9. Oktober 2024 | Dorothea Besch | Veranstaltung
Die Fachstelle zum Umgang mit sexualisierter Gewalt der Landeskirche und die Fachstelle für den Umgang mit (sexualisierter) Gewalt und Machtmissbrauch in der Diakonie Württemberg veranstalteten am 27.09.2024 im Landeskirchlichen Archiv einen Fachtag zum Thema „Nach der ForuM-Studie – Rückblick und Konsequenzen für kirchliches Handeln“.
Im ersten Referat stellte Dr. Andreas Hoell, Mitarbeiter der ForuM-Studie vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, „Kennzahlen und Umgang – Kennzahlen zur Häufigkeit sexuellen Missbrauchs im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland und Merkmale des institutionellen Umgangs mit Missbrauchsvorwürfen“ vor. In seinem Vortrag wurde deutlich, dass das Zuschnitt der Studie zur Auswertung der Personalakten der Landeskirchen nicht optimal war und für die Auswertung aller Personalakten wesentlich mehr Zeit in Anspruch benötigt worden wäre. So wurden nur die Disziplinarakten in die Studie aufgenommen.
„Die Datenlage der Evangelischen Landeskirche in Württemberg“ stellte der Leiter des Referats Archiv, Bibliothek, Dokumentenmanagement, Dr. Claudius Kienzle, vor. Er erläuterte den Aufbau einer Personalakte und die Vorgehensweise beim Aktenscreening sowie die vollständige Auswertung von ca. 9000 Personalakten einschließlich der Disziplinarakten im Zeitraum von 1945 bis 2020. Diese Datenmenge von 320 lfd. m. konnte im Anschluss an den Vortrag bei einer Archivführung besichtigt werden.
Als dritter Referent sprach Dr. Michael Frisch über „Resonanzen und Ambivalenzen: Zwischen Datenschutz und Aufarbeitungsverantwortung“.
Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine von Pressesprecher Dan Peter moderierte Podiumsdiskussion unter Einbeziehung des Publikums mit den Referenten, Prälatin Gabriele Wulz sowie Ursula Kress von der Fachstelle sexualisierte Gewalt. Vor der Podiumsdiskussion meldete sich Pfarrer Dierk Schäfer zu Wort, der als Seelsorger für Betroffene gearbeitet hat. Er klagte die evangelischen Kirche an, „Kinder geschändet“ zu haben, bei der Aufarbeitung Zeit zu schinden und bei den Anerkennungsleistungen für Betroffene Geld sparen zu wollen.
Als positiven Ausblick konnte Ursula Kress über die Einrichtung von unabhängigen regionalen Anerkennungskommissionen innerhalb der EKD berichten, die ab 2025 ihre Arbeit aufnehmen werden.
Foto: Podiumsdiskussion mit Dan Peter, Dr. Claudius Kienzle, Dr. Andreas Hoell, Prälatin Gabriele Wulz.
18. Januar 2022 | Michael Bing | Lesesaal
Wir treffen Harald Haury im Lesesaal. Er ist im Landeskirchlichen Archiv kein Unbekannter.
Über die Jahre hat Haury immer wieder dort recherchiert. Für seine Doktorarbeit versuchte er, an Hand der Personalakten deutschchristlicher Pfarrer mehr über die württembergischen Anhänger des völkischen Theologen Johannes Müller in Erfahrung zu bringen, dessen Gründung Schloss Elmau heute als mondänes Luxushotel bekannt ist. Es folgten Nachprüfungen im Rahmen der Ernst Troeltsch-Edition, Haurys Hauptarbeitsgebiet seit 2006, und für ein Projekt zur Kirchengeschichte Esslingens während des späten Kaiserreiches und in den Jahren des Ersten Weltkrieges.
Gegenwärtig ist Haury als Mitarbeiter eines Projektes der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm als Nutzer im Haus.
„Von der Landeskirche beauftragt, aber unabhängig arbeitend, versucht die Ulmer Projektgruppe eine Serie von Fällen sexualisierter Gewalt aus den 1950er und 1960er Jahren aufzuarbeiten, die sich laut den Aussagen von Betroffenen im Hymnus-Chor, vor allem aber im Vorbereitungsjahr auf das Landexamen ereigneten, das über die Aufnahme in den landeskirchlichen Seminaren in Bad Urach, Schöntal, Blaubeuren und Maulbronn entschied,“ erläutert Harald Haury sein aktuelles Forschungsprojekt.
„Als Haupttäter wurde von den Betroffenen durchweg ein im Evangelischen Jungmännerwerk
Württembergs stark engagierter Stuttgarter Industrieller genannt, der sich während der NS-Zeit um den Erhalt der Seminarausbildung verdient gemacht hatte, das Vorbereitungsjahr auf das Landexamen im Auftrag der Seminarstiftung bis Ende der 1960er-Jahre organisierte und den Hymnus-Chor von 1951 bis 1964 in seinem Haus proben ließ. Ein wichtiges Ziel der Recherche im Landeskirchlichen Archiv ist es, die Zusammenhänge besser zu verstehen, in denen sich die von den Betroffenen geschilderten Übergriffe ereignen und erst nach Jahrzehnten publik werden konnten. Dabei geht es um institutionelle Zusammenhänge und Mentalitäten besonders des konservativ-pietistischen Kirchenflügels ebenso wie um das umfangreiche Netzwerk, das sich der Hauptbeschuldigte vor allem dank seiner Position in den Leitungskreisen des Jungmännerwerks schaffen konnte. Erfreulicherweise lassen sich gerade diese weiterführenden Fragen an Hand der Aktenüberlieferung im Landeskirchlichen Archiv durchaus verfolgen. Neben einigen wenigen Akten, die den Namen des Hauptbeschuldigten explizit im Namen haben, gibt es recht umfangreiche Bestände zum Vorbereitungsjahr auf das Landexamen, zu den Seminaren, zum Hymnus-Chor und reichlich Leitungsprotokolle des württembergischen Jungmännerwerks. Aus der Arbeit mit diesem Material und mit Hilfe der Betroffenenaussagen dürften sich weitere Ansatzpunkte zur Fortführung der Recherche ergeben.“
Harald Haurys Recherchen im Landeskirchlichen Archiv sind demzufolge noch nicht abgeschlossen. Bislang hat er folgende Bestände des Archivs durchgesehen:
A 132 Evangelische Seminarstiftung, C 8 Evangelisch-Theologisches Seminar Maulbronn, C 9 Seminar Schöntal, C 10 Seminar Urach, K 24 Evangelisches Jugendwerk und K 45 Hymnus-Chor.