EABW und Uni: Die Inventarisation des EABW mal anders

22. Dezember 2025 | | ,

Seit dem Wintersemester 2025/2026 bietet die Inventarisation des EABW (Evangelisches Archiv Baden und Württemberg) die Veranstaltung „Inventarisation von Kirchenbauten unterschiedlicher Epochen” am Institut für Kunstgeschichte der Universität Stuttgart an. Dabei handelt es sich um ganztägige Blockveranstaltungen mit insgesamt vier Exkursionen in und um Stuttgart. Im Rahmen dieser Exkursionen nehmen die Studierenden die unterschiedlichen Kunststile der Kirchenbauten mit ihren jeweiligen architektonischen Besonderheiten sowie die einzelnen Kunstobjekte in Augenschein. Der Vorteil dieser Exkursionen liegt vor allem darin, dass die Studierenden das Formenrepertoire der jeweiligen Architektur nicht nur genauer als anhand von Literatur und Bildern studieren können, sondern auch die vielfältigen Kunstgegenstände aus unterschiedlichen Zeiten und Entstehungszusammenhängen – seien es Prinzipalstücke, Epitaphien, Grabdenkmäler, Paramente oder Goldschmiedewerke – von allen Seiten betrachten, von unten, von der Seite oder von oben, sie berühren oder gar umdrehen können. Dadurch können die Kunstwerke in einer ganz anderen Dimension wahrgenommen und quasi neu entdeckt werden. Durch die Referate und Diskussionen lernen die Studierenden, sakrale Architektur und christliches Kunstgut zu beschreiben. Darüber hinaus erweitern sie ihr Wissen über historische und kirchenhistorische Fragen sowie über Liturgie und Frömmigkeit vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Auf dem Programm stehen die spätgotische Veitskirche in Stuttgart-Mühlhausen, die barocke Ludwigsburger Stadtkirche, die neugotische Johanneskirche in Stuttgart und die im Jugendstil erbaute Markuskirche in Stuttgart sowie zwei Veranstaltungen in den Räumen unseres Archivs.

Das EABW ermöglicht im Rahmen der Inventarisation des Kunstguts der evangelischen Landeskirche in Württemberg auch Studierenden des Faches Kunstgeschichte Pflichtpraktika, bei denen die Vielseitigkeit der Inventarisation von der fotografischen Dokumentation eines Bauwerks mit seinen Kunstwerken über die Quellen- und Literaturrecherche zur Baugeschichte desselben bis hin zur Textredaktion der fachgerechten Dokumentation eines Kirchenbaues nicht nur mitverfolgt, sondern darüber hinaus auch eigenständig erschlossen werden kann. Kontakt: anette.pelizaeus@elk-wue.de

Alle Fotos: EABW. Die Aufnahmen entstanden während der Exkursion in der Johanneskirche in Stuttgart am 12.12.2025.

Bernhard Reusch (1929-2017): Eine persönliche (Nachlass-) Begegnung

15. Dezember 2025 | |

Das spannende an der Aufgabe der Erfassung eines Nachlasses ist der Kontakt mit einer längst verschiedenen Person: Der Erfasser, die Erfasserin taucht mit jedem Dokument, dass er oder sie in den Händen hält, ein in ein Stück Zeitgeschichte. Doch nicht nur: Es kommt zu einer Begegnung, wenn nicht sogar einer Berührung. Ist der Gegenstand der Erfassung dann auch noch von persönlicher Natur, so scheint das Tor zwischen Heute und Gestern weit offen; die Grenzen verschwimmen, man wird also selbst zum Betrachter, wenn nicht Teilnehmer an der Geschichte, sei sie von persönlichem oder weltlichem Wesen.

So oder so ähnlich er ging es mir bei der Erfassung meines letzten Nachlasses, der jedoch keine Ansammlung der fernen Geschichte, ein Portal in ein längst vergangenes Jahrhundert darstellt, sondern die Hinterlassenschaften eines Mannes, welche bei der Erscheinung dieses Blogbeitrages noch keine 10 Jahre verstorben ist: Der Name der Person: Bernhard Reusch (1929-2017), Pfarrer in Ostdorf (1960-1970), an der Föhrichkirche Feuerbach (1970-1984), und in Dettingen an der Erms (1984-1993). Ein Name, der, aufgrund der kurzen Zeitspanne von der Gegenwart bis zum Ableben Pfarrer Reuschs, in den Gemeinden noch immer wie eine Erinnerung von den Vortagen, wie ein Gesicht des Gestern, wirken muss: an einen Pfarrer, der seine Rolle mit Leib und Seele lebte, und seinen Beruf stets als Berufung gelebt haben muss.

Bernhard Reusch. Fotograf: Müller. Schwarzwälder Bote vom 21.12.2014 . Mit freundlicher Genehmigung.

Bernhard Reusch wurde am 17. Dezember 1929 als zwölftes Kind von insgesamt 13 Geschwistern in einem altpietistischen Elternhaus in Bad Urach geboren. Seine Eltern waren der Uracher Oberlehrer und Leiter der altpietistischen Gemeinde, Johannes Reusch, und dessen zweite Ehefrau, Marta Reusch, geborene Eberspächer. Es ist also nicht falsch zu behaupten, dass der christliche Glaube von früh auf eine bedeutende Rolle im Leben des jungen Bernhards spielte. Gerne hörte er zu, wenn ihm Geschichten aus der Bibel vorgelesen wurden. Auch im Umfeld seiner Geschwister war der Glaube fest verankert: Eine ältere Schwester war mit dem Pfarrer von Böhringen verheiratet und ein älterer Bruder studierte Theologie. Den Pfarrberuf selbst auszuüben, lag dem jungen Bernhard jedoch zunächst fern. Es waren jene unvergesslichen Wochenenden auf dem Hof seines Patenonkels in Sontheim, die dem Jungen einen Wunsch für die berufliche Zukunft erträumen ließen, wie Reusch in einem Interview anlässlich seines fünfzigjährigen Ordinationsjubiläums erzählte (D-207/Nr. 140): Er wollte Bauer werden.

Doch die Zeiten und Ereignisse in Deutschland waren weit entfernt von jeglichem kindlichen Träumen und Wünschen, sondern vielmehr geprägt durch die menschenverachtende Propaganda des grausamen NS-Regimes. So sah sich Bernhards älterer Bruder, ein starker Gegner des politischen Klimas, in der Situation gezwungen, sein ursprüngliches Berufsziel radikal zu ändern. Er entschied sich statt für den Lehrberuf für den des Pfarrers. Christliche Nächstenliebe statt Rassenlehre, der gute Hirte Jesus Christus statt des (Ver-)Führers Adolf Hitler.

Wir wissen nicht, was sich zu dieser Zeit im Innenleben des heranwachsenden Bernhard Reusch abgespielt haben mag, wie er den Alltag im schrecklichsten Kapitel der deutschen Geschichte wahrnahm oder was er von den Schrecken der Jahre 1933 bis 1945 mitbekam. Was wir jedoch wissen, ist, dass die Entscheidung seines älteren Bruders auch für Bernhard nicht unbedeutend gewesen sein muss. Seit seiner Konfirmation im Jahr 1944 war das Berufsziel des Bauern einem anderen gewichen, dem er sich bis über seinen Ruhestand hinaus widmen sollte und das für ihn sicher mehr als reinen Broterwerb darstellte: das des Pfarrers.

Der Jugendliche, der durch sein Interesse, seine Begeisterung und Einbringung positiv im Konfirmandenunterricht aufgefallen war, erhielt prompt die Empfehlung für das Seminar in Blaubeuren, die erste Station in der Reihe der klassischen theologischen Ausbildung in Württemberg. Nach den Jahren in Blaubeuren (1945–1947) folgte Maulbronn (1947–1949), in dessen alten Klostermauern langanhaltende Freundschaften für Reusch entstanden.

Am Tübinger Stift, wo er von 1950 bis 1954 lebte, war er Teil der Studentenverbindung Nicaria, wovon die sogenannten Nicarenbriefe zeugen. Sie sind Teil des Nachlasses, dem auch die Seminararbeiten beigelegt sind.

Predigten von Bernhard Reusch im Bestand D 207 (EABW).

Der größte Teil des Nachlasses besteht jedoch aus den verschiedenen Arten von Predigten und Kausalansprachen, die Reusch im Laufe seines Lebens als Pfarrer verfasste. Sie umfassen nicht nur die Jahre in Ostdorf, in der Föhrichkirche in Feuerbach oder in Dettingen an der Erms, sondern reichen weit über das Datum seiner Emeritierung im Jahr 1993 hinaus. Dass der Pfarrberuf für Reusch weitaus mehr war, wird dadurch leicht nachvollziehbar. Im Jahr 1996 starb Reuschs Frau, mit der er drei Töchter hatte. Der Glaube an Gott und seine Aufgabe als Verkündiger der christlichen Botschaft muss ihn in diesen schweren Schicksalsstunden mit Hoffnung erfüllt haben, weiterzumachen. So war er dekanatsweit weiterhin als Aushilfs- bzw. Vertretungspfarrer tätig, predigte hier und dort oder hielt Bibelstunden. Die letzte im Nachlass vorhandene Predigt stammt aus dem Jahr 2011.

Wie eingangs erwähnt, ist eine Nachlasserfassung immer auch eine Begegnung. Am meisten geprägt hat mich bei meiner Begegnung mit Herrn Pfarrer Reusch das folgende Stück, das wohl dessen emotionalstes Dokument ist und in seiner Aufnahme in den Bestand enthalten ist: Es handelt sich um die Trauerrede (D-207/Nr. 139), die Pfarrer Siegfried Kühnle bei der Beerdigung Reuschs hielt. In ihr entfaltet sich vor dem Leser in nahezu poetisch-schönen Worten das Leben des Verstorbenen. Man hört ihn nach dem Mittagschlafe, wie er Bach auf dem Klavier für sich spielt; man sieht den liebenden Vater, der selbst durch einen strengen Vater, und genau deshalb, die Rolle des liebenden, antiautoritären Erziehers einnahm. Trotz anstrengender Arbeit in und für die Gemeinde ist er bei der Orgelprobe seiner Tochter dabei und schläft ein. Und man erfährt, dass Reuschs stetiger Drang, seinen geistigen Horizont zu erweitern, sich immer in Objekt, Lage und Situation einzulesen und zu helfen, bis zuletzt nicht versiegte.

Es gibt sicherlich mehr über die Person Reusch zu berichten, doch dieses Mehr zu erfahren, ließ meine Begegnung leider nicht zu. Was ich mitnehme, ist der Kontakt zu einer Person und ihrem Nachlass, der mich sehr berührte, sowie die Begegnung mit einem Mann, der sein Leben einer Sache widmete, die ihm größer erschien als das Dasein selbst. Der Nachlass Reuschs zeugt davon.

Der Bestand (D 207) ist hier online recherchierbar.

Beitragsbild: Der verzeichnete Bestand D 207 im Magazin des EABW.

2.000 Predigten aus 50 Jahren Dienstzeit. Der Nachlass des Pfarrers, Dekans, Garnisonspfarrers und Oberkirchenrats Dr. Albert Bacmeister (1845-1920) wurde ergänzt

8. Dezember 2025 | |

Die unserem Archiv im Jahr 2011 und 2015 übergebenen und 2017 von Lena Kremp erschlossenen Nachlassunterlagen des württembergischen Geistlichen Dr. Albert Bacmeister erfuhren nun eine bemerkenswerte Ergänzung: seine vollständige Predigtüberlieferung.

Predigt zum Abschied der ostasiatischen Truppen vom 15.07.1900 (EABW, D 84, Nr. 16);

Die in mehreren Bündeln vorhandenen Predigten spiegeln seine gesamte Zeit als Amtsträger unserer Landeskirche wider. Sie wurden von Bacmeister selbst sorgsam aufbewahrt und beschriftet: von seinen „Anfängen” in Endingen (1865 ff.), Mittelstadt (1868), Großbettlingen (1869 ff.), Wangen (1870), Braunsbach (1870 ff.) und Schlaitdorf (1871) über seine Zeit als Pfarrer in Niederstetten (1871–1879), Öhringen (1879–1889) und Geislingen (1889–1896) als Garnisonsprediger (1896–1904) und Stadtpfarrer und Dekan in Ludwigsburg (bis 1917) bis hin zu den letzten drei Jahren seines Ruhestands.

Dankesbrief des Kabinetts Seiner Majestät des Königs von Württemberg vom 3. Dezember 1918 (EABW, D 84, Nr. 5).

Der Begriff „Predigten” ist dabei weit gefasst, denn es sind auch Reden zum Sedantag, eine Ansprache im Lyzeum am Tag der Beisetzung Kaiser Wilhelms, ein Gottesdienst zum Gustav-Adolf-Fest (17.07.1895) und eine Festrede beim Bankett zum 100. Geburtstag Kaiser Wilhelms I. überliefert. Ebenso finden sich die Vereidigung von Kriegsfreiwilligen (05.10.1898), Ansprachen bei Christfeiern im Schloss sowie bei einer Christfeier bei der Armenbescherung in Gegenwart des Königspaares (19.12.1899), dutzende Investitur- und Ordinationsansprachen, eine Rede zum Kaisersgeburtstagsbankett der Bürger (27.01.1901) und zur Konferenz der Militärgeistlichen (15.09.1903), Grußrede zur Lutherfeier (10.11.1903), Reden bei Missionskonferenzen, Visitationen und Einweihungen sowie Kriegsbetstunden (Nr. 19). Hinzu kommen weit über 100 Kasualansprachen.

Darüber hinaus ist Bacmeisters Predigt zum Abschied der Kriegsfreiwilligen für die ostasiatischen Truppen vom 15. Juli 1900 überliefert, die er als Garnisonsprediger in Ludwigsburg für ihren Einsatz im deutschen Pachtgebiet Kiautschou an der chinesischen Ostküste hielt (Nr. 16).

In den Nachlassunterlagen findet sich ein Dankesbrief des Kabinetts Seiner Majestät des Königs von Württemberg vom 3. Dezember 1918, verfasst kurz nach dem „Thronverzicht” (Nr. 5). Er zeigt, dass Bacmeister trotz seiner nationalliberalen Einstellung ein zuverlässiger Verfechter der Monarchie geblieben ist (Kienzle).

Die nun recherchierbaren Nachlassunterlagen mit ihren etwa 2.000 Predigten und Reden aus 50 Dienstjahren zeugen von Bacmeisters enormer Arbeitsleistung, die er trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustands erbrachte.

Der Bestand (D 84) umfasst 26 Akten mit einem Umfang von einem halben Laufmeter und einer Laufzeit von (1826) 1860–1920 (1958/59). Die Erschließungsdaten sind online recherchierbar und die Akten selbst sind in unserem Lesesaal einsehbar.

Ein Fall für s Archiv – oder kann das weg?

2. Dezember 2025 | |

Die Mitarbeiter des Evangelischen Archivs Baden und Württemberg in Möhringen stellen sich diese Frage sehr oft und scheinbar täglich.

Im Zuge meiner Umschulung zur FaMI (Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste) mit Schwerpunkt Bibliothek war es mir besonders wichtig, im Rahmen eines Pflichtpraktikums ein anderes Berufsfachgebiet kennenzulernen und Archivluft zu schnuppern.

Ich erhielt vielfältige, neue und faszinierende Einblicke in die evangelisch geprägte Kirchengeschichte. Besonders gut gefielen mir die fast bildhaft-lebendigen Erzählungen und Erfahrungsschilderungen einzelner Mitarbeiter aus ihren Sachgebieten und der damit verbundenen Arbeit.

Das war weit entfernt von meiner zugegebenermaßen klischeehaften Idee des Arbeitsalltags eines Archivars. Selten mit weißem Kittel und nur ab und an im nicht verstaubten Keller.

Praktisch unterstützen konnte ich bei der systematisch-alphabetischen Sortierung eines Personenregisters, der neuen Beschilderung für Regale im Magazin oder auch beim Umzug von Akten und Nachlässen in den Neubau.

Ob ich ein Fall fürs Archiv bin?

Die Welt des Archivs ist eine ganz eigene, und ich bin sehr dankbar für die wertvollen Erfahrungen, die ich in diesen vier Wochen sammeln durfte. Das mir entgegengebrachte Vertrauen und die Freundlichkeit der herzlichen Mitmenschen haben diese Zeit zu etwas Besonderem gemacht.

Von mir ein klares „Ja“ und 👍🏻 für das Archiv.

Foto: EABW