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Gerhard Laiblin (1901-1973) im Jahre 1933: Eine Stimme erhebt sich, mahnt für den Frieden, und muss das Schweigen lernen

23. Februar 2026 | | ,

Es ist heute, in diesen Tagen, kaum vorstellbar, sich tatsächlich in jene Jahre zurückzuversetzen, in denen das Schicksal unzähliger Menschen so furchtbar war. Damals waren die beunruhigenden Verschiebungen im politischen Kosmos noch radikaler und furchtbarer an der Tagesordnung und diktierten den Menschen in diesem Land einen erdrückenden, grässlichen Alltag.

1933 wurde die erste echte Demokratie auf deutschem Boden verspielt – allein durch Ignoranz und fatale Leichtgläubigkeit der demokratiefeindlichen konservativen Parteien, allen voran Reichspräsident Paul von Hindenburg. Dieser ernannte am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler. Welche unsäglichen Folgen die Öffnung dieser Büchse der Pandora hatte, ist allgemein bekannt. In diesem Blogbeitrag soll es jedoch nicht um die Wirkungen und Auswirkungen dieser schrecklichen Jahre gehen, sondern vielmehr um das, was im Kleinen geschah und als eine Fußnote des Ganzen zu betrachten ist.

Am 5. März 1933, dem Tag der letzten Reichstagswahl ereignete sich in der Stadtkirche Neuenstadt am Kocher ein Zwischenfall. Mit seiner Predigt zum Bußtag nach Lukas 19,42, die in Württemberg ausgerechnet auf den Tag jener schicksalhaften Wahl fiel, löste Pfarrer Gerhard Laiblin etwas aus, das angesichts der vielen noch folgenden Schreckenstaten zwar harmlos wirken mag, in unserer heutigen Zeit jedoch wie ein Atemhauch des dunklen Zeitgeistes und wie eine erste Vorahnung von Schlimmerem wirkt.

Angesichts der politischen Lage und seines eigenen persönlichen Schicksals fielen an diesem Tag Worte der Mahnung aus Laiblins Munde von der Kanzel, deren Konsequenzen er bald zu spüren bekommen sollte. Wir können uns die Verfassung des damals 32-jährigen Pfarrers als eine bis zur tiefsten Verzweiflung getriebene vorstellen. Die Psyche des jungen Mannes, der zudem überzeugter Pazifist war, war nicht nur durch den von Krankheit gezeichneten Kreis seiner Familie gebeutelt, sondern auch durch die Umstände des Todes seines jüngeren Bruders, der unmittelbar zuvor aufgrund schwerer psychischer Probleme Selbstmord begangen hatte. Ein Brief seines Vaters macht uns darauf aufmerksam. Alles in allem eine schwere Last für jemanden, über den wir in anderen Dokumenten lesen können: „Sein Wesen ist von einer nahezu träumerischen Weichheit.“

Scheiben der örtlichen NSDAP zur Predigt Laiblins. EABW, A 227, PA Gerhard Laiblin.

Welche Worte er genau von sich gab, wissen wir nicht. In Anbetracht seines Zustands wichen die Worte des uns vorliegenden Predigttextes mit Sicherheit stark von dem Gesagten ab. Zudem saßen wir doch nicht selbst in der Stadtkirche zu Neuenstadt. Dafür kennen wir aber genau die Anschuldigungen. Laiblin wurde von NS-Kreisleiter Otto Speidel vorgeworfen, er habe im Zusammenhang mit seiner Predigt die NSDAP als „Banditen“ beschimpft und vor der Gemeinde „durch seine pazifistische Brille“ gegen die Umstände der Wahl, aber vor allem gegen die Stimmabgabe für die Partei gehetzt.

Öffentliche Erklärung Pfarrer Laiblins, um die Situation zu entschärfen. EABW, A 227, PA Gerhard Laiblin.

Wie bereits erwähnt, wissen wir nichts Genaueres. Aus dem Schreiben Speidels entnehmen wir jedoch, dass Laiblin und seine Mahnungen zum Frieden den nationalsozialistischen Anhängern Neuenstadts schon länger ein Dorn im Auge gewesen sein müssen. Dass die Sache am Wahlsonntag 1933 schließlich das Fass zum Überlaufen brachte, ist in dem Ringen eines jungen, sensiblen und feinfühligen Mannes zu erkennen, der einen verzweifelten Kampf gegen die Dämonen seiner Zeit und seines persönlichen Schicksals führte. Die Folgen kamen einer öffentlichen Hexenjagd gleich: Nicht nur wurde die Predigt von Laiblins und angebliche weitere Fehltritte dem Oberkirchenrat gemeldet, bald darauf tauchte auch ein öffentlicher Brief auf, in dem die Nationalsozialisten ihren Unmut und ihre komplette Abneigung gegen den ihnen verhassten Stadtpfarrer kundtaten.

Um der Sache ein Ende zu setzen und Schlimmeres zu vermeiden, wurde seitens des Oberkirchenrats Laiblin nahegelegt, sich in einer öffentlichen Stellungnahme bei Partei und Gemeinde zu entschuldigen. Wie beschämend liest sich dieses Schreiben doch in den Worten eines Mannes, der durch die skrupellosen Mittel des öffentlichen Drucks zum Schweigen und Einknicken gebracht worden ist.

Laiblin sollte jedenfalls nicht mehr lange in Neuenstadt bleiben. Ungefähr ein Jahr nach dem Skandal verließ er seine Pfarrstelle und wurde Pfarrer in dem kleinen Dorf Rudersberg im heutigen Rems-Murr-Kreis. Doch auch dort wird er seine mahnende Stimme nicht gänzlich verschweigen. Immer wieder kam es zu Konflikten mit dem Bürgermeister und den Parteiangehörigen, die sogar in einer Vorladung bei der Stuttgarter Gestapo gipfelten. Erst danach wurde es ruhiger. Vielleicht hatte man Laiblins friedliebende Stimme nun endgültig zum Verstummen gebracht. Vielleicht waren sein Geist und seine Überzeugungen durch die Strapazen der schwärzesten Jahre endgültig gebrochen. Wie so vieles muss auch dies im Ungewissen bleiben.

Der Nachlass Laiblins – bestehend aus Predigten und seiner Personalakte – zeichnet jedenfalls das Bild eines Mannes, der zwar vielleicht etwas verstreut und unordentlich war (er schrieb seine Predigten buchstäblich auf alles nieder, was aus Papier war oder zum Schreiben taugte), aber dennoch unglaublich fein, zart, intelligent und wortgewandt gewesen sein muss. Er war ein Feingeist, der sich ständig mit den Mächtigen seiner Zeit auseinandersetzte. Dafür sprechen jedenfalls die vielen Berichte in seiner Personalakte. Dieser Beitrag sollte ihn, in seiner damaligen Not, in seinem Ringen, in seinem Scheitern, aber auch in seinem Hoffen, in seinem Streben nach Menschlichkeit und Frieden würdigen.

Das Inventar seines Nachlassbestandes mit vielen seiner Predigten ist online hier recherchierbar.