Namensgeschichten 5: Der unterschiedliche Umgang mit einem wohl zu vulgär klingenden Namen.

5. Oktober 2022 | |

In der Reihe „Namensgeschichten“ werden Fälle vorgestellt, in denen der Umgang mit Namen eine bemerkenswerte Rolle spielt.

Hochzeit 27.01.1767 Aistaig

Im Eheregister von Aistaig ist unter dem 27. Januar 1767 die Hochzeit eines Georg Fridrich Ozeler, ehelicher lediger Sohn von Joseph Ozelers, eines verstorbenen Bürgers und Leinenwebers in der Filialgemeinde Weiden, eingetragen.[1] Der Nachname lässt aufhorchen, ist er doch ungewöhnlich, auch eine nicht-deutsche Herkunft könnte vermutet werden.

Bei der Suche nach dem Taufeintrag von Georg Fridrich wird man unter dem Namen Ozeler nicht fündig, jedoch findet man unter dem 30. Dezember 1739 den Taufeintrag eines Georg Fridrich, dessen Vater Joseph Vozeler, ein Weber in Weiden, war.[2] Ein Abgleich in den Taufregistern ergibt, dass dieser Joseph (V)Ozeler noch weitere Kinder hatte. Das nächste Kind dieser Familie wurde erst 1743 in Weiden geboren. In dem entsprechenden Taufeintrag vom 20. Februar 1743 wird der Vater mit „Joseph Ozeler, Weber“ angegeben.[3]

Anhand der Übereinstimmung der anderen in den Taufeinträgen genannten Personen – die Mutter, die Paten und die Patin – kann die Personengleichheit Joseph (V)Ozeler bestätigt werden. In beiden Einträgen lautet der Name der Ehefrau Anna Maria, die Paten heißen Jacob und Johannes Esslinger, die Patin Ursula. Sie war die Ehefrau von Andreas Remp bzw. von Johannes Steidinger. Andreas Remp starb am 8. März 1742,[4] seine Witwe heiratete am 25. September desselben Jahres Johannes Steidinger (das Wort „Wittib“ fehlt im Eintrag).[5]

Auch in anderen Tauf-, Ehe- und Todeseinträgen wird – mit einer Ausnahme – ab Beginn der 1740er Jahre nur noch der Name Ozeler verwendet. Warum? Vermutlich erschien der ursprüngliche Name dem ab 1740 in Aistaig tätigen Pfarrer Georg Friedrich Baur[6] zu vulgär und er änderte ihn von Pfarramtswegen. Quellen, die diese Vermutung belegen könnten, sind leider nicht vorhanden.

Die Vozeler in Weiden stammten von denen aus Bickelsberg ab, die wiederum von denen aus Tuningen abstammten. Außerdem kommt der Name Vozeler auch noch in anderen Orten vor.

In Tuningen wurde „Vozeler“ in „Voßeler“ abgeändert. Z.B. ist der Vater im Taufeintrag vom 22. Juli 1710 Hanß Jacob Vozeler, ein Zimmermann.[7] Im Taufeintrag vom 23. Dezember 1712 ist der Vater Hanß Jacob Voßeler, ein Zimmermann.[8] In beiden Einträgen heißt die Mutter Anna, der erste Pate Jacob Irion, der zweite im erstgenannten Eintrag Johann Vozeler, im zweiten Johann Voßeler. Die Patin ist in beiden Fällen die Ehefrau des Müllers Andreas Hauser, wobei dieser sich Ende November 1712 neu verheiratet hatte.[9] Pfarrer zu der Zeit war Johann Christian Maurer (Mäurer, Meurer), ein Pfarrerwechsel fand in der Zeit nicht statt.[10]

In Aldingen (Lkr. Tuttlingen) wurde aus der Namensvariante „Votseler“ ebenfalls die Variante „Voßeler“. Z.B. heißt der Vater im Taufeintrag vom 17. August 1713 Heinrich Votseler,[11] im Eintrag vom 9. Mai 1716 Heinrich Voßeler.[12] In beiden Einträgen heißt die Mutter Ursula, die Paten Jacob Raad und Hanß Limb (?), die Patin Christina Heßler(in). Pfarrer zu der Zeit war Georg Daniel Esenwein. Auch hier fand ein Pfarrerwechsel in der Zeit nicht statt.[13]

In Bickelsberg wurde der Name bereits im 17. Jahrhundert geändert, von „Vozeler“ in „Uzeler“, jedoch nur vorübergehend. Z.B. heißt der Vater im Taufeintrag vom 11. September 1674 Michäel Votzeler,[14] im Eintrag vom 1. September 1681 Michäel Uzeler[15] und im Eintrag vom 19. Oktober 1687 wieder Michäel Votzeler.[16] Die Mutter heißt Anna Maria bzw. Anna, Michael Uzeler hatte am 9. November 1686 erneut geheiratet.[17] Ein Pate heißt Johannes Traub, die Patin Maria, die Ehefrau des Hans Georg/Jerg (Georg/Jerg ist der Nachname). Die zweite Patenstelle war unterschiedlich besetzt, wahrscheinlich weil der jeweilige Pate verstorben war. Pfarrer in dem betroffenen Zeitraum war ein Johann Wolfgang Pfadler. Dieser kam Mitte 1674 nach Bickelsberg und starb dort 1687.[18]

Warum der Name nur vorübergehend geändert wurde, bleibt unklar. Nachdem man wieder zur alten Namensvariante zurückgekehrt war, blieb man dabei. Zu einer erneuten Änderung im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts, wie in anderen Orten, kam es nicht. Vielleicht weil absehbar war, dass der Name sowieso bald ausstarb. Der letzte Namensträger, ein Michael Fotzeler, nun mit F geschrieben, starb am 9. November 1723.[19]

 

Quellen

[1] Kirchenbücher Aistaig, Mischbuch 1741-1815, Eheregister 1741-1797, ohne Seitenzählung (27.01.1767)

[2] KB Aistaig, M 1648-1741, Taufregister 1698-1741, oSz (30.12.1739)

[3] KB Aistaig, M 1741-1815, Ta 1741-1795, oSz (20.02.1743)

[4] KB Aistaig, M 1741-1815, Totenregister 1741-1808, oSz (08.03.1742)

[5] KB Aistaig, M 1741-1815, E 1741-1797, oSz (25.09.1742)

[6] https://www.wkgo.de/personen/suchedetail?sw=gnd:GNDPFB311

[7] KB Tuningen, M 1636-1752, Ta 1662-1751, oSz (22.07.1710)

[8] KB Tuningen, M 1636-1752, Ta 1662-1751, oSz (23.12.1712)

[9] KB Tuningen, M 1636-1752, E 1662-1751, oSz (Dom. 26. p. Tr.)

[10] https://www.wkgo.de/personen/suchedetail?sw=gnd:GNDPFB5399

[11] KB Aldingen (Tuttlingen), M 1657-1759, Ta 1658-1748, oSz (17.08.1713)

[12] KB Aldingen (Tuttlingen), M 1657-1759, Ta 1658-1748, oSz (09.05.1716)

[13] https://www.wkgo.de/personen/suchedetail?sw=gnd:GNDPFB1859

[14] KB Bickelsberg, M 1662-1721, Ta 1662-1721, Bl. 13v =

[15] KB Bickelsberg, M 1662-1721, Ta 1662-1721, Bl. 25r

[16] KB Bickelsberg, M 1662-1721, Ta 1662-1721, Bl. 36r

[17] KB Bickelsberg, M 1558-1722, E 1636-1688, Bl. 201r

[18] https://www.wkgo.de/personen/suchedetail?sw=gnd:GNDPFB6131

[19] KB Bickelsberg, M 1721-1809, To 1721-1764, Bl. 110v

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Begegnung im Archiv. Wer sind unsere Nutzerinnen und Nutzer. Teil 8

29. September 2022 | | , ,

Wir treffen Vanessa Witt. Sie ist Studentin der Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Derzeit schreibt sie eine Hausarbeit für ein kirchengeschichtliches Proseminar, das sich mit den deutschen Einflüssen auf Palästina beschäftigte. Die Studierenden sollen  zur Erstellung der Seminar-Hausarbeiten in den Primärquellen recherchieren. Die Hausarbeit von Frau Witt beschäftigt sich mit dem Leben und Wirken von Hermann Schneller (1893-1993), der von 1928 bis 1940 Direktor des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem war, und der dann nach dem zweiten Weltkrieg die Johann-Ludwig-Schneller-Schule in Khirbet Kanafar begründete, deren Direktor er bis 1964 war. Eine Exkursion führte die Seminarteilnehmer in unser Haus, so dass das Landeskirchliche Archiv Frau Witt bereits bekannt war. Sie recherchiert in den Akten des Bestandes K8 (Syrisches Waisenhaus).

“Es liegt hier viel vor zu der Thematik Hermann Schneller. Da das Material sehr umfangreich ist, konnte ich nicht alles durchsehen, manches konnte ich nur überfliegen. Nicht alles ist für die Arbeit verwendbar, so dass ich mich beschränken muss. Während des Durchsehens des Materials die Entscheidung zu treffen, was daraus wichtig ist, beziehungsweise wo der Schwerpunkt liegen sollte, ist nicht leicht. Interessant war etwa der Schriftverkehr Hermann Schnellers mit Hans Niemann, der in den Akten vorliegt, sowie zum Beispiel die Dankschreiben für die Spenden, die viel über die jeweilige Lage des Syrischen Waisenhauses erzählen”.

Als vorteilhaft für Frau Witt erwies sich auch die Möglichkeit, bei ihren Archivbesuchen auf die Sekundärliteratur zur Thema Syrisches Waisenhaus in der Evangelischen Hochschul- und Zentralbibliothek (Standort Möhringen) zugreifen zu können.

 

Namensgeschichten 4: Eine mysteriöse Namensergänzung bei der Familie Hetzel in Vöhringen

20. September 2022 | |

In der Reihe „Namensgeschichten“ werden Fälle vorgestellt, in denen der Umgang mit Namen eine bemerkenswerte Rolle spielt.

In den Kirchenbüchern von Vöhringen (Lkr. Rottweil) trifft man auf eine interessante und zuerst mysteriöse Namensergänzung. Der Name „Hetzel/Hezel“ (vereinzelt auch „Hözel“) ist in manchem Fällen um das Wort „Straub“ ergänzt, in manchen hingegen nicht.

Z.B. ist im Taufeintrag vom 27. Dezember 1802 als Vater ein „Johannes Hezel“ und unter dem 29. Dezember 1802 ein „Johann Jacob Hezel (Straub)“ eingetragen.[1] Im Taufeintrag („renat[us]“) vom 26. Dezember 1800 ist ein „Johannes Hezel, Hanß Jerg Hezels Sohn“[2] genannt, am 11. November 1798 ein „j[un]g Johannes Hezel Straub“.[3]

Hochzeiten 20.11.1787 und 21.01.1788 Vöhringen

Auch im Eheregister taucht die mysteriöse Namensergänzung bei manchen „Hezel-Einträgen“ auf, bei andern wiederum nicht. Z.B. heiratete am 20. November 1787 ein „Johann Michael Hezel, Johann Konrad Hezels, Bürgers und Ochsenwirts allhier ehlich lediger Sohn“, im nächsten Eintrag vom 22. Januar 1788 ist die Hochzeit einer „Anna, Johannes Hezels, Strauben, Bauers und Richters allhier eh[lich] ledig Tochter“ vermerkt.[4]

Hochzeiten November 1709 Vöhringen

Die mysteriöse Namensergänzung zieht sich durch das ganze 18. Jahrhundert und darüber hinaus und ist somit auch generationsübergreifend, wie aus dem Hochzeitseintrag vom 26. November 1709 deutlich wird. Darin ist die Hochzeit eines „Hanß Martin Hetzel, Straub, Martin Hetzels, Strauben, bürgerl[ichen] Inwohners und Gerichtsverwandten allhier ehl[icher] Sohn“ dokumentiert. Im Eintrag davor („Eodem“ für den 19. November 1709), ist die Hochzeit einer „Johanna, Hanß Martin Hetzels Müllers, bürgerl[er] Inwohners allhir eheliche Tochter“ eingetragen.[5]

Die Namensergänzung diente also der Kenntnismachung unterschiedlicher „Hetzel-Linien“. Doch was war das Unterscheidungskriterium?

Der Taufeintrag vom 26. Dezember 1682 gibt einen ersten Hinweis, dort steht als Vater: „Hanß Jacob Hözel oder Strauben Sohn“.[6] Dieser Hanß Jacob wurde am 6. Juni 1658 getauft.[7] Im entsprechenden Taufeintrag ist die Namensergänzung nicht zu finden. In diesem Taufeintrag und dem vom 22. März 1664 sind jedoch sowohl die Eltern als auch die Paten dieselben: Johannes Hetzel und Anna bzw. Conrad Geißer/Geyser, Hanß Dieterlin und Barbara, die Ehefrau von alt Hans Geißer/Geyser. Im Taufeintrag von 1658 ist ungewöhnlicherweise noch ein dritter Pate: Michael Reeß. Daraus folgt, dass die Einträge zu Kindern aus einer Familie gehören. Im Taufeintrag vom 22. März 1664 findet man schließlich die Lösung, dort steht als Ergänzung zum Vater: „Strauben Stieffsohn“.[8]

Im Hochzeitseintrag des Johannes Hetzel vom 16. Juni 1656 erfährt man noch Genaueres zu Straub. Johannes Hetzel war „Hans Hetzels Metzgers und Bürgers allhie zu Vöringen hinderlassener ehelicher anitzo Hans Strauben Stiefhsohn“.[9] Der am 6. Juni 1658 getaufte Hanß Jacob war hingegen nicht der Stiefsohn von Straub, sondern dessen Stiefenkel.

Besagter Hans Hetzels (der Metzger) ist am 11. November 1632 gestorben.[10] Wann seine Witwe Hans Straub ehelichte, ist unbekannt, da das Eheregister erst 1648 beginnt.

Ausgangspunkt der beschriebenen Namensergänzung – man könnte auch sagen: des Doppelnamens – war also der Stiefvater eines Hetzel-Kindes.

Dieser Doppelname wurde von den Pfarrern, wahrscheinlich auch von der Familie selbst, über 140 Jahre lang benutzt, so dass man ihn auch noch in den ersten Familienregistern des 19. Jahrhunderts findet.[11]

Wenn einem die Bedeutung der beschriebenen Namensergänzung bewusst ist, erleichtert dies die Unterscheidung der unterschiedlichen Hetzel-Linien und damit die Ahnenforschung bezüglich dieser Familien – wobei es sich gezeigt hat, dass das „Straub“ in Einzelfällen auch vergessen wurde. Außerdem tritt in manchen Fällen der Nachteil auf, dass statt der üblicherweise zur Unterscheidung verwendeten Berufsangabe „Straub“ verwendet wurde und man über den Beruf seins Ahns nichts erfährt.

 

Quellen

[1] Kirchenbücher Vöhringen, Taufregister 1774-1817, S. 157

[2] KB Vöhringen, Ta 1774-1817, S. 145

[3] KB Vöhringen, Ta 1774-1817, S. 130

[4] KB Vöhringen, Eheregister 1775-1842, S. 11

[5] KB Vöhringen, Mischbuch 1689-1786, E 1689-1774, ohne Seitenzählung (19.11.1709, 26.11.1709)

[6] KB Vöhringen, M 1618-1689, Ta 1618-1689, oSz (26.12.1682)

[7] KB Vöhringen, M 1618-1689, Ta 1618-1689, oSz (06.06.1658)

[8] KB Vöhringen, M 1618-1689, Ta 1618-1689, oSz (22.03.1664)

[9] KB Vöhringen, M 1618-1689, E 1648-1688, oSz (16.06.1656)

[10] KB Vöhringen, M 1618-1689, Totenregister 1621-1634, oSz (11.11.1632)

[11] KB Vöhringen, Familienregister 1808-1834, Bl. 92a bis 93b

Namensgeschichten 3: Eine pfarramtliche Namensänderung in Flözlingen – waren die Etter früher netter?

14. September 2022 | |

In der Reihe „Namensgeschichten“ werden Fälle vorgestellt, in denen der Umgang mit Namen eine bemerkenswerte Rolle spielt.

Taufregister 1681 Flözlingen

In Flözlingen kam es 1681 zu einer Namensänderung. Personen mit dem Nachnamen Netter hießen fortan Etter (teils in der Variante Ötter). Auffällig ist, dass sich der Schnitt zwischen dem alten und dem neuen Namen, der sowohl im Tauf- als auch im Ehe- und im Totenregister belegt ist, mit dem Wechsel des Pfarrers deckt. Johann Daniel Schäffer (ca. 1640 bis 1703)[1] übernahm die Pfarrstelle nach Pfingsten (25. Mai) 1681 und hatte sie bis zum 11. April 1699 inne.[2]

Das Bild rechts zeigt den Schnitt im Taufregister. Am 10. Mai 1681 („renatus“) heißt der erste Paten Frantz Netter, in derselben Tabellenzeile hat Pfarrer Schäffer den Pfarrerwechsel eingetragen. Am 18. September 1681 ist dann die Taufe eines Kindes eines Frantz Etters eingetragen.[3]

Die Vermutung liegt nahe, dass der neue Pfarrer für die Namensänderung verantwortlich ist. Was waren die Gründe? Ein schlechtes Gehör? Dies wäre nur bei Martin (N)Etter denkbar. Möglicherweise eine pauschale negative Bewertung des Charakters der (N)Etter? Der Grund bleibt unklar. Auch die Kirchenkonventsprotokolle liefern keine Erklärung. Dort sind sowohl ein Martin als auch ein Frantz Etter Konventsrichter, aber immer Etter mit Nachnamen. Nur Frantz Etter – „ein heimlicher Censor“ (was auch immer das war) – wird einmal, in dem Protokoll vom 26. März 1682, Netter genannt. Da die entsprechende Textstelle eine Wortmeldung des Konventsrichters Bartli Beer wiedergibt, könnte dieser noch den alten Namen verwendet haben, gegen Ende des Protokolls heißt Frantz wieder Etter.[4]

Anhand der folgenden Beispiele zu Hanß, Frantz und Martin (N)Etter ist ersichtlich, wie die Personengleichheit anhand der Übereinstimmung der anderen in den Taufeinträgen genannten Personen – die Mutter, die Paten und die Patin – bestätigt werden kann. Dies ist sinnvoll, wenn man bei der genealogischen Recherche auf solche oder ähnlich gelagerte Fälle trifft, wenn man also – da bekanntlich chronologisch rückwärts recherchiert wird – nach einer jüngeren Namensvariante sucht, aber nur noch eine andere, ältere Namensvariante findet.

In den Taufeinträgen zu den am 28. Februar 1676 und am 20. Dezember 1681 getauften Kinder von Hanß (N)Etter lautet der Name der Mutter Anna. Die Paten waren Christian Löhrer (Vogt), Michel Geiger und Catharina, Christian Beeren Ehefrau.[5]

In den Taufeinträgen zu den am 8. Juni 1679 und am 18. September 1681 getauften Kinder von Frantz (N)Etter lautet der Name der Mutter Ursula. Die Paten waren Jacob Löhrer, Christian, Bartle Beeren Sohn bzw. coelebs (Junggeselle), und Catharina, Christian Löhrers (Vogt) Ehefrau.[6]

In den Taufeinträgen zu den am 13. August 1679 und an Pfingsten (6. Juni) 1683 getauften Kinder von Martin (N)Etter lautet der Name der Mutter Maria. Die Paten waren Jacob Schmaltz, Gallus Beer (Schmied) und Rosina, (Andreas Jäschlins) Schulmeisters Weib. [7] Hier helfen auch die zusätzlichen, von zweiter Hand eingetragenen Angaben „6tes Kind“ bzw. „8tes Kind, II. Ehe“ und die Ergänzungen zur Mutter „geb. Geiger“ bzw. „geb. Geiger [durchgestrichen und korrigiert zu:] Maier“ weiter, wenn auch die Frage nach dem siebten Kind und die Korrektur des Nachnamens weitere Recherchen erfordern. Hierüber kann die Personengleichheit ebenfalls bestätigt werden.

Am 30. Oktober 1670 hatten Martin Netter, Sohn des verstorbenen Christian Netters, des Gerichts und Bürgers in Flözlingen, und Maria, Tochter des Hanß Geiger, Vogt in Flözlingen, in Flözlingen geheiratet.[8]

Maria Geiger starb am 10. Oktober 1681. Ihre Todeseintrag lautet: „Den 12. 8bris wirdt begraben, Maria, Marttin Etters Baurenpflegers allhier liebe Hausfrau, welche am Montag vorher über die Geburth gestorben, also Mutter und Kind beyeinander geblieben. [Ihres Alters] 38“.[9] Damit ist zum einen die Frage nach dem siebten Kind geklärt, zum anderen die Personengleichheit von Martin (N)Etter bestätigt.

Martin Etter, Bauernpfleger (Vogt) und Witwer, heiratet am 14. Februar 1682 in Flözlingen Maria, die Tochter von Hanß Geörg Mayer, Weber in Mönchweiler.[10] Dass Martin Etters zweite Ehefrau den gleichen Vornamen trug, wie seine erste, erklärt den im Taufeintrag von 1683 und in fünf weiteren [11] zuerst falsch eingetragenen und anschließend korrigierten Nachnamen.

 

Quellen

[1] https://www.wkgo.de/personen/suchedetail?sw=gnd:GNDPFB6996

[2] Kirchenbücher Flözlingen, Mischbuch 1644-1717, Pfarrerliste (am Anfang des Buches)

[3] KB Flözlingen, M 1644-1717, Taufregister 1644-1717, S. 27

[4] KB Flözlingen, M 1644-1717, Kirchenkonventsprotokolle 1681-1709, ohne Seitenzählung (26.03.1682)

[5] KB Flözlingen, M 1644-1717, Ta 1644-1717, S. 21 und 27

[6] KB Flözlingen, M 1644-1717, Ta 1644-1717, S. 25 und 27

[7] KB Flözlingen, M 1644-1717, Ta 1644-1717, S. 25 und 27

[8] KB Flözlingen, M 1644-1717, Eheregister 1648-1717, S. 7

[9] KB Flözlingen, M 1644-1717, Totenregister 1650-1717, S. 15

[10] KB Flözlingen, M 1644-1717, E 1648-1717, S. 10

[11] KB Flözlingen, M 1644-1717, Ta 1644-1717, S. 28, 31, 33, 34 und 35

Theologiestudierende der Uni Tübingen auf Besuch im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart. Bericht von der Exkursion

9. September 2022 | | ,

Wer sich wissenschaftlich mit Kirchengeschichte auseinandersetzt, kommt nicht umhin, mit Primärquellen zu arbeiten. Umso naheliegender ist es, im Rahmen eines Proseminars zur Neueren Kirchengeschichte die größte kirchliche Archivsammlung in Baden-Württemberg zu besuchen. Daher besichtigten wir, der Proseminarkurs der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, mit unserem Dozenten Herrn Gerber am 23. Mai 2022 das Landeskirchliche Archiv in Stuttgart-Möhringen. Unser Ziel war es, zu erfahren, wie wir in unserem weiteren theologischen Studium an Originalquellen für Haus- und Abschlussarbeiten kommen können und welche Quellen zu unserem Seminarthema „Deutsche Einflüsse auf Palästina im 19. Jahrhundert“ im Stuttgarter Archiv zu finden sind.

In Möhringen angekommen, gab uns Herr Bing zunächst einen Einblick in die Tätigkeiten und Aufgaben des Landeskirchlichen Archives und welche Möglichkeiten der Recherche wir Studierende nutzen können. Er verdeutlichte uns, welche besondere Rolle die Kirchen für die Überlieferung von Stammbäumen durch Tauf- und Totenregister spielen und nach welchen verschiedenen Kategorien sie im Keller des Archivs schlummern. Herr Bing berichtete auch von aktuellen Entwicklungen für die Arbeit in Archiven. Beispielsweise, wie das Landeskirchliche Archiv andere Archive im ukrainischen Kriegsgebiet unterstützt oder welche neuen Herausforderungen auf die Archivarbeit in den kommenden Jahren durch die zunehmende Digitalisierung zukommen werden.

Besonders eindrucksvoll für uns war die anschließende Führung durch die kühlen Kellerräumlichkeiten des Archivs. Die vollgepackten Rollregale mit all den historischen Dokumenten und Büchern gaben uns Einblicke in den Alltag längst vergangener Zeit. Per Zufall schauten wir in verschiedene, teilweise mehrere Jahrhunderte alte Kirchenbücher. Wir bekamen beispielsweise einen Einblick in die Haushaltskasse einer Pfarrfamilie im 18. Jahrhundert, in eine Erntedankzeremonie einer kleinen schwäbischen Kirchengemeinde oder einen Strafprozess gegen zwei Geistliche. Auch konnten wir in einem Tübinger Studentenregister die Beurteilung über Friedrich Hölderlin als Student auf lateinisch entziffern.

Besonders spannend war es die Originaldokumente zu sehen, mit denen wir uns bereits in unserem Proseminar beschäftigt haben oder noch beschäftigen werden. So hatten wir die Möglichkeit, einen Blick auf die Originalfotos und Dokumente des Syrischen Waisenhauses und der Schneller Familie zu werfen.

Auch in der musealen Sammlung des Archivs durften wir uns umschauen und die vielen verschiedene Ausstellungsstücke begutachten. Zum Schluss bekamen wir noch eine Einführung in die für uns doch recht antiquierte Technik des Auslesens eines Mikrofilmes.

Die Führung durch das Landeskirchliche Archiv hat uns Studierenden einen sehr spannenden Einblick gegeben und die Hemmschwelle deutlich gesenkt, während unseres Studiums auf die Arbeit und Unterstützung des Landeskirchlichen Archives zurückzugreifen. Das Potenzial, welches in den Primärquellen im Archiv in Stuttgart schlummert, hat uns jedenfalls sehr begeistert und uns einen neuen Blick auf das Thema „Kirchengeschichte“ eröffnet.

 

„Mit tiefem Andachts-Gefühl und Herzerhebung“ – die Kantaten des Georg Benda

1. September 2022 | |

Georg Benda. Stich von C.G. Geyser. Gemeinfrei

Vor 300 Jahren wurde der Komponist und Musiker Georg Benda geboren. Sowohl mit seinen religiösen Werken als auch den Opern und Melodramen wurde er von seinen Zeitgenossen, auch in Württemberg, sehr geschätzt. Seine Kantaten erklangen ab 1789/90 in den Sonntagsgottesdiensten der Schorndorfer Stadtkirche.

Im Frühjahr 1752 übernahm Benda die Stelle als Hofkapellmeister in Gotha. Zu seinen Aufgaben gehörte die Gestaltung der Kirchenmusik in der Schlosskapelle. Nachdem er bereits für die Jahre 1753/54 und 1765/66 zwei Kantatenjahrgänge vorgelegt hatte, komponierte er 1760/61 einen dritten. Dieser enthält 69 Kantaten nach der Textvorlage des Theologen Balthasar Münter, die nach dem Kirchenjahr geordnet sind und das Thema bzw. die Schriftlesung des jeweiligen Sonn- oder Festtags aufgreifen.

Doch wie kam ein Kantatenjahrgang eines Kapellmeisters aus Gotha nach Schorndorf? 1789 klagte der damalige Musikdirektor in Schorndorf Carl Christian Ferdinand Weckherlin, die vorhandenen Kantaten seien veraltet und entsprächen nicht mehr den gegenwärtigen Geschmack. Außerdem sei es für die Musiker „äußerst entleidend die schon seit 20 Jahren immer das nemliche zu spielen und zu singen“ und empfahl den Ankauf neuer Noten. Dafür empfahl er den Kantatenjahrgang von Georg Anton Benda, der ganz nach dem heutigen Geschmack, mit tiefen Andachts-Gefühl und Herzerhebung“ verfertigt worden. Bereits in den 1770er Jahren waren Benda-Kantaten in Ulmer Münster und in der Stadtkirche in Nürtingen aufgeführt worden und so in Musikerkreisen in Württemberg bekannt.

Der Vorschlag Werckherlins wurde vom Magistrat in Schorndorf angenommen, die Kantaten angeschafft, die Stimmen abgeschrieben und im Gottesdienst vom Collegium Musicum aufgeführt. Als auch die Benda-Kantaten veraltet waren, wurden sie – zusammen mit anderen Noten des Collegium Musicums – in der Kirche Schorndorf gut verwahrt. Ende der 1980er Jahre wurden die ca. 500 historischen Notenhandschriften wiederentdeckt und der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen übergeben. Dort erkannte Dr. Helmut Völkl den Wert des Notenschatzes und ließ sie von Studenten innerhalb ihrer Abschlussarbeiten musikwissenschaftlich untersuchten. Schließlich übergab man die Noten an die Landeskirchliche Zentralbibliothek in Stuttgart. Dort lagern sie – in säurefreien Kartons verpackt – im Magazin. Inzwischen sind die Noten nicht nur im RiSM und im K10 plus katalogisiert, sondern auch digitalisiert. Werfen Sie doch einen Blick in die elektronische Sammlung der Evangelischen Zentralbibliothek Württemberg: http://elk-wue.gbv.de/resolve?id=492925267

Eröffnet euch Himmel: Kantate zum 26. Sonntag nach Trinitatis. Komponiert von Georg Anton Benda nach Texten von Balthasar Münter. – 4 Singstimmen, 4 Stimmen für Streicher, 1 Stimme für Orgel und Partitur. Handschriftlich. – 36 x 21,5 cm, Landeskirchliche Zentralbibliothek, Schorndorfer Musikhandschriften: 219

Namensgeschichten 2: Ein mysteriöser Nachname – woher stammt der Name „Kohlmann“ in Oberhaugstett?

24. August 2022 | |

In der Reihe „Namensgeschichten“ werden Fälle vorgestellt, in denen der Umgang mit Namen eine bemerkenswerte Rolle spielt.

Wurde früher ein Kind unehelich geboren, bekam es nur mit Einverständnis des leiblichen Vaters dessen Nachnamen. War der Vater unbekannt (oder gestattete die Namensführung nicht), erhielt das Kind den Nachnamen der Mutter. Es war auch nicht selten, dass ein uneheliches Kind über mehrere Jahre den Nachnamen der Mutter trug, seine leiblichen Eltern einige Jahre später doch heirateten und das Kind mit der Hochzeit der Eltern den Namen des Vaters erhielt.

In Oberhaugstett (damals nur als „Haugstätt“ bezeichnet), das zur Pfarrei Neubulach gehört, ist ein anders gelagerter, rätselhafter Fall zu finden.

Taufe 06.01.1777 Oberhaugstett

Am 6. Januar 1777 wurde ein Johann Jakob in Haugstätt geboren und noch am gleichen Tag getauft. Seine Mutter war eine Christina, die Tochter des damals bereits verstorbenen Johann Jakob Holzäpfel und Stieftochter („privigna“) des Johann Georg Essich. Der Vater des Kindes ist nicht genannt.[1]

Hochzeit 27.01.1802 Neubulach

Am 27. Januar 1802 heiratet der uneheliche Sohn der eben genannten Christina Holzäpfel in Neubulach. In dem entsprechenden Eheeintrag lautet der Name des Bräutigams mysteriöserweise Johann Jakob Kohlmann.[2] Im Seelenregistereintrag und dem Familienregister zu diesem Johann Jakob Kohlmann ist dieser als „Spur[ius]“, also uneheliches Kind bezeichnet. In beiden Einträgen ist außerdem sein obiges Geburtsdatum und seine Mutter Christina Holzäpfel angeben, so dass die Identifizierung eindeutig ist. In beiden Einträgen ist außerdem eingetragen, dass sein Vater nicht im Taufbuch angegeben ist.[3] Auch in seinem Todesdatum ist nur seine Mutter angegeben.[4]

Familienregister Kohlmann Oberhaugstett

Woher nun der Nachname Kohlmann kommt, bleib ungeklärt. Die Schreiber, die diese Einträge jeweils vorgenommen hatten, hatten es wohl als selbstverständlich gesehen, dass dieser Johann Jakob nun Kohlmann heißt, so dass sie es nicht als nötig erachtet hatten, Angaben zur Herkunft des Nachnamens zu machen. Auffällig ist, dass es im gesamten Kirchspiel der Pfarrei Neubulach keinen Kohlmann gab. War der Nachname ein erfundener? Und wenn ja, warum und wer hat Johann Jakob diesen Nachnamen gegeben?

Dies alles bleibt wohl ungeklärt. Andere historische Unterlagen des Pfarramts Neubulach, wie z.B. die Protokolle des Kirchenkonvents, vor dem sich Frauen, die unehelich schwanger waren, zu verantworten haben, geben diesbezüglich keine Auskunft. Eine Paternitätsliste, in denen durch den Kirchenkonvent oder das Oberamt ermittelte Väter eingetragen wurden, sind nicht überliefert. Auch im Stadtarchiv von Neubulach (Bestände Neubulach und Oberhaugstett) und wahrscheinlich auch im Landesarchiv, sind keine Akten, die Licht ins Dunkle bringen könnten, vorhanden.

 

Quellen

[1] Kirchenbücher Neubulach, Mischbuch 1685-1819, Taufregister 1685-1807, S. 324

[2] KB Neubulach, Eheregister 1801-1829, S. 2

[3] KB Neubulach, Seelenregister 1783-1820, Spalte 203 (Johann Jakob Kohlmann) und KB Neubulach, Familienregister Oberhaugstett, S. 87 (Johann Jakob Kohlmann)

[4] KB Neubulach, Totenregister 1847-1864, S. 46

Dekanatsarchiv Tübingen nun erschlossen und recherchierbar

19. August 2022 | |

Das Dekanatsarchiv Tübingen zählt mit einem Umfang von 42 laufenden Regalmetern und knapp 2500 Verzeichnungseinheiten zu den größeren dekanatamtlichen Beständen, die im landeskirchlichen Archiv verwahrt werden. Es umfasst neben den Unterlagen (allgemeine Unterlagen und Ortsakten) des Dekanatamts auch die Pfarrarchive Tübinger Kirchen, nämlich der Stiftskirche, der Jakobuskirche und der Eberhardskirche.

Bereits im Frühjahr 1959 begannen einige Studenten vom Institut für Landesgeschichte der Universität Tübingen mit der Ordnung und Verzeichnung des Bestandes. Im Jahr 2002 wurde der Bestand an das Landeskirchliche Archiv abgegeben, wo das ältere Findbuch retrokonvertiert, verbessert und um die Überlieferung bis 1966 ergänzt wurde. Im Inventar kann nun online recherchiert werden.

Der Bestand ist wie oben bereits erwähnt umfangreich, aber einige Beispiele sollen hier genannt und gezeigt werden:

Das älteste Schriftstück des Bestands ist das Testament des Doktor Leonhart Fuchs (1501-1566) von 1563. Der Mediziner und Botaniker gilt als einer der Väter der Pflanzenkunde. Die Fuchsien wurden nach diesem Gelehrten benannt.

Reichhaltig ist die Überlieferung zur Schulgeschichte, was vermutlich der Bedeutung Tübingens als Bildungsstandort geschuldet sein dürfte. Als Beispiele dienen hier die Stundenpläne der Realschule und der anatolischen Lateinschule. Der Name der Lateinschule ist vielleicht erklärungsbedürftig. Sie wurde nicht etwa nach Anatolien benannt, sondern aufgrund ihrer räumlichen Lage im Osten Tübingens (altgr. ἀνατολή / anatolē: Osten). Neben verschiedenen Akten zu diesen beiden Schulen finden sich auch Akten zur Knaben- und zur Mädchenschule, sowie zur Handwerkerschule und weitere, allgemeine Schulakten. Interessant zum Beispiel, dass man damals als Realschüler nicht Englisch und Französisch lernte, sondern Italienisch und Französisch.

Bestandteil des Tübinger Dekanatsarchivs sind auch einige Fotos. Besonders interessant scheint hier ein Fotoalbum von 1909, das etwa 75 zeitgenössische Fotos und Zeichnungen von Kirchen und Pfarrhäusern aus dem Kirchenbezirk beinhaltet. Das Album war ein Abschiedsgeschenk des Kirchenbezirks für den Dekan Karl Elsässer, der 1909 seinen Geburtstag feierte, und damit auch in seinen Ruhestand eintrat.

 

 

Namensgeschichten 1: Eine Namensänderung in Kuppingen und ihre verzögerte Akzeptanz

17. August 2022 | |

In der Reihe „Namensgeschichten“ werden Fälle vorgestellt, in denen der Umgang mit Namen eine bemerkenswerte Rolle spielt.

Taufeintrag 24.9.1716

Am 24. September 1716 wurde in Kuppingen ein Kind namens Georg Heinrich geboren.[1] Sein Vater soll ein Johann Paulus Wurmser gewesen sein, der zum besagten Zeitpunkt Soldat in der Kompanie unter dem Obristen von Vorstner war, die sich – vermutlich im Zusammenhang mit dem Venezianisch-Österreichischer Türkenkrieg (1714-1718) – im Königreich Ungarn aufhielt. Die Kompanie hatte vermutlich ihr Winterquartier 1715/16 in Kuppingen. Die Mutter des Kindes war eine Margaretha Schmid (1684-1757), Tochter des Michael Schmid. Der Pfarrer hatte nicht wie bei unverheirateten Frauen üblich den Namen ihres Vaters angegeben, sondern nur „schon 2 mahlige s.v. Hure“ ergänzt. Sie kann aber anhand dieses Hinweises, für den sich der Pfarrer sogleich auch entschuldigt (s.v. = salva venia = mit Verlaub), unter Abgleich der Angaben im Ortssippenbuch von Kuppingen und der Paten dieses und ihres ersten, am 14. Oktober 1710 geborenen Kindes identifiziert werden.[2]

Spätere Pfarrer haben den Taufeintrag von Georg Heinrich ergänzt. Die eine Ergänzung, sein Todestag am 6. Januar 1790, hilft bei der Zuordnung seines Todeseintrages. Die andere Ergänzung ist die interessantere: „Ist zu Entringen seßhaft und verheurathet; hat aber einen andern Nahmen angenommen. Vid. Ehe-Buch den 8. Nov. 1763“.

Georg Heinrich hatte am 8. November 1763 in Entringen eine Maria Barbara, Tochter des verstorbenen Bauern Hanß/Johann Adam Schuhmacher, geheiratet. Der Pfarrer in Kuppingen hatte nicht nur die örtlichen Eheschließungen, sondern auch die Proklamationen

Eheregistereintrag 8.11.1763

(öffentliche Bekanntmachungen beabsichtigter Eheschließungen) auswärts zu schließender Ehen ins Kuppinger Eheregister eingetragen. Im Eintrag für die besagte Eheschließung ist zum Bräutigam angegeben: „Johann Cunrad Weiß, Baurenknecht, N.B. [= nota bene = merke wohl] welcher seinen Vor- und Zunahmen geändert, und eigentlich Georg Heinrich Wurmser heißt“.[3]

In Entringen hingegen hatte sich der neue Name noch nicht durchgesetzt. Im Eheeintrag im Entringer Eheregister ist sein Name als Georg Heinrich Wurmser angegeben.[4] Auch in den Taufeinträgen seiner ersten beiden Kinder, dem 8. Dezember 1764 und dem 19. Februar 1768, lautet sein Name noch Georg Heinrich Wurmser.[5] Erst im Taufeintrag des dritten Kindes, dem 31. Oktober 1772, wird sein Name mit Cunrad Weiß angegeben.[6] Im 1758 angelegten Seelenregister von Entringen ist er folgerichtig auch unter seinem ursprünglichen Namen zu finden, der nachträglich gestrichen und durch Cunrad Weiß ersetzt wurde. Dem Eintrag ist noch eine Information zu seinem Vater zu entnehmen, die in keinem anderen Eintrag erwähnt wird. Dieser war „miles bavarus“, also bayrischer Soldat.[7] In seinem Todeseintrag in Entringen vom 6. Januar 1790 ist sein Name ebenfalls mit Cunrad Weiß angegeben.[8]

Warum Georg Heinrich Wurmser seinen Namen in Johann Cunrad Weiß änderte, bleibt unbekannt. Möglicherweise finden sich dazu Informationen in den Kirchenkonventsprotokollen von Kuppingen, die sich noch auf dem Pfarramt befinden.

 

Quellen

 

[1] Kirchenbücher Kuppingen, Mischbuch 1558-1719, Taufregister 1560-1718, S. 351

[2] KB Kuppingen, M 1558-1719, Ta 1560-1718, S. 325a sowie Ortssippenbuch Kuppingen, S. 611, #S374 und S. 733, #W502

[3] KB Kuppingen, M 1719-1799, E 1719-1791, S. 87

[4] KB Entringen, M 1627-1765, Eheregister 1634-1765, ohne Seitenzählung (08.11.1763)

[5] KB Entringen, M 1747-1822, Ta 1747-1809, S. 57  und KB Entringen, M 1747-1822, Ta 1747-1809, S. 72

[6] KB Entringen, M 1747-1822, Ta 1747-1809, S. 96

[7] KB Entringen, Seelenregister 1758, S. 326

[8] KB Entringen, M 1747-1822, Totenregister 1747-1822, S. 170

Verzeichnung zur Familiengeschichte Knapp / Liesching im Rahmen eines Praktikums

8. August 2022 | |

Im Juli 2022 absolvierte Helen Wiedmaier, Referendarin beim Landesarchiv Baden-Württemberg, ein Praktikum im Landeskirchlichen Archiv. Sie erhielt nicht nur Einblicke in zahlreiche Bereiche und Aufgabenschwerpunkte, sondern ordnete und verzeichnete auch den Nachlass von Michael Klein. Dieser war mit den beiden bedeutenden Familien Knapp und Liesching verwandt und sammelte zahlreiche Dokumente zur Familiengeschichte. Dazu gehörten auch Schriftstücke, die Martin Knapp, ein Verwandter Michael Kleins, gesammelt hatte. Hier lassen sich Brücken zu zwei weiteren Nachlässen im Landeskirchlichen Archiv schlagen: Zum einen zum Nachlass Liesching und zum anderen zum Nachlass Knapp, den 1960 das Landeskirchliche Archiv von Martin Knapp erwarb. Während sich letzterer vor allem auf Archivalien zu dem Pfarrer Albert Knapp (1798–1864) fokussiert, zeigte sich schnell, dass der Nachlass Michael Klein wesentlich diverser ist.

Ihn zu erfassen war besonders spannend, da es sich um fünf unsortierte Umzugskartons sowie zwei separate Pakete handelte, die neben schriftlichen Unterlagen auch Objekte, Fotografien und Publikationen aus drei Jahrhunderten enthielten. In einem ersten Schritt wurde der Bestand unter Berücksichtigung bereits bestehender Ordnungen (beispielsweise Gegenstände oder Briefe, die sich gemeinsam in Schachteln befanden) zunächst nach Objekten, Publikationen, Fotografien und schriftlichen Zeugnissen geordnet. Die Publikationen wurden der Bibliothek übergeben, während alles andere verzeichnet und verpackt wurde. Die Objekte wurden digitalisiert und anschließend der Musealen Sammlung zugeordnet, wobei sich faszinierende Einblicke in die Lebenswelten von Frauen im 19. sowie frühen 20. Jahrhundert ergaben.

Neben zahlreichen Briefen von Nana Stahl, geb. Trendelenburg und Clara Roth, geb. Trendelenburg, lagen dem Bestand beispielsweise ein Skizzenbuch mit Zeichnungen sowie ein kleines Buch mit Schnittmustern und Notizen zu Handarbeiten bei. Diese lassen ebenso wie etwa die kolorierte Zeichnung eines Wohnzimmers Rückschlüsse auf das Alltagsleben von Frauen zu, die durch vereinzelt vorhandene Autobiografien ergänzt wurden, und bieten einen hervorragenden Ausgangspunkt für zukünftige Forschungen. Das Landeskirchliche Archiv konnte mit diesem Nachlass somit einen wichtigen Bestand übernehmen, der nicht nur Personen mit Interesse an den Familien Trendelenburg, Knapp und Liesching zu begeistern wissen wird.

Erster Schritt zur Entstehung der deutschen Tierschutzbewegung: 200 Jahre „Bitte der armen Tiere“ von Christian Adam Dann

4. August 2022 | |

1822 veröffentlichte der Stuttgarter Pfarrer Christian Adam Dann eine „Schutz- und Bittschrift für die Thiere“, die nicht nur das bürgerliche Lesepublikum, sondern auch viele Bauern- und Handwerkerfamilien erreichte. Sie wurde zur meistgelesenen deutschen Tierschutzschrift im 19. Jahrhundert und erlebte drei Auflagen. Ihre große Wirkung verdankte die 44-seitige Broschüre wohl kaum den darin enthaltenen, erstaunlich weit gehenden tierrechtlichen Ansätzen. Entscheidend für ihren Erfolg waren die Kraft der Sprache, die lebendige Bildhaftigkeit und die Dramatik der Darstellung, die gleichzeitig spürbar werden ließen, dass hier einer neuen Sache das Wort geredet wurde: Jeder Leser, jede Leserin sollte dazu beitragen, das Elend der Tiere zu mindern und ihr Recht auf ein Minimum an Lebensgenuss zu respektieren. Anders als frühere Äußerungen von Theologen und Philosophen wollte die Schrift nicht hauptsächlich das Verhältnis zu den Tieren theoretisch reflektieren, sondern zu Verhaltensänderungen ihnen gegenüber treiben. Die „Bitte“ markiert den historischen Übergang von der Reflexion zur Aktion, zum praktischen Schutz der Tiere. Das war etwas vollkommen Neues. Wie sich zeigen sollte, war sie der erste Schritt hin zur Entstehung der deutschen Tierschutzbewegung 15 Jahre später, kurz nach Danns Tod 1837.

1822 arbeitete Pfarrer Dann in Mössingen auf der Alb. Dorthin war er 1812 aus Stuttgart strafversetzt worden, weil er das feudale Lotterleben am königlichen Hof öffentlich kritisiert hatte. Strenge moralische Maßstäbe wendeten nicht nur Pietisten wie Dann gegen das Ancien Régime, sondern das Bürgertum überhaupt. Individualismus, Gefühlskult und Empfindsamkeit, die gerade in Württemberg mit der Romantik verbunden waren, wurden gegen den Spätabsolutismus in Stellung gebracht. In dieser geistigen Atmosphäre begann man auch Tiere als Mitgeschöpfe wahrzunehmen und ihr Leid in die eigene Gefühlswelt einzubeziehen – ein wichtiger Antrieb für Pfarrer Dann und die spätere Tierschutzbewegung, aktiv zu werden. Der Beginn der „Bitte“ lässt das gut erkennen:

Dann schildert gefühlvoll, wie er und seine Gemeinde beim Ostergottesdienst im Freien vom emsigen Hin- und Herfliegen eines Storchenpaars über ihren Köpfen berührt werden, das auf dem Kirchturm sein Nest repariert – es hat „etwas für unser Herz Ansprechendes und Wohltuendes“ und war „lieblich anzusehen“. Wochen später, als die Jungen schon ausgeflogen sind, wird eins der Elterntiere auf einer Wiese Mössingens niedergeschossen. Wie Dann nun den vereinsamten Partner tagelang fast unbeweglich auf dem Nest stehen sieht, beschreibt er, wie er dessen Trauer teilt und ihm „Thränen … in die Augen“ treten. Es gelingt ihm, seine Leser/innen an dem Schmerz des großen Vogels teilhaben und ihn als Individuum, als Person wahrnehmen zu lassen. Darüber nachsinnend sieht er sie vor sich, „die auf tausendfache Art … mißbrauchte, geplagte, geängstigte, mißhandelte, zerstümmelte und zerstörte Creatur“.

Das Elend der Tiere stellt Dann anschließend mit unzähligen schauerlichen Beispielen vor Augen, indem er einen mitnimmt auf Spaziergänge durch Dörfer und Städte. Schließlich lässt er die Tiere selbst sprechen, mit der äußerst bescheidenen Bitte: „Macht uns unser meist kurzes, mühevolles Leben erträglich und unsern Tod so kurz und so leicht wie möglich.“ Dass in 200 Jahren bis heute nicht einmal das erreicht wurde, zeigt jeder Blick auf das Leben der Tiere in unserer heutigen Gesellschaft.

Eine ausführliche Darstellung und Analyse der „Bitte“ und eines weiteren Tierschutzappells von Dann auch in Bezug auf seine tierrechtliche Position liefert das neue Buch „Tierschutz und Tierrechte im Königreich Württemberg. Die erste deutsche Tierschutz- und Tierrechtsbewegung 1837, die drei württembergischen Tierschutzvereine ab 1862 und ihre Tiere “ von Wolfram Schlenker. Es beschreibt auch die Bedeutung des hiesigen, ländlich verwurzelten Pietismus überhaupt für die Entstehung der ersten deutschen Tierschutzbewegung in Württemberg und seine spürbare Nachwirkung in den Biografien späterer Tierschützer im 19. Jahrhundert bis hin zum Luftschiffer Ferdinand Graf Zeppelin. Nähere Angaben zum Buch finden sich hier.

Link zu Blogbeitrag: Welt-Tierschutztag am 4. Oktober / 4. Oktober 2020 | Andrea Kittel

Begegnung im Archiv. Wer sind unsere Nutzerinnen und Nutzer, Teil 7

27. Juli 2022 | | ,

Wir treffen Dr. Katharina Krause. Sie ist Wissenschaftliche Angestellte am Lehrstuhl für Praktische Theologie III an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen. Eines ihrer derzeitigen Forschungsprojekte befasst sich mit den Verschränkungen von ‚frommem‘ und ‚kolonialem‘ Blick im Rahmen der Mission. Welche Bilder haben Missionare und Missionarinnen in ihren Berichten in Missionszeitschriften oder in Vorträgen transportiert? Welche Bilder haben sie konstruiert und aufrechterhalten, um beim Publikum in der Heimat ‚Missionssinn‘ zu wecken und sich der finanziellen und geistlichen Unterstützung ihrer Arbeit zu versichern?

Im Landeskirchlichen Archiv ist sie auf der Suche nach Objekten aus der China-Mission und wurde in der Musealen Sammlung fündig:

„Neben dem Kinderbuch ‚Agim erzählt aus China‘ von der württembergischen Missionarin und Schriftstellerin Anna Oehler, hat mich auch die Sammlung an chinesischen Kindermützchen berührt, die aus dem Nachlass einer schwäbischen Missionarsfamilie (Basler Mission) stammen. Kleine aufgenähte Spiegel und Troddeln sollen böse Geister von den Kindern fernhalten. Auch im Bilderbuch von Anna Oehler wird dieser Brauch thematisiert: Unter der Abbildung eines etwa zwölfjährigen Mädchens, das einen kleinen Jungen im Tragetuch auf dem Rücken trägt, findet sich folgender Reim:

‚Auf dem Köpfchen glattgeschoren,

deckend zu auch Hals und Ohren,

sitzt ein Mützchen wunderfein,

vorn ein kleines Spiegelein,

daß die bösen Geister gehen,

wenn sie sich darinnen sehn.

Auch zwei gelbe Glöcklein seht,

wenn er nun sein Köpfchen dreht,

fangen leise an zu klingen;

sie auch sollen Gutes bringen,

böse Geister von ihm jagen,

wenn sie sich ans Büblein wagen.‘

 

Was mit chinesischem ‚Dämonenglaube‘ gemeint sein konnte, wird hier in besonderer Weise sinnenfällig als eine Form des praktischen Umgangs und der Bewältigung der Sorgen und Nöte, die mit der hohen Kindersterblichkeit in dieser Zeit einhergingen.

Objekte wie diese dienten als Anschauungsmaterial für die heimatlichen Unterstützerkreise und prägten ein recht stereotypes Bild der „fremden Kultur“. Bisweilen fragt man sich auch, ob nicht ein Missverständnis das andere erzeugt. „Götzendienst“ und „Dämonenglaube“ werden neben dem scheinbar unausrottbaren „Materialismus der Chinesen“ als die größten Missionshindernisse beschrieben, denen wiederum mit der „Jesuslehre“ begegnet wird, die die chinesischen Mitarbeiter – sog. Evangelisten und Bibelfrauen – auch mittels einer „Bilderrolle“ illustrieren, auf der der ‚Breite und der Schmale Weg‘ abgebildet ist und im Landeskirchlichen Archiv als Reproduktion vorliegt:  In dieser Variante werden die die kritikwürdigen ‚chinesischen‘ Laster (Opiumsucht, Götzendienst, Dämonenglaube) der frommen Glaubenspraxis der Missionsgemeinden gegenüberstellt.

Als Forscherin, die zu Bekehrungsfrömmigkeit gearbeitet hat, kann ich diese Wahrnehmung vor dem Hintergrund der für diese Spiritualität maßgeblichen Diskurse einordnen – als Praktische Theologin frage ich mich aber doch auch, warum die bekehrungsfrommen Sinnformen zur Deutung und Bewertung immer gleich so unmittelbar zur Hand waren. Hatte es damit zu tun, dass die religiöse Praxis, die sich in einem solchen Mützchen realisiert, eben als nur aufs Materielle, Sichtbare gerichtet wahrgenommen wurde? Weil die schwäbischen Missionarsfamilien und ihr frommes heimisches Umfeld ihren ebenfalls kulturell stereotypen protestantischen Widerwillen an Dinge des Glaubens herantrugen? Im Lichte meiner empirischen Studien mit werdenden Eltern und Tauffamilien scheint mir das Anliegen, das sich im Gewebe eines solchen Kindermützchens materialisiert, wiederum sehr plausibel. Artefakte – man denke dabei auch an das Taufkleid – spielen auch im protestantischen Kontext eine zentrale Rolle, verbinden sich mit diesen letztlich doch jene Gewissheiten, die allein die Evidenz des Faktischen zu schaffen vermag. Und als Religionsethnografin schließlich, die gewohnt ist, scheinbare Selbstverständlichkeiten des eigenen religionskulturellen Kontextes zu befremden und kritisch zu hinterfragen, bereitet mir das Mützchen eine geradezu lustvolle Freude zur Provokation jener Asymmetrien, in die der fromme Blick seine ‚Anderen‘ zu zwingen versucht: Was sind denn eigentlich unsere ‚Dämonen‘? Und kennen wir sie so gut, dass wir genau wissen, womit wir ihnen auf die Nerven gehen?

Die dingliche Überlieferung ist neben der schriftlichen eine wichtige und aufschlussreiche Quelle für meine Forschungen. In der Musealen Sammlung habe ich noch einiges entdeckt, das ich mir beim nächsten Besuch genauer ansehen möchte.“

Fundstück im Pfarrarchiv Steinenbronn

22. Juli 2022 | |

Ein Fundstück aus dem im Mai diesen Jahres eingeholten Pfarrarchivs Steinenbronn, das zeigt, dass Archivalien nicht nur grau und staubig sein müssen. Die kleine 7 x 11 cm große Karte wurde an Pfarrer Karl Alfred Günzler (www.wkgo.de/personen/suchedetail?sw=gnd:GNDPFB10290) gesandt, der zwischen 1893 und 1900 Pfarrer dieser Gemeinde war.

Einem Pfarrbericht aus dem Jahr 1897 ist zu entnehmen, dass das Verhältnis zwischen Pfarrer und Gemeinde nicht besonders gut gewesen zu sein scheint. „Die Kirchlichkeit der Gemeinde ist allerdings gering, der Hauptgottesdienst schwach besucht…das Verhalten gegen den Geistlichen: ins Gesicht meist freundlich, mitteilsam über äußere Verhältnisse, aber lügenhaft und bettelhaft mit wenig Verständnis für den Geistlichen“. Den Visitationsbemerkungen ist zu entnehmen, dass Günzler offenbar unter dem Eindruck schmerzlicher Erfahrungen stünde, die er mit manchen Gemeindeglieder gemacht hatte. Er habe das Vertrauen zur Gemeinde etwas verloren und wage es nicht mehr auf den Erfolg seiner Arbeit zu hoffen. An seiner Arbeit selbst wird nichts bemängelt, aber seine „treue, tiefe rechte Art“ wäre wohl in einer anderen Gemeinde besser aufgehoben.

Ein Anschreiben lag dem Kärtchen nicht bei, so dass nur darüber spekuliert werden kann, was der Hintergrund dieser Sendung war. Das Stück wurde in die museale Sammlung des Landeskirchlichen Archivs übergeben.

Abschluss Bestand L 9 Evangelische Jugendheime Heidenheim

13. Juli 2022 | |

Der Bestand L 9 Evangelische Jugendheime Heidenheim bereichert nun das Landeskirchliche Archiv mit insgesamt 48 Regalmetern, die sich in 9 m Sachakten und 39 m Klientenakten gliedern. Der Bestand eignet sich für Forschungen zur Fürsorgeerziehung von den 1960er Jahre bis in die 1990er Jahre. Hinter jeder Einzelfallakte steht das Schicksal eines jungen Menschen, dem in den Jugendheimen die Möglichkeit geboten wurde, einen Schul- oder Berufsabschluss zu machen, um sich damit eine solide Lebensperspektive aufzubauen und nicht erneut straffällig zu werden. Die Evangelischen Jugendheime wurden 1908 als „Fürsorgeheim Heidenheim e.V.“ gegründet. Nach dem Bau des Heims erfolgte 1910 die Aufnahme der ersten drei Jugendlichen. Ein Jahr später kamen über die Vermittlung der Landarmebehörde  weitere 42 Jugendliche hinzu. Das Besondere am  Fürsorgeheim Heidenheim war die Möglichkeit einer Ausbildung zum Schuhmacher, Schneider, Schlosser oder Schreiner. Dies war ein absolutes Novum in den damaligen evangelischen Jugendhilfe Einrichtungen, denn alle anderen Institutionen bildeten ihre Auszubildenden für die Mitarbeit in der Landwirtschaft aus. Die Ausbildung zum Schlosser und Mechaniker in den 1920er Jahren galt als zukunftsorientiert und verbesserte die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Werkstätten erweitert und die jungen Männer konnten sich auch zum Sattler, Polsterer oder Maler ausbilden lassen. In den 1970er Jahren erfolgte die Einrichtung der Ausbildungszweige zum Elektriker und Koch.

Die Überlieferung der im Landeskirchlichen Archiv vorhandenen Akten beginnt erst nach dem Zweiten Weltkrieg und endet Mitte der 1990er Jahre. Aus der Anfangszeit des Heimes sind leider keine Unterlagen überliefert, lediglich das Protokollbuch von 1908-1938 ist erhalten geblieben. Die Akten geben einen guten Überblick über die Fürsorgeerziehung der 1960er bis 1990er Jahre. Allerdings sind die Klientenakten mit einer Schutzfrist von 120 Jahren belegt, nur die Betroffenen selbst können Einsicht in ihre Akte erhalten. Manche Sachakten, sofern sie biographischer Datender Heimbewohner oder Mitarbeitenden enthalten, sind ebenfalls mit einer Schutzfrist belegt. Ansonsten können diese eingesehen werden.

Bestand L9 in der Beständeübersicht des Landeskirchlichen Archivs

Beitragsbild: Plakat bzw. Titelbild für die Festschrift,1960, L 9 Nr. 2521

 

Fotografien württembergischer Templer

1. Juli 2022 | | ,

Vorgestern, am 29. Juni, wurde in der Hirschwirtscheuer in Künzelsau die Ausstellung “Die neue Heimat im Heiligen Land. Fotografien württembergischer Templer 1868-1948” eröffnet. In der Ausstellung werden Fotografien gezeigt, die von Mitgliedern der Tempelgesellschaft im letzten Drittel des 19. und ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Palästina, dem heutigen Israel angefertigt wurden. Die Fotografien zeigen die Begegnung der Kulturen, Szenen des Alltagslebens, der Freizeitgestaltung, der handwerklichen und wirtschaftlichen Tätigkeiten, des Vereinslebens, sowie des spezifischen Gemeindelebens in den Siedlungen, die diese Glaubensbewegung mit protestantischen und meistens württembergischen Wurzeln im Heiligen Land gegründet hat. Der größte Teil der Fotografien stammt aus der persönlichen Sammlung des Historikers Alex Carmel (1931-2002). Ergänzt wurde die Schau mit Fotografien aus den Beständen des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart.

Die Begrüßung erfolgte durch die Direktorin der Sammlung Würth C. Sylvia Weber. Grußworte sprachen Jörg Klingbeil, der Gebietsleiter der Tempelgesellschaft, sowie Professor Reinhold Würth, der die Ausstellung überhaupt erst ermöglicht hatte. Zur Ausstellung sprachen die Kuratoren Dr. Jakob Eisler, Mitarbeiter im Landeskirchlichen Archiv,  und Dr. Nurit Carmel, Tochter von Alex Carmel, die sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit der Thematik historischer Aufnahmen Palästinas beschäftigt.

Das Landeskirchliche Archiv wurde in den Grußworten verschiedentlich erwähnt, nicht zuletzt deshalb, da das hochinteressante Archiv der Tempelgesellschaft in Zukunft dort verwahrt werden wird.

Die Ausstellungseröffnung war mit etwa 170 Personen sehr gut besucht. In aller Ruhe konnte man danach die faszinierenden Aufnahmen betrachten, in diese vergangene Welt eintauchen, für eine Weile die Krisen der Gegenwart vergessen, und sich bei bestem sommerlichen Wetter danach draußen an den Stehtischen über das Gesehene und Gehörte austauschen.

Die Ausstellung wird noch bis zum Januar 2023 zu sehen sein. Ein Katalog ist erschienen.

 

Die Ausbildung zur „vollkommenen Hausfrau“ – Das Königin Paulinenstift in Friedrichshafen

29. Juni 2022 | |

Bei strahlendem Sonnenschein im Garten direkt am Bodensee ausspannen, mit der Segeljacht über den See schippern oder in den nahegelegenen Alpen Ski fahren. Das Königin Paulinenstift in Friedrichshafen machte seinem honorigen Namen alle Ehre und bot seinen Schülerinnen neben einer gründlichen hauswirtschaftlichen Ausbildung ein ansprechendes Angebot an Freizeitaktivitäten.

1856 als höhere Töchterschule gegründet, im Laufe der Zeit den Anforderungen angepasst und daher eine Haushaltungsschule nebst Abschluss der Mittlerer Reife anbietend, legte das Paulinenstift Wert auf die Ausbildung junger Damen zu guten Hausfrauen. Geleitet von einer (ledigen) Vorsteherin verbrachten die jungen Frauen ein Jahr am schönen Bodensee, lernten hier alles zum Thema Haushaltsführung, Kochen und Säuglingspflege und genossen dazu ein kulturelles und sportliches Freizeitprogramm. Der Bestand L 14 im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart gibt einen guten Überblick über die Geschichte des Paulinenstifts und ist eine wahre Fundgrube für sozialgeschichtliche Forschungen.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg erfolgte mit dem Besuch der Frauenfachklasse die Vorbereitung auf die damals üblichen „Frauenberufe“ in der Krankenpflege oder Kinderbetreuung. An Schülerinnen mangelte es nicht. Vor allem in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg erfreute sich die Schule größter Beliebtheit – was sehr wahrscheinlich an der guten Versorgung im agrarisch geprägten Oberschwaben lag. Während der nationalsozialistischen Herrschaft musste die Schule 1937 aufgrund ihrer christlichen Prägung schließen und konnte ihre Tore erst wieder 1950 öffnen.

Mit einer Haushaltungs- und einer Frauenfachschulklasse war die Schule nun sehr erfolgreich. Die Schülerinnen kamen aus ganz Deutschland. Meist waren es Töchter aus besser gestellten Familien, die das Schulgeld von über 3000 DM in den 1950er Jahren aufbringen konnten. Eine große Zahl der Schülerinnen stammte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die nun mittellos dastanden und genauso wie viele vaterlose Mädchen der Nachkriegsgesellschaft um eine vergünstigte Aufnahme im Paulinenstift baten. Ihre Eltern konnten sich eine gute Ausbildung zumeist nicht mehr leisten, wünschten sich für ihre Töchter jedoch eine solche.

Sogar aus dem fernen Mittel- und Südamerika kamen Schülerinnen an den Bodensee. Deren Väter waren oft als Kaufmänner oder Ingenieure noch vor dem Krieg mit ihrer Familie nach Südamerika ausgewandert und wollten nun ihren Kindern eine Ausbildung in deutscher Sprache ermöglichen. Durch persönliche Empfehlung ehemaliger Gastschülerinnen oder deren Familien, kamen über viele Jahre hinweg Mädchen von Chile und Mexiko City ins Stift nach Friedrichshafen.

Ab Mitte der 1960er Jahre ging das Interesse an einer Ausbildung in Haushaltsführung merklich zurück. Trotz mehrerer Versuche des Schulvorstands, neue Formen der Ausbildung zu schaffen, sanken die Schülerinnenzahlen rapide. 1974 schloss das Königin Paulinenstift nach über 100 Jahren seine Pforten. Nur das seit 1950 betriebene kleine Altersheim wurde von der evangelischen Heimstiftung übernommen und wird bis heute auf dem Grundstück betrieben.

Der Bestand wurde dieses Jahr verzeichnet und steht interessierten Nutzern nun für Forschungen zur Verfügung. Das Archivinventar finden Sie hier in unserer Online-Recherche.

Beitragsbild: LKAS, L 1, Nr. 5391. Ansicht Paulinenstift

Begegnung im Archiv. Wer sind unsere Nutzerinnen und Nutzer, Teil 6

23. Juni 2022 | |

Wir treffen Tobias Dietze im Lesesaal.

Dietze hat evangelische Theologie an der Universität Leipzig studiert und schließt gegenwärtig die Arbeiten an seiner Dissertation über das Wirken von Ludwig Hofacker ab. Die Arbeit trägt den Titel „Der Erweckungsprediger Ludwig Hofacker. Biographie, Spiritualität und Rhetorik – Eine homiletische Studie“.

Tobias Dietze ist seit Januar 2021 Pfarrer im Erzgebirge. Die Predigten von Ludwig Hofacker sind zugleich Hauptquelle seiner Forschungen und auch Inspiration für die eigene Pfarrtätigkeit. „Von Hofacker zu lernen, habe etwas Beruhigendes. Hofacker vermittele die Gewissheit, dass es letztlich nur darum geht, Christus zu predigen“, beschreibt Dietze seinen theologischen Zugang zu Ludwig Hofacker.

Für sein Forschungsvorhaben hat Dietze zahlreiche Archive besucht, u.a. das Archiv der Basler Mission, das Literaturarchiv in Marbach, das Archiv des Evangelischen Stifts in Tübingen oder die Pfarrarchive in Plieningen und Rielingshausen.

Im Landeskirchlichen Archiv wertet er neben den Konsistorialakten (A 26 allgemeine Kirchenakten und A 27 Personalakten) v.a. den Nachlass von Albert Knapp, dem besten Freund und Biographen Ludwig Hofackers (Bestand D 2) aus.

Dietzes Archivrecherchen sind nun mehr abgeschlossen, die Fertigstellung seiner Dissertation für 2023 geplant.

 

Eintrag zu Ludwig Hofacker im Pfarrerbuch Königreich Württemberg: Personensuche Hofacker, Gustav Wilhelm Ludwig (wkgo.de)

Das neue Online-Angebot des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart: Recherche-Seite mit digitalen Nutzungsmöglichkeiten

20. Juni 2022 | | ,

Nach umfangreichen Vorarbeiten und den ein oder anderen zu überwindenden technischen Problemen, verbessert das Landeskirchliche Archiv Stuttgart sein Online-Angebot mit einem großen Schritt: ab sofort sind auf der Webseite suche.archiv.elk-wue.de  Informationen zum größten Teil der im Archiv archivierten Bestände für die Öffentlichkeit zugänglich. Dabei reicht das Spektrum von wenigen Informationen – Bestandsname, Bestandssignatur, Laufzeit – bei noch unerschlossenen Beständen, über eingescannten Fragebögen zu pfarramtlichen Registraturen aus den 1940er und 1950er Jahren, eingescannten Findbüchern aus den 1960er bis 1980er Jahren, bis hin zur vollständigen Erschließungsinformationen zu den einzelnen Verzeichnungseinheiten eines Bestandes.

Als Krönung bietet das Archiv zudem bei vielen Beständen Digitalisate von Bänden, Büscheln oder Fotos, die bequem orts- und zeitunabhängig online benutzt werden können. Aktuell stehen 869.146 Digitalisate mit einem Umfang von 7.250 GB von 3.350 Verzeichnungseinheiten aus 113 Beständen online zur Verfügung.

Der Zugriff auf die Informationen und Digitalisate kann auf zwei Wegen geschehen. Zum über die Tektonik (das „Inhaltsverzeichnis“ des Archivs), zum anderen über die Suchfunktion.

 

Folgende Bestände sind vollständig digitalisiert:

  • Visitationsberichte 1581 bis 1822 (A 1)
  • Sitzungsprotokolle des Konsistoriums 1556 bis 1922 (A 3)
  • Nachlass Theophil Wurm 1883 bis 1986 (D 1)
  • Evangelische Bekenntnisgemeinschaft in Württemberg / Theodor Dipper 1930 bis 1969 (D 31)
  • Nachlass Heinrich Fausel 1923 bis 1966 (D 33)
  • Nachlass Werner Oloff 1945 bis 1968 (D 113)

 

Folgende Bestände sind teilweise, dies aber umfangreich, digitalisiert:

  • aus A 13: Zeugnisbücher 1614 bis 1897
  • aus A 29: Pfarrbeschreibungen und Pfarrberichte 19. Jahrhundert bis ca. 1923

 

Außerdem hat das Landeskirchliche Archiv damit begonnen, die Kirchenkonventsprotokolle ausgewählter Dekanat- und Pfarrämter zu digitalisieren. Von folgenden Dekanat- und Pfarrämtern stehen die überlieferten Kirchenkonventsprotokolle bereits vollständig digital zur Verfügung:

  • Dekanatamt Aalen (F 1)
  • Dekanatamt Bad Cannstatt (F 3)
  • Dekanatamt Bad Urach (F 4)
  • Dekanatamt Balingen (F 5)
  • Dekanatamt Besigheim (F 6)
  • Dekanatamt Biberach (F 8)
  • Dekanatamt Freudenstadt (F 17)
  • Dekanatamt Gaildorf (F 18)
  • Dekanatamt Heidenheim (F 21)
  • Dekanatamt Kirchheim unter Teck (F 24)
  • Dekanatamt Künzelsau (F 25)
  • Dekanatamt Marbach (F 29)
  • Dekanatamt Nagold (F 32)
  • Dekanatamt Öhringen (F 37)
  • Dekanatamt Ravensburg (F 38)
  • Dekanatamt Reutlingen (F 39)
  • Dekanatamt Tuttlingen, mit Hohentwiel (F 47)
  • Dekanatamt Weikersheim (F 51)
  • Pfarramt Alpirsbach (G 758)
  • Pfarramt Baiersbronn (G 759)
  • Pfarramt Bernhausen (G 69)
  • Pfarramt Beuren (G 461)
  • Pfarramt Beutelsbach (G 756)
  • Pfarramt Bietigheim (G 82)
  • Pfarramt Birkach (G 709)
  • Pfarramt Bodelshausen (G 566)
  • Pfarramt Botenheim (G 153)
  • Pfarramt Böttingen (G 27)
  • Pfarramt Bronnweiler (G 487)
  • Pfarramt Dettenhausen (G 568)
  • Pfarramt Dettingen am Albuch (G 300)
  • Pfarramt Dietersweiler (G 760)
  • Pfarramt Dornstetten (G 761)
  • Pfarramt Dottingen-Steingebronn (G 32)
  • Pfarramt Dußlingen (G 569)
  • Pfarramt Ebhausen (G 180)
  • Pfarramt Endersbach (G 645)
  • Pfarramt Erpfingen (G 490)
  • Pfarramt Feuerbach (G 750)
  • Pfarramt Flözlingen (G 774)
  • Pfarramt Fürnsal (G 238)
  • Pfarramt Genkingen (G 768)
  • Pfarramt Glatten (G 762)
  • Pfarramt Gomaringen (G 776)
  • Pfarramt Göttelfingen (G 239)
  • Pfarramt Grömbach (G 183)
  • Pfarramt Gruibingen (G 267)
  • Pfarramt Grüntal (G 763)
  • Pfarramt Haubersbronn (G 502)
  • Pfarramt Hausen an der Lauchert (G 770)
  • Pfarramt Hochberg [Remseck] (G 386)
  • Pfarramt Hülben (G 39)
  • Pfarramt Kemnat (G 73)
  • Pfarramt Klosterreichenbach (G 764)
  • Pfarramt Kuppingen (G 337)
  • Pfarramt Lampoldshausen (G 454)
  • Pfarramt Lustnau (G 575)
  • Pfarramt Massenbach (G 163)
  • Pfarramt Metterzimmern (G 95)
  • Pfarramt Mötzingen (G 767)
  • Pfarramt Münchingen (G 634)
  • Pfarramt Mundelsheim (G 408)
  • Pfarramt Münster am Neckar (G 702)
  • Pfarramt Neckarhausen (G 467)
  • Pfarramt Neckartailfingen (G 468)
  • Pfarramt Neckartenzlingen (G 469)
  • Pfarramt Nellingen auf den Fildern (G 75)
  • Pfarramt Neubulach (G 190)
  • Pfarramt Neuhengstett (G 191)
  • Pfarramt Neuneck (G 240)
  • Pfarramt Ofterdingen (G 580)
  • Pfarramt Ohmenhausen (G 493)
  • Pfarramt Ohnastetten (G 771)
  • Pfarramt Öschingen (G 579)
  • Pfarramt Ostelsheim (G 193)
  • Pfarramt Petruskirche Gablenberg 1. Pfarramt (G 744)
  • Pfarramt Pfalzgrafenweiler (G 766)
  • Pfarramt Pflummern (G 772)
  • Pfarramt Reinerzau (G 241)
  • Pfarramt Rohracker (G 704)
  • Pfarramt Ruit (G 78)
  • Pfarramt Scharnhausen (G 79)
  • Pfarramt Schömberg [Loßburg] (G 242)
  • Pfarramt Simmersfeld (G 196)
  • Pfarramt Simmersfeld (G 196)
  • Pfarramt Steinheim am Albuch (G 765)
  • Pfarramt Steinheim an der Murr (G 414)
  • Pfarramt Sulz am Eck (G 199)
  • Pfarramt Tumlingen (Waldachtal) (G 244)
  • Pfarramt Undingen (G 496)
  • Pfarramt Unterjesingen (G 587)
  • Pfarramt Unterlenningen-Brucken (G 358)
  • Pfarramt Wankheim (G 589)
  • Pfarramt Wart (G 201)
  • Pfarramt Wildberg (G 202)
  • Pfarramt Willmandingen (G 773)
  • Pfarramt Wittendorf-Lombach (G 245)

Digitalisate weiterer Kirchenkonventsprotokolle und anderer Archivalien werden nach und nach folgen. Einen Beitrag zu den Kirchenkonventsprotokollen als historischer Quelle von unserem Mitarbeiter Dr. Bertram Fink finden Sie hier auf unserer Homepage.

Auf unserem Blog hat Stefanie Palm eine sechsteilige Beitragsserie über die Quellengattung veröffentlicht.

Meta Diestel (1877-1968) 145 Jahre

15. Juni 2022 | |

Königliche Kammersängerin, Gesangspädagogin, Volksseelsorgerin, Wohltäterin – all diese Facetten umfassen das Wirken der vor 145 Jahren geborene Meta Diestel (1877-1968).

Meta Diestel wurde 1877 in Tübingen in eine Theologenfamilie hineingeboren. Am Stuttgarter Konservatorium für Musik studierte sie Gesang und ihr stand eine große Karriere als Altistin bevor. Mit dem Titel „königliche Kammersängerin“ reiste sie durch viele Länder und erwarb sich einen hervorragenden Ruf, ganz besonders mit Bachoratorien. Doch dann kam der Erste Weltkrieg. „Wer konnte jetzt überhaupt noch singen?“, schrieb sie in ihrer Auto­bio­grafie „Ein Herz ist unterwegs“ (Nürnberg 1952, S. 53). Angesichts des Krieges traf die Künstlerin eine folgenreiche Entscheidung: Sie gab fortan Frontkonzerte und sang in Lazaretten. Darüber hinaus stellte sie sich ehrenamtlich in den Dienst kirchlicher Frauenverbände, gab Liederabende in deutschen Städten und Dörfern für Butter, Eier, Milch und Textilien, die dann an Kinderheime, Kindergärten und bedürftige Familien verteilt wurden. 1917 beteiligte sie sich an der Gründung einer Mütterschule in Stuttgart, der ersten Deutschlands.

An ihrem sozialen Engagement hielt sie auch nach dem Krieg fest. Es herrschten Arbeitslosigkeit, Inflation und Hungersnot. 1923 unternahm Meta Diestel eine Konzertreise in die USA mit 24 Aufführungen in New York und anschließender Tournee durch 16 Staaten: 130 Konzerte in 108 Tagen. Auf diese Art ersang sie tonnenweise Trockenmilch für Kinderheime in Deutschland. Aus der Königlichen Kammersängerin war eine „Speisekammersängerin“ geworden, wie sie sich selbst gern nannte.

In den 1920er Jahren kam sie in Kontakt mit der Jugendmusik­bewegung. Sie entdeckte die gemeinschaftsstiftende Kraft des Gesangs und damit auch einen neuen Zugang zur biblischen Botschaft. Sie ließ sich zur Singleiterin ausbilden, dirigierte große Singgruppen und veranstaltete an vielen Orten das von ihr eingeführte „Müttersingen“. Die evangelischen Frauenverbände rissen sich um sie.

Wer das einmal miterlebt hat“, schrieb der Berliner evangelische Bischof Otto Dibelius, „wie diese Frau vor eine Versammlung von 300 oder 600 oder 800 Frauen trat, wie unter ihrem Wort und unter ihrer fortreißenden Leitung die gleichgültigen, sorgenvollen, vielfach stumpf gewordenen Gesichter sich allmählich erhellten, sich immer mehr auflockerten, bis zum Schluss der Singstunde lauter fröhliche Menschen in einen froh bewegten Lobgesang einstimmten – der vergisst das nicht wieder. Hier geschah Seelsorge großen Stils.“ (Otto Dibelius, Geleitwort zu Meta Diestel, Ein Herz ist unterwegs, Nürnberg 1952, S. 5 f).

Ein Großteil ihres Einsatzes galt dem 1933 gegründeten evangelischen Bayerischen Mütterdienst. Zur NS-Mütterarbeit hielt sie entschieden Distanz. Unermüdlich zog sie durch die Müttererholungsheime oder hielt Singstunden ab mit den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen auf den jährlichen Arbeitstagungen des Mütterdienstes. Die Müttersingstunden führten sie auch während des Zweiten Weltkrieges durch ganz Deutschland, egal wie mühsam und gefährlich die Anfahrt war – in überfüllten Zügen mit einem Rucksack voller Liederbücher, manchmal unter Tieffliegerbeschuss.

Ein solcherart beruflich aktives Leben bedeutete für Frauen dieser Zeit oft Verzicht auf Ehe und Familie. Meta Diestel wollte ihren Lebensweg nicht allein gehen. In den 1920er Jahren begegnete sie im Umfeld der evangelischen Frauenverbände Heidi Denzel (1893-1975), der Geschäftsführerin der Frauenabteilung des Evangelischen Volksbundes, die in der Frauenarbeit engagiert war wie sie selbst. Die beiden Frauen verstanden sich sofort und wurden schließlich Lebensgefährtinnen. Ihr gemeinsamer Haushalt in Stuttgart-Degerloch war lebhaftes Zentrum für Geschwister, Neffen und Nichten beider Familien sowie für einen weit gefassten Kreis von Gleichgesinnten.

Eine Herzerkrankung zwang Meta Diestel sich 1955 aus dem aktiven kirchlichen Dienst zurückzuziehen. Dennoch unterstützte sie, soweit es ging, wohltätige Einrichtungen und organisierte Hilfspakete für die DDR.

Für ihre künstlerischen und sozialen Verdienste wurde Meta Diestel 1957 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz gewürdigt. 1968 starb sie mit 91 Jahren. Sie ist auf dem Alten Friedhof in Stuttgart-Degerloch begraben.

Im Landeskirchlichen Archiv gibt es zahlreiche Quellen und Objekte, die das facettenreiche Leben und Engagement dieser Frau dokumentieren.

 

Quellen LKAS:

Film Meta Diestel und Heidi Denzel 1962 in ihrer Wohnung in Stuttgart-Degerloch  (auf dem Youtube-Kanal des Landeskirchlichen Archivs)

Frauenarbeit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg K 6

Frauenwerk der Evangelischen Landeskirche in Württemberg K 17

Evangelische Frauen in Württemberg (EFW) K 38

Personalakte Meta Diestel

Personalakte Heidi Denzel

Konvolut Briefe von Meta Diestel an Heidi Denzel (noch unverzeichnet)

 

Literatur:

Meta Diestel, Ein Herz ist unterwegs: aus Leben und Arbeit, Nürnberg 1952

Meta Diestel, Vom Müttersingen. Evang. Frauenhilfe in Württemberg, Stuttgart, ca. 1960

Das Pfingstwunder der Mauritiuskirche in Rommelshausen

2. Juni 2022 | |

Die biblische Geschichte des Pfingstwunders aus dem Neuen Testament (Apg 2, 1-24) wird im südlichen Chorfenster der vmtl. ab dem 14. Jahrhundert errichteten Pfarrkirche St. Mauritius in Rommelshausen visualisiert, und zwar in den Glasmalereien eines spitzbogig schließenden Maßwerkfensters, das aus zwei genasten Lanzetten mit bekrönendem Couronnement besteht. Die Farbgläser wurden 1986 von der 1941 in Stuttgart geborenen Künstlerin und Glasmalerin Anne Dore Kunz-Saile, Tochter des Glasmalermeisters Adolf Valentin Saile und Bruder von Glasmalermeister Valentin Saile, im V. Saile Atelier für Glasgestaltung geschaffen und im Chorfenster der Mauritiuskirche eingesetzt. Das Bildwerk ist entsprechend der Wundergeschichte in verschiedenen Ebenen zu lesen. Im bekrönenden Couronnement des Maßwerkfensters erscheint die Trinität, das heißt der dreieinige Gott in Gestalt eines einem Dreieck einbeschriebenen Auges als Symbol für Gottvater, dem hinterfangenden Kreuz als Symbol für seinen Sohn und schließlich den zungenförmigen Flammen als Symbol für den Heiligen Geist. Der dreieinige Gott sendet seinen Geist in Gestalt eben dieser rot und gelb aufleuchtenden Flammen über die Köpfe der Jünger, die in den beiden Lanzetten des Maßwerkfensters dargestellt sind. Vom Heiligen Geist erfasst vermögen sie, so erzählt es die Bibel, in verschiedenen Sprachen zu sprechen, so dass jeder die Botschaft der Bibel verstehen kann. Alle Jünger spüren in unterschiedlicher Weise die göttliche und gleichsam enorme Wirkungskraft des Heiligen Geistes, wissen aber nicht, wie ihnen geschieht, sind fassungslos, erschrocken, verwundert oder überrascht und wenden sich großenteils in ihrer jeweils individuellen Mimik, Gebärde, Gestik oder auch Blickrichtung Gottvater zu. Sie sind versammelt in einer schlichten grüngefassten Rahmenarchitektur mit abschließendem Giebel als Zeichen für das Haus, in welchem sie zusammenkamen. Im oberen Abschluss der rechten Lanzette ist der Turmbau zu Babel aus dem Alten Testament (Gen. 11, 1-9) als Antonym für das Pfingstwunder zu sehen, ein Wunder der Verständigung trotz der vielen unterschiedlichen Menschen, die sich einst anschickten, den Turm zu bauen. Im oberen Abschluss der gegenüberliegenden Lanzette ist ein Schiff wiederum als Symbol für die Kirche zu sehen, das in allen Zeiten des menschlichen Lebens immer wieder neu und in anderen Wegen in und zu Gott unterwegs ist. In der Pfingstdarstellung von Rommelshausen ist also die Kirche im alt- und neutestamentlichen Kontext und in unterschiedlichen theologischen Auslegungen bis in unsere moderne Gesellschaft hinein präsent und somit gewinnt der schon immer in ihr wohnende Heilige Geist auch für uns heute noch umso mehr an Bedeutung.

 

Literatur:

Hepperle, Jürgen: Die Evangelische Mauritius-Kirche zu Kernen-Rommelshausen. Kleiner Kirchenführer zum 150jährigen Jubiläum. Kernen i.R. 1994, S.16-17.

Schahl, Adolf: Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises. Bd.1. München 1983, S. 424-428.

Philipps, Albrecht: Creator Spiritus. Das Wirken des Heiligen Geistes als theologisches Grundthema. Göttingen 12019.

Sachs, Hannelore/Badstübner, Ernst/Neumann, Helga: Christliche Ikonographie in Stichworten. Leipzig 31988, S. 283-284.

 

Die stilistischen Dimensionen der Himmelfahrt Christi

25. Mai 2022 | |

Kirche St. Nikolaus, Aalen. Foto: Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Die Himmelfahrt Christi bedeutet die im Beisein der Jünger erfolgte Aufnahme Christi in den Himmel am vierzigsten Tag nach Ostern und wird im Neuen Testament in Mk 16,19, in LK 24, 50-51 und in der Apg 1, 9 erzählt Die frühesten Darstellungen dieses Themas entstanden um 400 und schon von Anfang an existieren zwei Bildtypen, nämlich einerseits derjenige, in welchem Christus von Engeln in den Himmel getragen wird und andererseits derjenige, in welchem Christus in den Himmel schreitet und die ihm aus den himmlischen Wolken entgegengestreckte Hand Gottes ergreift. Während der erste Bildtypus eher in der byzantinischen Kunst seit 400 vorkommt, ist der zweite Bildtypus vornehmlich in der westeuropäischen Kunst zu finden und zeigt sich bereits auf einer um 400 in Rom oder Mailand entstandenen Elfenbeintafel, nämlich der sog. Reiderschen Tafel, welche im Nationalmuseum in München mit der Inventarnummer MA 157 aufbewahrt wird und von Martin Joseph von Reider aus Bamberg 1860 für das Museum erworben wurde. In der karolingischen Kunst ist dieser Typus nahezu Usus, doch zeigt sich um 1000 auch der Typus von Christus, der im Bild nicht mehr in ganzer Figur, sondern nur noch partiell erscheint, da er der irdischen Sphäre schon teilweise entfleucht ist. Dieser Typus ist in der Zeit der Gotik üblich, während im Zeitalter der Renaissance und insbesondere des Barock die Himmelfahrt Christi im Sinne des genannten zweiten Bildtypus glorifiziert wird. Als Beispiel dafür sei das einem Vierpass einbeschriebene 1766-1767 von Anton Wintergerst und Johann Michael Winneberger geschaffene Deckengemälde im Kirchenschiff der Stadtkirche St. Nikolaus in Aalen gezeigt. Hier schwebt Christus auf von Engeln getragenen Wolken und erhebt seine Rechte in Richtung eines dunklen Wolkensaumes mit Engelsköpfen und winkt Gottvater, der per se unsichtbar bleibt, in freudiger Erwartung zu. Demzufolge wendet er diesem auch seinen ganzen Körper und seine Blickrichtung zu, während die in der irdischen Sphäre gebliebenen Apostel, die dem Ereignis beiwohnen, ganz unterschiedlich reagieren und sich in verschiedenen Gebärden und Gesten zeigen. Sie sind ängstlich, erschrocken, überrascht oder neugierig, kauern sich, um möglichst nicht gesehen zu werden, mit verschlossenem Gesicht ein oder wenden sich andächtig oder anbetend Christus zu. Dabei zeigen manche auch auf ihn, wodurch die Bedeutung des Ereignisses noch umso stärker akzentuiert wird. Die der Figuren innewohnende Kreisbewegung impliziert die Verbindung zwischen irdischer und himmlischer Sphäre, zwischen Christus und den Menschen und ist nicht allein Charakteristikum der Künstler, sondern gleichsam auch der barocken Epoche, in welcher der himmlischen Sphäre eine besondere Rolle eingeräumt wird und an welcher der irdische Mensch als Teil des Universums auch teilhaben möchte.

Einen ganz anderen Typus wiederum zeigt die moderne Figur des auffahrenden Christus, die in den 1960er Jahren von der Bildhauerin Ruth Speidel für die Stuttgarter Christuskirche geschaffen wurde. Die über dem Altar schwebende, aus Zirbenholz geschnitzte Figur ist zwar mittels eines Stahlarms an der rückwärtigen Wand befestigt, doch ist dieser vom Gottesdienstraum aus nicht sichtbar. Die somit scheinbar schwebende Figur symbolisiert die Himmelfahrt Christi durch ihre Auffahrt in den Himmel, obwohl letzterer gar nicht wiedergegeben und somit nicht in realiter thematisiert ist. Allein die Gebärde und Gestik des Auffahrenden sind relevant. Sein Körper ist entspannt gestreckt, sein leichtes Hohlkreuz bewirkt, dass sein um ihn gelegter Mantel hinter seinem Rücken lose flattert. Er hat seine Arme in unterschiedlichen Winkeln über seinem Kopf erhoben und seine Beine mit leichtem Schritt und nach unten gestellten Füßen locker gestreckt und begibt sich in dieser losgelösten Haltung in eine für uns Menschen nicht erreichbare Sphäre. Durch die erhobenen Arme wird sein aufgerichteter Kopf nahezu umschlossen und dadurch die entrückte Sphäre noch umso deutlicher hervorgehoben. Die Figur ist nicht naturalistisch, sondern durch stilisierte Körperformen mit großem Kopf, großen Händen und überdimensionierten Beinen wiedergegeben, so dass es nicht auf die plastische Herausarbeitung von körperlichen Details ankommt, sondern eben auf die Betonung der Gebärde und Gestik, die eben gerade durch die langsam aufschwebende Bewegung evoziert sind.

 

Literatur:

Sachs, Hannelore/Badstübner, Ernst/Neumann, Helga: Christliche Ikonographie in Stichworten. Leipzig 31988, S. 177-178.

Speidel, Ruth: Ein Lebenswerk. Stuttgart 1991, S. 7-9.

https://de.wikipedia.org/wiki/Reidersche_Tafel

Verabschiedung von Prof. Dr. Norbert Haag

19. Mai 2022 | |

Am Nachmittag des 6. Mai fand in den Räumlichkeiten des Landeskirchlichen Archivs die Verabschiedung unseres langjährigen Archivleiters statt. Zahlreiche Gäste aus dem Oberkirchenrat, von anderen Archiven, aus dem beruflichen und persönlichen Umfeld von Norbert Haag waren gekommen. Wie es für eine kirchliche Einrichtung angemessen ist, wurde auch gesungen und es gab eine Andacht durch Oberkirchenrat Georg Eberhardt. Für eine stimmungsvolle musikalische Begleitung der Feier sorgte Kantor Leonhard Völlm. Grußworte sprachen der Direktor des Oberkirchenrats Stefan Werner, der Präsident des Baden-Württembergischen Landesarchivs Prof. Dr. Gerald Maier, die Leiterin des Landeskirchlichen Archivs Karlsruhe Mareike Ritter, die Leiterin des Diözesanarchivs Rottenburg-Stuttgart Frau Angela Erbacher, sowie Prof. Dr. Siegfried Hermle für den Verein der Württembergischen Kirchengeschichte.

Norbert Haag war 14 Jahre lang Leiter des Landeskirchlichen Archivs. Nach seinem Abitur studierte er Geschichte und evangelische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Seine Promotion erlangte er daselbst für seine Dissertation über die lutherische Orthodoxie in Ulm von 1640-1740 (1989).  Im Anschluss absolvierte er die Ausbildung des Landesarchivs zum Höheren Archivdienst an der Archivschule Marburg. Ein Jahr lang war er im Anschluss bei Generallandesarchiv Karlsruhe tätig. Schon 1991 kam er zum Landeskirchlichen Archiv Stuttgart, dem er mehr als drei Jahrzehnte treu bleiben sollte. Als Prof. Dr. Hermann Ehmer im Jahr 2008 in den Ruhestand ging wurde er sein Nachfolger. Nebenberuflich schrieb er seine Habilitation über die geistlichen Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zwischen 1448 und 1648 (2013).  Er wurde zum außerplanmäßigen Professor der Universität Tübingen ernannt. Seit 2013  war er Leiter des Referats Archiv/Bibliothek/Dokumenten- und Wissensmanagement im Oberkirchenrat Stuttgart. Außerdem war er viele Jahre Vorsitzender des Vereins für Württembergische Kirchengeschichte.

Beim anschließenden Empfang hatten alle Anwesenden die Gelegenheit sich auszutauschen und Herrn Haag für die neue Lebensphase alles Gute zu wünschen.

Vortrag: Historische Quellen zur Pietà aus der Liebfrauenkirche in Lienzingen

13. Mai 2022 | | ,

Derzeit findet ein Projekt verschiedener Partner statt, um die Lienzinger Pietà wissenschaftlich aufzuarbeiten, konservatorisch zu sichern und sie in Form einer Replik wieder an ihrem originalen Platz in der Liebfrauenkirche in Mühlacker-Lienzingen aufzustellen. Die nahezu lebensgroße Lindenholzskulptur rückt dadurch nach langem Dornröschenschlaf in das öffentliche Interesse. Es liegen inzwischen Anfragen vor, sie auch in Ausstellungen in Karlsruhe und Paris zu zeigen. Seit April läuft zu dem Thema eine Vortragsreihe, die von der Volkshochschule Mühlacker veranstaltet wird. Die Vorträge finden in der historischen alten Kelter in Mühlacker statt, wo die Pietà auch ausgestellt wird. Direkt neben der Originalskulptur entsteht derzeit eine Kopie, die durch einen Bildhauer hergestellt wird. Die durch Bilderstürmerei der Reformationszeit stark beschädigte Skulptur (beide Köpfe fehlen) wird in der Kopie ergänzt.

Dr. des. Andreas Butz vom Landeskirchlichen Archiv wird im Rahmen der Vortragsreihe am 19. Mai die historischen Quellen zur Pietà, zur mittelalterlichen Kapelle und zur Wallfahrt und Marienverehrung vorstellen.

Das Programm der Vortragsreihe und Informationen zur Anmeldung erhalten Sie hier.

 

 

Beitragsbild: Ansicht von Lienzingen von Andreas Kieser, 1684. Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, Bestellsignatur H 107/16 Bd 5 Bl. 9, Permalink http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-513372

Das Landeskirchliche Archiv als Sammelstelle für Materialien für die Ukraine (Kulturschutz)

11. Mai 2022 | |

Der Krieg in der Ukraine gefährdet auch die Bestände der kulturellen Einrichtungen wie Archive, Bibliothek oder Museen. Historiker befürchten die Zerstörung von Archiven als Gedächtnisort des kulturellen Erbes der Ukraine.

Zur Unterstützung der Ukrainischen Einrichtungen bei der Erhaltung und Bergung von Kulturgütern wurde auf Bundesgebiet Ende März das Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine gegründet.

Auf Initiative der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien (BKM) und dem Auswärtigen Amt sollte kurzfristig eine deutschlandweite Spenden- und Sammelaktion für Material zum Schutz der Kulturgüter in der Ukraine organisiert werden. Beteiligt sind daran neben dem Deutschen Archäologischen Institut und der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk mit dem Projekt KulturGutRetter u.a.Blue Shield Deutschland e.V., die Deutsche Gesellschaft für Kulturgutschutz e.V. (DGKS) und SiLK – SicherheitsLeitfaden Kulturgut (im Rahmen seiner Funktion als Koordinator der Notfallverbünde).

Die Notfallverbünde in Deutschland http://notfallverbund.de haben zu diesem Zweck Sammelstellen eingerichtet, an denen Sachspenden abgegeben werden können. Von dort aus wird der Weitertransport an die zentrale Sammelstelle des THW und weiter in die Ukraine organisiert.

Auch in Stuttgart musste ein Sammellager eingerichtet werden. Auf Anfrage des Sprechers des Stuttgarter Notfallverbundes (http://notfallverbund.de/verbuende/listenansicht/notfallverbund-stuttgart) Christian Müller, Mitarbeiter des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg hat sich daher das Landeskirchliche Archiv Stuttgart bereit erklärt, die Materialsammlung und den Weitertransport zu koordinieren.

Die 15 im Stuttgarter Notfallverbund zusammengeschlossenen Archive, Bibliotheken und Museen waren dazu aufgerufen, Verpackungsmaterialien wie säurefreie Archivierungsboxen, Plakatrollen, Luftpolsterfolien, Seidenpapier oder Holzkisten für den Transport von Bildern für die Ukrainischen Kultureinrichtungen zu spenden.

Innerhalb einer Woche kamen so insgesamt 17 Paletten an Hilfsgütern zusammen, gespendet etwa vom SWR, dem Staatsarchiv Ludwigsburg, dem Stadtarchiv Stuttgart, dem Landesmuseum oder dem Wirtschaftsarchiv. Im Landeskirchlichen Archiv wurde das Material vorsortiert, transportfähig auf Paletten gepackt und für den Weitertransport in die Ukraine in deutsch-englisch-sprachigen Materiallisten aufgeführt. Am 3. Mai wurden die umfangreichen Stuttgarter Materialspenden dann im Landeskirchlichen Archiv vom Stuttgarter und Göppinger Ortsverband des THW abgeholt und zunächst an das THW-Zentrallager in Hilden bei Düsseldorf verbracht. Von dort wird der Transport in die Ukraine organisiert.

Für die Mitarbeitenden des Landeskirchlichen Archivs und der Landeskirchlichen Zentralbibliothek war mit der Hilfsaktion letztlich mehr Arbeit verbunden als zunächst gedacht. Aber wir hoffen, dass die Materialien gut in der Ukraine ankommen und dort einen Beitrag zum Schutz und zur Rettung der gefährdeten Kulturgüter leisten.

Die Stuttgarter Nachrichten haben in einem Artikel über die Aktion berichtet.

Maikäfer flieg!

4. Mai 2022 | |

LKAS, Museale Sammlung, Inv. Nr. 00.088

Viele kennen noch dieses bekannte Volkslied, das recht fröhlich beginnt und schon in der zweiten Zeile für irritierenden Ernst sorgt, indem es Krieg thematisiert. Dass das Kinderlied lange Zeit arglos geträllert wurde, zeigt dieses wohl aus den 1950er Jahren stammende Kindertaschentuch, das mit einem Nachlass in unsere Museale Sammlung kam: Zwei lachende, singende Kinder und vier dicke Maikäfer.

Maikäfer sind heutzutage nicht mehr oft zu sehen, dafür sind Kriege und ihre Folgen täglich präsent.

Was hat es mit diesem Volkslied auf sich? Von welchem Krieg ist die Rede? In welchen Kriegsgebieten sind die Eltern dieser Kinder verschwunden? Pommerland? Pommern?

Zahlreiche historische sowie kultur- und literaturwissenschaftliche Deutungen gibt es zur Herkunft dieses Liedtextes. Zunächst ging man davon aus, dass es im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) entstand. Doch das im Text entworfene Bild des ausziehenden Vaters als Soldaten und der zurückbleibenden Familie hat zu dieser Zeit wohl so nicht stattgefunden. Laut dem Historiker Hans Medick seien in Dreißigjährigen Krieg vielmehr ganze Hausstände in Trossen hinter den Armeen hergezogen und hätten vagabundierende Lebensgemeinschaften gebildet. Einen möglichen historischen Bezug sieht Medick eher im Siebenjährigen Krieg (1756–1763), der auch in der Region Pommern drastische Spuren hinterließ.

Die heute bekannte Textversion des Liedes lässt sich seit etwa 1800 in gedruckter Form nachweisen. Die Melodie, die auch für das Wiegenlied „Schlaf, Kindlein, schlaf“ verwendet wird, komponierte Johann Friedrich Reichardt 1781 nach einer Volksweise.

Die anhaltende Beliebtheit des Liedes erklärt sich möglicherweise aus der Faszination seiner Widersprüchlichkeit. Zur lieblichen Wiegenlied-Melodie werden nüchtern die Schrecken benannt: Die Eltern sind verschollen, ob sie zurückkehren, ist ungewiss. Das Spiel der Kinder, Maikäfer einzufangen und wieder fliegen zu lassen, spiegelt Trost und Verzweiflung gleichermaßen.

Quelle:

https://de.wikipedia.org/wiki/Maik%C3%A4fer_flieg

Ein Maikäfer beim Abflug auf einer Apfelblüte. Foto: Jazzclub, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Der Oberkirchenrat kehrt auf historischen Boden zurück

27. April 2022 | |

Während des Neubaus seines Dienstsitzes an der Gänsheidestraße im Osten Stuttgarts befindet sich das Übergangsquartier des Evangelischen Oberkirchenrats bekanntlich im Zentrum der Landeshauptstadt am Rotebühlplatz, der wiederum auf den Alten Postplatz zurückgeht. Fast völlig vergessen ist hingegen, dass es sich dabei gewissermaßen um eine Heimkehr handelt: Die württembergische Kirchenleitung (Konsistorium, Oberkirchenrat) residierte nämlich schon einmal an derselben Stelle im westlichen Bereich der Stuttgarter Innenstadt – und zwar im staatseigenen Bau Alter Postplatz 4, einem ehemaligen Postgebäude aus dem Jahr 1833.

Dieses Gebäude wurde 1921 vom Evangelischen Konsistorium bezogen, nachdem die Kirchenleitung lange unter teils großer Raumnot in der Neuen Kanzlei (Königsstraße 44), auch Stockgebäude genannt, gearbeitet hatte. Der zentral gelegene Staatsbau bot dem Konsistorium genügend Platz für einen ordnungsgemäßen Dienstbetrieb: Es gab unter anderem ein Zimmer für den damals noch Kirchenpräsident genannten Landesbischof, acht Zimmer für die Oberkonsistorialräte, die Kanzlei erhielt vier Räume, die Kasse zwei, das Sekretariat und die Registratur vier, dazu kam ein Sitzungssaal. In der Folgezeit konnten auch Akten, die noch in einem Bühnenraum des Stockgebäudes lagerten, in den neuen Verwaltungssitz gebracht werden. Nach Aufhebung des Konsistoriums als Staatsbehörde wurde dem Oberkirchenrat 1928 die dauernde unentgeltliche Benutzung des Gebäudes Alter Postplatz 4 zugesichert.

Obwohl die räumliche Situation den damaligen Ansprüchen offenbar genügte, dachte man im Oberkirchenrat schon 1930 wieder an die Zukunft: Um der Landeskirche ausreichend Gelände für künftige Bauvorhaben zu sichern, wurde im Stuttgarter Osten ein von Gänsheide-, Fraas- und Heidehofstraße umgebenes Grundstücksdreieck angekauft; es sollten allerdings mehr als zwei Jahrzehnte vergehen, bis an dieser Stelle tatsächlich Baupläne – für einen neuen landeskirchlichen Verwaltungssitz – realisiert werden konnten.

Die Bombardierungen der Alliierten im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkriegs markieren auch den Anfang vom Ende des Gebäudes Alter Postplatz 4: 1942 sollen als Luftschutzmaßnahme die Registraturfenster zugemauert und Splitterschutzwände installiert werden; außerdem wird es erforderlich, den Dachraum mit einem feuerhemmenden Mittel zu imprägnieren und im Außenbereich ein Becken für Löschwasser anzulegen. Die Suche nach möglichen Ausweichquartieren hatte da bereits begonnen – für den Fall einer Beschädigung oder Zerstörung des Dienstgebäudes. Angesichts des von Deutschland entfachten Kriegs zeigte sich im Weiteren auch im Oberkirchenrat anonymer Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime: Am Morgen des 4. August 1943 bemerkten mehrere Mitarbeitende beim Betreten des Dienstgebäudes, dass im Eingangsbereich kleine rote Zettel angeklebt waren; „Nieder mit dem Nazi-Gesindel“ und „an den Galgen mit Hitler“ war darauf zu lesen.

Nur rund zwei Monate später, in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943, wurde der denkmalgeschützte Bau bei einem Luftangriff auf Stuttgart durch die Detonationswelle einer Sprengbombe so schwer beschädigt, dass im gesamten Gebäude kein Zimmer mehr zu benutzen war. Der Oberkirchenrat siedelte daraufhin in das „Mutterhaus für evangelische Kinderschwestern“ in Großheppach im Remstal über. Damit endete die Zeit seiner Unterbringung am Alten Postplatz. Die dort noch befindlichen, nicht ausgelagerten Akten sowie Bücher, Geräte und Möbel wurden von „Gefolgschaftsmitgliedern“, wie die Mitarbeitenden im NS-Jargon genannt wurden, teils wochenlang aus den Trümmern geborgen und abtransportiert. Dazu leisteten vor Ort auch mehrere niederländische Kriegsgefangene Zwangsarbeit.

Bei späteren Angriffen wurde das Gebäude Alter Postplatz 4 schließlich vollends zerstört. Es begann damit eine jahrelange Übergangsphase, in der die verschiedenen Dienststellen des Oberkirchenrats in notdürftigen Ersatzquartieren an verschiedenen Orten untergebracht waren: im bereits genannten „Mutterhaus“ in Großheppach (Hauptverwaltung), in Plüderhausen (Kasse, Rechnungsführung), Lorch (Rechnungsprüfamt) und Winnenden (Pfarrgutsverwaltung). Das Stift in Tübingen, das Seminar in Urach und andere wesentlich geeignetere kirchliche Gebäude waren bereits für staatliche Zwecke beschlagnahmt worden.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte der Oberkirchenrat im Jahr 1946 nach Stuttgart zurück. Die lokale Trennung seiner Mitarbeitenden war jedoch aufgrund der kriegsbedingten Zerstörung der städtischen Bausubstanz weiterhin nicht zu umgehen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren daher behelfsmäßig in verschiedenen, auseinanderliegenden Büros untergebracht, etwa in den stadteigenen Häusern Gerokstraße 21 und 29, aber auch in einer ehemaligen SS-Verwaltungsbaracke, die Otto Hofmann 1945 wohl auch von russischen Kriegsgefangenen an der Ecke Gänsheide- und Hackländerstraße errichten ließ; Hofmann war von 1940 bis 1943 Leiter des „Rasse- und Siedlungshauptamts“ der SS und nahm an der Wannseekonferenz teil, bei der vor 80 Jahren in Berlin die Ermordung der Jüdinnen und Juden Europas vorbereitet wurde.

Ein Wiederaufbau des zerstörten Dienstgebäudes Alter Postplatz 4 kam wegen der Stadtplanung nicht in Frage, da das Gelände für die Verbreiterung der Roten Straße, heute Theodor-Heuss-Straße, benötigt wurde. Also musste ein neuer Bauplatz für den künftigen Sitz des Oberkirchenrats gefunden werden. Und hier schließt sich der Kreis, denn bei der Suche konnte auf das erwähnte, bereits vor dem Krieg erworbene Grundstücksdreieck im Stuttgarter Stadtteil Gänsheide zurückgegriffen werden – 1957 wurden dort die neu errichteten, nun kircheneigenen Dienstgebäude Gänsheidestraße 2 und 4 bezogen. Deren Abbruch im Jahr 2022 zugunsten der geschätzt 63 Millionen Euro teuren Neubauten des Oberkirchenrats am bestehenden Standort bildet das vorläufig letzte Kapitel einer bewegten, jedoch weitgehend unbekannten Geschichte seiner Verwaltungsdomizile.

Text: Götz Homoki, Bildauswahl: Andrea Kittel

 

Verwendete Quellen und Literatur

LKAS A 26 Nr. 200.

LKAS A 126 Nrr. 2588, 2589, 2590, 2592, 2593, 2594, 2595, 2596, 2597, 2982, 3780.

LKAS AS 1, Nrr. 1114, 1122, 1161, 1223, 1224, 1225, 2086, 2087, 2089.

Ehmer, Hermann. Das Landeskirchliche Archiv Stuttgart im Zweiten Weltkrieg. Ein Beitrag zur württembergischen Archivgeschichte, in: Schmierer, Wolfgang/Cordes, Günter/Kieß, Rudolf u. a. (Hrsgg.). Aus südwestdeutscher Geschichte, Stuttgart 1994, 736-749.

 

Zu den Fotografien:

Im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart befinden sich zwei sorgfältig gestaltete Fotoalben, die das Arbeiten im Dienstgebäude am Alten Schlossplatz dokumentieren. Das erste wurde 1938 – wohl zum 70. Geburtstag von Landesbischof Theophil Wurm – erstellt, das zweite entstand infolge des kriegsbedingten Umzugs des Oberkirchenrats nach Großheppach, nachdem das Gebäude am Alten Postplatz im Jahr 1943 durch einen Luftangriff stark beschädigt wurde.

Auszüge davon präsentieren wir hier:

Neu in der Musealen Sammlung

22. April 2022 | | ,

Als Schenkung der Tempelgesellschaft, Stuttgart, kam ein historisch interessantes Objekt in die Museale Sammlung im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart. Dabei handelt es sich um ein weißes Tuch mit Lochstickerei und den Maßen 82 x 84 cm. Das Tuch ist unterteilt in neun Quadrate und enthält Stickereien der Unterschriften von mehr als 100 Mitgliedern der Tempelgesellschaft (zuzüglich weiterer palästinadeutscher Personen). Die zentrale Inschrift gibt Hinweise auf den Entstehungskontext:

Helouan, Al Hayat, Internees Camp 15.7.1918-28.6.1920, Camp Chubra 28.6.-8.10.1920, Egypt

Palästina war ein Kriegsschauplatz des Ersten Weltkrieges, da dieses Gebiet damals zum Osmanischen Reich gehörte. Durch die Nähe zum für die Briten wichtigen Suezkanal stellte die Anwesenheit der türkischen und deutschen Truppen durchaus eine Bedrohung für die Alliierten dar. Ende 1916 konnten die Briten die dort bestehende Front durchbrechen. Die Einnahme Palästinas zog sich bis Herbst 1918 hin. Dort befanden sich mehrere Siedlungen der Tempelgesellschaft, deren Bewohner meist aus Württemberg eingewandert waren und Staatsangehörige des Deutschen Reichs waren. Es handelt sich dabei um eine christlich-chiliastische Religionsgemeinschaft mit Wurzeln im württembergischen protestantischen Pietismus. Die Briten internierten 1918 einen Teil der Siedler, da Befürchtungen bestanden, die Siedler könnten militärisch relevante Informationen an die türkischen und deutschen Streitkräfte weitergeben.

Im Juli und August 1918 wurden etwa 850 Palästinadeutsche, hauptsächlich Templer, mit der Bahn nach Ägypten verbracht. Das Ziel war die ehemalige Lungenheilstätte “Al Hayat”, ein großer Gebäudekomplex in Helouan. Zuletzt hatte Al Hayat als Garnison gedient. Nach dem Ende des Krieges beließen die Briten den Palästinadeutschen im Internierungslager, obgleich die Begründung nun nicht mehr gegeben war. Anfang 1920 wurde ihnen die Möglichkeit eröffnet, ins Gebiet des Deutschen Reiches auszuwandern, was aber von den meisten Siedlern abgelehnt wurde. Viele von ihnen waren ja bereits in Palästina geboren, hatten dort Haus und Hof und befürchteten eine Enteignung ihres Besitzes. Im April 1920 wurde Gr0ßbritannien das Völkerbundsmandat über Palästina übertragen. Im Laufe des Jahres 1920 änderte sich, nicht zuletzt aufgrund diplomatischer Bemühungen Deutschlands,  die Haltung der Briten gegenüber den Palästinadeutschen und der neu ernannte Oberkommissar für Palästina wurde angewiesen, den Internierten die Rückkehr zu ermöglichen. Das Lager in Chubra scheint eine Art Interimsunterbringung gewesen zu sein. Vielleicht erinnerten sich manche der Internierten beim Rücktransport an den im Alten Testament geschilderten Auszug aus Ägypten. Auch viele der nach Deutschland ausgewanderten Templer konnten nun nach Palästina zurückkehren.

Faszinierend für den Betrachter der Stickerei ist, dass nicht nur die Namen von Internierten gestickt wurden, sondern die Unterschriften dieser Personen. Außerdem fällt auf, dass die Beschriftungen durchweg in englischer Sprache gehalten sind. Entweder die palästinadeutsche Stickerin hat sich dieser Sprache bedient, oder aber das Tuch war das Geschenk einer der englischen Helferinnen (Krankenschwestern), die für die Betreuung der Internierten zuständig waren. Mindestens auf ein gutes Verhältnis der Schwestern zu den Internierten lässt schließen, dass ein Detail des Tuches eine englische Schwester in ihrer Berufstracht zeigt, sowie sich auch mehrere englische Namen (Violet Gordon Cumming, Kathleen Murphy) in dieser Ecke des Tuches finden.

Die Szenen auf dem Tuch wirken freundlich und vermitteln eine positive Stimmung, was erstaunlich mit der Kehrseite der oben beschriebenen Bedrückung im Internierungslager kontrastiert.

Beitrag auf Württembergische Kirchengeschichte Online zur Tempelgesellschaft hier.

Literatur:

Paul Sauer: Uns rief das Heilige Land, Stuttgart1985, S. 153-172.

 

Charlotte Essich – die Frau im Talar, die eigentlich keinen haben durfte

18. April 2022 | | ,

Charlotte Essich war eine der ersten Theologinnen in Württemberg und eine der ganz wenigen unter ihnen, die noch vor der anstellungsrechtlichen Gleichstellung der Pfarrerinnen mit den Pfarrern 1968 sämtliche Amtshandlungen, auch den „Dienst am Mann“, ausführte, und das im Talar – alles für Frauen kirchenamtlich eigentlich nicht vorgesehen.

Charlotte Essich in der Hospitalkirche Stuttgart, 1960er Jahre

Am 18.4.1912 wurde Charlotte Essich in Oberndorf geboren. „Die interessanten Fragen der Theologie“ waren es, die sie im Jahr 1931 zum Studium der evangelischen Theologie bewogen hatten – wenngleich ohne Aussicht auf entsprechende Anstellung. Zwar waren Frauen seit 1904 zum Studium zugelassen, doch in ein vollwertiges Pfarramt mit Predigtamt und Sakramentshandlungen sollte dieser staatliche Schritt nicht führen. Vielmehr wurde in der Landessynode im Januar 1919 von einem Prälaten als Schreckgespenst an die Wand gemalt: “Die Frau wird den Anspruch erheben, auf der Kanzel, im Altar und am Taufstein gleich dem Manne zu wirken. (…) Und dieses Eindringen schwarmgeistiger Elemente gerade, ausgerechnet in die männlich-straffe, nüchtern-ernste Kirche Luthers ist unerträglich!”

Die Amtsbezeichnungen in Charlotte Essichs Berufslaufbahn spiegeln die Stadien des jeweils zugestandenen Dienstverhältnisses: Sie begann als „Praktikantin“, war „außerordentliche“ und „ordentliche Pfarrgehilfin“, ab 1937 konnten Frauen als „Vikarin“ eingesegnet werden und ab 1948 als Endstufe zur „Pfarrvikarin“ ernannt.

Frauen sollten auch nicht die offizielle Amtstracht, den Talar, tragen dürfen. Nicht einmal, als sie während der Kriegszeiten zunehmend für die Vertretung der abwesenden Pfarrer auch zum Predigtdienst herangezogen wurden. In Bad Cannstatt jedoch hatte Essichs Vorgängerin bei solcher Kriegsvertretung, Lenore Volz, den Dekan bereits überzeugt, dass es ohne Talar sehr schwierig sei, Gottesdienste zu halten. Also konnte Charlotte Essich, als sie 1943 an die Cannstatter Stadtkirche geholt wurde, in einem eilig herbeigeschafften und umgearbeiteten Talar auf die Kanzel treten – freilich nicht mit Beffchen, sondern vom männlichen unterscheidbar: mit blusenähnlichen weißen Leinen-Ecken.

Sie hat den Talar dann behalten und beibehalten: „Ganz unentbehrlich wurde mir der Talar, als ich im Herbst 1944 vom Oberkirchenrat in die Gemeinde Adelmannsfelden-Pommertsweiler (Dekanat Aalen) beordert wurde zur Vertretung des – an der Front weilenden – Ortspfarrers. Die Doppelpfarrei mit den verschiedenen Weilern und vielen weit auseinanderliegenden Höfen, stark belegt mit „Evakuierten“ (Erwachsenen und Schülern) wurde bis dato – so gut wie möglich bei der großen Entfernung, den schwierigen Wegverhältnissen – zu Fuß, per Rad und Skiern! – vom Pfarramt Neubronn aus versorgt. Nun sollte ich diese „Versorgung“ übernehmen.“

Doch herrschte auch dort die Meinung: „Frau auf der Kanzel, das geht nicht“. Also machte sie dem Kirchengemeinderat einen Vorschlag: „Wir wechseln ab. Jeden zweiten Sonntag hält ein anderer Kirchengemeinderat den Gottesdienst, ich habe es schon einmal aufgelistet: Zuerst Sie und dann … und dann …“. Der Vorsitzende nickte betreten. Sie kam ihm entgegen: „Das ist jetzt natürlich etwas kurzfristig. So könnte ich anbieten, dass ich den ersten Sonntag übernehme, und Sie dann länger Zeit zum Vorbereiten haben.“ Er schaute vor sich nieder und meinte nach einer langen Pause: „Ja, dann wird’s wohl bei Ihnen hängen bleiben.“

Genau so kam es, und ihre Arbeit wurde sehr geschätzt: Religionsunterricht, Bibelstunden, Seelsorge, Gottesdienste, Taufen, Beerdigungen – nicht kirchen-amtlich ermächtigt, aber pfarramtlich notwendig. Eine Bäuerin sagte zu ihr: „Wenn nur der Hitler mal hierher käme, dann würde ich dem die Wahrheit sagen, so wie Sie uns immer sonntags!“

Charlotte Essich war bereits während des Studiums der sich formierenden Bekennenden Kirche beigetreten, sie hatte 1937 den Treueeid auf den Führer verweigert und sich stets klar und vernehmbar gegen den Nationalsozialismus gestellt. So wurde der Dienst auch durch Angst vor Denunzierung erschwert. Der Rückhalt bei den Gemeindegliedern scheint jedoch stärker gewesen zu sein.

Frauen-Beffchen, spitz zulaufend, 1948, von der Stuttgarter Paramentenwerrkstatt entwickelt. Landeskirchliches Archiv, Museale Sammlung, Inv.-Nr. 95.003-02

Als die Pfarrer aus dem Krieg zurückkamen, mussten die Frauen wieder aus den Gemeinden weichen. Charlotte Essich, inzwischen als „Vikarin“ im Gemeindedienst in Schwäbisch Hall, wurde 1948 schließlich zur Evangelischen Frauenhilfe (heute: EFW) in für den Reisedienst versetzt, zur geistlichen Betreuung und Fortbildung von Frauen in ganz Württemberg. Ihre theologische Leidenschaft trieb sie auch hier und sie konnte rückblickend sagen: „Ich war insofern schon feministisch in Bibelarbeiten, als man da auf Frauen eingeht, das wurde ja sonst nicht getan!“

Wenngleich der Talar dabei fast immer im Schrank bleiben musste, wurde er doch bereits damals zu einem geschichtlichen Zeugnis:

„Ja, der Talar, mich umhüllend – wurde in jener Zeit sogar fotographiert anlässlich eines Besuches von Miss Sarah Coggan, Schwester des damaligen Erzbischofs von York, später von Canterbury, einer englischen Theologin mit der Amtsbezeichnung „Deaconess“. Miss Coggan wollte sich über Dienst und Situation der württembergischen Theologinnen informieren – eines der Fotos, die Miss C. nach England mitnahm, wurde in einer englischen Frauenzeitschrift – samt Bericht – abgedruckt.“

1974 ging Charlotte Essich in den Ruhestand, versah aber längere Zeit im Schwarzwald noch aufwändige Vertretungsdienste. Danach zog sie nach Tübingen, wo sie am 18. Juli 2008 starb.

Ihr Talar ist ein textiles Zeugnis einer bewegten Geschichte.  Charlotte Essich gab ihn 1995 in die Sammlung des Landeskirchlichen Museums in Ludwigsburg und verfasste dazu einen Text „Geschichte eines alten Talars“. Beides wird heute im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart aufbewahrt und steht für Ausstellungen und Forschungsarbeiten zur Verfügung.

Das Manuskript wird, mit Kommentaren versehen, demnächst auf wkgo veröffentlicht und verfügbar sein.

 

Quellen der Originalzitate:

Gespräche und Interviews mit Stefanie Schäfer-Bossert (Aufzeichnungen bei der Autorin, Privatarchiv Schäfer-Bossert)

Charlotte Essich, „Geschichte“ eines alten Talars, 1995. (Manuskript)

 

Hintergrundinformationen und Literatur bei:

Stefanie Schäfer-Bossert: Die ersten Württemberger Theologinnen und ihr langer Weg ins Pfarramt, https://www.wkgo.de/themen/theologinnen

Dort angefügt auch eine Zeitleiste mit markanten Daten in der Geschichte der ersten Theologinnen in Württemberg.

Monografie zur Stiftskirche Beutelsbach erschienen

6. April 2022 | |

Als neuer Band in der Reihe Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchengeschichte wurde eine Monografie über die Stiftskirche in Beutelsbach aufgenommen, die anlässlich des Jubiläumsjahres entstanden ist. Nachdem man das Gebäude in den Jahren davor umfassend saniert hatte, entschied sich die Kirchengemeinde Beutelsbach dafür, die Bedeutung des historischen Gotteshauses durch eine Veröffentlichung – quasi als Tüpfelchen auf das i – zu würdigen. Die Bezeichnung als „kleine Schrift“ könnte in die Irre führen, denn das Buch umfasst 400 Seiten und beinhaltet Beiträge von neun Autoren.

Das Jubiläum bezieht sich auf die Jahreszahl 1522 auf dem Schlussstein im Chor. Der Bau hat eine landesgeschichtlich interessante Vorgeschichte, denn der Vorgängerbau dieser Kirche war ursprünglich die Grablege des Hauses Württemberg, bevor diese 1321 nach Stuttgart verlegt wurde. Die Beutelsbacher Stiftskirche wird in der Publikation aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Disziplinen beleuchtet. Die Geschichte des mittelalterlichen Vorgängerbaus, bauhistorische Untersuchungen, kunsthistorische Betrachtungen, Beschreibungen des Bauwerks und vieler Details, und auch Anekdoten und Geschichten zu der Kirche werden dargestellt und eingeordnet. Das Buch ist reichhaltig bebildert und kann über die Vereinsgeschäftsstelle oder über das Pfarrbüro Beutelsbach für 28 Euro erworben werden.

Siehe auch auf der Homepage der Kirchengemeinde hier.

Hier das Inhaltsverzeichnis und ein paar Beispielsseiten aus dem Buch:

 

 

 

Die Sonntage vor Ostern und das Jägerlatein

30. März 2022 | | ,

In der Musealen Sammlung befindet sich ein auf den ersten Blick sehr rätselhaftes Bild mit vielen langschnäbeligen Vögeln. Die kolorierte Lithografie von 1840 ist überschrieben mit „Oculi, da kommen Sie!“ – ein Hinweis darauf, dass in den vier dargestellten Szenen die letzten Sonntage vor Ostern thematisiert werden: Okuli, Lätare, Judika, Palmorum (Palmsonntag).

Aber weshalb diese Vögel?

Das Bild zielt weniger darauf ab, das Kirchenjahr zu veranschaulichen, vielmehr stammt die Darstellung aus dem Bereich der Jagd, und bei den langschnäbeligen Vögeln handelt es sich um Waldschnepfen. In der Waidmannssprache bezeichnet man die Sonntage um Ostern als „Schnepfensonntage“, die nach einem volkstümlichen Reim die Ankunft der Schnepfen auf dem Frühjahrszug und den Verlauf des „Schnepfenstrichs“ bestimmen sollen. Der „Schnepfenstrich“ ist in der Jägersprache der Balzflug der Waldschnepfe im März/April, der für die Jagd günstig ist. Die Jäger hatten es dabei hauptsächlich auf die männlichen Tiere abgesehen, da diese für die Aufzucht der Jungen nicht nötig sind. Mit ihrem lauten Balzruf sind die Männchen leicht auszumachen, die Weibchen hingegen fliegen stumm. Da die kalendarische Lage der sogenannten Schnepfensonntage abhängig ist von Ostern, liefert der Reim keinen wirklichen Hinweis für den Schnepfenzug. Dieser ist vielmehr vom Witterungsverlauf abhängig.

Der Reim in Langform lautet:

Invocavit – nimm den Hund mit

Reminiscere – putzt die Gewehre

Okuli – da kommen sie

Lätare – das sind die Wahren

Judica – sind sie auch noch da

Palmarum – tralarum

Osterzeit – wenig Beut

Quasimodogeniti – Hahn in Ruh, nun brüten sie

 

Die Waldschnepfe wurde im Jahr 2002 auf die Vorwarnliste der Roten Liste aufgrund der negativen Bestandsentwicklung genommen, so dass viele Jäger auf den Abschuss dieser bedrohten Tierart mittlerweile verzichten.

Hier die lateinischen Bezeichnungen der Sonntage in der Passionszeit mit ihren biblischen Bezügen:

  1. Invocavit: „Er ruft mich an“ (Ps 91,15)
  2. Reminiscere: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!“ (Ps 25,6)
  3. Oculi: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“ (Ps 25,15)
  4. Laetare (Freudensonntag): „Freu’ dich, Jerusalem“ (Jes 66,10)
  5. Judika: „Gott, schaffe mir Recht.“ (Ps 43,1)
  6. Palmarum (Palmsonntag, Beginn der Karwoche): Der Name geht auf die grünen Palmzweige zurück, mit denen die Menschen Jesus beim Einzug in Jerusalem begrüßt haben. (Johannes 12,12 und 13)

Dazu siehe auch: https://www.evangelisches-gemeindeblatt.de/lebenshilfe/wissenswertes-rund-um-das-kirchenjahr/detailansicht/okuli-der-dritte-sonntag-in-der-passionszeit-364/