26. Januar 2026 | Gregor Hofmann | Bestand, Zeitgeschichte
Zum Jahresbeginn 2026 hat das Evangelische Archiv Baden und Württemberg (EABW) einen in jeder Hinsicht gewichtigen Zugang gewonnen: Das Archiv der Evangelischen Akademie Bad Boll. Bisher unterhielt die Akademie ein eigenständiges Archiv, nun wird es Teil des EABW.
Herausragender Quellenwert
Durch die Rolle der 1945 gegründeten Evangelischen Akademie Bad Boll als prominenter Bildungs- und Diskussionsort für Kirche, Politik und Gesellschaft kann ihr Archiv von herausragendem Quellenwert für zeitgeschichtliche Forschungen sein.
Die Unterlagen dokumentieren unzählige Tagungen und versprechen tiefe Einblicke in das Innere der Akademie. Nicht nur Papier ist überliefert: Ton- und Filmaufnahmen sowie eine umfangreiche Fotosammlung gehören ebenso zum Archiv der Akademie. Insgesamt umfasst das dort verwahrte Archiv- und Zwischenarchivgut über einen Regalkilometer.
Über ein Kilometer Akten, Fotos, Tonbänder
Die Übernahme dieser umfangreichen Überlieferung bedeutet für das EABW natürlich eine Herausforderung. Der Umzug der Unterlagen soll schrittweise in den nächsten Jahren erfolgen. Ihr größerer Teil bleibt zunächst vor Ort – Archiv und Bibliothek in Bad Boll werden weiterhin von den bewährten Kräften Armin Roether und Bettina Ober betreut.
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Armin Roether und Bettina Ober blättern im Gästebuch der Akademie.
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Eine Seite aus dem Gästebuch (1946) mit den Einträgen des Politikwissenschaftlers Dolf Sternberger, des Kirchenhistorikers Hanns Rückert, des Theologen Helmut Thielicke und des Agrarwissenschaftlers Constantin von Dietze.
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Die Tonbändersammlung der Evangelischen Akademie Bad Boll im Magazin des EABW in Stuttgart-Möhringen.
Doch kleinere geschlossene Teilbestände sind bereits nach Stuttgart-Möhringen umgezogen und wurden kurz vor Weihnachten ins dortige Magazin verbracht: Darunter Personalunterlagen, Fotos, Tonbänder, Alben – und das älteste Gästebuch. Auf dessen ersten Seiten trugen sich bald nach der Eröffnung Landesbischof Theophil Wurm oder der damalige Kultusminister Theodor Heuss ein.
Planen, erschließen, digitalisieren
Bis alle diese Neuzugänge im Bestand „K 55 (Evangelische Akademie Bad Boll)“ verzeichnet und online zu recherchieren sind, wird es noch dauern. Mit der Bearbeitung hat das EABW gleichwohl begonnen, die Unterlagen zu den „Soldatentagungen“ in der jungen BRD werden bereits neu erschlossen.
Darüber hinaus laufen die Planungen für weitere Projekte zur Bewertung, Erschließung und Digitalisierung. Dabei stehen auch die Foto- und die Tonbändersammlung im Fokus, denn sie vermitteln besonders anschauliche Eindrücke aus dem Akademieleben. Keine Frage: Der Bestand K 55 wird das EABW auch über das Jahr 2026 hinaus beschäftigen…
19. Januar 2026 | Heinrich Löber | Bestand

Zustand des „Familienarchiv Eugen Maurer“ vor der Übernahme (Ende 2025). Foto: EABW
Es stellte sich als Glücksfall heraus: Einer der fünf Söhne des württembergischen Pfarrers Eugen Maurer wurde Archivar. So gelangten die Nachlassunterlagen seines Vaters in professionelle Hände. Sie wurden in eine innere Ordnung gebracht und mit einem Inventar versehen. Offensichtlich hat der Sohn mit diesen Unterlagen selbst gearbeitet bzw. sie für seine Fragen und Zwecke griffbereit gemacht und ausgewertet. Dieser war niemand Geringerer als Prof. Dr. Hans-Martin Maurer (1929–2025), der das Hauptstaatsarchiv Stuttgart zuletzt zwanzig Jahre als Direktor leitete. Hans-Martin Maurer betitelte die Unterlagen als „Familienarchiv Eugen Maurer“. In unserem Archiv heißt er fortan „D 211, Nachlass Maurer, Eugen“.
Die übernommenen Unterlagen bestehen vor allem aus Dokumenten aus seiner Zeit als Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg, als Pfarrer in Hattenhofen (1926–1932), Dußlingen (1932–1947), Altbach (1947–1958) und Hausen a. d. Z. (1958–1963), aus der Zeit des Kirchenkampfes in Dußlingen, zum „BK-Kindergarten“ in Dußlingen sowie aus familienhistorischen Dokumenten, zahllosen Briefen, Fotoalben und einem Dutzend Büchern, darunter seine Bibeln und Gesangbücher. Eugen Maurer war Mitglied der Bekennenden Kirche.
Der mit genanntem Findhilfsmittel recherchierbare Bestand (D 211) umfasst reichlich neun Laufmeter und eine Laufzeit von etwa 1883 bis 1992. Das von Hans-Martin Maurer erstellte Inventar ist online einsehbar. Die Akten können nach einer Prüfung der Schutzfristen in unserem Lesesaal einsehbar sein.
Beitragsbild: Eugen Maurer beim Festumzug in Dußlingen anläßlich der Weihe der 4. Glocke (1935), EABW, D211, F11.
12. Januar 2026 | Heinrich Löber | Bestand, Fotografie
Im Jahr 1968 erwarb das Landeskirchliche Archiv Stuttgart zwei Kriegstagebücher aus dem Ersten Weltkrieg, deren Verfasser der württembergische Pfarrer und Dekan Paul Pichler war. Sie bilden dessen Nachlassbestand.
Der 43-jährige Wiernsheimer Pfarrer Pichler wurde mit Kriegsbeginn zunächst als Sanitätsunteroffizier im Reservelazarett II in Heilbronn eingesetzt. Ab Sommer 1915 diente er dann bis Kriegsende als Feldgeistlicher der Königlichen 58. Infanteriedivision. In dieser Zeit hat er Tagebuch geschrieben. 1941/42, als die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ihren „Höhepunkt“ erreicht hatte, brachte Pichler seine Tagebuchaufzeichnungen mit einem Abstand von 25 Jahren in Reinschrift und ergänzte sie mit Briefauszügen, Fotos und Postkarten sowie seinen Predigten. In beiden Büchern bildet die linke Seite das Tagebuch in Reinschrift, während die rechte Seite Platz für Fotografien sowie kommentierende und ergänzende Anmerkungen zum Kriegsgeschehen bietet. Band 2 schließt mit der Reinschrift seiner Predigten ab. Aus der letzten Predigt, die er am 27. Oktober 1918 über Hebr. 13,9 hielt, ist die „deutsche Katastrophe“ deutlich herauszulesen. Sie wurde einen Tag nach der Entlassung von Erich Ludendorff gehalten, der neben Paul von Hindenburg eigentlicher Militärführer war.
Offenbar war Paul Pichler ein sehr korrekter Mensch – seine Tagebucheintragungen lesen sich wie eine illustrierte Kriegschronik. Sie sind militärhistorisch, aber auch kirchen- und theologiegeschichtlich als eine herausragende Quelle zu bewerten.
Der Nachlassbestand Paul Pichler (D 7) umfasst nur diese beiden Bücher. Die Erschließungsdaten sind online recherchierbar und die Akten selbst sind in unserem Lesesaal einsehbar.
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Paul Pichler nach seiner Heimkehr mit Hund in seiner Gartenlaube (1918), EABW, D 7, Nr. 2
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Predigtanfang der Rogate 1915 gehaltenen Predigt, D 7, Nr. 2
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Postkarte des im August 1914 zerstörten Ortes Reiningen, EABW, D 7, Nr. 1
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Gottesdienst in der zerstörten Kirche Reiningen im Elsaß (Rogate 1915), EABW, D 7, Nr. 1