen, dass Goes sein Spottgedicht noch zu einem Zeitpunkt verfasst hatte, als die Tat noch keinen entsprechenden Straftatbestand dargestellt hätte.”

 

 

Pfarrer und Gelehrter – zur Würdigung von Dr. Christoph Weismann (1940-2014)

18. Oktober 2023 | |

Am Freitag, 6.10.2023, fand mit circa 70 Gästen aus Nah und Fern ein Festakt zur Würdigung des Gelehrten Dr. Christoph Weismann im Lesesaal von Archiv und Bibliothek statt. Professor Dr. Hermann Ehmer, ehemaliger Referatsleiter von Archiv und Bibliothek, hielt den Festvortrag und konnte mit vielen Anekdoten aus dem Leben des Gelehrten Begeisterung hervorrufen. Dr. Weismann besaß eine private Bibliothek mit ca. 14 000 Büchern. Diese sowie andere handschriftliche Archivalien wurden inzwischen dem Archiv der Landeskirche und der Evangelischen Hochschul- und Zentralbibliothek überlassen. Eine kleine Ausstellung wurde im Foyer aufgebaut. Auch das Manuskript seiner Brenz-Bibliographie, die 2016 fertiggestellt und herausgegeben wurde, ist in einer der Vitrinen zu bestaunen.

Fotos: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Dokumente aus dem Turmknauf in Winnenden

12. Oktober 2023 | |

Turmkugel auf der Spitze der Stadtkirche Winnenden. Foto: Evangelische Kirchengemeinde Winnenden

Turmkugel auf der Spitze der Stadtkirche Winnenden. Foto: Evangelische Kirchengemeinde Winnenden

Bei der Renovierung der Stadtkirche St. Bernhard in Winnenden stellte sich die Frage nach dem Verbleib der Zeitkapsel in der Turmkugel. Die Turmkugel bzw. der Turmknauf ist eine runde, vergoldete Metallkapsel, die auf der Turmspitze unterhalb des Turmkreuzes angebracht ist. Aufgrund ihrer relativen Unzugänglichkeit galten Turmknäufe als sichere Aufbewahrungsorte für historische Zeugnisse aus der Bauzeit, wie zum Beispiel Zeitungen oder Münzen der damaligen Zeit, die man der Nachwelt überliefern wollte. Für die darin aufbewahrten Dokumente bürgerte sich die Bezeichnung „Kirchturmknopfakte“ oder „Turmakten“ ein. Zu den darin zu erwartenden Dokumenten gehören neben Aufzeichnungen der jeweiligen Kirchengemeinde auch Auszüge aus Geburts- und Sterberegistern sowie Berichte über besondere Ereignisse zur Bauzeit.

Die Zeitkapsel wurde anlässlich der Renovierung herausgenommen und geöffnet. Unsere Kollegin Birgitta Häberer wurde von der Kirchengemeinde kontaktiert und mit der Recherche zum Turmkugelarchiv beauftragt. Die Pfarrerin Heike Bosien besuchte unser Archiv und sichtete gemeinsam mit Frau Häberer verschiedene Akten aus dem Pfarrarchiv. Tatsächlich wurden die Dokumente bereits 1823 und dann 1977 transkribiert und im letztgenannten Jahr sogar im Gemeindebrief veröffentlicht. Auch die Umstände der Anfertigung der Turmkugel konnten durch die Korrespondenz geklärt werden. Inzwischen befindet sich die restaurierte Turmkugel wieder an ihrem Platz auf der Kirchturmspitze.

Die Turmkugel enthielt eine Kapsel mit Dokumenten aus den Jahren 1698, 1715, 1752, 1793, 1948 und 1977. Immer wieder musste die Turmkugel aufgrund von Materialermüdung, Blitzschlag oder Kriegseinwirkungen repariert oder ausgebessert werden, wie aus den Texten hervorgeht. Die Dokumente in der Zeitkapsel enthalten spannende Informationen über Naturereignisse, historische Ereignisse und technische Entwicklungen. Bei den diesjährigen Renovierungsarbeiten wurden der Zeitkapsel weitere Dokumente beigefügt.

Beitragsbild: Evangelische Kirchengemeinde Winnenden

 

Transkription der Dokumente in der Zeitkapsel (1977):

 

Die Auswirkungen der Hyperinflation von 1923 auf eine Kirchengemeinde (Stuttgart-Stammheim)

4. Oktober 2023 | |

„Nach dem heutigen Stand werden betragen die Gesamteinnahmen 1923 höchstens 1 Milliarde, die Ausgaben … zus. 46 Milliarden … “, stellt das KGR-Protokoll der Kirchengemeinde Stuttgart-Stammheim (damals noch Dekanat Ludwigsburg) am 6. Oktober 1923 lapidar fest und konstatiert damit ein Haushaltsdefizit von sage und schreibe 45 Milliarden Mark. Diese astronomischen Summen sind der traurige Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 begann und sich Anfang des Jahres 1923 rapide beschleunigte. Dieses Phänomen nennen die Fachleute „Inflation“ bzw. „Hyperinflation“.

Als „Inflation“ (von lat. Inflare = aufblasen, aufblähen) bezeichnet man den Wertverlust einer Währung bzw. deren Kaufkraft aufgrund der stetig wachsenden Geldmenge ohne Gegenwert (wie etwa Gold) innerhalb eines Wirtschaftssystems. Mit dem Ende des Krieges 1918 hatte die Mark bereits offiziell mehr als die Hälfte ihres ursprünglichen Wertes verloren, das heißt, man bekam im In- und Ausland also nur noch halb so viel für sie wie noch 1914. Hauptursache der sich eigentlich schon ab 1919 anbahnenden Hyperinflation war die Tatsache, dass der Staat in den Anfangsjahren der Weimarer Republik massiv und unkontrolliert zur Vermehrung des eigenen Papiergeldes die Druckerpressen anwerfen ließ, um seine Schulden zu begleichen (vor allem die Reparationen an die Siegermächte aufgrund des verlorenen Krieges). Im Zuge der Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen Anfang 1923 begann die heiße Phase der Hyperinflation, die schließlich zum Zusammenbruch der Wirtschaft und des Bankensystems führte. Die Arbeitslosigkeit stieg, die Reallöhne fielen ins Bodenlose. Immer schneller vervielfachte sich die Abwertung der deutschen Währung. So betrug der Gegenwert eines US-Dollars nach dem amtlichen Wechselkurs vom 12. November 1923 630 Milliarden Mark.

Auch die Stammheimer Kirchengemeinde geriet in den Strudel dieser Ereignisse. Am 10. Januar 1922 wurden sämtliche Jahresgehälter der hauptamtlichen Mitarbeiter mit Wirkung vom 1. April des Jahres um durchschnittlich mindestens 50% erhöht (§4). In der Sitzung vom 28. Juni wurde festgestellt, dass offenbar immer weniger Mitglieder des Kirchenchors dazu bereit waren, bei Beerdigungen zu singen – und das, obwohl „die Verlegung der Leichen auf 1 Uhr“ vorgenommen wurde. „Von verschiedenen Seiten wird darauf hingewiesen, dass eben die Bezahlung von 5 M in keinem Verhältnis stehe zu der Zeitaufwendung. Deshalb beschließt der KGR eine Erhöhung auf 15 Mark pro Sänger. Die Mehrkosten von geschätzten zwei- bis dreitausend Mark im Jahr trägt die Kirchengemeinde, weil man verhindern will, dass finanziell schlechter gestellte Familien eine Umlegung dieser Gebühr nicht verkraften und daher auf einen „Leichengesang“ verzichten würden (§1). Zudem wurde wegen der Geldentwertung auch die Pfarramtskasse aufgestockt, aus deren Mitteln der Seelsorger Bedürftige in der Gemeinde unterstützen kann (§2). Bereits am 24. September mussten die Gehälter sowie die Gebühren für kirchliche Amtshandlungen von Pfarrer Emil Gayler erneut angepasst werden. So erhielt etwa der Kirchenpfleger rückwirkend zum 1. April statt bisher 600, künftig 1.200 Mark als jährliches Grundgehalt (§§ 1 und 2). Am 28. Dezember war der Kirchenpfleger nicht mehr zahlungsfähig, weil schlicht kein Geld in der Kasse war. Deshalb wurde er per Umlaufbeschluss ermächtigt, einen Bankkredit in Höhe von 12.000 Mark aufzunehmen, um die ab 1. Januar 1923 fälligen Verbindlichkeiten bedienen zu können. Weil die Kirchengemeinde sie nicht mehr finanzieren konnte, sollten Brautpaare künftig nur noch dann eine Traubibel überreicht bekommen, wenn sie diese selbst bezahlen (5. Januar, §6). Um Geld zu sparen, wurde auf die Mitwirkung von Organist Oberlehrer Bäuerle bei den insgesamt ca. 40 sonntäglichen Christenlehren im Jahr verzichtet (1. März, §3). Vom 1. April bis 30. Juni wurden dem Kirchenpfleger am 5. Juni monatlich je 10.000 Mark zugesprochen (§2).

Zu einem lokalen Politikum entwickelte sich in diesen bewegten Zeiten die Entlohnung des Mesners. Hier galt seit 1905 die Regelung, dass die bürgerliche Gemeinde einen jährlichen Personalkostenersatz für das im Interesse der Kommune erforderliche Läuten und den Unterhalt der Glocken der Johanneskirche in Höhe von 281 Mark leistete. In diesen Zeiten der Geldentwertung ein Witz! Deshalb wurde unter §3 beschlossen, an die bürgerliche Gemeinde heranzutreten, dass diese sich künftig zur Hälfte am tatsächlich anfallenden Grundgehalt beteiligt (vierteljährige Zahlung auf Nachweis!). Am 19. Juni teilte das „Schultheißenamt“ dem Kirchengemeinderat jedoch mit, dass dessen Antrag auf eine zeitgemäße Beteiligung der Kommune an den Personalkosten der Mesnerstelle in der Sitzung des Gemeinderats auf heftigen Widerstand gestoßen war. „Insbesondere wurde ins Feld geführt, dass die Kirche den Ausgetretenen das Grabgeläut verweigere. Darum sei kein Grund vorhanden, dieser Bitte des K.G. Rats entsprechend weitere Teile der Mesnerbesoldung … auf Gemeindesteuermittel zu übernehmen. Es wurde u.a. auch die Drohung ausgesprochen, dass die Kirchenaustrittsbewegung, im Falle die Mehrheit des G. Rats die Sache doch bewillige, hier sofort neu aufleben werde, außerdem drohe ‚die Linke‘ mit Ablehnung des Gemeindeetats. Herr Schultheiß hielt es darum für richtig, eine Abstimmung zu verschieben, und den K.G. Rat anzugehen zur Wahrung des Burgfriedens in der Gemeinde Stammheim, wo nun einmal besondere Verhältnisse vorliegen.“ Doch er konnte das Gremium nicht dazu bewegen, seinen Antrag zurückzuziehen. Dieses sah sich vielmehr in der Pflicht, sämtliche Finanzquellen zu erschließen, die sich der Kirchengemeinde boten. Die weiteren Ereignisse machten eine Entscheidung des Gemeinderats freilich überflüssig.

Die Situation wurde immer aberwitziger und auswegloser, die gefassten Beschlüsse konnten mit der rasenden Geldentwertung schließlich nicht mehr Schritt halten: Am 14. September wurde das Jahresgehalt (1. April 1923 bis 31. März 1924) des Kirchenpflegers schließlich auf 10 Millionen Mark erhöht (§2) und es wurde festgestellt, dass das voraussichtliche Haushaltsdefizit des Jahres 1923 mindestens 212 Millionen betragen würde (§4). Unter diesen Umständen sah sich das Gremium außer Stande, einen ordnungsgemäßen Etat zu beschließen. Am 6. Oktober wurde der bereits eingangs zitierte Abmangel für das laufende Jahr von mittlerweile 45 Milliarden Mark prognostiziert. Finanziell gesehen, war die Kirchengemeinde Stammheim somit faktisch abgesoffen …

Mit der Beendigung der Ruhrkrise durch Reichskanzler Gustav Stresemann Ende September 1923 konnten endlich auch konkrete Schritte zur Stabilisierung der Währung unternommen werden. Herzstück der Währungsreform war die Schaffung der Rentenbank durch Regierungsverordnung. Damit sich die Inflationsspirale nicht erneut zu drehen begann, wurde die Gesamtsumme des sich im Umlauf befindlichen neuen Geldes auf 1,2 Milliarden sogenannter „Rentenmark“ begrenzt. Die vorhandenen Geldscheine wurden umgetauscht, für 1.000 Milliarden Papiermark gab es eine Rentenmark. Diese Maßnahmen griffen schneller als erwartet, sowohl die wirtschaftlichen als auch die innenpolitischen Verhältnisse Deutschlands konnten sich im Verlauf des Jahres 1924 nachhaltig stabilisieren. Denn die Produzenten waren bereit, ihre Waren gegen das neue Geld abzugeben.

Und so begegnen uns auch in der Stammheimer Kirchengemeinde am 18. Dezember 1923 wieder humane Zahlen: Der Kirchenpfleger verdiente künftig jährlich 120 Rentenmark, der Mesner 200, was bedeutet, dass der nach wie vor vertraglich festgesetzte jährliche kommunale Personalkostenersatz von 281 RM wieder mehr als ausreichend war (§3). Das Restvermögen der Kirchengemeinde betrug umgerechnet insgesamt noch 135.000 RM (§4). Allein aus 1922 noch ausstehende Kirchgeld-Einnahmen von Gemeindegliedern in Höhe von ca. 20.000 RM mussten endgültig abgeschrieben werden (§5). Es ist schon ziemlich viel Geld „verreckt“, damals …

 

 

Dieser Beitrag erschien in einer umfangreicheren Version zunächst auf dem Internetauftritt des Stuttgarter Kirchenbezirks.  Der Autor Thomas Mann hat den Beitrag für unseren Blog freundlicherweise leicht überarbeitet und gekürzt. Pfarrer Thomas Mann ist Seelsorger an der Stuttgarter Magdalenengemeinde und Referent des Stuttgarter Stadtdekans.

Beitragsbild: Geldscheine aus dem Jahr der Hyperinflation 1923. Fotograf: Thomas Mann

Neu in unserem Team: Heinrich Löber

27. September 2023 | |

Heinrich Löber vor dem Archivgebäude. Foto: Andreas Butz

Seit dem 18. September bereichert Heinrich Löber als neuer Kollege unser Team. Er war zuvor 14 Jahre im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe tätig, zuletzt als stellvertretender Leiter der Abteilung Archiv, Bibliothek und Registratur. Die geplante Zusammenlegung der Landeskirchlichen Archive Stuttgart und Karlsruhe war für ihn der Anlass, sich über die beruflichen Möglichkeiten in unserem Haus zu informieren. Er wird bei uns als Sachgebietsleiter im Archiv für die Bereiche Archivbenutzung, Ausbildung, Projektmanagement und Bestandserhaltung zuständig sein.

Heinrich Löber studierte Evangelische Theologie und schloss das Studium mit dem Diplom ab. Nach seinem Studium war er zunächst am Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg beschäftigt. Eine Anstellung im Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen in Magdeburg weckte in ihm das Feuer für den Beruf des Archivars. Nach weiteren Stationen in (kirchen-) historischen Projekten wurde Löber 2006 Angestellter im Sächsischen Staatsarchiv Chemnitz. Im Jahr 2009 trat Löber schließlich seine Stelle beim Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe an. Während seiner Zeit im Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe absolvierte er berufsbegleitend den Masterstudiengang Archivwissenschaft an der FH Potsdam.

Einige seiner neuen Kolleginnen und Kollegen in Stuttgart kannte Löber bereits aus früheren beruflichen Kontakten und hatte sie in guter Erinnerung. Er freut sich auf die Arbeit im Team und auf die neuen Herausforderungen. Heinrich Löber sieht das Archiv in der Verantwortung, die Überlieferung der Landeskirche zu sichern und die Nutzung der historischen Quellen zu gewährleisten. “Das ist der Auftrag, durch den unsere Aufgaben bestimmt werden. Wir sind aber aufgefordert, die Arbeitsabläufe zu optimieren, die Prozesse zu beschleunigen und die Digitalisierung voranzutreiben. Durch die angedachte Zusammenlegung des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart mit dem Landeskirchlichen Archiv Karlsruhe (Landeskirchliches Archiv Baden und Württemberg) wird zudem die Effizienz unserer Arbeit gesteigert werden.” Damit wären wir, die wir uns um die Übernahme der alten Überlieferung kümmern, schon die ersten, die das Neue leben, so Heinrich Löber.

Einweihung des Gedenksteins für den Palästinapionier Hugo Wieland

21. September 2023 | | ,

Hugo Wieland, 1853 in Bodelshausen geboren und 1922 in Tübingen gestorben, war ein Pionier der Zementherstellung und des Bauwesens im damaligen Palästina und heutigen Israel. An ihn erinnert nun ein Gedenkstein auf dem Tübinger Stadtfriedhof, der von Wielands Nachkommen finanziert und von dem aus Nehren stammenden Steinmetz Eberhard Schmid gestaltet wurde. Der Gedenkstein wurde während der Corona-Pandemie aufgestellt. Die Universitätsstadt Tübingen und das Landeskirchliche Archiv Stuttgart haben am Mittwoch, 19. Juli 2023, die offizielle Übergabe nachgeholt.
In der Friedhofskapelle des städtischen Friedhofs im Grabfeld T, Gmelinstraße 20, hatte Bernd Walter, Leiter der Abteilung Friedhöfe bei den Kommunalen Servicebetrieben Tübingen, die Geste aus dem Ausland begrüßt und die Angehörigen willkommen geheißen. Dagmar Waizenegger, Leiterin des städtischen Fachbereichs Kunst und Kultur, sprach ein Grußwort. Dr. Jakob Eisler vom Landeskirchlichen Archiv Stuttgart stellte in einem Vortrag Leben und Werk Hugo Wielands vor. Peter Weiss umrahmte die Veranstaltung auf dem Akkordeon. Anschließend gingen vier Urenkel, die aus Deutschland, Australien und der Schweiz angereist waren, zum Gedenkstein an der ehemaligen Grabstätte von Hugo Wieland. Anschließend enthüllten die Urenkel den Stein, in den eine von Dr. Eisler aus Israel mitgebrachte Originalfliese aus der Wieland-Fabrik in Jaffa eingelassen war.

Wieland gehörte der Tempelgesellschaft an, einer religiösen Gruppierung, die sich Palästina niederließ. Er gründete 1894 eine Fabrik für Zementfußbodenplatten in Jerusalem. Damit wurde er zum Pionier der Zementproduktion im Heiligen Land. Anfang des 20. Jahrhunderts verlegte Carl Hugo Wieland seine Fabrik von Jerusalem nach Jaffa/Walhalla. Dort fertigte er Bauteile aus Zement, Fußbodenbeläge in diversen Farben und Mustern, Stufen, Balustraden, Balkonträger und Fenstereinfassungen in verschiedenen Formen. Der Rohzement kam aus Heidelberg und wurde über Rhein und Nordsee via Gibraltar ins Mittelmeer nach Jaffa verschifft. Auch die Farben für die Bodenbeläge wurden größtenteils aus Deutschland importiert.

Der Bedarf an solchen Fertigteilen war in den Kolonien Wilhelma und Sarona enorm. Der Bau neuer jüdischer Wohnviertel durch die Zuwanderung von Juden aus Osteuropa erweiterte den Absatzmarkt von Wieland zusätzlich. Vor allem den italienischen Zementplattenfabriken nahm Wieland Marktanteile ab, als er eine hochmoderne hydraulische Presse zur Herstellung von Bauplatten in Betrieb nahm.

Ab 1903 produzierte Wieland auch Dachziegel, die bis dahin von Conrad Breisch importiert worden waren, so dass er zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen Produkten fast eine Monopolstellung einnahm. Dazu trug nicht zuletzt seine Innovationsfreude bei: Seine Firma entwickelte ein Verfahren, um Rohre aus Zement herzustellen, die wesentlich besser und billiger waren als die bisher verwendeten Eisenrohre. Sie wurden in großen Mengen für die Bewässerungsanlagen der Orangenplantagen benötigt. Diese Rohre wurden in ganz Palästina verwendet und der Umsatz der Firma stieg.

So konnte die Firma weiter expandieren und moderne Maschinen zur Zementherstellung, Dieselmotoren, Schleifmaschinen und Pressen anschaffen. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschäftigte die Firma Wieland über 40 Mitarbeiter.

Während des Ersten Weltkrieges wurden die Templer aus Jerusalem und Jaffa in Ägypten interniert. Nach Kriegsende kam er erkrankt nach Deutschland und wurde 1921 in die Tropenklinik Tübingen gebracht, wo er wenige Wochen später verstarb.

Carl Hugo Wieland und seine Söhne waren Pioniere der Zementherstellung und des Bauwesens in Palästina. Ihre Produkte ersetzten die teureren Importprodukte, ihre Zementröhren lieferten den Orangenplantagen in Jaffa und Umgebung eine effektive und rentable Technologie.

Fotos: Bernd Walter, Friedhofsverwaltung Tübingen

Beitragsbild: Vier Urenkel Hugo Wielands enthüllen den Gedenkstein

Neuer FSJler im Archiv

13. September 2023 | |

Wir begrüßen Noah-Joshua Veit, der sich bei uns nun für ein Jahr im Rahmen eines FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) Denkmalpflege engagieren wird.

Sein geschichtliches Interesse, und der Wunsch sich nach dem Abitur beruflich zu orientieren, führten zu seinem Entschluss, ein FSJ in unserem Archiv zu machen. Er erschließt während seiner Zeit bei uns Bestände, begleitet uns auf Außentermine, hilft der Musealen Sammlung, der Öffentlichkeitsarbeit, und vieles andere mehr. Außerdem nimmt er an Seminaren der Jugendbauhütte Baden-Württemberg teil, die das FSJ Denkmalpflege in Baden-Württemberg organisiert. Wir freuen uns über die Unterstützung unseres Teams! Er wird auf unserem Blog auch regelmäßig über seine Arbeit bei uns berichten.

Das FSJ Denkmalpflege richtet sich an junge Erwachsene zwischen 16 und 26 Jahren. Wir sind eine der Einsatzstellen. Mehr Infos gibt es hier:

https://freiwilligesjahr-bw.ijgd.de/fsj-in-der-denkmalpflege

 

 

Einblicke in das Leben der Waldenser. Das Museumsstüble in Pinache

6. September 2023 | | ,

Am 7. September feiert die Landeskirche den 200. Jahrestag der Eingliederung der Waldenser- und Hugenottenkirchen in die Landeskirche. Bis dahin bestand eine eigene Waldenserkirche in Württemberg mit französischen Gottesdiensten. Wer waren eigentlich die Waldenser und warum siedelten sie sich in Württemberg an? Am 4. September 1699 hatte der württembergische Herzog Eberhard Ludwig seine Bereitschaft erklärt, ungefähr 2.200 um ihres reformierten Glaubens willen aus dem Piemont Vertriebenen eine neue Heimat zu geben. Diesen Waldensern – wie auch aus Frankreich nach Württemberg geflohenen Hugenotten – gestand der Herzog in Privilegien zu, ihre religiösen Angelegenheiten „jetzt und künftig“ selbstständig, d. h. unabhängig vom lutherischen Konsistorium, zu regeln. An mehreren Orten in Württemberg entstanden 1699 Waldenser- und Hugenottensiedlungen, so in Großvillars, Kleinvillars, Pinache mit Filiale Serres, Perouse, Dürrmenz-Welschdorf  mit den Filialen Schönenberg, Sengach und Corres, Lucerne und 1700 noch Neuhengstett und Nordhausen.

Wer in die Welt der württembergischen Waldenser ein wenig eintauchen und etwas über sie erfahren möchte, dem kann der Besuch des Museumsstübles im ehemaligen Waldenserort Pinache empfohlen werden. Das kleine Museum wurde im alten Rathaus des heutigen Teilorts von Wiernsheim eingerichtet. In drei Räumen werden dort Dokumente, Gegenstände und Bilder aus der Geschichte des Waldenserortes gezeigt. Besonders eindrucksvoll ist etwa ein Tondokument eines alten waldensischen Sprechers der okzitanischen Sprache, die sich hörbar stark vom Französischen unterscheidet. Tatsächlich sprachen die württembergischen Waldenser im Alltagsleben nicht französisch, was nur die kirchliche Amtssprache war, sondern ihre alpine Form des Okzitanisch. Eindrucksvoll ist eine ausgestellte Tracht einer Waldenserin, die ein Geschenk der Gemeinde Pinasca zur Feier der 40-jährigen Partnerschaft an die bürgerliche Gemeinde Wiernsheim war.

Das Museumsstüble ist von März bis November an jedem 1. Sonntag im Monat von 14 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Führungen sind nach Absprache jederzeit möglich. Kontaktdaten finden Sie hier. Der Eintritt ist frei, um eine kleine Spende wird gebeten.

In Neuhengstett findet am 14. Oktober eine Tagung zum Thema Waldenser statt.

Einen Beitrag zur Geschichte der Waldenser auf Württembergische Kirchengeschichte Online finden Sie hier.

Die Fotos wurden freundlicherweise von Frau Schuler vom Freundeskreis der Waldenser in Pinache und Serres zur Verfügung gestellt.

 

 

Begegnung im Archiv: Wer sind unsere Nutzerinnen und Nutzer? Teil 10

30. August 2023 | | ,

Prof. Dr. Karl Hittler mit seinem Erstlingswerk “Familien in Mühlhausen an der Enz 1641 – 1920”

Wir treffen Professor Dr. Karl Hittler. Der frühere Leiter des Heilbronner Gymnasiallehrerseminars befindet sich bereits im Ruhestand und erstellt derzeit ein Ortsfamilienbuch für Großglattbach, einem Teilort von Mühlacker. Das ist jedoch nicht sein erstes Projekt dieser Art. Ein Ortsfamilienbuch eines anderen Teilorts von Mühlacker, nämlich von Mühlhausen an der Enz, liegt bereits seit 2013 gedruckt vor (1). Und auch ein entsprechender Band von Lomersheim ist bereits fertig erstellt und wird in absehbarer Zeit ebenfalls in derselben Publikationsreihe im Druck erscheinen. Mit der Genealogie beschäftigt sich Professor Hittler bereits seit vielen Jahren, zunächst im Rahmen der Recherchen zu seinen eigenen Vorfahren und nun mit dem Erstellen von Ortsfamilienbüchern, die ein wichtiges Hilfsmittel der Genealogie, aber auch für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sind. Unser Archiv hat solche Projekte immer sehr gerne unterstützt.

„Als ich Recherchen zu meinen eigenen Vorfahren durchführte, konnte ich unter anderem ein Ortsfamilienbuch von Niefern nutzen und merkte dabei, wie leicht es dank dieses Bandes war, meine eigenen Vorfahren bis zurück ins 16. Jahrhundert zu ermitteln. Bei der Genealogie kommt man mit der Zeit an einen Punkt, wo man nicht nur Quellen für die private Familienforschung nutzen will, sondern etwas selber beitragen möchte. Die Arbeit am Ortsfamilienbuch von Mühlhausen an der Enz betrachtete ich als einen besonderen Glücksfall, weil es ein Ort mit einer besonderen Geschichte ist. Ich empfand die Auswertung der Daten aus den Kirchenbüchern wie das Heben eines Schatzes. Wenn man so etwas gemacht hat, dann möchte man weitermachen.

Der Zugang zur Geschichte hat mich gereizt. Nach wie vor finde ich es interessant in den Kirchenbüchern auf Sachverhalte zu stoßen, die mit dem Gang der Weltgeschichte zu tun haben. Ich bin ja von Hause aus Naturwissenschaftler und habe bei der Anfertigung dieser Ortsfamilienbücher die Möglichkeit, gelernte Arbeitsweisen, wie etwa korrekt und systematisch zu arbeiten, oder immer wieder die Methoden zu hinterfragen, anzuwenden.“

  1. Familien in Mühlhausen an der Enz 1641 – 1920 : mit älteren Nachweisen ab 1596 / zusammengestellt von Karl Hittler. Hrsg. von Konstantin Huber und Marlis Lippik, Mühlacker 2013 (Mühlacker Geschichtshefte ; 4, Der Enzkreis ; 11, Württembergische Ortssippenbücher ; 104)