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Ein Gretchen in Mühlhausen an der Enz

9. März 2021 | |

Im Sterberegister von Mühlhausen an der Enz findet sich unter dem Datum 18. Juli 1746 als Todeseintrag für Christina Margaretha Baumgartner die Bemerkung “Caput ense capitatum est infanticida …”. Der lateinische Passus bezeichnet die Todesart, nämlich den Tod durch Enthauptung, und das Delikt der im Sterberegister eingetragenen: Kindsmörderin (“infanticida”). Wie die Suche im Taufregister ergab, handelte es sich um eine zur Tatzeit achtzehnjährige Bürgerstocher des damals reichsritterschaftlichen Fleckens und um die Mutter eines am 27. August 1745 von ihr gleich nach der Geburt ermordeten Sohnes, dessen Tod ebenfalls im Sterberegister erscheint.  Wie sich über eine einfache Recherche ergab, wurde über den Fall, der zu dem Todesurteil führte, in einem zeitgenössischen juristischen Werk ausführlich behandelt, das heute digital einsehbar ist. Das Urteil erfolgte im Namen der damaligen Ortsherren, der Herren von Stein.

Der Fall wirft ein Licht auf die sozialen Zwänge in der dörflichen Gemeinschaft aber auch darauf, welche Bedeutung es für die Familien hatte, dass man meinte, die Tochter möglichst wohlhabend verheiraten zu müssen. Das getötete Kind war die Frucht einer Liebesbeziehung der Mühlhausenerin mit Albanus Müller, einem jungen Mann aus dem Dorf, die sich um die Weihnachtszeit 1744 ereignet hatte. Zwar hielt er die Hand um sie an, aber etwa zur selben Zeit lag auch ein Eheinteresse von Friedrich Kientsch, dem Sohn des Feldmessers, vor, der aus vermögenderen Verhältnissen kam. Um sich diese in Aussicht stehende bessere Partie, auf die auch ihre Eltern drängten, nicht zu verderben, kam es zu der tragischen Tat, die bald ans Licht kam. Durch eine Obduktion des in einem Versteck beim Haus aufgefundenen Kindes durch den Mühlhausener Chirurgen Georg Friedrich Eulenfuß wurde ermittelt, dass der Tod nicht durch eine natürliche Ursache eingetreten war. Im peinlichen Verhör, – also unter der Folter – , gestand die junge Frau alles, plädierte aber auf mildernde Umstände, da sie sich durch ihre Eltern wie auch durch ihre Freunde unter Druck gesetzt gefühlt habe, die bereits im Dorf gemutmaßte Schwangerschaft zu verheimlichen.

Die Geschichte ist etwas anders gelagert als bei der von Johann Wolfgang von Goethe geschaffenen Figur des verführten, dann zur Kindsmörderin gewordenen und schließlich zum Tode verurteilten “Gretchens”, aber angesichts der Namensgleichheit (Margarethe) und des gleichen Zeitraums (18. Jahrhundert), liegt es doch nahe, den Eintrag im Kirchenregister in eine Beziehung zu der sehr bekannten und zentralen Figur aus dem “Faust” zu setzen. Beide lebten in kleinen Verhältnissen und sahen sich durch die Situation einer ungeplanten Schwangerschaft überfordert, so dass sie das uneheliche Kind ermordeten.

Tatsächlich geht man davon aus, dass es ein reales Vorbild für die Gretchenfigur gab. Diese war allerdings nicht Christina Margaretha Baumgartner, sondern Susanna Margaretha Brandt aus Goethes Heimatstadt Frankfurt am Main, die 1772 bei der dortigen Hauptwache den Tod durch Enthaupten fand.

Zu einer literarischen Bearbeitung führte allerdings auch der Fall der jungen Mühlhausenerin. Der damalige Ortsherr Baron Walrad Heinrich von Stein (auch: vom Stain) wurde durch den Fall so bewegt, dass er am 28. August 1745, – dem Tag nach der Ermordung des Knaben -, ein etwa 20seitiges Klagelied verfasst hat, welches heute in der Handschriftenabteilung der Württembergischen Landesbibliothek aufbewahrt wird.

Quellen

KB Mühlhausen an der Enz, Mischbuch 1727-1799, Sterberegister, S. 21

KB Mühlhausen an der Enz, Mischbuch 1727-1799, Sterberegister, S. 19

KB, Mühlhausen an der Enz, Mischbuch 1727-1799, Taufregister, S. 1. 

Walrad Heinrich vom Stain: Schmerzliche Weheklage über Margaretha Baumgärttner. Klagelied in 66 Strophen über die Kindsmörderin. Verfasst am 28. August 1745. Württembergische Landesbibliothek, Handschriften, Cod. Poet. Et Phil. 4° 180.

Johann George Estor, Gründlicher Unterricht von geschickter Abfassung der Urtheln …, Marburg 1749, S. 704-766.

Karl Hittler, Familien in Mühlhausen an der Enz 1641 – 1920: mit älteren Nachweisen ab 1596, Mühlacker 2013, S. 56.

Zwangstaufe eines türkischen Kindes in Mühlhausen an der Enz im Jahr 1689

6. Juli 2020 | | , ,

Bei den militärischen Aktionen der Reichstruppen auf dem Balkan, die sich nach der misslungenen osmanischen Belagerung Wiens (1683) entfalteten, wurden auch Menschen verschleppt, die zumindest teilweise nach Württemberg gelangten, vor allem nach der Eroberung von Belgrad im Jahr 1688. Unser Blogbeitrag vom 28. Mai 2020 macht auf einen solchen Fall aufmerksam. Der Blog von Leo-BW hat kurz nach dieser Veröffentlichung diese Verschleppungen in den historischen Kontext eingeordnet. Wir kennen aus unseren Kirchenbüchern, die vermutlich noch viele solche Taufen enthalten auch einen anderen, aber anders gelagerten Fall. Es gab offenbar auch vereinzelt Türken, die sich im Verlauf dieser militärischen Ereignisse von den Reichstruppen anwerben ließen. Hier haben wir den Fall eines türkischen Dragoners, seiner ebenfalls türkischen Frau, und seines neu geborenen Sohnes. Während die muslimische Religionszugehörigkeit des Reiters offenbar kein Hinderungsgrund für die Anwerbung war, verfuhr man bezüglich seines Kindes auf eine drastische Weise.

Dem Eintrag von Pfarrer Johann Reichard Lang im Taufregister ist zu entnehmen, dass er am 31. Oktober 1689 in der Albanikirche in Mühlhausen an der Enz Zwillinge taufte. Ihm wurde durch Offiziere des kurbayerischen Dragoner-Regiments, das damals für einige Tage in dem damals reichsritterschaftlichen Dorf Mühlhausen im Quartier lag, überraschend noch ein weiteres Kind gebracht, das er taufen sollte. Die Eltern dieses Kindes waren Türken. Der Vater diente im kurbayerischen (Arcos`schen) Dragonerregiment, das im Jahr davor gegen die osmanischen Truppen gekämpft hatte und bei der erfolgreichen Einnahme Belgrads beteiligt gewesen war. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation stand damals in einer Art Zweifrontenkrieg gegen Frankreich im Westen und das Osmanische Reich im Südosten, so dass Truppen teilweise zwischen diesen Kriegsschauplätzen hin- und herwechselten. Das kurbayerische Regiment befand sich vom 29. Oktober bis 2. November in Mühlhausen an der Enz, wo auch der genannte türkische Dragoner und seine ebenfalls türkische Frau, und das gemeinsame Kind untergebracht waren. Die Gelegenheit, dass er an diesem Tag mit einem Trupp in Nachbardörfern, beziehungsweise in der Umgebung unterwegs war, um zu Fouragieren, also um Lebensmittel oder Pferdefutter zu besorgen, nutzten seine Vorgesetzten jedoch dazu, seinen Sohn zum Christen zu machen. Die anwesende Mutter wehrte sich „heftig“ gegen dieses Ansinnen. Mit Hilfe einer anderen Soldatenfrau konnte das Kind „mit Gewalt“ aus dem Quartier des türkischen Ehepaars geholt und in die Kirche vor den Taufstein gebracht werden, wo der Pfarrer angewiesen wurde, es auf den Namen Hans Adam Mühlhäuser zu taufen. Der Name der Eltern blieb dem Pfarrer unbekannt. Der Nachname wurde nach dem hiesigen Ort gewählt, die Vornamen offenbar nach dem erst einige Wochen zuvor verstorbenen Ortsherren Hans Adam von Hohenfeld (1652-1689). Die Paten waren die kurbayerischen Offiziere Hauptmann de Mardin, Hauptmann Heim, Hauptmann Baron Rohrbach, Hauptmann Trollinger, Hauptmann Leva, Leutnant Hopffner, Fähnrich (“Fendtrich”) Harm. Das weitere Schicksal des zwangsgetauften Knaben ist unbekannt.

Text des Eintrags:

“Es hat sich aber zugetragen, d[aß] zwar mir Pfarrern vor dem Taufstein unbewußt war ein türkisches Kind, solle mit obgesetzten zweyen Zwillingen mitgetauft und zu einem Christen gemacht werden, dessen Eltern, Vater und Mutter, geborene Türken waren, die türkische Mutter sich aber deswegen heftig gewägert (gewehrt) und sich durchaus dazu nicht verstehen wollen, daß ihr Kind sollte getauft werden. Bis die Herren Officiere in Abwesenheit ihres Manns, der ohne des Fourage geritten, solches durch eine Soldatenfrau mit Gewalt aus ihrem Quartier nehmen lassen, die es dann in die Kirche vor den Taufstein gebracht und mit obermeldten Zwillingen getauft und den christlichen Namen aus Befehl der Herren Officierers Hans Adam Mühlhausser gegeben worden. Eltern: Waren geborene türkische Eltern, deren Namen mir unbekannt. Waren unter dem Churbayerischen Arzischen Regiment Dragonersleuth.”

Link zur Originalquelle auf Archion:

Taufeintrag im Mischbuch von Mühlhausen an der Enz vom 31.10.1689